Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Flirten fürs Kreuzchen

Politik-Speeddating Flirten fürs Kreuzchen

In knapp zwei Wochen ist Kommunalwahl in Hannover. Beim Politik-Speeddating stellen sich die Kandidaten der Parteien den Fragen der Bürger. ZiSH hat sich angehört, was junge Wähler interessiert.

Voriger Artikel
Barden der Innenstadt
Nächster Artikel
Junge Union: Wenig Freizeit für die Freiheit

Duha Binici (l.) und Baha Feise (Mitte) befragen den Linken-Fraktionsvorsitzenden Oliver Förste (r.) zur Wohnungssituation in Hannover.

Quelle: von Ditfurth

Steintorbebauung und Ihme-Zentrum: Das interessiert die jungen Wähler an diesem Abend nicht. Die jungen Leute, die zum  „Flirt mit der Politik“ im Pavillon Kulturzentrum gekommen sind, haben andere Fragen an die Kommunalpolitiker, die sich am 11. September zur Wahl stellen werden. Fahrräder, Flüchtlinge und Studentenwohnungen – darüber wollen sie mehr erfahren.

Die Idee hinter dem sogenannten Politik-Speeddating, das vom Bildungsverein gemeinsam mit dem Kulturzentrum Pavillon und dem Fernsehsender h1 veranstaltet wird: einen unverkrampften Austausch zwischen Politik und Wähler ermöglichen. Die Bürger sollen in zwölf Minuten alle Fragen stellen können, die sie zur Kommunalwahl haben. Dann ertönt ein Gong und es wird gewechselt. Doch nicht immer finden die Politiker eindeutige Antworten und anschauliche Erklärungen, die nötig sind, um ihre jungen Wähler abzuholen.

Auch die Antwort von Stadtratpolitikerin Christine Kastning (SPD) klingt zunächst etwas gestelzt. Die Frage „Was fällt Ihnen zu Nachhaltigkeit ein?“ hört sich aber auch nach Abi-Prüfung an. Die ernste Miene legt Kastning dann aber doch noch ab, als eine Frau im Studentenalter ihre Frage stellt: In ihrem Wohnort würde man gerne mehr Flüchtlinge aufnehmen. Warum werden nicht mehr Flüchtlinge an die Gemeinden verteilt, wo die Leute gerne helfen, will sie wissen. Kastning lächelt: „Das ist ganz toll, wenn die Leute so offen sind. Wir wollen dahin, dass gut vernetzte Kommunen mehr aufnehmen dürfen. Aber erst mal geht’s nach Bevölkerungszahlen.“ Am Tisch merkt man: Das Thema Flüchtlinge bewegt die Fraktionsvorsitzende.

Lieber Erklärung, statt Copy-Paste-Parteiprogramm

Etwas später am Nebentisch: CDU-Politiker Jens Seidel spricht über Fahrradwege. Eine Studentin will wissen: „Was wollen Sie für die Fahrradwege tun?“ Seidel guckt sie nicht an, während er antwortet. Über weite Teile hört er sich an, als würde er mit Copy-and-Paste sein Wahlprogramm vortragen. Nachfragen stellen die Zuhörer nicht, aber die Blicke wirken abwesend. Die Antwort hätte man schließlich auch nachlesen können. Dann wird Seidel aber noch ein bisschen persönlicher, erzählt, wo er so in Hannover Fahrrad fährt, und sagt: „Ich weiß manchmal selbst nicht mehr, wo ich langfahren soll.“ Deswegen ist er dafür, dass die Radwege besser markiert werden.

Das wird gewählt

Alle fünf Jahre werden wahlberechtigte Bürger in Niedersachsen zur Kommunalwahl aufgerufen. Abgestimmt wird in diesem Jahr am 11. September. In der Stadt Hannover geht es dann um die Plätze in der Regionsversammlung, im Rat der Stadt sowie in den Stadtbezirksräten – von Linden-Limmer über Misburg-Anderten bis Döhren-Wülfel. In den 20 Umlandkommunen rund um Hannover wie Burgdorf, Seelze, Langenhagen oder Laatzen stehen neben der Regionsversammlung auch der eigene Stadtrat und die jeweiligen Ortsräte zur Wahl.

Nicht nur die Radwegmarkierungen auf der Straße suchen junge Leute oft vergeblich, sondern auch Wohnungen, die sie sich mit Bafög und Elternunterstützung leisten können. Der Student Duha Binici war gerade auf Wohnungssuche und musste feststellen: Gar nicht so einfach, etwas Passendes zu finden. Freya Markowis (Grüne) kennt das Problem. Auf die Frage nach bezahlbarem Wohnraum antwortet sie etwas anders als ihre Konkurrenten: Sie sagt nicht nur ihre Meinung, sie erklärt auch, wie die Stadt es schaffen kann, sozialen Wohnraum zu schaffen. Die Spitzenkandidatin der Grünen ist selbst erst 32, vielleicht kann sie den jungen Wählern deshalb die Stadtpolitik gut erklären. Sie schafft es, Entscheidungsprozesse zu veranschaulichen, indem sie aufzählt, wer überhaupt mitwirkt. Im Fall von bezahlbarem Wohnraum gibt es private Investoren. Die kaufen Grundstücke und bauen darauf Häuser, die sie teuer weitervermieten können. Dann gibt es Wohnbaugesellschaften, die nicht profitorientiert arbeiten, wie die städtische Immobiliengesellschaft GBH. Wenn die Stadt ihre Liegenschaften an die GBH vergibt, sagt Markowis, dann gäbe es bald mehr günstigere Wohnungen.

7600 junge Erstwähler

Das ist keine einfache Antwort, aber sie zeigt: Manchmal bewirkt etwas politische Aufklärungsarbeit mehr als ein Referat zum Parteiprogramm. Denn das Interesse an Politik scheint da zu sein. Von den zwölf Leuten, die sich bei der Veranstalterin angemeldet haben und deshalb Fragen stellen, sind vier noch sehr junge Wähler. Und es lohnt sich, auf sie einzugehen: Immerhin dürfen rund 7600 junge Erwachsene dieses Jahr zum ersten Mal wählen.

Für den jüngsten Fragesteller der Runde, Baha Feise, dauert es allerdings noch, bis er das Wahlalter erreicht: Der Zehnjährige sitzt bei jeder Gesprächsrunde auf einem Barhocker, damit er mit den Erwachsenen auf Augenhöhe reden kann. Die Betreuungsprobleme in seiner Inklusionsklasse können die Kommunalpolitiker allerdings nicht lösen. Bildung ist Ländersache.

Genau wie Baha hat auch Leonard Ihßen nicht ganz die Antwort bekommen, mit der er gerechnet hat. Der 20-Jährige findet den Fraktionsvorsitzenden der Linken, Oliver Förste, im persönlichen Gespräch zu salopp. „Der denkt gar nicht so, wie ich es gerne hätte“, stellt Ihßen fest. Trotzdem hat der Politiker ihm gefallen, denn: „Die Antwort war wenigsten unklischeehaft.“

Jorid Engler

Warum engagiert ihr euch in einer Partei?

Arthur Lechtchyner engagiert sich in der Jungen Union. Was ihn dazu motiviert, lest ihr hier.

Adis Ahmetovic und Lisa van der Zanden sind Vorsitzende der Jusos, der jungen SPD. Warum das nicht immer einfach ist, lest ihr hier.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr