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Warum wir heute noch Vinyl sammeln

Record Store Day 2016 Warum wir heute noch Vinyl sammeln

Am Sonnabend ist Record Store Day – in ausgewählten Plattenläden gibt es dann Sonderpressungen und Neuauflagen. 
Aber warum sollte man heute eigentlich noch LP hören? Drei Sammler berichten von ihrer Vinyl-Leidenschaft.

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Sie sammeln aus Leidenschaft zur lebendigen Musik: Plattenladenbesitzer Sven Jürgens (v.l.), Felix Sievers vom Campusradio Ernst FM und André Roegglen alias DJ Lunatic.

Quelle: Kutter/Franson/Röhrbein

Hannover. Vinyl ist im Kommen, immer noch: 677.000 LPs wurden in Deutschland bis Ende März verkauft, vor einem Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt erst 508.000 Schallplatten. Immer mehr jungen Sammlern reicht es nicht mehr, einen Song in der Spotify-Playlist zu haben, sie wollen ihn auch fühlen, riechen, besitzen. Kurz: Sie wollen ihn auf Platte haben. Auch, damit die Lieblingsbands mehr Geld bekommen, als die mickrigen Cent-Bruchteile, die pro Stream ausgeschüttet werden.

Doch Vinyl war nicht immer so hip: Plattenläden wie Powerhouse, Blue Note, Musicland, Tonvermittlung, Mint Music und zuletzt Hot Shot Records haben in Hannover geschlossen – auch, weil viele Musik lieber im Internet bestellten oder herunterluden, als dafür in einen Laden zu gehen. Um den verbliebenen Geschäften unter die Arme zu greifen, gibt es an jedem dritten Sonnabend im April den Record Store Day: Mit limitierten Sondereditionen und Vinyl-Neuauflagen sollen auch diejenigen in die teilnehmenden Plattenläden gelockt werden, die dort sonst nicht hingehen.

Eigentlich eine gute Idee. Doch vielen Vinyl-Fans geht es gegen den Strich, dass manche anderen die Sammlerstücke umgehend bei Ebay einstellen – zu horrenden Preisen. Auch die Gier mancher Label scheint kaum Grenzen zu kennen, die Preise sind – auch für Kleinauflagen – bisweilen extrem hoch. Und man kann trefflich darüber streiten, ob man die wenigen Presswerke vor dem Record Store Day wirklich mit Zwölf-Inch-Platten von Justin Bieber blockieren muss. Spannend ist das Stöbern am Sonnabend dennoch. Wem das Gedränge zu blöd ist, der kann ab Montag ja auch schauen, welche Schätze liegen geblieben sind. Ganz entspannt.

Von Karsten Röhrbein (Mitarbeit: jos/che)

Das ist der RSD

Seit 2007 gibt es den Record 
Store Day (RSD). Was in den USA begann, um kleine, unabhängige Plattenläden zu unterstützen, ist heute ein globaler Vinyl-Festtag: Am Sonnabend, 
16. April, gibt es vielerorts exklusive Sonderpressungen zu kaufen, viele Plattenläden organisieren aber auch Konzerte. In Deutschland nehmen diesmal knapp 230 Läden teil, in Hannover ist aber nur 25music an der Lister Meile dabei. Ab 10 Uhr geht’s los. Wer Platten sammelt, sollte also früh aufstehen. Um 14 Uhr spielen außerdem die Ducs Grunge und Skate-Rock.

ceh

15.000 Platten und eine CD

Die erste LP ist unverkäuflich: Sven Jürgens betreibt Monster Records seit 2012.

Quelle: Kutter

Als es seiner Frau zu viel wurde mit den Platten, traf Sven Jürgens eine folgenschwere Entscheidung: 15.000 Vinyl-Alben stapelten sich vor vier Jahren in der gemeinsamen Wohnung, sogar im Bad hatte der Krankenpfleger einen Teil seiner Sammlung untergebracht. „Ich wollte alles haben“, erinnert sich der 46-Jährige, der Flanellhemd, Vans und Trucker-Cap trägt. Also machte er sich auf die Suche nach einem Lagerraum – und entdeckte einen leer stehenden Laden an der Oelzenstraße. „Da dachte ich: Warum denn nicht gleich einen Plattenladen aufmachen?“

