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Menschen machen Mode

Jungdesigner in Hannover Menschen machen Mode

Zeichnen, schneidern, sich vermarkten – Modedesigner müssen eine Brücke schlagen zwischen Kunst und Kommerz. Dass sie ihr Handwerk gelernt haben, zeigen Schüler der Fahmoda-Modeschule am morgigen Sonnabend, 13. Feburar, bei den „Fahmoda Fashion Finals 2010“ im Theater am Aegi. ZiSH hat zwei junge Modedesignerinnen in den letzten Tagen vor der Präsentation ihrer Kollektion begleitet.

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Hektisch laufen die Designer hin und her. Models stehen brav still, während an ihnen und ihrer Kleidung immer wieder rumgezuppelt wird. Schnell, aber sorgfältig wird gestickt, gebügelt, umgekrempelt und glatt gezogen. In der Fahmoda-Modeschule herrscht Hochbetrieb: Es sind nur noch wenige Tage, bis die Abschlussklasse ihre Kollektionen bei den „Fahmoda Fashion Finals“ im Theater am Aegi präsentiert. Für die 17 Absolventen der privaten Modeschule heißt das: Arbeiten bis spät in die Nacht, um die Kostüme bis zur Perfektion fertig zu machen.
Jedes Jahr zeigt die Abschlussklasse ihre Arbeiten im Theater am Aegi. Was nach Leichtigkeit aussehen soll und die großen Shows in London, Mailand oder Paris als Vorbild hat, ist harte Arbeit. Für die Modedesigner geht es dabei nicht nur darum, ihre Entwürfe vor Publikum zu zeigen. Nach dreieinhalb Jahren Schule, für die sie monatlich 450 Euro Schulgeld und noch viel mehr für Materialien ausgegeben haben, ist die Präsentation die Abschlussarbeit für die Ausbildung. Frisuren, Styling, Choreografie, Models und die Musik, alles zählt für die Endnote. „Eine Modeshow ist immer nur eine Krönung innerhalb dieser harten Industrie“, sagt Karin Lilienthal, Direktorin und Gründerin der Fahmoda. Gemeinsam mit der Prüfung zur Maßschneiderin müssen die Absolventen vor der Show Klausuren schreiben und Präsentationen und Marktforschung machen. Ein halbes Jahr haben die Designer Zeit, an ihren Kollektionen zu arbeiten.

Am Anfang steht dabei immer ein Thema, das modisch umgesetzt werden muss und so während der Show erkennbar ist. Absolventin Andrea Klußmann ließ sich für ihre Arbeiten vom „Alice im Wunderland“-Autoren Lewis Carroll inspirieren. „Das Motto meiner Kollektion ist Absurdität“, sagt die 24-Jährige. Ungewöhnliche Formen dominieren ihre Kleidung. Reime und Klangspiele, wie sie in Carrolls Gedichten auftauchen, versucht sie, in Formen umzusetzen. „Ich habe gewürfelt, welches Gefühl zum Schulterelement und welches zu einem Schuh wird“, erklärt Andrea ihre Arbeitsweise. Aus diesen ersten Entwürfen formte sie das fertige Outfit. Solche gestalterischen Freiheiten hatte sie nicht immer. „Man muss die Regeln des Modemachens kennen, um mit ihnen spielen zu können“, erklärt die junge Designerin. Einen großen Teil der Ausbildung nimmt deshalb das Erlernen handwerklicher Grundlagen ein. Wer Mode machen möchte, muss auch einfache Schneiderfähigkeiten haben. „Je mehr technische Möglichkeiten ich kennenlernte, desto einfacher wurde es, meinen Arbeiten eine persönliche Note zu geben“, berichtet Andrea. Den individuellen Stil, den sie während ihrer Ausbildung entwickelte, möchte sie ins Berufsleben mitnehmen.
Wie hoch die Anforderungen an Modedesigner sein können, lernte Andrea während einer Projektarbeit, bei der Schüler der Fahmoda gemeinsam mit dem Lederwarenunternehmen Bree Taschen designt haben. Andreas Taschenprototyp überzeugte die Firma aus Isernhagen. Bree stellte ihren Entwurf auf der Internationalen Lederwarenmesse in Offenbach vor. Die Händler waren begeistert, und Andrea verkaufte ihren ersten Entwurf. „Durch die Auftragsarbeit habe ich viel über die Industrie gelernt, und auch finanziell hat sich das für mich als Studentin gelohnt“, sagt Andrea. Angst, ihre Eigenständigkeit und Kreativität bei solchen Auftragsarbeiten zu verlieren, hat sie nicht. Modemachen sei halt ein Job.

Auch Karin Lilienthal beobachtet eine gestiegene Professionalität bei ihren Schülern. „Der Nachwuchs ist sehr tough und kann sich und seine Entwürfe sehr gut vermarkten.“ Natürlich sei es seit der Finanzkrise schwieriger geworden, sofort nach der Ausbildung einen guten Job zu bekommen. Doch gerade die neuen Modetrends wie Nachhaltigkeit oder ökologisches Design böten viele Chancen.
Außerdem müssten Designer nach ihrer Ausbildung nicht unbedingt bei einer großen Modefirma arbeiten. Zahlreiche ehemalige Schüler der Fahmoda oder Modedesignstudenten der Fachhochschule haben in den vergangenen Jahren eigene Läden in Hannover aufgemacht. Um selbst gemachte Mode zu verkaufen, muss man nicht mehr zwangsläufig nach Hamburg oder Berlin gehen.

