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„Rap ist ein Jahrmarkt der Eitelkeit“

Interview mit Prinz Pi „Rap ist ein Jahrmarkt der Eitelkeit“

Auf seinem neuen Album „Im Westen nix Neues“ sieht sich Rapper Prinz Pi einmal mehr als Außenseiter. Daran haben auch die Chart-Erfolge der letzten Jahre nicht viel geändert. Im ZiSH-Interview spricht er über Selbstbewusstsein und Selbstdarstellung.

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"Ich beobachte immer mit etwas Abstand": Prinz Pi.

Quelle: David Daub

Hannover/Berlin. Der Geburtsort von Prinz Pi, der gutbürgerliche Berliner Stadtteil Charlottenburg, ist eigentlich keine optimale Herkunft für einen Rapper. Zu wenig Getto. Auch sonst wirkt der Lebenslauf des 36-Jährigen eher unspektakulär: Auf das Abitur am Gymnasium Steglitz folgte ein Studium in Kommunikationsdesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Im vergangenen Jahr wurde er zum zweiten Mal Vater. Viel Verantwortung, wenig Gangster.

Gut, dass Friedrich Kautz, so sein bürgerlicher Name, eh keinen Gangsta-Rap machen will. Statt mit Gewalt, Drogen und Sex beschäftigt er sich in seinen durchdachten, poetischen Texten lieber mit dem Scheitern an sich selbst, der Liebe und der Gesellschaft. Und dem Glücksgefühl, wenn doch mal etwas klappt.

Insgesamt hat er damit nun 13 Alben gefüllt, sechs davon unter seinem zweiten Künstlernamen Prinz Porno. Sein 14. Album „Im Westen nix Neues“ erscheint am 5. Februar bei seinem Label Keine Liebe Records. Diesmal nicht unter seinem Pseudonym. Dessen letztes Album „pp=mc2“ schaffte es im Januar 2015 bis auf den ersten Platz der deutschen Albumcharts. „1,40 m“, die erste Auskopplung aus „Im Westen nix Neues“, brachte es direkt nach der Veröffentlichung in der vergangenen Woche auf Platz 24 der Singlecharts.

ZiSH: Friedrich, du bist mit deinem letzten Prinz-Pi-Album „Kompass ohne Norden“ zum ersten Mal auf Platz eins der deutschen Albumcharts gelandet. Trotzdem stellst du dich auf deinem neuen Album „Im Westen nix Neues“ immer noch als Sonderling dar. Ist es überhaupt noch möglich, ein Außenseiter zu sein, wenn man auf Platz eins der Charts war?

Prinz Pi: Klar, ich muss ja auf gewisse Weise Außenseiter der Gesellschaft sein, um beschreiben zu können. Ich beobachte immer mit etwas Abstand.

Das klingt ja fast selbstbewusst und widerspricht sich mit einigen deiner Songs, in denen du mit der Einzelgänger-Position haderst.

Nö, was ist denn daran widersprüchlich? Gerade wenn man der Außenseiter ist, muss man doch besonders selbstbewusst sein. Denn dann ist man sich ja seiner selbst in der Außenposition bewusst – man weiß genau, wo man steht. Wenn man in der Mitte einer Menschenmenge steht, kann man das ja nicht genau sagen. Da stehen zu viele um einen herum.

Rapper geben sich gerne selbstbewusst und betonen in ihren Songs, der Beste im Business zu sein. Wie authentisch ist das?

Also wenn ich sage, dass ich der Beste bin, dann ist das auf jeden Fall zu hundert Prozent authentisch.

Klar, was auch sonst.

Na ja, jeder Mensch kreiert sich seine eigene Realität. Für Menschen ist nur das real, was sie durch ihre eigenen Augen sehen. Alles, was andere Leute zu sehen behaupten, ist dann einfach nur ‘ne Behauptung – vom eigenen Standpunkt aus.

Hilft diese Selbstdarstellung also dabei, sich zu perfektionieren?

Je mehr Leute sich selber darstellen, umso mehr achten sie darauf, dass das Bild, was sie von sich geben, positiv ist. Und umso ausgeklügelter ist dann, was sie zur Selbstdarstellung machen.

Für wie perfektionistisch hältst du unsere Gesellschaft?

Wir haben auf jeden Fall diese Züge, dass wir uns immer weiter optimieren, bis zu dem, was wir als das Optimum empfinden. Das sieht man ja zum Beispiel an der plastischen Chirurgie oder an dem ganzen Bodybuilding.

Kann es denn überhaupt noch produktiv sein, wenn man immer nur danach strebt, besser zu werden?

Zunächst einmal ist nichts Negatives daran, wenn man die bestmögliche Person sein will. Nur geht es bei der Selbstoptimierung meistens ums oberflächliche Äußere, und es wäre eigentlich schön, wenn Leute sagen würden, sie wollen moralisch die bestmögliche Person sein.

Aber es gibt doch auch Leute, die versuchen, ein moralisch besserer Mensch zu werden?

Ich sehe auf jeden Fall mehr Leute, die ins Fitnessstudio gehen als Leute, die ins geistige Fitnessstudio gehen, um selber zu einem besseren Menschen zu werden.

Du postest viele Fotos von dir bei Instagram. Auch bei Selfies geht es um Selbstdarstellung – vor allem, wenn die noch mit Filtern ins rechte Licht gerückt werden. Inwiefern sind sich Rap und Instagram ähnlich?

Es ist beides ein Jahrmarkt der Eitelkeit. Viele Leute stellen sich zur Schau.

Was für eine Wirkung hat es auf die Realität, dass man stetig Fotos – also Abbildungen der Realität – optimiert?

Vielleicht sind manche Leute enttäuscht von dem, was #nofilter, also ohne Filter verschönert ist. Aber vieles, was man sieht, ist bearbeitet. Zum Beispiel Kinofilme. Also nichts Neues im Westen, würde ich sagen.

Also bist du nicht der Meinung, dass Instagram den Blick auf die Realität verfälscht?

Nö, überhaupt nicht. Ich würde sagen, dass es ein Fenster darstellt, von dem man sich vorstellen kann, dass es nicht die ganze Realität abbildet. Vielleicht sind sich manche Menschen nicht bewusst darüber, dass es noch andere Sachen neben diesem Fenster gibt. Aber verfälschen tut es auf keinen Fall. Bilder sind ja sehr ehrlich. Wenn man sie nicht bearbeitet, dann lügen sie nicht. Nur der Ausschnitt könnte etwas suggerieren, was nicht zur Gänze stimmt.

In „Die Füllung vom Kissen“ rappst du „Illusionen sind Drogen, für unsere Psyche gemacht“. Brauchen wir die Illusion?

Ich glaube schon, ja. Damit das Leben erträglicher wird. Wenn man sich jeden Tag nur die Gräuel vor Augen hält, die auf der ganzen Welt passieren, dann wäre es ja ein unerträgliches Leben.

Interview: Maike Brülls

Am 5. Februar erscheint „Im Westen nix Neues“, das neue Album von Prinz Pi.

Am 11. Februar stellt der Rapper es live im Capitol Hannover vor. Tickets gibt es für 29,99 Euro an allen HAZ-Ticketshops und auf tickets.haz.de.

Rapper und ihre Pseudonyme

Im letzten Jahr hat man nicht viel gehört von Prinz Pi. Friedrich Kautz war aber nicht untätig, er war nur als sein Pseudonym Prinz Porno unterwegs. Doch auch andere Rapper spielen gerne mit Pseudonymen und Alter Egos:

  • Marteria vs. Marsimoto: Wenn Marten Laciny gerade mal nicht als Marteria die Charts stürmt, ist er ein kleines grünes Männchen mit gepitchter Quäkestimme. Der Name Marsimoto ist eine Hommage an den US-Rapper Madlib, der auch unter dem Pseudonym Quasimoto Musik machte. Marterias Alter Ego befasst sich im Gegensatz zum Original vor allem mit dem Thema Drogen.
  • Samy Deluxe vs. Herr Sorge: Mit alternativen Namen kennt sich Samy Deluxe aus. Er hat gleich eine ganze Reihe davon: etwa Samsemilia, Wickeda MC oder The Big Baus of the Nauf. Allerdings beschreiben sie alle denselben Künstler. Nur Herr Sorge nicht: Zwei Jahre lang kehrte der Chart-
rapper dem Hip-Hop den Rücken, um in schrillen Kostümen auf der Bühne zu stehen. Unter dem Pseudonym machte er Popmusik mit Autotune-Stimme und Elektrobeats.
  • Bushido und Fler vs. Frank White und Sonny Black: Ursprünglich wurden Bushido und Fler ab 2002 durch ihre gemeinsame Albenreihe „Carlo Cokxxx Nutten“ bei Aggro Berlin bekannt. Allerdings trugen sie damals noch die Namen Sonny Black (Bushido) und Frank White (Fler). Zwar wurde die Reihe unter den Pseudonymen in den kommenden Jahren noch fortgesetzt – bekannt wurden sie aber schließlich als Bushido und Fler. 2014 benannte Bushido sein damals erschienenes Album als Hommage nach seinem früheren Pseudonym. Fler zog ein Jahr später nach und veröffentlichte gleich zwei Alben als Frank White.

jos

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