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Haltet mal den Ball flach!

Protzige Abi-Bälle Haltet mal den Ball flach!

Viel Protz, teure Kleider: Der Abi-Ball soll der schönste Tag der Schulzeit sein. 
Das macht ihn unpersönlich und verkrampft, findet ZiSH-Autorin Sarah Mussil.

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Quelle: iStock (Symbolbild)

Mit meinen Eltern im Schlepptau steige ich aus der U-Bahn und frage mich schon jetzt, wie ich den Abend auf meinen hohen Absätzen überleben soll. Von Weitem sehe ich die Schlange vor dem Gebäude, und wir reihen uns ein. Am Eingang steht ein Türsteher, der uns nach unserer Einladung fragt. Als wir schließlich den großen Saal mit lauter weißen Hussen und goldenen Schärpen über den Tischen und Stühlen betreten, erschlägt mich dieser Protz beinahe. Zum Weglaufen ist es jetzt aber eindeutig zu spät.

Mein Abi-Ball kam mir vor, als ob ich ihn durch einen Instagram-Filter betrachtete, der alles verschönert und die Wirklichkeit verzerrt. Jeder schien zwanghaft einen unvergesslichen Abend haben zu wollen und wirkte steif und aufgesetzt – als ob wir uns verstellen müssten, um einen schönen Abend zu haben.

Ein Mädchen aus meiner Parallelklasse, das sich nie schminkte, hatte heute roten Lippenstift aufgetragen und fuhr sich immer wieder nervös durch die Haare. Jungs, die sonst nur in zerrissenen Jeans und Bandshirts herumliefen, zuppelten an ihren Ärmeln und Krawatten. Meine Mitschüler wirkten verkleidet. Sie schienen sich inmitten dieses glitzernden und edel eingerichteten Saals genauso unwohl wie ich zu fühlen. Mich nervte die verkrampfte Stimmung, die einem der glamouröse Stil der Veranstaltung aufzwängte.

Ich suchte vergeblich nach Authentizität, nach den Menschen mit denen ich die letzten zwei Schuljahre verbracht hatte. Aber das Ganze wirkte wie der Versuch, es den amerikanischen Highschool-Filmen gleichzutun, in denen der Prom zum wichtigsten Abend der Schulzeit hochstilisiert wird – mit einem Grad von Perfektion, der in der Realität gar nicht möglich ist. Das baut nur unnötigen Druck auf.

Ich wollte von Anfang an einen weniger aufgebauschten Ball haben und meldete mich deshalb zu Beginn der 13. Klasse für das Abi-Komitee. Leider hatten meine Mitschülerinnen ganz andere Vorstellungen. Ich wollte eine kleine Location, sie wollten einen großen Saal. Ich fand ein selbst gemachtes Büfett schön, sie wollten ein Drei-Gänge-Menü. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf die Diskussionen und hielt mich raus. Der Ball sollte offenbar durch seine Protzigkeit in Erinnerung bleiben. Das sollte ihn zum schönsten Tag unserer Schulzeit machen – so ein Quatsch.

Ich habe in meinen 13 Jahren Schule viele schöne Tage erlebt.Meinen ersten Auftritt mit dem Darstellendes-Spiel-Kurs, Klassenfahrten oder einfach ganz alltägliche Situationen mit meinen Freunden. Zu spät kommen, weil man der Freundin noch einen Kaffee mitbringt, mitten im Unterricht einen Lachanfall kriegen oder in einer Freistunde spontan Eis essen gehen. Das sind die Situationen, die mir im Gedächtnis bleiben werden – nicht der Abi-Ball. Aber meine Mitschülerinnen wollten etwas „ganz Besonderes“ organisieren.

„Ganz besonders“ bedeutete vor allem ganz schön teuer. Die Karten kosteten am Ende 50 Euro. Allein für meine eigene Karte musste ich sechs Stunden arbeiten. Und was andere für Kleider, Schuhe, Frisur und Make-up ausgaben, ließ mich an der geistigen Verfassung vieler Mitschülerinnen zweifeln. Schon ein Dreivierteljahr vorher war der Abi-Ball im Komitee und im Jahrgang Gesprächsthema Nummer eins. Ständig hörte man vor allem die Mädels über Schuhe, Kleider, Haare und Make-up reden. Sätze wie „Ich habe mein Kleid schon im Internet bestellt, bevor alle weg sind“ oder „Mein Kleid kostet 150 Euro, aber der Abi-Ball ist ja auch nur einmal“ waren Bestandteil vieler Unterhaltungen. Die Jungs waren da eher meiner Meinung: Die meisten hatten keinen Bock, einen schmucken Anzug zu tragen und wären am liebsten einfach in Hemd und Hose gekommen.

Vielleicht war ich an meinem Abi-Ball nicht so wehmütig, weil ich diesen Abend als so unpersönlich empfand. Bier, Wein, Musik und eine kleine Location mit Garten hätten doch gereicht. Grillende Väter, quatschende Mütter und entspannte Lehrer, mit denen man anstößt. Denn dieses Gefühl von Vorfreude, Nostalgie und Zusammengehörigkeit, das man am Ende eines Lebensabschnitts spürt – das braucht keinen Protz, um perfekt zu sein.

Von Sarah Mussil

Das geht gar nicht

Sich mit der eingeschworenen Clique abkapseln: Die Leute, mit denen man tagtäglich auch nach der Schule herumhängt, verliert man meist sein ganzes Leben lang nicht aus den Augen. Statt also in den alten Grüppchen zu verweilen und sich in die hinterste Ecke zu verziehen, sollte man noch einmal mit dem ganzen Jahrgang feiern – und dieses besondere Gruppengefühl genießen.

Die Fotoecke blockieren: Ein Foto mit Mama, eins mit den besten Freundinnen, und eins mit der kompletten Verwandtschaft muss auch noch sein – klar ist es toll, ein hübsches Erinnerungsfoto zu haben. Doch den Fotografen dauerhaft in Beschlag zu nehmen, ist ungerecht. Die anderen wollen ja auch dran kommen.

Betrunken die Lehrer anpöbeln: Wenn nach zwei, drei Cocktails die Zunge etwas lockerer wird, fallen viele Hemmungen und so mancher würde seinem verhassten Mathelehrer gern noch einmal richtig die Meinung sagen. Doch Lehrer sind auch nur Menschen und wollen sich an diesem Abend von ihren Schülern verabschieden – und sicher kein Bild eines pöbelnden Schülers als letzte Erinnerung im Kopf haben.

In Tränen ausbrechen, weil jemand dasselbe Kleid trägt: Nach langem Suchen hatte man es endlich gefunden – das perfekte Kleid. Blöd nur, dass jemand anders scheinbar genau denselben Gedanken hatte. Deshalb den ganzen Abend mies gelaunt sein und „Wem steht es besser?“-Gedanken nachhängen? Das ändert nichts. Lieber ein Foto zusammen machen – und darüber lachen.

Über die Kleider der anderen lästern: Das Mädchen aus dem Chemiekurs trägt ein schwarzes 
Gothic-Outfit, und die roten Haare der Jahrgangsbesten passen nicht zur Kleidfarbe – aber beide strahlen über ihr ganzes Gesicht. Darüber hinter vorgehaltener Hand zu lästern, geht gar nicht. Schließlich haben sich die Mädchen viele Gedanken über ihre Kleiderwahl gemacht und wollen diesen Abend genießen – was jeder andere auch tun sollte.

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