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Jugendwort des Jahres: Spricht die Jugend ihre eigene Sprache?
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Arschfax, Speckbarbie und Niveaulimbo Jugendwort des Jahres: Spricht die Jugend ihre eigene Sprache?

Wer von „Niveaulimbo“ redet, wenn er sinkendes Niveau meint, hat die aktuelle Jugendsprache total drauf. Jedenfalls laut Langenscheidt-Redaktion. Aber spricht die Jugend von heute wirklich so? ZiSH hat bei Hannovers Schülerzeitungsmachern nachgefragt.

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Unsere Jugendsprachexperten (von links nach rechts): Max (12 Jahre) und Elisa (12) von der Schülerzeitung „KWR for you“ des Kaiser-Wilhelm und Ratsgymnasiums, Nina (14) und Merlin (17) von „NahAufnahme“ an der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld, Malte und Sarah (ZiSH-Interviewteam), Ellen (16) von „WILD“ und Julian (16) vom „Eulenspiegel“, Lea (14, verdeckt) von „WILD“, Realschule Burgdorf und Sarah (17) vom „Eulenspiegel“, Lutherschule Hannover.

Quelle: Martin Steiner

Wenn emotional flexible Atzen beim Eskalieren egosurfen, kann man das malle finden oder raumschiff – oder man sagt dazu ganz einfach: nice one! Nichts verstanden? Dann hier die Übersetzung: Wenn launische Freunde sich beim exzessiven Feiern selbst googeln, kann man das bescheuert finden oder super – oder man sagt dazu ganz einfach: gut gemacht! Diese sieben Wörter gehören zu den 15 Begriffen, aus denen das Jugendwort 2010 gewählt wurde. Aber kennt die Jugend ihre eigene Sprache? ZiSH hat mit acht Schülern aus Hannover über Jugendwörter diskutiert.

„Niveaulimbo“ ist das Jugendwort des Jahres 2010. Schon mal gehört?

Sarah: Das ist ein schönes Wort.
Ellen: Mal gehört, aber noch nie benutzt.
Nina: Wir benutzen das ständig. Niveaulimbo – how low can you go. Das ist party-slangmäßig.

„Niveaulimbo“ bezeichnet angeblich das ständige Absinken des Niveaus. Und wie sieht’s mit „Loli“ aus?

Kopfschütteln und fragende Blicke in der Runde.
Nina: Was ist denn damit gemeint?
Sarah: Ist das so etwas wie markern oder durchstreichen?

Nein, laut Langenscheidt ist das ein naives, unreifes Mädchen. Und „eskalieren“?

Merlin: Das sagen Jugendliche?
Lea: Das ist doch ein ganz normales Wort.
Max: Wir haben das mal benutzt als einer gegen den Baum gerannt ist: Er eskaliert mit dem Baum. Alle lachen.
Julian: Das ist doch, wenn Partys total genial sind. Ich benutze es nicht, aber hab’s schon ein paarmal gehört.
Merlin: Als Party-Begriff kenne ich das nicht.

Damit ist exzessives Feiern gemeint. Kennt ihr den Ausdruck „raumschiff“?

Lea: Raumschiff? Noch nie gehört. Was könnte das sein?
Merlin: Das Gehirn?
Max: Einer, der total ausrastet?
Nina: Oder jemand, der fett ist.
Alle lachen.
Julian: Man fliegt, hm. Vielleicht jemand, der auf Wolke sieben ist?
Max: Das Wort kann auf jeden Fall gestrichen werden.
Aber es ist trotzdem in den Top 15 und meint super, toll. Was fällt euch zu „malle“ ein?
Merlin: Kenn ich nicht.
Max: Malle? Mallorca!
Merlin: Das ist voll Party.
Lea: Der, die, das ist voll malle: komplett durchgeknallt, aber wir sagen das nicht.

„Malle“ steht für bescheuert, abgefahren.Was ist denn ein „Hochleistungs-Chiller“?

Nina: Das ist hartzen (Jugendwort des Jahres 2009 für arbeitslos sein, rumhängen, die Redaktion) in lang.
Schweigen in der Runde.
Julian: Also Chiller sagen viele, aber doch nicht Hochleistungs-Chiller.
Lea: Wir sagen gammeln statt chillen.

Eins noch aus der Top-15-Liste von Langenscheidt: Wer von euch kennt die „Änderungsfleischerei“?

Sarah: (gelangweilt): Ja, Schönheitschirugie eben.
Alle: Benutzt aber keiner.
Sarah: Die Wörter werden alle nicht wirklich benutzt, die muss ich selber nachschlagen.

Was sind denn eure Jugendwörter?

