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„Man muss lernen, zu lernen“

Volker Schmidt im Interview „Man muss lernen, zu lernen“

Im Interview spricht Niedersachsen-Metall-Chef Volker Schmidt darüber, welche Kompetenzen bei Unternehmen wirklich ankommen und warum MINT attraktiver werden muss.

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Werden Prioritäten falsch gesetzt? Volker Schmidt im Gespräch mit den ZiSH-Autoren Maline Hofmann, Anna Neela Urban und Tim Klein (von links)

Quelle: Heidrich

Herr Schmidt, Sie sind Vorsitzender des Aufsichtsrats der Ideenexpo. Wie erreichen Sie mit der Messe Schüler, die keine Lust auf Technik und Naturwissenschaften haben?

Ich denke, jeder kann eine gesunde Faszination für MINT entwickeln – also für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Schließlich sind wir im Alltag doch ständig mit Autos oder Smartphones konfrontiert. Ich bin davon überzeugt: Jeder kann Technik. Es hängt in 90 Prozent der Fälle aber davon ab, gewisse Schwellenängste zu überwinden, um sich mit MINT intensiver zu beschäftigen. Und ich glaube, bei allem Respekt gegenüber so vielen engagierten Lehrkräften in unseren Schulen, dass naturwissenschaftliche Fächer manchmal doch eher farblos rüberkommen.

Tablet statt Schulbuch: Faszination Technik schon im Schulalltag stärken.

Wie kommt das?

Das liegt nicht zwingend an den Lehrkräften. Es fehlt vor allem an der notwendigen Ausstattung in den Schulen. Hier muss deutlich mehr investiert werden. Dass speziell dieses Thema in der Kommunalpolitik kaum eine Rolle spielt, ist mir unbegreiflich.

Fast alle naturwissenschaftlichen Fächer kann man im Abi abwählen. Sehen Sie hier die Prioritäten falsch gesetzt?

Warum wählt man die Fächer ab? Vielleicht, weil der Unterricht unattraktiv erscheint und man die nötigen Noten nicht nach Hause bringt. Ich war in der gleichen Situation. Ich habe damals auch als Erstes Biologie, Chemie und Physik abgewählt und war froh, als ich das hinter mir hatte.

Wenn das Abitur dann geschafft ist, wollen immer mehr junge Menschen studieren. Haben wir in Niedersachsen bald nur noch Akademiker?

Das wäre eine ganz schlimme Entwicklung! Seien wir doch mal ehrlich: Nicht für jeden ist das Studium der optimale Weg. Mit einem praktischen Berufsabschluss kann man sich ein solides Fundament erarbeiten. Außerdem gibt es an vielen Hochschulen die Möglichkeit, auch ohne Abi mit einer abgeschlossenen Ausbildung zu studieren. Ich hatte seinerzeit keine Lehre vor dem Studium gemacht und es gab Zeiten, in denen ich an dieser Entscheidung gezweifelt habe.

Klassische Ausbildungen schaffen ein solides Fundament.

Warum?

Weil auch ein Studium schon seine Ups und Downs hat, und man sich mitunter selbst mit 21 Jahren noch die Frage stellen kann: Hast du dich wirklich für den richtigen Studienweg entschieden? Ich habe es manchmal bedauert, nicht doch dem Studium eine kaufmännische Ausbildung vorgeschaltet zu haben. Übrigens wollte ich mit acht Jahren Autoverkäufer werden, wie so viele. Dann hat mich die Politik fasziniert. Ich habe lange überlegt, in den politischen Journalismus zu gehen. Später habe ich dann Volkswirtschaft, Jura und Geschichte studiert, bin nach Uni-Assistentenzeit und Promotion in einem multinationalen Konzern gelandet und später für kurze Zeit ins Bundesministerium der Finanzen gegangen. Anschließend habe ich in der Politik unmittelbar bei Wolfgang Schäuble gearbeitet – das war eine wunderbare, lehrreiche Zeit.

Ist es heutzutage ein Nachteil, wenn man mehrfach schon das Berufsfeld gewechselt hat?

Kontinuität war früher ein Wert an sich. Wenn jemand alle zwei bis drei Jahre den Job gewechselt hat, wurde der Bewerber schon skeptisch angeguckt. Das hat sich erkennbar geändert. Heute würde ich die Bereitschaft zu wechseln und sich an anderer Stelle auszuprobieren, eher als Zeichen von Kreativität und von Risikobereitschaft sehen.

Haben Sie Tipps für diejenigen, die noch nicht genau wissen, was sie machen wollen?