„Seit ein paar Jahren passiert in Hannover eine Menge“, sagt Kathrin Dubowy, in deren Designkombinat-Läden viele Stücke von Jungdesignern zu kaufen sind. „Die Menschen werden experimentierfreudiger.“ Auch Lucy Winkler, Fahmoda-Absolventin und Betreiberin des Kunstgalerielädchens grossstadtrekorder, sieht das ähnlich. „Bis jetzt ist die Jungdesignerszene noch nicht sehr ausgeprägt und vor allem Avantgarde-Mode ist schwer zu etablieren. Aber es wird besser.“ Für Fahmoda-Direktorin Karin Lilienthal ist genau das die Stärke Hannovers. „Die Modeszene hier ist noch nicht so überlaufen. Man kann sich schneller einen Namen machen.“

Absolventin Anna-Maria Valeton sieht ihre berufliche Zukunft weit weg von großen Modehäusern oder Boutiquen. Sie möchte Kostüme für Fernsehen und Theater schneidern. „Am liebsten würde ich die Kleidung für Fantasyfilme machen“, sagt die 25-Jährige. Die ersten Erfahrungen dafür hat sie mit ihrer Abschlussarbeit bereits gesammelt. Gemeinsam mit einer Opernsängerin hat sie Kostüme für die Händel-Oper „Alcina“ entworfen.
„Vor allem die strukturierte Planung, die ich während der Ausbildung gelernt habe, kam mir bei meiner Abschlussarbeit gelegen.“ Um mit ihren Kostümen die Oper richtig zu darzustellen, studierte sie wochenlang Texte und Musik. „Auch wenn ich das vergangene halbe Jahr sehr viel gearbeitet habe, es hat sich gelohnt.“

Entwerfen, schneidern, Models suchen und die Show planen mussten die Designer aber selbst. Ihre Dozenten waren dabei immer mit Rat und Hilfe präsent. „Das Ziel ist es, den Schülern beizubringen, wie sie selbstständig eine Kollektion in einer Messeshow präsentieren können“, sagt die 60-jährige Lilienthal. „Mode ist eine harte Industrie und kein Spaß. Da wäre es dumm, Modedesigner weltfremd zu unterrichten und nur das Künstlerische zu vermitteln.“ PR-Arbeit, Selbstvermarktung und bestimmte Wirtschaftsabläufe gehörten zu einer guten Modedesignausbildung genauso dazu wie Stoffkunde und Schneiderhanderwek.
Für Karin Lilienthal ist das Wichtigste, was Schüler während der Ausbildung lernen sollten, jedoch die Einstellung zum Beruf: „Wie die Abschlussarbeiten zeigen, kommt es – wie in jeder Branche – immer auf das Durchhaltevermögen an.“

ZiSH / Katharina Bengsch

Bei den „Fahmoda Fashion Finals 2010“ am morgigen Abend im Theater am Aegi gibt es zwei Durchläufe: Die erste Show beginnt um 16 Uhr und kostet zwischen 14 und 23 Euro Eintritt. Die zweite Show begnnt um 20.30 Uhr und kostet zwischen 16 und 25 Euro.

Mode lernen in Hannover

In Hannover gibt es mehrere Möglichkeiten, Mode und Modedesign zu lernen:
Die Fahmoda Akademie für Mode und Design, Wunstorfer Straße 130, setzt den Schwerpunkt auf interdisziplinäres Lernen. Das heißt, dass die Schüler in dreieinhalb Jahren sowohl Modedesign als auch Maßschneidern lernen.
Voraussetzung für die Bewerbung sind Abitur, Fachhochschulreife oder der erweiterte Realschulabschluss sowie eine Skizzenmappe mit mindestens 10 Arbeiten. Die Ausbildung kostet 450 Euro pro Monat.
An der Fachhochschule Hannover auf dem Expo-Gelände gibt es die Möglichkeit, einen Bachelor in Modedesign zu machen. Voraussetzung für das Studium sind Abitur oder Fachhochschulreife, ein sechswöchiges Praktikum im Modedesign vor dem Studium sowie der „Nachweis einer besonderen künstlerischen Begabung“. Dabei handelt es sich um eine designstudiumstypische Mappe oder Test.
Die Modeschule M3, Marienstraße 43, setzt mit ihrer Ausbildung vor allem auf die Praxis des Modemachens. So nehmen Schüler neben Seminaren auch an zwei mindestens achtwöchigen Praktika teil. Die Ausbildung dauert in der Regel sieben Semester, dabei stehen die Bereiche Maßschneiderei, Modedesign, digitale Medien und Bekleidungsfachtechnik Im Mittelpunkt. Das Schulgeld kostet 425 Euro im Monat.
Die Ausbildung ist vom Bafög-Amt anerkannt. Interessierte können am morgigen Sonnabend, 13. Februar, in der Schule ab 11 Uhr an einem Infotag teilnehmen.

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Abschlussarbeiten
Geometrische Schnitte und androgyne Formen bei der Show.

17 junge Designerinnen der Modeschule Fahmoda haben am Sonnabend in Hannover vor rund 1600 Zuschauern in zwei Shows ihre Abschlussarbeiten im Theater am Aegi präsentiert.

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