Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
"Ich habe viele Nächte verarbeitet"

Jung-Autor Nico Feiden im Interview "Ich habe viele Nächte verarbeitet"

In seinem Lyrikband geht es Schriftsteller Nico Feiden um das Kaputte in Menschen und Orten. ZiSH hat der Wahl-Hannoveraner erzählt, wie er Inspiration beim Feiern findet – und warum Linden für ihn eine Mischung aus Poesie und Kotzgestank ist.

Voriger Artikel
Hast du sie noch alle?
Nächster Artikel
50 Pflichten für Studenten in Hannover

Die besten 
Ideen kommen ihm auf Partys: Nico Feiden (23) hat neue Gedichte über seine Wahlheimat Hannover geschrieben.

Quelle: Jan Duijnisveld

Hannover. Nico Feiden hat Hannover spät für sich entdeckt. Der 23-jährige Schriftsteller ist in Zell an der Mosel (Rheinland-Pfalz) geboren und machte sein Abitur in Trier. Anschließend arbeitete er als freier Journalist beim Musikmagazin „Face“ in Köln. Nach Hannover ist er dann wegen der Liebe gezogen – und arbeitet hier nun als Schriftsteller und jobbt nebenbei im Kulturzentrum Faust in Linden.

Seine ersten Texte schrieb er als Singer-Songwriter unter dem Namen Dabei, wechselte dann jedoch zur Prosa. Zwei Gedichtbände sowie eine Reiseerzählung und einen Kurzgeschichtenband hat Feiden schon veröffentlicht. Am 15. Februar erscheint nun sein neuer Gedichtband „Blaue Wildnis“ (Elif-Verlag, 84 Seiten, 12,95 Euro). Die Gedichte sind kleine Momentaufnahmen von einsamen und glücklichen Nächten, von Heimatlosen – und dem Betrunkensein.     

ZiSH: Einige deiner Gedichte aus deinem neuen Band „Blaue Wildnis“ spielen in Hannovers Stadtteil Linden. Warum genau dort?

Nico Feiden: Ich wohne in Linden und finde es wichtig, sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen. Linden hat ja den Status, ein hipper Stadtteil zu sein, weil da zwei Welten aufeinandertreffen: das Hippe und Junge auf das Abgefuckte anderer Gesellschaftsschichten. Das finde ich spannend.

Ein Gedicht aus Nico Feidens neuem Gedichteband "Blaue Wildnis" heißt "Linden".

Quelle: Text: Nico Feiden, Illustration: Giacomo (Veröffentlicht im elifverlag)

„Poesie und Kotzgestank in der Luft“: So beschreibst du in deinem Gedicht „Linden“ den Stadtteil und die Limmerstraße. Poesie und Kotzgestank – das klingt erst einmal nicht so passend. Was meinst du damit?

Das sind genau die Gegensätze, die hier aufeinandertreffen. Die Schönheit in dem Kaputten zu sehen, wenn zum Beispiel Obdachlose auf der Straße liegen, man sieht sie und reagiert. Man sagt Hallo oder Ähnliches, daraus entstehen dann wunderbare Unterhaltungen. Das sind oft Bereicherung für beide Seiten.

Mit ZiSH zur 
Releaseparty

Vier Tage vor Erscheinen des neuen Gedichtbands feiert Nico Feiden seine Buchveröffentlichung in der Warenannahme, Zur Bettfedernfabrik 3. Neben Feidens Lesung aus „Blaue Wildnis“ wird es Live-Musik, einen Auftritt von Poetry-Slammer Tobias Kunze und eine Kunstausstellung geben. Der Beginn ist am Donnerstag um 20 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro.

ZiSH verlost dreimal zwei Tickets für die Release-Party von Nico Feiden. Wer am Dienstag, dem 9. Februar, um 15 Uhr unter (05 11) 5 18 18 07 anruft, gewinnt mit etwas Glück.

Würdest du denn jemandem, der Linden nicht kennt, den Stadtteil auch so beschreiben?

Ja, Linden ist kaputt. Kaputt, aber auch sehr schön, wenn man genau hinschaut.

Was ist denn überhaupt an Linden poetisch?

Du gehst durch die Straßen, und es ist immer was los, es ist eine schöne Symbiose zwischen jungen kreativen Menschen und eben kaputten Alkoholikern und so. Aber das passt sehr gut zusammen. Es ist egal, in welcher Stadt du bist: Die jungen Kreativen lassen sich immer da nieder, wo die Kaputten sind, weil da irgendwie eine tolle Zusammenführung entsteht.

Gibt dir das auch Inspiration in Linden?

