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"Ich bin der Beste"

Samy Deluxe im Interview "Ich bin der Beste"

Am Mittwoch tritt Samy Deluxe im Capitol auf – jener Club, in dem er vor mehr als 20 Jahren mit seinem ersten Auftritt eine erfolgreiche Karriere begann. Im Interview erzählt der Rapper,
 warum er immer wieder mit Deutschland hadert – und sich gerne mal neu erfindet.

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Samy Deluxe (39) wurde in Hamburg geboren. Bekannt wurde er 1999, als er bei den Absoluten Beginnern auf deren Single „Füchse“ rappte. Seit mehr als 20 Jahren steht er inzwischen auf der Bühne und gehört mit über einer Million verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Rappern des Landes.

Quelle: Handout

ZiSH: Am 3. Mai kommst du nach Hannover – hier war ja auch dein erster Auftritt, 1995 beim Battle of the Year. Was sind denn deine persönlichen Erinnerungen an Hannover?

Samy Deluxe: Das war wirklich der erste Auftritt. Das war im Capitol. Und ja, das ist dementsprechend ’ne sehr krasse Erinnerung. Der erste Auftritt ist immer bei jedem was Besonderes, aber gerade bei mir hat er ja sehr viel losgetreten.

... unter anderem eine 20-jährige Karriere mit zahlreichen Hits und mehr als einer Million verkauften Tonträgern. Im Song „Haus am Mehr“ fragst du dich auf deinem aktuellen Album „Berühmte letzte Worte“, wie lange du als Rapper noch relevant sein kannst. Hast du auf diese Frage eine Antwort gefunden?

Nee – muss ich aber auch nicht wirklich. Ich werd’ die Zeichen der Zeit schon sehen. Wenn keiner mehr zu meinen Konzerten kommt und ich gar keine Platte mehr verkauf’, dann wird es wahrscheinlich Zeit, sich was anderes zu suchen. Aber bei mir sieht’s ja noch gut aus. Ich produziere viel, schreibe viel, mache ganz viele unterschiedliche Sachen und hab dadurch an allem Spaß.

Viele Rapper verschwinden nach einigen Jahren von der Bildfläche – wieso ist das bei dir anders?

Authentisch sein ist eine Sache, aber das kann jeder. Man braucht dazu noch ein entsprechendes Skill-Set. Je mehr du der Welt zu bieten hast, desto mehr wird die Welt auf dich zukommen. Wenn du eben nur über ein und dieselbe Sache rappst und jeder Beat klingt gleich und du hast immer die gleiche Tonlage, dann wirst du in deiner Welt hängen bleiben. Ich war schon immer auf der einen Seite sehr Rap-affin und technisch der Beste, der ich sein kann – und den es hier mit Abstand gibt –, auf der anderen Seite habe ich mich musikalisch immer weiterentwickelt. Mittlerweile habe ich halt echt mit Klassik-, Jazz-, Reggae- und Soulmusikern interagiert, weil mich jedes Genre als Musikliebhaber interessiert. Man kann mich vielseitig einsetzen, und dadurch kann ich halt viel Geld mit unterschiedlichen Dingen machen.

Wenn du nicht Musik machst, engagierst du dich auch sozial – unter anderem mit Deluxe Kidz, deinem Verein zur kulturellen Förderung von Kindern und Jugendlichen. Auch in deinen Songs sprichst du immer wieder politische Themen an. Dann wiederum sagst du, dass du bekennender Nichtwähler bist. Wie passt das zusammen?

Das ist für mich kein Widerspruch. Mit meinem Engagement kompensiere ich ja, dass ich der Gesellschaft nicht helfe, indem ich wähle und mich zwischen mehreren Übeln entscheide. Stattdessen mache ich Sachen, um selbst die Gesellschaft zu verbessern. Ich verlasse mich nicht darauf, dass irgendjemand, für den ich ein Kreuz aufs Papier mache, sich für meine Interessen einsetzt. Ich verlasse mich auf mich selbst, gebe mindestens 30 bis 40 Leuten Jobs, gebe Workshops an Schulen und mache so viele Sachen, die der Staat nicht macht.

Aber ist das denn wirklich die beste Lösung?

Bisher hab ich das nicht als wichtig empfunden, aber wenn ich jetzt die Extreme sehe, zum Beispiel in Amerika, wenn ich sehe, wie krass es doch werden kann, bringt mich das schon zum Nachdenken. Ich meine, das kann man sich in Deutschland irgendwie nicht vorstellen, dass so ein trumpesker Mensch Bundeskanzler wird, weil es ja doch ein intellektuelles Land ist im Gegensatz zu Amerika. Aber ich wollte mich dieses Jahr auf jeden Fall mehr mit dem politischen Diskurs in Deutschland auseinandersetzen vor den Wahlen. Aber es gibt hier leider keine ansprechenden Politiker. Ich guck’ mir eine Minute irgendwen an und schlaf’ dabei fast ein. Es gibt hier keine ehrliche Kommunikation zwischen Politikern und dem Volk.

Wenn jeder so denken würde, dann hätten wir hier aber ein Problem.

Ich bin mir bewusst, dass es einen Rechtsruck gibt, aber du kannst niemanden missionieren, der es nicht verstehen will. Für mich ist es eben auch Realität, dass ich hier aufgewachsen bin, und obwohl ich 100 Prozent deutsch bin von meiner Sozialisation, hab’ ich mich von Tag eins nie wirklich deutsch fühlen dürfen, weil Leute mich jedes Mal auf was anderes reduziert haben. Deshalb musste ich früh eine ganz andere Art entwickeln, mit meinem Verhältnis zu meinem Land umzugehen. Ich hab’s bisher auch nicht geschafft, dass meine Einstellung zu Deutschland mal auch nur ein Jahr lang konstant bleibt. Mal feier’ ich Deutschland ab, und manchmal verteufle ich dieses Land.

Wie sieht es denn im Moment aus? Vor einigen Jahren hast du ja noch gesungen, dieses Land habe Potenzial, ein buntes Land zu sein. War das naiv?

Naiv zu sein ist ja nichts Schlechtes als Künstler. Man kann ja ruhig mal naiv sein, vor allem wenn man, wie ich, sonst sehr zynisch und kritisch ist. Dann ist es auch mal nice, ein Plädoyer für die Hoffnung zu halten. Aber manchmal müssen schlimme Dinge passieren, damit auch die Masse realisiert, dass das, was los ist, auch für sie nicht gut ist. So wie jetzt in den USA, wo viele, die Trump gewählt haben, merken, dass er nicht nur auf die Minderheiten, sondern auch auf sie, die Wähler, einen Scheiß gibt. Das Problem ist doch, dass diese ganzen rechten Parteien das Land nicht besser machen wollen, die wollen mit irgendwelchen radikalen Methoden und gewagten Statements Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Politisch haben sie nichts drauf.

Am Mittwoch, 3. Mai, spielt Samy Deluxe ab 20 Uhr im Capitol, Schwarzer Bär 2. Karten gibt es im Vorverkauf noch an allen HAZ-Ticketshops. An der Abendkasse kostet der Eintritt 35 Euro.

Herr Sorge sagt, was 
Samy nicht sagen kann

Seit 2012 ist Samy Deluxe nicht nur als Rapper unterwegs: Mit Herr Sorge hat sich der 39-Jährige ein skurriles Alter Ego geschaffen, dass es ihm ermöglicht, ganz neue Dinge auszuprobieren. „Damals war das einfach wichtig für mich“, sagt Samy. „Die Musik kam so raus und war halt nicht Samy-Deluxe-Musik.“ Denn statt Raps über fette Beats singt er – als geschminkter Gaukler mit Zylinder, der wirkt, als sei er aus einem Tim-Burton-Film entsprungen. Er kombiniert Bläser- und Geigenarrangements und Beats mit Anleihen aus Dubstep. „Das ist halt eher meine hochkulturelle Seite“, sagt Samy, für den das Projekt noch nicht beendet ist.

„Ich mach auch ein neues Album als Herr Sorge – nicht dieses und wahrscheinlich auch nicht nächstes Jahr, aber es wird kommen.“ Dann können sich Fans wieder auf „fröhliche Weltuntergangsmusik“ freuen, in der Samy ironisch von individuellem und kollektivem Weltschmerz singt.

Interview: Lisa Malecha

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