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Mit Punk im Herzen: ZiSH sprach mit Slime-Sänger Dirk Jora

ZiSH verlost Slime-Karten Mit Punk im Herzen: ZiSH sprach mit Slime-Sänger Dirk Jora

Slime ist seit 30 Jahren die wichtigste deutsche Punkband. Sie spielten in besetzten Häusern, traten mit Ton Steine Scherben auf und prügelten sich mit ihrem Publikum wegen Ausverkaufsvorwürfen. Nach mehr als zehn Jahren Pause sind sie jetzt auf Tour. Jan Sedelies sprach mit Sänger Dirk Jora über die Revolution mit 50, Ideale des Punks und die Jugend, die heute lieber Elektro hört.

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Zum Jubiliäum auf St. Pauli: Gitarrist Christian Mevs (von links), Bassistin Nici, Drummer Alex Schwers 
(beide seit 2010 dabei), Sänger Dirk Jora und Gitarrist Michael „Elf“ Mayer.

Quelle: Handout

Wir haben uns extra um zwölf Uhr mittags verabredet, weil dein Handy in Schleswig-Holstein nicht immer Empfang hat und du dir einen entsprechenden Ort zum Telefonieren suchen musst. Was macht ein Hamburger Vorzeige-Punk in Schleswig-Holstein?
Ich wohne schon seit ein paar Jahren hier. Im Alter versucht man ja, etwas runterzufahren. Ich genieße die Natur, die frische Luft und fahre dann immer zu den Heimspielen von St. Pauli nach Hamburg.

Aber im Herzen bist du schon noch Hamburger?
Ich bin ein Hamburger Jung! Wir sind Hamburger, auch wenn die anderen mittlerweile in Bremen und Gladbeck wohnen. Quatsch, eigentlich sind wir St.-Pauli-Jungs!

Dirk, wir möchten ein Spiel mit dir spielen. Wir spielen dir ein paar alte Slime-Songs vor, und du kannst in Erinnerungen schwelgen. Bereit?
Okay.

Es läuft „Hey Punk“ vom ersten Slime-Album von „Slime 1“ von 1981. Textauszug: „Hey Punk, zeig’ ihnen, wer du bist! / Hey Punk, noch kein Terrorist! / Hey Punk, spuck ihnen ins Gesicht! / Hey Punk, anders geht’s nicht! Weg mit dem Scheißsystem!“

Dirk lacht. Oha, einer der ersten Songs von uns. Neben „Deutschland“ und „Bullenschweine“ ein Klassiker. Weg mit dem Scheißsystem! Genau, auch wenn ich heute immer noch nicht weiß, wie die Alternative dazu aussieht. Aber wenn ich den Turbokapitalismus sehe, sag ich einfach nur: Nein! So nicht!

Wie fühlt man sich als einflussreichste Punkband in Deutschland?
Auf der einen Seite sind wir stolz, aber nicht im Sinne von stolz auf Deutschland. Es ist schon ein Ding, wenn 17-Jährige unsere Texte mitsingen. Die waren damals nicht einmal geboren. Es zeigt, dass die Lieder für sie Bedeutung haben. Wir haben bei ihnen etwas ausgelöst.

Und die andere Seite? Seid ihr der Mainstream des Deutschpunks?
Definitiv nicht. Die Ärzte und die Hosen, auch wenn ich die Leute mag, sind Mainstream. Wir sind Punk und bleiben Punk! Wir spielen für geringe Eintrittspreise, geben Soli-Konzerte und verdienen wenig mit T-Shirts und CDs. Das ist unsere Politik. Darauf haben wir immer Wert gelegt und haben die Ideale nie verraten.

Du bist mittlerweile 50 Jahre alt. Ist man da nicht langsam zu alt für Nietenjacken, Trinklieder und Parolen wie „Legal, illegal, scheißegal“?
Nein, denn mein normales Leben besteht aus Dingen, die Punk ausmachen. Keiner von uns hat einen bürgerlichen Beruf. Wir sind Konzertveranstalter und Toningenieure. Ich bin Englischübersetzer, Taxifahrer und Soziologe. Wir mussten uns für die Tour nicht aus einem Bürojob herausschälen. Wir gehen zwar nicht mehr auf jede Demo, bleiben aber Punks!

Du bist Soziologe?
Das wird man als Taxifahrer automatisch.

Wenn Punk eine Lebenseinstellung ist, wie sieht die mit 50 aus?
Immer die Frage nach dem Alter! Warum soll ich mit 50 nicht mehr die Revolution ausrufen? Alter ist Quatsch. Es geht um das Gefühl, das man in sich trägt. Ich fühle den Hass auf das System, die Bullen, den Turbokapitalismus noch immer.