Ja, definitiv. Ich bin zuvor schon mit dem Rucksack und einem Zelt durch Europa gereist und habe viel mit Obdachlosen auf der Straße gelebt. Es gibt mir auch viel Inspiration, nachts einfach betrunken durch die Straßen zu laufen und von einer Party zur nächsten zu gehen.

Entstehen so auch deine Gedichte?

Genau. Den neuen Lyrikband habe ich ja nur in Hannover geschrieben, und darin habe ich auch viele erlebte Nächte verarbeitet und reflektiert.

In vielen seiner Gedichte verarbeitet Feiden schlaflose Nächte.

Quelle: Text: Nico Feiden, Illustration: Giacomo (Veröffentlicht im elifverlag)

In einem deiner Gedichte heißt es: „Ich kenne auch Schriftsteller, langweilige Menschen“. Was führst du denn für ein Schriftstellerleben?

Na ja, viel Alkohol, wenig Schlaf, viele durchzechte und durchtriebene Nächte. Die Zeile war eigentlich als kleiner Spaß oder als Selbstkritik gemeint, weil die Literaten immer versuchen, sehr intellektuell zu sein. Das finde ich ein bisschen quatschig. Jeder tut, was er tut. Und egal, welchen Job man hat, jedes Leben ist kostbar, und wir dürfen uns nicht über andere Leben hinwegsetzen, weil wir denken, dass wir was Besseres sind.

Wie bist du so jung zum Gedichteschreiben gekommen? Das galt bei Jugendlichen lange als langweilig.

Finde ich nicht. Ich war früher mit vielen Musikern befreundet, bin durch Deutschland getourt und habe als Support gespielt, als Singer-Songwriter. Die Songtexte habe ich selbst geschrieben. Und irgendwann habe ich eingesehen: Okay, das Singen liegt mir nicht so, aber die Texte funktionieren. Dann habe ich versucht, den ersten Roman zu schreiben, und dann einfach weitergemacht.

Mit der Weinflasche in der Tasche Richtung Glocksee: dienstags ist "Ruby Tuesday".

Quelle: Text: Nico Feiden, Illustration: Giacomo (Veröffentlicht im elifverlag)

Meinst du denn, dass Lyrik durch Poetry-Slams wieder angesagter geworden ist bei jungen Menschen?

Ich glaube schon. Aber ich bin kein Fan von Poetry-Slams, das muss ich ehrlich sagen. Trotzdem finde ich es toll, dass durch Poetry-Slam gerade so eine große Aufmerksamkeit auf dem Spektrum Literatur liegt. Man muss die Slams einfach differenzieren: Es gibt tolle Slammer, aber meist geht es schon mehr darum, die Leute zu unterhalten als einen Wert zu vermitteln.

Also steckt deiner Meinung nach beim Poetry-Slam weniger hinter den Texten, als wenn du Gedichte schreibst?

Das kann man nicht pauschal sagen. Aber durch meine eigenen Erfahrungen würde ich sagen: Ja. Auf Poetry-Slams geht es oft darum, die Leute zum Lachen zu bringen. Es gibt natürlich Ausnahmen, die ganz tiefsinnige, intellektuelle Dinge schreiben. Aber oft hat es schon eher einen Standard-Comedy-Charakter. Da bin ich kein Fan von.

Was willst du denn mit deinen Gedichten erreichen? Zum Lachen bringen ja scheinbar nicht.

Es geht ja nicht darum, irgendetwas zu erreichen. Ich schreibe einfach, was mir auf der Seele liegt. Wenn ich denke, das ist es wert, geteilt zu werden, gucke ich, ob ich es veröffentlichen kann. Es geht auch viel um diese blauen Stunden – das sagt ja auch schon der Titel „Blaue Wildnis“–, darum, mal wieder im Augenblick zu leben und nicht an Vergangenes oder die Zukunft zu denken. Das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, dass wir jetzt schon an morgen und übermorgen denken. Das tue ich natürlich auch. Aber es ist auch wichtig, mal wieder die Ewigkeit des Augenblicks sehen und erfassen zu können.

In deinen Texten steckt ja auch viel Persönliches. Wie fühlt es sich denn für dich an, die Gedichte nach dem Schreiben auch anderen vorzutragen?

Das ist natürlich immer eine große Ehre. Es ist einfach schön – auch wenn es mal nur zehn Leute sind bei einer Lesung –, wenn die Menschen Lust haben, etwas aus meinem Leben zu hören. Ich freue mich da über jeden Einzelnen und trage meine Gedichte gern vor.

Also ist es nicht schwierig, so viel Persönliches zu offenbaren?

Nein, ganz im Gegenteil. Man muss ja zu dem stehen, was man tut oder getan und auch geschrieben hat. Das gehört dazu. Das war am Anfang zwar eine Überwindung, aber jetzt macht es auch Freude.

Interview: Hannah Scheiwe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr