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Der Schnulzenjunge von Linden

Junger Autor aus Hannover Der Schnulzenjunge von Linden

Jungautor Erik Brandt-Höge hat gerade seinen zweiten Roman veröffentlicht. In „Flamingostar“ ist Protagonist Jussi auch in Hannover unterwegs. ZiSH ist mit Wahl-Lindener Erik an die Orte seiner Inspiration gegangen.

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Auf dem Faustgelände erlebte Erik sein erstes hannoversches Konzert. Sein Protagonist Jussi spielt ein Konzert in dem vom Faustgelände inspirierten, fiktiven Domino-Club.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Ein altes Sofa aus blaugrünem, samtenem Stoff. Eine pastellfarbene Tapete mit einer gerahmten Landschaftsmalerei. Links und rechts davon goldene Kerzenhalter. Und mitten in der neuen Spießigkeit: Erik Brandt-Höge. Der in Hannover lebende Autor, der mit seinem ersten Roman „Discobushaltestellenhierarchie“ bekannt wurde, hat gerade sein zweites Buch „Flamingostar“ veröffentlicht.

Wie er da sitzt, könnte er fast Jussi sein, der Protagonist seines eigenen Romans. Ein junger Musiker, der den Traum hat, die großen Bühnen zu erobern. Der in der Berliner Kneipe Flamingo von einem größenwahnsinnigen Manager entdeckt wird, einen Plattenvertrag bekommt und auf Deutschland-Tournee geht – und so in Hannover Halt macht. Dort spielt das 13. Kapitel des Romans, in dem Jussi in Hannover auftritt. Es wirkt wie eine kleine Kneipentour durch Linden.

Denn bevor Jussi als „Schnulzenjunge“ – wie seine Freundin und Affäre Hella ihn spaßhaft nennt – auftritt, trinken die beiden noch ein Bier in der Kneipe Bert. Die Songtexte der Schnulzen, die im Roman abgedruckt sind, hat Erik übrigens alle selbst geschrieben und dazu auf dem Klavier geklimpert. Wirklich aufnehmen will er sie im Gegensatz zu seiner Figur Jussi aber nicht.

Als Vorlage für die Kneipe Bert diente unter anderem die gemütliche Einrichtung des GiG am Lindener Markt. „Genauso wohnzimmermäßig sieht das Bert in meinem Roman aus“, erzählt Erik. Ihm scheint die Atmosphäre zu gefallen. Der Raum hat dunkle Wände aus Holz und ein gemütliches Sofa. Doch das Bert hat nicht nur eine hannoversche Vorlage, sondern gleich mehrere. Denn die Gastwirtschaft ist, so wird es Protagonist Jussi empfohlen, „die beste Kneipe der Welt“. So ist das Bert eine Art Mischung aus Eriks Lindener Lieblingskneipen: dem GiG, der Kneipe Härtekrug in der Falkenstraße und dem Retroschuppen Kleine Kneipe bei Theo in der Stephanusstraße. „Im Härtekrug sieht es eigentlich aus wie in einem schlimmen Jugendzimmer“, sagt Erik grinsend – findet den komischen Kaugummiautomaten und den Kickertisch dort aber auch cool.

Dass Eriks Hannover-Kapitel ausschließlich in Linden spielt, liegt daran, dass Linden Eriks Lieblingsstadtteil in Hannover ist. Vor zwei Jahren entschied der Autor und Journalist, der in Hassendorf in der Nähe von Bremen aufgewachsen ist, sich für Hannover als neue Wahlheimat – für die Liebe. Daraus wurde eine Liebe zu Hannover. Die Stadt gehört nun neben Berlin, Hamburg und Bremen zu seinen Lieblingsstädten. Seitdem ist der 32-Jährige vor allem zwischen Lindener Markt und Strandleben unterwegs und wollte deshalb auch, dass der Stadtteil in seinem Roman vorkommt.

Auch wenn Erik der Landidylle seines Heimatdorfs damals entfloh – an Linden schätzt er die entspannte Dörflichkeit in der Großstadt. „Beim Wochenmarkt trifft man immer irgendwen, den man kennt“, erzählt er. Und bei seinem Stammbäcker oder der Kneipe würde man ihn erkennen – das hätte er in Berlin, wo er zehn Jahre wohnte, nicht erlebt. So nutzt er nicht nur Lindener Orte als Vorlage für sein Hannover-Kapitel, sondern lässt auch die Stimmung und Eigenheiten der Lindener mit einfließen. „Die Kneipenbesitzer kennen sich hier alle und arbeiten zusammen, das ist cool“, findet Erik – auch das findet sich im Roman wieder, wo die Kneipe Bert Jussis Auftritt im Domino-Club ankündigt.