Aus welchen Gründen habt ihr Ende der siebziger Jahre Slime gegründet?
Wir waren vor allem Punkrocker. Die erste Punkwelle hatte Deutschland erreicht. Die Sex-Pistols-Auftritte, das erste The- Clash-Album, das Outfit, das Anarchistische und Revolutionäre: Darauf hatten wir gewartet. Im Ansatz war Punk nicht politisch. Doch wir kamen aus der linken Ecke. Ich war in der Anti-Atomkraftbewegung. Dazu kamen der Häuserkampf und die Arbeit in antifaschistischen Initiativen. Wir haben die Themen dann wie The Clash mit der Musik verbunden.

Sind die Themen, die euch bewegen, dieselben geblieben?
Ja. Der Ausstieg aus dem Atomausstieg ist eine Ungeheuerlichkeit. Es bleibt immer noch die ungelöste Frage der Lagerung des Atommülls. Darum haben wir für Anti-Castor-Initiativen gespielt. Dann thematisieren wir den Faschismus. Es werden immer noch Menschen durch rassistische Übergriffe angegriffen und getötet. Außerdem äußern wir uns zu aktuellen Themen wie „Stuttgart 21“.

In Hamburg wird derzeit viel über Gentrifizierung und Wohnungsnot debattiert. Eine Initiative fordert das Recht auf Stadt für eine möglichst bunte und vielseitige Wohnbevölkerung. Du wohnst in Schleswig-Holstein. Kannst du mit diesem Thema etwas anfangen?
Die Vertreibung alteingesessener Einwohner aus Hamburg oder auch in Berlin- Kreuzberg ist nichts Neues. Es ist eine Entwicklung, die konsequent fortgesetzt wird. Es ist traurig um unsere billigen Kneipen und Viertel. Und es ist traurig, dass es immer unsere Viertel sein müssen, die sich die Juppies aneignen wollen.

Noch ein Lied.
Es läuft „Linke Spießer“ vom Album „Alle gegen Alle“ von 1983. Textauszug: „Ihr seid nichts als linke Spießer / Ihr habt nichts dazugelernt / Ihr seid nichts als linke Spießer / Eigentlich wart ihr es schon immer / Und werden wir mal aggressiv / Seid ihr auf einmal konservativ?“
Auf der aktuellen Tour verbinde ich viele alte Songs mit aktuellen Entwicklungen. So ist die Grünen-Vorsitzende in Hamburg neulich aus einer St.-Pauli-Fankneipe rausgeworfen worden. Ich finde das okay, weil die Grünen in Hamburg ihre Ideale verraten haben. Da muss man sich nicht wundern, wenn es Gegenwind gibt.

Slime gab es fast zehn Jahre nicht mehr. Viele vermuten hinter der Wiedervereinigung der Band steckten finanzielle Gründe. Was sagst du dazu?
Ach Gott, die Frage nach dem Geld. Jeder muss seine Miete bezahlen. Die Diskussion ist absurd. Hätten wir in den vergangenen Jahren wirklich Geld verdienen wollen, hätten wir unsere Texte entschärft und wie die Ärzte versucht, in die Radios zu kommen. Das wollten wir nie. Uns kotzt das Thema seit 30 Jahren an. Warum dürfen wir als linke Musiker kein Geld verdienen? Die Leute arbeiten ja auch nicht umsonst. Viele Kritiker wissen nicht, wie viel Kraft und Energie es kostet, eine Tour zu planen und zu spielen.

Noch ein Lied.
Es läuft „D.I.S.C.O.“ von „Slime 1“ von 1981. Textauszug: „Disko befreit von allen Zwängen / Doch der Nebeneffekt: man vergisst zu denken / Plastikmusik dröhnt dir in die Ohren / Albtraum danach am Sonntagmorgen“
Dirk lacht nur.

Einige junge Punks hören heute vor allem elektronische Musik zum Beispiel von Egotronic. Sind die berühmten drei Akkorde überholt?
Nee, überhaupt nicht. Dann würden Bands wie Danko Jones heute nicht gehört werden. Die Musik basiert auf Rock. Und die Jugend will Rock hören. Wir wollen das auch. Ich höre immer noch Led Zeppelin und The Clash. Aber es gibt durchaus Parallelen zwischen Punk und elektronischer Musik. Als Techno aufkam, hatten sie ähnliche unkommerzielle Strukturen. Techno hatte ein linkes Bewusstsein, aber irgendwann ist das mit Leuten wie – wie heißt der, Dr. Motte? – verloren gegangen. Es gab ja später auch Punkrock-T-Shirts bei Karstadt. Der Mainstream eignet sich die Bewegungen an.

