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„Antisemitismus ist dämlich“

Rapper Kollegah im Interview „Antisemitismus ist dämlich“

Kollegah gehört zu den erfolgreichsten Rappern Deutschlands. Vor seiner Show in Hannover spricht er über die Uni-Zeit, Kritiker und seine Zukunftspläne.

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Ist scheinfrei und „hat jede Droge durch“: Rapper Kollegah gibt sich inzwischen ganz seriös – vor allem modisch.

Quelle: Alpha Music

Hallo Kollegah, ich habe gerade nicht wirklich lecker in der Uni-Mensa gegessen. Warst du in deiner Zeit als Jura-Student häufig mensen?

Nein, ich habe das Essen einmal ausgetestet an der Mainzer Universität. Das war aber eine ungenießbare Pampe. Da bin ich nie wieder hingegangen.

Hast du dich vor deinem Durchbruch auf dem Campus wohlgefühlt?

Das Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe das aus Interesse an der Materie angefangen, auf dem Campus abgehangen und mir zwei Tage vor der Klausur die Bücher auf der Wiese reingezogen. Das war schon ein ganz chilliges Leben mit dem Jurastudium.

Wie weit bist du denn?

Ich bin scheinfrei, müsste noch ein Praktikum machen – und das Staatsexamen. Aber da müsste ich mich dann intensiver drauf vorbereiten. Sonst hat es bei mir Gott sei Dank immer gereicht, dass ich mir das Buch einmal durchgelesen habe. Aber so ein Staatsexamen ist dann ja schon eine größere Aufgabe. Da müsste ich mir Zeit freischaufeln. Und das ist momentan einfach nicht drin.

Du warst der „Boss“, dann der „King“, und auf deinem neuen Album bist du der „Imperator“. Gibt’s davon noch eine Steigerung?

Eine Steigerung gibt es immer. Aber ich denke, das geht in Zukunft in eine andere Richtung. Ich glaube, diese Monarchenwelt habe ich langsam durch. Und ich werde mich da ein bisschen neu erfinden. Mit dem nächsten Soloalbum lasse ich mir wirklich Zeit. Ich kann echt nicht sagen, wann das kommt. Das kann in ein paar Jahren sein.

Der Meister des Doubletime-Rap

Der Mensch hinter der Kunstfigur Kollegah heißt Felix Blume. Geboren in Frankfurt, bringt ihm der algerische Stiefvater den Islam nahe, zu dem er mit 15 Jahren konvertiert. In der Folge macht Felix Abitur und beginnt in Mainz Jura zu studieren. Ab 2005 gewinnt er unter dem Pseudonym Kollegah zahlreiche Rap-Battles und unterschreibt beim damals noch kleinen Label Selfmade Records. Dort beginnt sein Aufstieg zu einem der erfolgreichsten deutschen Rapper. Kollegahs letzte drei Alben „King“, „Zuhältertape Volume 4“ und „Imperator“ klettern allesamt auf Platz eins der Charts und erreichen mindestens Gold. Darauf stilisiert er sich als Gangster und Zuhälter ­– Spitzname „Boss“. Doch Kollegah ist auch Meister des Double­time-Raps und ausgeklügelter Wortspiele mit Augenzwinkern.

Am Mittwoch, 22. März, spielt Kollegah im Capitol, Schwarzer Bär 2. ZiSH verlost in der kommenden Woche auf www.facebook.com/zishHAZ zweimal zwei Karten.

Ansgar Nehls

Und was kommt bis dahin?

Das nächste große Projekt, das jetzt ansteht, ist „JBG3“ (Die Albumreihe: „Jung, Brutal, Gutaussehend“) mit Farid Bang. Da ist die Marschrichtung ganz klar: einfach Punch-Lines auf die Fresse. Das macht Spaß und ist ein großer Kontrast zu dem „Imperator“-Album. Das war ja eher persönlich und ernst. Und JBG3 wird wieder locker flockig, heiter und lustig.

Du hast zuletzt gesagt, dass du den jungen Leuten mehr mitgeben willst auf dem Weg zu einem guten und sauberen Leben. Neue Töne vom „Zuhälter-Rapper“ ...

Ich meine die Werte, die ich mittlerweile verkörpere. Also, dass man einen gesunden Lifestyle hat. Dass man Sport treibt. Dass man keine Drogen nimmt. Ich habe praktisch jede Droge durch und kann da aus Erfahrung sagen: Es schadet nur und ist einfach überhaupt nicht cool. 

Wie geht das zusammen mit deinen frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texten? Checken das deine Hörer?

Ja, natürlich. Jugendliche, die Deutsch-Rap hören, seit sie Musik hören, können komplett einordnen, wie es gemeint ist: als eine Kunstform. Battle-Rap ist nunmal eine Kunstform. Dabei geht es darum, möglichst lustig und kreativ imaginäre Gegner zu beleidigen. Klar gibt es immer noch irgendwelche Senioren, die damit überhaupt keine Berührungspunkte hatten.