„Der Domino-Club wurde vom Faustgelände inspiriert“, verrät Erik. So führt – wie neben der Warenannahme – auch zum Domino-Club ein Gang zum Eingang. Und die braune, mit Aufklebern beklebte Tür im Tunnel gibt es in ähnlicher Form auch im Roman. So spricht der Erzähler Jussi hier von„einer breiten Tür mit so vielen Aufklebern von Demos und Partys darauf, dass man die dunkelblaue Grundfarbe kaum mehr erkennen kann“.
Der Grund für das Faustgelände als Vorlage für den Domino-Club ist wohl auch privater Natur: Während Jussi im Domino eines seiner ersten Konzerte spielt, hat Erik auf dem Faustgelände sein erstes Konzert in Hannover erlebt: Bonaparte beim Bootboohook-Festival. „Das war so unfassbar gut“, schwärmt er.

Im Domino-Club und in Hannover läuft noch alles gut für Eriks Figur Jussi. Doch nur einige Zeit später wird er immer wieder mit der Skurrilität der Musikbranche konfrontiert: wenn etwa bei seinem Auftritt bei der „Sonntagsterrasse“ – inspiriert vom ZDF-Fernsehgarten – leicht bekleidete Frauen zu seinem traurigsten Song herumhüpfen. Und diese Skurrilität kennt auch Erik, der als Musikjournalist arbeitet, gut. Er sagt:„Diese fiesen, skurrilen Musikszenen haben mir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht“, ebenso wie die Sexszene. Wie Jussi nimmt er durch Humor Abstand zu diesen Mechanismen der Musikszene. Auch die komischen Interviews, die Jussi im Roman teils geben muss, haben Bezug zu Eriks Leben. Auch er hat schon viele Interviews geführt und hatte somit keine Probleme, solche im Roman zu schildern. An ein Interview kann Erik sich besonders gut erinnern: Musikerin Aura Dione, die ihn in einem Federkostüm empfing, sagte zu ihm: „Ich bin so verrückt, ich würde jetzt alles machen, was du mir sagst“. Erik wollte dann doch lieber nur über ihr neues Album sprechen, was sie nicht so verrückt fand. Und trotz solcher Begegnungen mag Erik gerade das an seinem Job: immer wieder neue Musiker treffen, neue Gespräche führen – im Gegensatz zu Jussi, der sich manchmal doch lieber zurückzieht.

Und obwohl Erik viele seiner Lieblingsplätze in Hannover in seinen Roman mit einfließen ließ – sein absoluter Lieblingsplatz ist nicht dabei: das Strandleben und alles drum herum. „Da bin ich voll gern und voll oft“, sagt er begeistert – zum Biertrinken, Grillen, Laufen oder sogar für ein Date, dort könnte man einfach alles machen. Und vielleicht hat ja der Protagonist seines nächsten Romans genau da ein Date – wer weiß.

Hannah Scheiwe

Der Roman Flamingostar

Eigentlich müsste es Justus von Schweben, genannt Jussi, blendend gehen. Er ist jung, lebt in wohlhabenden Verhältnissen in Berlin, hat gerade das Abitur gemacht und einen Traum im Kopf: Der 20-Jährige will Musiker werden. Von den Überbleibseln seiner Familie kann er aber nicht auf Unterstützung hoffen. Vor einem Jahr starb seine Mutter bei einem Autounfall. Seitdem herrscht zwischen ihm und seinem Vater Eiszeit. Der würde seinen Sohn lieber in einer Anwaltskanzlei als auf der Bühne sehen.

Als Jussi die Chance ergreift, mit seinem E-Piano in der Bar Flamingo aufzutreten, nimmt sein Leben Fahrt auf. Ein übermotivierter Manager hat ihn spielen sehen und fördert ihn. In Erik Brandt-Höges zweitem Roman „Flamingostar“ (Droemer-Verlag, 256 Seiten, 12,99 Euro) erfährt der Leser hautnah, wie es sich anfühlt, als Popstar durchzustarten. Die Konkurrenz ist groß, der Manager zerrt einen von Auftritt zu Auftritt, und arrogante Journalisten stellen schräge Fragen. Außerdem wird die Liebschaft zu seiner Tourbegleiterin Hella immer komplizierter. Irgendwann wird alles zu viel. Ein nächtliches Telefonat mit seinem Vater lässt schließlich alles bisher Geschehene bedeutungslos werden – Jussi steht am Abgrund.

„Flamingostar“ ist ein Buch für Freunde der Popkultur, liest sich leicht und schnörkellos. Brandt-Höge zeigt sein Talent für die Beobachtung abstruser Medien- und Musikbranchenmechanismen und begleitet gleichzeitig Jussi auf seiner Reise voller Erfolge und Niederlagen, kurioser Situationen und tieftrauriger Momente. Nun fehlt nur noch das Album zum Buch, die Songtexte sind ja schon darin nachzulesen.

Sophie Leyh

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