Sarah: Was bei uns total oft benutzt wird, ist das Wort „episch“. Wenn ich ein Jugendwort vorschlagen müsste, dann das.
Merlin: Man benutzt „episch“, um etwas Komisches, Lustiges oder Krasses auszudrücken. Oder vielleicht etwas gebildeter: „Epic fail“.
Lea: Ich fühle mich manchmal total ausgeschlossen, weil ich solche Begriffe nicht kenne. Liegt wohl daran, dass ich vom Land komme.
Julian: „Atze“ ist recht geläufig. Das hört man gerade in der Musik derzeit ziemlich oft.
Max: Was bei uns oft benutzt wird, ist „chillen“ oder „Spast“.
Sarah: Bei uns wird alles gesteigert. Etwas ist nicht mehr mies, sondern „miesester“. Oder man ist „todestod“, um auszudrücken, dass man richtig kaputt ist.

Benutzt ihr viele Jugendwörter?

Merlin: Ich wehre mich gegen Jugendwörter und will sie gar nicht benutzen.
Julian: Ich glaube, man verwendet Jugendwörter ganz automatisch.
Sarah: Ich glaube, Jugendliche erfinden oft Wörter, um sich gegenseitig zu übertreffen, und dabei kommen die wildesten Kreationen raus. Jeder versucht doch immer, total individuell zu sein.
Max: Die meisten Wörter bei uns kommen aus TV-Serien wie den „Simpsons“ oder „South Park“. Homers „Nein!“ rufen wir oft.
Lea: Die ganzen Abkürzungen aus der Chattersprache waren ’ne ganze Weile total in, zum Beispiel LMFAO (Laugh my fucking ass of, die Redaktion).
Merlin: HDGDLFIUE (Hab’ dich ganz doll lieb für immer und ewig).
Sarah: LOL (Laugh out loud).
Merlin: ROFL (Roll on floor laughing).
Lea: Wer lacht heute eigentlich noch?
Ellen: Ja, man lollt nur noch.
Sarah: Also ich lache! Früher war LOL „in“, als das mit den Social Networks anfing, aber wenn man das jetzt benutzt, dann wird man ausgelacht.
Lea: Schüler-VZ-Gruppen werden aber immer noch zitiert.

Die Top 15

1. "Niveaulimbo"
2. "Arschfax"
3. "egosurfen"
4. "Speckbarbie"
5. "n1, nice one"
Ohne Platz in den Top 15
Atze
Hochleistungschiller
Änderungsfleischerei
Loli
eskalieren
emotional flexibel
raumschiff
malle
Klappkaribik
Schnitzelhusten

Und wo kommen Jugendwörter her?

Sarah: Es gibt alte Wörter wie „knorke“ und „knuffig“, die jetzt wiederkommen.
Merlin: Alte Wörter werden ironisch
relauncht.
Nina: Diese alten Wortschöpfungen sind irgendwie besser als die neuen.
Julian: Ich hatte grad so ’ne Phase, da wurde „Digga“ in meinem Freundeskreis wieder total oft benutzt. Das ist total auf mich übergesprungen, dafür schäme ich mich jetzt.
Max: Solche Wörter darf ich nicht am Abendbrottisch sagen. Wenn ich mal „Alter“ sage, werd’ ich aufs Zimmer geschickt.
Sarah: Meine Eltern sind voll locker, aber manchmal verstehen sie mich einfach nicht. Oft verzweifele ich, wenn ich versuche, meiner Mutter irgendein Wort zu erklären und das kommt nicht so rüber, wie ich es meine.
Nina: Manche Jugendwörter sind extrem gefährlich. Eine Freundin von mir hat mal „ey, Digge“ zu unserer Französischlehrerin gesagt. Das war nicht so gut.
Sarah: Erwachsene haben eben keinen Zugang zu unserer Sprache. Es ist lustig, wenn meine Mama cool sein will und dann solche Wörter benutzt, die schon längst nicht mehr aktuell sind.
Lea: Viele Wörter, die wir benutzen, sind auf Fernsehsendungen bezogen. Und wenn die nicht mehr laufen oder out sind, sind diese Ausdrücke nicht mehr aktuell. Oder Wörter sind schon dermaßen ausgelutscht, dass man die echt nicht mehr benutzen kann, weil man sonst als uncool gilt.
Julian: Manche Wörter entstehen einfach durch Zufall oder sind Wortspiele. Viele Jugendliche denken dann: Wow, ich hab was Neues erfunden, und finden sich dann ganz cool. Die streiten sich sogar, wer der Erste war, der einen neuen Begriff benutzt hat.
Merlin: Man will sich ja immer neu entwickeln und neu erfinden und möglichst individuell sein. Aber wenn man ein Wort in die Welt setzt, das dann alle benutzen, dann ist man ja nicht mehr individuell und muss sich wieder ein neues suchen.
Sarah: Alle wollen immer total individuell sein.
Lea: Ich finde, es sollte mal jemand normal sein!

Was haltet ihr von Jugendwörterbüchern?

Elisa: Die werden nicht gebraucht. Ich würde die auch nicht durchlesen. Jugendwörter ändern sich ja schnell wieder.
Max: Ich finde, Eltern sollten sich die Bücher kaufen, um unsere Sprache zu verstehen. Obwohl da auch Wörter drinstehen, die ich nicht kenne.
Nina: Jugendwörterbücher sind ein netter Gag. Aber ich habe keine Zeit und Lust, auch noch Jugendsprache-Vokabeln zu lernen und würde es mir nicht kaufen.
Merlin: Für die Unterhaltungsindustrie ist so ein Jugendwörterbuch eine gute Sache, da werden bestimmt einige von verkauft. Aber als Nachschlagewerk ist das eher ungeeignet.
Ellen: Zur Dokumentation finde ich das ganz lustig, da kann man in zehn Jahren gucken, was wir damals so gesagt haben.
Julian: Jugendwörter entwickeln sich durch Mundpropaganda, nicht durch Lexika. Wörter vorgeschlagen zu bekommen widerspricht dem Sinn, der hinter der Sprache der Jugend steckt. Sie ist eine Identifikation mit der eigenen Zeit und Trends, die sich immer weiter und neu entwickeln.
Sarah: Wir Jugendlichen wissen, was wir sagen, das müssen wir nicht nachschlagen.

Was ist Jugendsprache?

Schulhof­slang, Ausdrücke in der Clique oder Wörter, die sich Jugendliche selbst ausdenken und verbreiten? Die beiden Verlage Langenscheidt und PONS glauben jedes Jahr zu wissen, wie die Jugend spricht. Seit 2008 kürt Langenscheidt jährlich das Jugendwort des Jahres. Rund 2000 Wörter schlagen Jugendliche dafür vor. Am Ende bestimmte eine Jury aus drei Jugendlichen und vier Erwachsenen aus den Top-15-Vorschlägen das Jugendwort des Jahres (Sie sind in der Mitte der Seite aufgelistet). Dabei zählen Kriterien wie Kreativität, Aktualität und Verbreitung. 2010 ist dies „Niveaulimbo“. Die eingesandten Wörter von A wie „abchecken“ (mit jemandem schlafen) bis Z wie „zwirbeln“ (eine Zigarette drehen) werden im Buch „Hä?? Jugendsprache Unplugged 2011“ in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. 2008 war „Gammelfleischparty“ (Ü-30-Party) das Jugendwort des Jahres, 2009 „hartzen“ (arbeitslos sein, rumhängen).

PONS sammelt seit 2001 in „PONS Wörterbuch der Jugendsprache“ Jugendwörter in einem Wettbewerb, an dem bis zu 20 000 Schüler der Klassenstufen fünf bis elf teilnehmen.

Obwohl die Vorschläge beider Bücher von Schülern stammen, ist die Auswahl in den Wörterbüchern sehr unterschiedlich. Nur fünf Wörter der Top 15 Langenscheidts finden sich auch bei PONS wieder – das Jugendwort des Jahres „Niveaulimbo“ nicht.

Etwa die Hälfte der 650 Wörter werde jedes Jahr ausgetauscht, sagt Langenscheidt-Redakteurin Eva Betz-Weiß. „Jugendsprache ist eben ein sehr kurzlebiges Phänomen.“ Beeinflusst ist die Sprache der Jugendlichen vor allem durch Hobbys. „Jugendsprache entsteht aus dem, was Jugendliche interessiert und bewegt“, sagt Betz-Weiß. „Deshalb gibt es immer Wörter aus den Bereichen Computerspiele, Musik, Sport, Generationenkonflikt, Trinken und Betrinken und Sex.“

Tamara Ziegler vom PONS-Wörterbuch-Verlag sieht in der Jugendsprache Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen: „Bei Jungs geht es mehr um „Kraftausdrücke“ und Themen wie Sexualität, bei Mädchen eher um „Ausgehen“ und „Aussehen“.
Der Duden sammelt zusammen mit dem Trendbüro Hamburg auf der Internetplattform www.szenesprachenwiki.de Wörter wie „rumschlonzen“ (wildes Rumgeknutsche) und „Haargärtner“ (Friseur). In unregelmäßigen Abständen werden diese als Wörterbuch der Szenesprachen publiziert. Auch der Verlag C. H. Beck veröffentlicht Jugendwörter. 2009 erschien zum vierten Mal das „Lexikon der Jugendsprache“.

Sarah Kniep

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