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Dinge, die wir von Klassentreffen lernen

Lektionen fürs Leben Dinge, die wir von Klassentreffen lernen

Job, Liebe, Familie: Beim Klassentreffen vergleichen ehemalige Mitschüler ihr Leben und wollen dabei eine gute Figur machen. 
Das kann nerven – aber auch sehr lehrreich sein. ZiSH-Autoren erzählen, welche Lektionen sie mitgenommen haben.

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Beim Klassentreffen mit ehemaligen Mitschülern kann man sich schon mal wie auf einem anderen Planeten vorkommen.

Quelle: Illustration: Hoch

Smalltalk kann zäh sein

In der Schule einte alle Klassenkameraden das gleiche Feindbild: der Lehrer. Über die strubbelige Frisur von Herrn Müller und die viel zu schwere Klassenarbeit bei Frau Meyer zu lästern – das ging immer. Auf dem Klassentreffen wird über solche Anekdoten vielleicht kurz gelacht – für lange Gespräche taugen sie aber nicht mehr. Denn jetzt haben die Menschen, mit denen man sich jahrelang in der Schule einen Tisch teilte, einen ganz anderen Alltag – fern von Hausaufgaben und Stuhlkippeln. Ein Thema zum Plaudern zu finden ist auf einmal ganz schön schwer. Nachdem ein paar höfliche Floskeln ausgetauscht wurden, gerät man ins Stocken. Und dann ist plötzlich klar, warum einen zwei Jahre nach dem Abi nur noch die Facebook-Freundschaft verbindet.

Alte Freunde 
bleiben

Bei einem Klassentreffen fühlt man sich wie damals auf dem Schulhof. Die Menschen stehen in genau den gleichen Gruppen beisammen – nur halten sie jetzt statt Muttis Brotdosen Bierflaschen in den Händen. Hinter der Cliquenbildung steckt Gruppenzwang. Denn jeder kommt nur dann, wenn die alten Schulfreunde auch da sind. Sonst muss man womöglich den Abend mit Menschen verbringen, die schon in der Schule unausstehlich waren. Natürlich quatscht man auch mit ehemaligen Mitschülern, die man das letzte Mal auf der Abschlussfeier gesehen hat. Aber: Am liebsten redet man mit Freunden, deren Gequassel einen schon damals vom Unterricht abgehalten hat. Und freut sich, dass es heute noch genauso viel zu erzählen gibt.

Neue Freunde kommen

Klar, am liebsten unterhält man sich mit früheren Freunden, zu denen der – zumindest sporadische – Kontakt noch hält. Gibt man sich aber einen Ruck und startet auch mal Gespräche mit Leuten, deren Gesichter man fast schon vergessen hat, kann es erst richtig interessant werden. Plötzlich hört man neugierig der vermeintlichen Langweilerin zu, die von ihrer abenteuerlichen Regenwaldtour am Amazonas erzählt. Der Schnösel von damals ist auch ziemlich locker geworden und besitzt den gleichen trockenen Humor. Und die Verschlossene aus der letzten Reihe hatte schon damals genau die gleiche Lieblingsband wie man selbst. Unweigerlich ploppt der Gedanke auf: Schade, dass man erst nach dem Abschluss erkennt, welche Mitschüler eigentlich doch ganz cool waren.

Liebeskummer lohnt sich nicht

Anna und Marc waren das Traumpaar des Jahrgangs. So steht es im Abibuch geschrieben. Klar – schließlich haben sie sich bei Facebook regelmäßig Herzchen auf die Pinnwand gepostet. Seit der achten Klasse waren die beiden unzertrennlich und knutschten in jeder Pause. Zwei Jahre nach dem Abi ist davon nichts mehr über. „Marc hat seinen Beziehungsstatus zu ,Single‘ geändert“, war das Ende dieser Ära. Überhaupt sind nur wenige der Pausenhof-Pärchen noch zusammen. Studieren in einer weit entfernten Stadt und neue Freunde – plötzlich ist der Freund aus der Abizeit nur noch nervig. Immerhin kann man über die zerbrochenen Beziehungen ehemaliger Klassenkameraden super tratschen. Und lernt etwas fürs Leben: Liebeskummer lohnt sich nicht.

Facebook ist nicht das Leben

Natürlich will man gut vorbereitet sein. Vor dem Klassentreffen geht es also auf den Facebook-Rundgang. Wer macht was? Wo sind Themen, die einen über den Abend retten? Der Sportler von damals gibt dort mit Siegen bei Wettkämpfen an. Die Exzentrikerin postet selbst kreirte gesunde Rezepte für Smoothies und Sahnetörtchen (garantiert kalorienarm!). Die Planlose aus der letzten Reihe zeigt haufenweise Fotos von ihrer Reise um den Globus. Doch dann versammeln sie sich alle um die Stehtische und stochern nur gelangweilt in ihren Cocktails, weil alle spannenden Anekdoten schon in den ersten fünf Minuten verfeuert wurden. Auch wer auf Facebook die tollsten Fotos zeigt, kann in Wirklichkeit ziemlich langweilig sein. Genau wie damals in der Schulzeit.

