Bilnaz macht aus einem einfachen Grund bei dem städtischen Förderprojekt „Lesementoring“ mit. Der Neunjährigen geht es gar nicht so sehr darum, ihre Lesefähigkeiten auszubauen. Neugierig machen sie vor allem die älteren Schüler von der Sekundarstufe II, die sie gerne kennenlernen will. Denn in die Unterrichtsräume der Großen verirren sich die Grundschüler nur selten. „Ich mache mit, weil Anna und Nina cool sind“, sagt sie. „Es ist toll, sie zu kennen.“ Anna und Nina, die Großen von nebenan, sind zwei von 16 Lesementoren der IGS Roderbruch, die sich in ihrer Freizeit in Kleingruppen mit interessierten Grundschülern treffen, um gemeinsam mit ihnen zu lesen.
„Die Kinder sollen ohne Leistungsdruck gemeinsam lernen“, sagt Ulrike Knoch-Ehlers vom städtischen Kulturbüro, die das Projekt „Lesementoring“ initiiert hat. „Das Projekt ist nicht an den Defiziten der Schüler orientiert.“ Dabei zögen die stärkeren die schwächeren Kinder mit. Ihre Idee scheint aufzugehen. Kulturpädagoge Daniel Görbing, der das Projekt an der IGS Roderbruch betreut, hatte in den vergangenen Jahren so viele Anfragen, dass die Lesementoren das Projekt nur noch ein halbes Jahr lang betreuen und nicht wie anfangs ein ganzes Schuljahr.
„Viele Jugendliche, die sich für das Lesementoring interessieren, wollen später einmal mit Kindern arbeiten“, sagt Görbing. „Das Projekt ist eine gute Gelegenheit, sich in dem Bereich auszuprobieren.“ Auch der Zuspruch der Schulen ist groß: In sechs Stadtteilen beteiligen sich insgesamt 14 Schulen. Im Umland kommen in 18 Schulen regelmäßig Jugendliche und Kinder zusammen. Fünf weitere Städte haben sich bereits beworben.
Spätestens seit der Pisa-Studie beschäftigen sich neben städtischen Einrichtungen auch immer mehr Stiftungen und Vereine mit dem Thema der Leseförderung. Das Besondere an dem von der VGH- und der TUI-Stiftung geförderten Projekt „Lesementoring“ ist, dass Schüler hier Schülern helfen. Und von dieser Verbindung profitieren nicht nur die Grundschüler, die spielerisch ihre Lesefähigkeiten verbessern. Auch die Jugendlichen wachsen mit ihren Aufgaben. Für ihr Engagement bekommen sie das Zertifikat „Kompetenznachweis Kultur“, das Aufschluss über individuell erworbene soziale und kulturelle Kompetenzen gibt. „Für Bewerbungen kann dieser Nachweis förderlich sein“, sagt Initiatorin Knoch-Ehlers.
Noch wichtiger als der Kompetenznachweis sind Anna und Nina die Erfahrungen, die sie während des Projekts sammeln. Für ein halbes Jahr übernehmen die beiden Freundinnen die Verantwortung für die Planung ihres eineinhalbstündigen Programms. Und haben dabei allerhand zu tun: Denn es gehört mehr zum „Lesementoring“ als bloßes Vorlesen. Anna und Nina treffen sich regelmäßig in ihrer Freizeit, um sich neue Spiele auszudenken und Bastelanleitungen zu schreiben. Eine siebenköpfige Gruppe Grundschüler will schließlich bei Laune gehalten werden.
An diesem Nachmittag wollen sie mit ihren Schützlingen basteln. „Ich war in den Ferien am Steinhuder Meer und habe etwas mitgebracht“, sagt Anna und holt eine Tüte gefüllt mit Kastanien hervor. Jeremy nimmt einige davon in die Hand und begutachtet sie. „Dürfen wir auch Giraffen basteln?“, fragt der Zehnjährige. „Ey, ihr könnt alles machen“, antwortet Nina. Und dann beginnen die Grundschüler Giraffen, Pferde und andere Tiere zu gestalten. Der Stolz steht den Kleinen ins Gesicht geschrieben, als sie den Großen ihre Kreationen präsentieren.
Zuweilen ist die Arbeit mit den Grundschülern für die beiden Mädchen aber auch nervenaufreibend. Etwa wenn Bilnaz lautstark durch den Klassenraum krakeelt und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Doch Anna und Nina lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Bilnaz, reiß dich doch mal zusammen“, sagt Anna mit fester Stimme. Die Grundschülerin macht noch ein paar Faxen und konzentriert sich dann wieder auf ihre Kastanienmännchen. Offenbar findet Bilnaz ihre Lesementorinnen nicht nur „ziemlich cool“, sondern achtet sie auch als Autoritätspersonen. „Es gibt Kinder, die den Lehrern im Unterricht Schwierigkeiten bereiten“, sagt Görbing. „Doch vor den älteren Schülern haben sie Respekt.“
In der Pause auf dem Schulhof lässt sich dann beobachten, dass neben Respekt auch viel Bewunderung für die Großen mitschwingt. Die Grundschüler spielen Fangen, und Anna und Nina sind mittendrin. Die kleine Saskia lässt sich von Anna auf dem Rücken tragen. „Es ist super, mit den Großen befreundet zu sein“, sagt sie. Und auch Bilnaz weicht den 14-Jährigen nicht von der Seite. „Es kommt schon vor, dass uns die Grundschüler auf dem Schulhof euphorisch begrüßen“, sagt Anna. „Da ist man dann auch ein wenig stolz.“
Die engagierten Schülerinnen wurden mit den übrigen Lesementoren der IGS Roderbruch vor Projektbeginn an zwei Tagen geschult und auf ihre Arbeit vorbereitet. Kulturpädagoge Görbing erklärte den angehenden Mentoren, wie sie ihr Programm strukturieren können. Vorlesen, Basteln, Zaubertricks und Quiz stehen dabei genauso auf dem Plan wie pantomimische Spiele mit ausgefallenen Namen wie „Kotzendes Känguru“, „Grüne Suppe“ und „Toaster“. Die eigentliche Lesezeit gehört zu den Ruhephasen des gemeinsamen Nachmittags. Die Grundschüler lesen dann Bücher, die sie sich selbst in der Bibliothek ausgesucht haben. Bilnaz etwa hat sich den Roman „Geisterspinne“ von Andreas Schlüter vorgenommen. Jeremy vertieft sich in ein „Was ist was“-Buch mit dem Titel „Die Burg“.
Neben der Stadt haben sich auch Stiftungen und Vereine des Themas Leseförderung angenommen. Die VGH-Stiftung etwa hat in Zusammenarbeit mit der Niedersächsischen Büchereizentrale 2007 den Julius-Club ins Leben gerufen, dessen Schirmherrin Bettina Wulff ist. Im Rahmen der Initiative „Jugend liest und schreibt“ haben Kinder und Jugendliche während der Sommerferien die Möglichkeit, in 40 teilnehmenden Bibliotheken ausgesuchte Kinder- und Jugendbücher Bücher auszuleihen. In diesem Jahr stellte die VGH-Stiftung 100 Titel für jede Bibliothek zur Verfügung, die dann in den jeweiligen Bücherbestand überging.
„Wir wollen auch die Bibliotheken langfristig unterstützen und ihren Bestand kontinuierlich aufstocken“, sagt Projektleiterin Stefanie Thiem. „Von gut bestückten Bibliotheken profitieren schließlich auch die Kinder.“ Nach Angaben der vor zehn Jahren gegründeten VGH-Stiftung haben mittlerweile rund 19 000 Kinder und Jugendliche an dem Julius-Club teilgenommen, Bücher ausgeliehen, gelesen und an den begleitenden Veranstaltungen der Bibliotheken teilgenommen.
Auch Projekte wie Mentor e. V. und der Friedrich-Bödecker-Kreis werden von der Stiftung finanziell unterstützt. Während bei dem von Otto Stender 2003 gegründeten Verein „Mentor“ Erwachsene gemeinsam mit Kindern lesen, schickt der Friedrich-Bödecker-Kreis Autoren für Lesungen und anschließende Diskussionen in die Schulen.
In der IGS Roderbruch steht am Ende eines jeden Projekttages die Smiley-Vergabe. Dabei können Kinder sich selbst überlegen, ob sie für ihre Mitarbeit ein grinsendes, ein neutrales oder ein trauriges Gesicht verdient haben. Bei Anna und Nina haben sie offensichtlich fleißig gelesen: Auf dem Plan prangen fast ausschließlich grüne, lachende Gesichter.
Stefanie Nickel
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