Du solltest beim Hessentag auftreten. Das Konzert wurde aber abgesagt, nachdem dir unter anderem der Zentralrat der Juden neben Frauenfeindlichkeit auch Antisemitismus vorgeworfen hat. Auf Facebook hast du dich gegen die Vorwürfe gewehrt und dich gewundert, dass sie kurz nach Veröffentlichung einer Dokumentation aufkamen, in der du zeigst, wie du eine Schule in Palästina mit aufbaust. Hast du mit einer derartigen Reaktion gerechnet?

Ich will den Leuten nicht unterstellen, welche Ursachen das gehabt haben könnte. Der Verdacht muss mir aber gestattet sein, dass das in einem Kontext steht. Mir wurde bis dahin noch nie vorgeworfen, dass ich antisemitisch sei. Es wurde noch nie ein einziges Konzert abgesagt. Nicht einmal basierend auf der Behauptung, meine Texte seien frauenfeindlich – was ja viel naheliegender wäre. Deswegen ist es schon überraschend für mich. Ich habe aber damit gerechnet. Das ist auch einfach schon häufig so gewesen, wenn Leute Kritik am Staat Israel geübt haben.

Was würdest du heute anders machen?

Ich würde das genau so wieder machen. Mir geht es darum, dass dort Menschen geholfen wurde. Wie das jetzt in der Außenwahrnehmung bei gewissen Menschen rüberkam, das ist mir total egal.

Wirklich? Du bist doch eine Person der Öffentlichkeit. Jede deiner Aussagen wird auf hiphop.de kommentiert. Dir muss das doch bewusst gewesen sein.

Aber es war ja kein Werbefilm, mit dem ich mir ein Saubermann-Image aufbauen wollte. Das war eine Aktion von Herzen, um einerseits Menschen zu helfen und um andererseits – indem das videotechnisch dokumentiert wird – Leute zu motivieren dort mitzumachen, sich meiner „Anpacker-Stiftung” (eine Stiftung, um in mehreren Projekten Bedürftige zu fördern, d. Red.) anzuschließen. Und das hat ja geklappt. Wenn meine Stiftung in diesem Monat steht, habe ich so viele Leute in der Warteschlange, die sich sofort beteiligen wollen – mit hohen Summen teilweise. Von mir aus kann mich auch die halbe Welt verteufeln. Mir geht es darum, dass etwas verändert wird. Da kann ich auch der Buhmann sein.

Auf Facebook hast du in deinem Antwortbrief Herrn Neumann vom Zentralrat der Juden einen interkulturellen Austausch vorgeschlagen. Was meinst du damit genau?

Ich will diese Laberei über das Internet überhaupt nicht. Ich will eine Diskussionsrunde ins Leben rufen – auch mit Vertretern des Zentralrats der Juden zum Beispiel. Um einfach mal von Angesicht zu Angesicht zu reden. Gar nicht, um die irgendwie fertig zu machen: Ich möchte deren Wahrnehmung verstehen, dass sie sagen, ich bin ein Antisemit. Wenn die Zeilen zitieren, die nicht mal ich gerappt habe, ist das ist eine unfaire Sache.

Was würdest du denn da besprechen wollen?

Man könnte zum Beispiel darüber reden, dass antisemitische Tendenzen existieren und wie man das aus der Welt schaffen könnte. Indem man sich vielleicht die Hand reicht. Juden sind Menschen wie du und ich. Das muss jeder verstehen. Ich habe jüdische Freunde, und die sind komplett akzeptiert im Freundeskreis. Und ich habe einen Freundeskreis, der aus Muslimen, Christen und allen möglichen Ethnien besteht. Antisemitismus ist einfach dämlich – genauso dämlich wie Rassismus. Das hat keinerlei Hand und Fuß, keine Logik. Wir sind alle Menschen.

Du hast auf Facebook einen „Spiegel“-Artikel geteilt, in dem auch diskutiert wurde, ob es ein Antisemitismus-Problem im Deutsch-Rap gibt. Siehst du eins?

Eigentlich geht es immer um den Israel-Palästina-Konflikt, meistens bei Heranwachsenden, die aus einer muslimisch geprägten Gesellschaft kommen. Die bekommen dann von den Eltern oder dem Umfeld mit, dass in diesem Gebiet Unrecht geschieht. Aber eigentlich ist das ein politisches Problem. Das vermixt sich nur leider mit Antisemitismus. Und genau dagegen müssen wir vorgehen.

Interview: Ansgar Nehls

Hier gibt's Karten

Live: Am Mittwoch, 22. März spielt Kollegah um 20 Uhr im Capitol, Schwarzer Bär 2. Tickets gibt es für 40 Euro im Vorverkauf in den HAZ-
Ticketshops und unter tickets.haz.de.

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