Menschen 
ändern sich

Da vorne steht er: der gemeine Schläger, der es auf die unbeliebten Schüler abgesehen hatte – und unterhält sich angeregt mit dem Computernerd aus der ersten Reihe. Doch anstatt sich wie früher wüst zu beschimpfen, reden die beiden über das neue Videospiel, von dem sie einfach nicht loskommen. Die interessantesten Menschen bei einem Klassentreffen sind diejenigen, die man kaum wiedererkennt. Etwa wenn die etwas verpeilte Schwänzerin nun voll in ihrem Medizinstudium aufgeht. Oder der versiffte Langschläfer, der durch Hantelbank, Friseur und neues Modegespür zu einem vollkommen anderen Menschen geworden ist. Begeistert kann man den Geschichten lauschen – und sich heimlich dabei denken: „Das hätte ich nie von dir gedacht!“

Geredet wird doch immer

Schule ohne Lästereien – das ist unvorstellbar. Naiv wäre es, zu denken, damit sei auf dem Ehemaligentreffen Schluss. Denn geredet wird über jeden – egal, ob er da ist oder nicht. Wessen Karrierepläne nicht so verlaufen sind, wie vor dem Abi geplant, der drückt sich gern vor dem jährlichen Wiedersehen. Schlechte Idee: Dem Klatsch der ehemaligen Schulkameraden entrinnt niemand. Damit keiner vergessen wird, wühlt jemand das Jahrbuch aus der Handtasche. Wer fehlt, bekommt sofort die Quittung. „Was macht der eigentlich heute?“, fragt jemand. Irgendwer kennt garantiert die Antwort – oder hat etwas im Dorf aufgeschnappt. Also lieber hingehen: Wer selber beim Klassentreffen sitzt, kann wenigstens seine eigene Version der Geschichte erzählen.

Zu Hause bleibt zu Hause

Früher in der Kleinstadt gab es diese eine Scheune in der jede Party gefeiert wurde – weil es einfach keine Alternative gab. Doch zu Schulzeiten wurde der Laden mit jeder Party öder und viele fuhren lieber einige Kilometer in die nächste größere Stadt, um in angesagten Clubs tanzen zu gehen. Auch die kleinen Dorfkneipen und Garagen mit Bierzeltgarnituren konnten schnell nicht mehr mit den Großstadtbars mithalten. Doch wenn man sich heute mit ehemalige Klassenkameraden trifft, tut man das nicht in irgendeiner Szenebar oder auf einer Großstadtparty – sondern in eben jener Kleinstadtkneipe oder Uraltscheune. Denn nicht nur die Leute lassen alte Zeiten aufleben, sondern auch der Ort, an dem man so viele Erinnerungen mit ihnen geschaffen hat.

Du musst nicht erfolgreich sein

Die eine reist um die Welt, ein anderer ist schon verheiratet, wieder eine andere startet beruflich voll durch. Dazwischen: du. Smalltalk auf Klassentreffen stützt sich zum größten Teil auf eine Frage: „Und was machst du jetzt so?“ Schnell wird daraus ein Wettkampf, bei dem man mit Karriere, Abenteuer und dem bald kommenden Sprössling punkten kann. Auch wer da nicht mitspielen will, bekommt schnell das Gefühl, minderwertig zu sein. Immerhin hat man nur ein halbherziges Studium und den letzten Tinder-Lover, der doch gar nicht mal so eklig war, vorzuweisen. Fiese Gedanken kommen hoch: Verschwende ich meine Zeit? Strenge ich mich nicht genug an? Stopp! Dies ist ein Spiel, das du nicht gewinnen musst. Mach weiter dein Ding – du bist vollkommen okay.

Langsam wirst du alt

Damals hat man nächtelang in Partykellern getanzt, deren Einrichtung doppelt so alt war wie man selbst. Oder gleich draußen auf einer Wiese zu Musik, die aus dem Handy schepperte – kaum Verpflichtungen, unendlich viel Spaß und ein Gefühl von Freiheit. Heute beginnen Sätze mit dem Wort „damals“. Und die Augen glänzen, wenn das Gespräch auf die guten, alten Schulzeiten gelenkt wird. Dabei ist niemand, der am Tisch sitzt, Mitte 60 – sondern Mitte 20. Man erwischt sich dabei, wie man sich über die kaputte Spülmaschine in der WG oder das Binden von Krawattenknoten austauscht. Und denkt: Wir werden alt. Doch bei aller Wehmut: Das ist ganz normal. Früher fühlte man sich frei. Heute, fernab von Mutti und Hausaufgaben, ist man es tatsächlich.

Mitarbeit: Jeffrey Ji-Peng Li, Joss Doebler, Kira von der Brelie, Niklas Kleinwächter, Sarah Franke, Sophie Leyh, Theresa Kruse und Tim Klein

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