Alles braucht seine Zeit. Deshalb habe ich mich seinerzeit dafür eingesetzt, dass wir beim Abitur zu G9 zurückkommen. Ich glaube, wir haben vielen Jugendlichen durch G8 eine viel zu schnelle Entscheidung abgefordert, in den Berufsalltag zu gehen. Ich kann heute jedem nur ans Herz legen, wenn sich die Möglichkeit bietet, unbedingt Berufspraktika zu machen. Das Vermeiden von Fehlentscheidungen durch frühzeitiges Sich-Ausprobieren zahlt sich später doppelt und dreifach aus – gerade in der heutigen Zeit, in der junge Menschen mit einer solchen Flut an Informationen konfrontiert werden.

Also kann man sich etwas Zeit lassen, um den passenden Beruf zu finden?

Über viele Jahre wurde beklagt, unsere Hochschulabsolventen seien im internationalen Durchschnitt viel zu alt. Da war vieles dran. Deswegen gibt es nach dem Bologna-Prozess nun die Teilung in Bachelor- und Masterstudiengänge. Allerdings: Viele Bachelorabsolventen werden in den Betrieben mitunter gar nicht für voll genommen, was auch mit der Anspruchshaltung der Absolventen zu tun hat. Ohne einen Master läuft meistens gar nichts. Für mich ist die entscheidende Frage, ob die heutigen Studiengänge mit Blick auf die Digitalisierung unserer Wirtschaft eine optimale Vorbereitung sind. Ich bin der Überzeugung, es wird in Zukunft noch viel stärker darauf ankommen, eigenständig Inhalte zu erarbeiten und zu erlernen – kurzum: das Lernen zu lernen.

Zur Person

Volker Schmidt ist seit Herbst 2008 Hauptgeschäftsführer von neun Arbeitgeberverbänden, darunter Niedersachsen-Metall. Als Vorsitzender des Aufsichts-rats der Ideenexpo setzt sich der promovierte Volkswirt für Nachwuchsförderung ein. Von 1995 bis 2001 arbeitete der 56-Jährige im Planungsstab der CDU/CSU-Bundestagsfraktion eng mit Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz zusammen. Von 2003 bis 2008 leitete der gebürtige Leverkusener die politische Abteilung der Niedersächsischen Staatskanzlei.

Wie lernt man, das Lernen zu lernen?

Reines Faktenwissen – das wird es nicht bringen. Man sollte sich schon Schlüsselkompetenzen erarbeiten, etwa: Wo und wie muss ich recherchieren? Gibt es Gesetzmäßigkeiten? Gibt es Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, die ich übertragen kann?

Sollte man diese Kompetenzen nicht schon in der Schule erwerben?

Wir können gar nicht früh genug damit anfangen. Es geht um die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen, aber nicht darum, nur Fakten auswendig zu büffeln. Faktenwissen ist wichtig, aber es ist nicht das Entscheidende. Wichtig: Man sollte schon darum wissen, wie man sich selbst fordern und sinnvoll fortbilden kann. Und darin nicht nachlassen.

Nachwuchsförderung: Die Ideenexpo zeigt berufliche Perspektiven auf.  

Viele Beispiele dafür kann man auf der Ideenexpo bekommen. Warum investieren Sie so viel Energie in die Ideenexpo?

Die Ideenexpo ist mir eine Herzensangelegenheit. Auch weil ich uns Ältere nun mal in der Verpflichtung sehe, genügend für den Nachwuchs zu tun. Mit Veranstaltungen wie der Ideenexpo zeigen wir den Jüngeren auch gute Perspektiven für den späteren Werdegang auf und leisten damit auch einen Beitrag zur politischen Stabilität unseres Gemeinwesens. 

Wieso gibt es die Ideenexpo eigentlich nur in Hannover?

Zwei andere Bundesländer haben wohl mal etwas Ähnliches angedacht, sollen aber nach einigen Monaten frustriert aufgegeben haben. Ideenexpo – das kann halt nicht jeder! (lacht) Mit der Ideenexpo haben Niedersachsen und Hannover ein Alleinstellungsmerkmal, um das uns andere Bundesländer beneiden. Wir tun gut daran, uns auch in Zukunft über solche Alleinstellungsmerkmale als Hannoveraner zu freuen! Dazu gehört im Übrigen auch, dass wir mit ein wenig mehr Stolz und Selbstbewusstsein auf das blicken, was die Menschen in dieser Stadt zu leisten vermögen. Genügend kreative Geister gibt es hier – aber mitunter hat man den Eindruck, dass man sich mit der Umsetzung von Ideen etwas schwertut, hier in dieser schönen Stadt.

Interview von Maline Hofmann, Tim Klein und Anna Neela Urban

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