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Die Band, die bei dir pennt

Konzertplattform "Sofar" Die Band, die bei dir pennt

Mit der Musikplattform „Sofar“ kann man sich Bands nach Hause holen – oder sie an besonderen Orten spielen lassen.
Nach Großstädten wie Hamburg und Berlin gibt es die Reihe jetzt auch in Hannover. Ein Konzertbesuch.

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Fahrradwerkstatt statt Rockkneipe: Die Plattform „Sofar“ verspricht Künstlern wie Ruben Dietze (rechts), aber auch dem Publikum außergewöhnliche Konzerte.

Quelle: Wiens

Hannover. Die Passanten sind baff, als sie durch den pappigen Schnee watend in das Schaufenster des Fahrradcafés in der Nordstadt schauen: Wo sonst Schläuche ausgewechselt und Bremsen nachgezogen werden, ist gerade tatsächlich ein Konzert im Gange. Gut 50 Besucher drängen sich zwischen Fahrradsatteln und Fixies. Draußen hört man nur Bass und Schlagzeug. Doch drinnen ist es mollig warm, laut und es riecht nach Gummi.

Das ist „Sofar“

„Sofar“ steht für „Songs from a room“ („Lieder aus einem Raum“) und ist eine internationale Musikplattform mit Ursprung in London. Mittlerweile gehört Hannover zu den deutschen Städten, in denen es, dank freiwilliger Helfer, „Sofar“-Konzerte gibt. Das Konzept ist einfach: Über die Internetseite www.sofarsounds.com können sich die Zuschauer für Konzerttickets in ihrer Nähe anmelden. Dafür müssen sie Name, Alter und Geschlecht in ein Online-Formular eintippen und warten. Wenn es mehr Anmeldungen als Plätze gibt, wird gelost. Jeder, der eine Konzertlocation hat, kann eine Show anmelden. Um in Zukunft möglichst viele Shows in Hannover veranstalten zu können, sucht das Team noch freiwillige Helfer.

Zum dritten Mal veranstaltet Lisa-Marie Scheller mit ihren Freundinnen Johanna Heimsoth und Alina Biblik an diesem Abend ein Geheimkonzert des Netzwerks „Sofar“ in Hannover. Heute eben in einem Fahrradladen. Es hätte aber auch eine alte Scheune, das Wohnzimmer der Eltern oder eine WG-Küche sein können. Doch egal wo, das Prinzip von „Sofar Sounds“ aus London ist auf der ganzen Welt gleich: Wer eine Konzertlocation anbieten möchte, kann sich online anmelden. Freiwillige Helfer vor Ort kümmern sich um die Umsetzung und organisieren Bands und Künstler – wie Lisa, Johanna und Alina in Hannover. Die Tickets gibt es nicht zu kaufen, der Großteil wird verlost und der Rest an Freunde des Ausrichters verteilt. Wer spielt – und wo – erfahren die Besucher erst kurz vor dem Konzert.

Bastille und Hozier starteten mit "Sofar"-Konzerten durch

Manchmal sind große Namen dabei: In London traten schon die Indie-Rocker von Bastille auf einer „Sofar“-Session auf, in Manchester der Folkmusiker Hozier, der durch seinen Hit „Take Me to Church“ bekannt wurde. Die meisten Bands sind aber noch unbekannt – und echte Geheimtipps. Wer zu den Konzerten geht, sieht mit etwas Glück eine Band im kleinen Kreis, die wenig später vielleicht durchstartet. „Sofar Sounds“ ist eine Plattform für Musikentdecker, die bereit sind, den Abend einfach auf sich zukommen zu lassen, anstatt ewig vor riesigen Konzerthalle zu stehen. Und auch mal bereit sind, sich einen Künstler anzuhören, der vielleicht nicht sein Ding ist. Dafür hat „Sofar“ etwas Geheimnistuerisch-Verborgenes und die Besucher die Möglichkeit, Konzerte an ungewöhnlichen Orten zu sehen. Wie in einer Fahrradwerkstatt, in der es auch Kaffee gibt.

Dort betreten gerade Ayzee & Pete eine freigeräumte Ecke im Laden. Die beiden hannoverschen Rapper nehmen auf Barhockern Platz und legen los: Auf trockene Beats wird mal gerappt, mal gesungen. Die Zuschauer nicken schüchtern mit. Die Texte kann kaum einer mitsingen. Aber darum geht es auch gar nicht: „Man soll bei unseren Konzerten neue Musik und Künstler kennenlernen und offen dafür sein“, sagt Veranstalterin Lisa-Marie. Viele der Konzertbesucher passen zum hippen Interieur. Sie sehen so aus, als würden sie häufiger ins Fahrradcafé kommen, um sich die Reifen vom Rennrad aufpumpen zu lassen und dabei einen Chai Latte zu trinken. „Es kommen aber auch Menschen, die sonst gar nicht auf Konzerte gehen“, sagt Lisa-Marie. Die Konzerte kosten keinen Eintritt – am Ende wandert der Spendenhut durchs Publikum. Die Künstler kriegen Verpflegung, eine Aufwandsentschädigung und manchmal eine kleine Gage. Jeder Act darf eine halbe Stunde spielen.

Smartphones sollen in der Tasche bleiben

Alle Auftritte werden als Video aufgezeichnet und später auf Youtube veröffentlicht – ähnlich wie bei der Berliner Musiksendung „TV Noir“, wo die Bands in intimer Atmosphäre Akustik-Sessions spielen. Der Youtube-Account von „Sofar Sounds“ hat mehr als 134 000 Abonnenten. Für die Künstler bringt das viele wichtige Klicks.
Das wissen Lisa-Marie und ihre Freundinnen, die sich mit Veranstaltungen auskennen: Sie haben Eventmanagement und Marketing studiert. Damit die Aufnahmequaliät der Videos besser wird, suchen sie noch Freiwillige, die sich mit Tontechnik auskennen. Das ist nicht die einzige Baustelle der drei: In Größstädten wie Berlin, New York oder London gibt es fast jede Woche „Sofar“-Konzerte. In Hannover macht sich die Plattform stetig, aber erst langsam einen Namen. „Ein oder zwei Konzerte im Monat wären toll“, sagt Lisa-Marie. Aber Hannover ist eben nicht New York.

Als nächstes spielt Michel Noeh zerbrechlichen Pop zwischen den von der Decke baumelnden Rädern. Den Abschluss des Abends macht Pianist Ruben Dietze. Gemeinsam mit seiner Band ist es sein dritter Auftritt. Die meisten Besucher sehen Dietze zum ersten Mal. Ein bisschen klingt seine Musik wie der Deutschpop von AnnenMayKantereit – nur, dass anstelle von Mays Röhrengesang Dietzes Stimme leicht nasal und sehr gefühlvoll klingt. „Ich mag, dass es hier keine erhöhte Bühne gibt, man ist auf einer Ebene mit dem Publikum“, sagt Musikstudent Dietze ins Mikro. Damit trifft er genau das, was die muckeligen „Sofar“-Konzerte für Musiker und Publikum spannend macht: die Nähe. Und die macht Lust darauf, ganz unvoreingenommen neue Musik kennenzulernen. Dazu passt eine besondere „Sofar“-Regel: Smartphones sollen in der Tasche bleiben. Denn ein Live-Konzert ist nicht dasselbe, wenn man es durch den Bildschirm eines Smartphones anschaut. Oder durch das Schaufenster, wie die verwunderten Passanten.

Martin Wiens

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