Und die Jugend hört heute beides?
Meine beste Freundin hat zwei Neffen, 22 und 23 Jahre alt. Die sind offener heutzutage, gehen heute zur Technoparty und morgen zu Slime. Das war bei uns anders. Wir waren nur von der Punkpolizei.

Zur elektronischen Musik vom Label Audiolith wird ähnlich exzessiv gefeiert wie zu Punk. Man tanzt Pogo und grölt Texte mit. Kommen Inhalte da zu kurz?
Das musst du die jungen Leute fragen, aber ich glaube viele stehen immer noch auf harte Musik mit Inhalten. Die wollen eine klare Ansage und relevante Texte.

Glaubst du nach 30 Jahren im Musikgeschäft, dass man mit Musik oder Kultur überhaupt die Gesellschaft positiv verändern kann?
Na ja, wir versuchen es. Man wird als Künstler aber keine Revolution herbeiführen. Darüber habe ich mich auch einmal mit Rio Reiser unterhalten. Wir sind uns einig gewesen, dass es darum geht, den Horizont zu erweitern. Man gibt Denkanstöße. Rio und die Scherben haben meinen Horizont erweitert, und wir haben das für viele Leute auch getan.

Punk ist mit der Parole „No future“ angetreten. Was hältst du heute von dieser Haltung, wenn Angela Merkel genau wie linke Gruppierungen den Anspruch auf Nachhaltigkeit betonen?
„No future“ ist immer falsch verstanden worden. Die Sex Pistols haben „No future for you!“ gesungen und meinten das englische Königshaus. Es geht darum, dem System keine Zukunft zu geben. Es gibt sicher Punks, die sich eher besaufen und abhängen wollen, als die Welt zu verändern. Das waren nie Punks für uns.

Ist das noch aktuell? Oder hat sich der Punk in all den Jahren gewandelt?
Punk ist heute eher Einstellung als optische und musikalische Bewegung. Punk trägt man im Herzen. Punks sind unabhängig und leben ihre Ideale. Dafür braucht man keinen Iro. Punk hat man im Kopf und nicht auf dem Kopf.

Wie sieht der Punk in zwanzig Jahren aus – oder ist er dann tatsächlich tot?
Gute Frage, ich könnte eher sagen, wo St. Pauli in 20 Jahren ist. Obwohl, nein, kann ich auch nicht. Punk lebt in uns weiter. Wenn sich das System da draußen weiter so entwickelt wie jetzt, die Konkurrenz zwischen den Menschen voranschreitet, dann wird sich immer wieder eine Musik gegen diese Entwicklung herausbilden.

Ein letztes Lied:
Es läuft eine Slime-Coverversion von „Der Kampf geht weiter“ der Ton Steine Scherben von 1984. Textauszug: „Wer das Geld hat, hat die Macht und wer die Macht hat, hat das Recht.“

Wie lange geht euer Kampf noch weiter?
Das wird sich zeigen. Die Reaktionen des Publikums sind überwältigend. Wir wissen nicht wirklich, wie wir weitermachen. Die Texte hat vor allem unser ehemaliger Schlagzeuger Stephan Mahler geschrieben, und von „Haut die Bullen platt wie Stullen“ bis zu Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ war es eine lange Entwicklung. Die inhaltliche Messlatte liegt bei unserem letzten Album „Schweineherbst“ von 1994. Und wir wollen nicht wieder mit Parolen anfangen. Also setzen wir uns nach der Tour zusammen und entscheiden dann, wie es weitergeht.

Was erwartet die Fans am Sonntag im Kulturzentrum Faust.
Wir liefern eine druckvolle Show und zeigen, was Spielfreude ist. Es wird 90 Minuten Songs von allen Alben geben, wie bei einem Fußballspiel. Plus Zugaben.

30 Jahre Leben als Punkrocker, welchen Spruch oder welches Zitat würdest du dir noch einmal auf eine Lederjacke schreiben?
„Schieß doch Bulle!“ mit Zielscheibe. Das hatte ich 15 Jahre auf einer Jacke stehen. Ach Quatsch. Ich würde draufschreiben: „Weg mit dem Scheißsystem!“ Immer noch.

Am Sonntag spielt Slime ab 21 Uhr in der 60er-Jahre-Halle, Zur Bettfedernfabrik 3. ZiSH verlost dreimal eine Karte. Heute um 14 Uhr unter (05 11) 5 18 17 58 anrufen und mit Glück gewinnen. Alle anderen zahlen 15 Euro. Karten gibt es im Vorverkauf.

Interview: Jan Sedelies

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