12.000 seiner Platten bildeten den Grundstock für Monster Records, wo Jürgens von Donnerstag bis Sonnabend hinter dem Tresen steht. Bei ihm gibt es Indie-, Punk- und Hardcore-Alben und auch eine Hip-Hop-Ecke. Seine erste LP ist unverkäuflich: „Hateful of Hollow“ von The Smiths kaufte er sich 1984 für 20 Mark in Celle, nachdem er im dritten Programm einen Konzertmitschnitt der Briten gesehen hatte. „Woher sollte man auch sonst erfahren, was cool ist“, sagt Jürgens, „Internet gab es ja noch nicht.“ Es folgten Joy-Division- und NDW-Alben, über die Dead Kennedys und Black Flag entdeckte er die US-Punk- und -Hardcore-Szene. Dass er die Alben nicht mehr zu Hause hat, ist für den Nebenberufs-Plattenladenboss kein Problem. „Der Laden ist wie eine Bibliothek.“ Neulich hat er versucht, seine einzige CD zu hören. „Seventeen Seconds“ von The Cure hatte er sich 1983 zur Konfirmation mit der Kompaktanlage gekauft. „Aber das ging nicht mehr, die ist ständig gesprungen“, sagt Jürgens. „CD, das ist doch Quatsch!“

Von Karsten Röhrbein

Von Rap zu Disco

DJ mit Sammel­leidenschaft: Andrés eigene Platte gibt es ab Sonnabend bei 25music.

Quelle: Röhrbein

Seine erste Platte kaufte sich André 
Roegglen 1988 mit elf Jahren – und bis heute sind Tausende weitere zu Paula Abduls „Straight Up“ hinzugekommen. Rund 5000 Scheiben stehen im Wohnzimmer des Stadt-Mitarbeiters, säuberlich nach Format und Genres sortiert. Ein CD-Player sei damals ja unbezahlbar gewesen, erinnert sich der 39-Jährige. Erst nach der Konfirmation kaufte sich der Hip-Hop-Fan die lang ersehnte CD-Kompaktanlage. Doch als ihm ein Kumpel nach dem Skaten in Langenhagen zeigte, wie man mit zwei Plattenspielern Run DMC und Reggae ineinandermischen kann, waren CDs auf einen Schlag egal: „Ich habe am nächsten Tag in der Schule allen mein erstes Mixtape vorgespielt“, sagt Roegglen.

Es blieb nicht nur bei Mixtapes: Vom Geld, das ihm seine Oma für den Führerschein gab („Den habe ich bis heute nicht gemacht“), kaufte er sich zwei Technics-1210-Plattenspieler und übte. Als DJ Lunatic legte er auf Mensa-Partys in der Nordstadt auf, bei „Linden Love“ in der Faust – und bald in ganz Deutschland. Seine Reisen plant er nach Plattenläden, er stöberte in New York nach seltenen Disco-Platten, nahm aus Bangkok obskure thailändische Soul-Alben mit. Selbst in einer Secondhand-Scheune in Wittmund fand er – nach fünfstündiger Suche – eine Rarität: „The Music Got Me“ von Visual.

 

Weil er es leid war, so viele schwere Platten zu schleppen, legte er fünf Jahre lang mit dem Laptop auf, mit digitalen Turntables kann man schließlich auch scratchen. Spaß machte das auf Dauer aber nicht. „Ich muss eine Beziehung zur Musik aufbauen“, sagt Roegglen. „Wenn ich eine meiner Platten ansehe, weiß ich sofort, wie der zweite Song auf der B-Seite klingt.“ Im Lux und im Bronco’s, wo DJ Lunatic regelmäßig Disco, Funk, Soul und manchmal auch Hip-Hop spielt, legt er nur noch Vinyl auf. Seit Kurzem ist auch seine eigene Platte dabei: Zwei von ihm überarbeitete Songs, darunter der Rap-Klassiker „Poppa Large“ von den Ultramagnetic MCs, hat er in 300er-Auflage pressen lassen. Im kleinen Sieben-Inch-Format. So wie seine erste Platte von 1988.

Von Karsten Röhrbein

Wo Iggy Pop neben Eminem thront

Mit Rock fing es an: Felix hat inzwischen rund 500 Platten.

Quelle: Franson

Wenn Felix Sievers über seine Platten redet, spricht er immer wieder von „Gesamtkunstwerk“ und „bewusstem Hören“. Der 25-jährige Medienmanagement-Student sammelt Vinyl seit 15 Jahren: Damals vermachte ihm sein Vater einen Stapel alter Rockalben samt Plattenspieler. Auch deshalb steht über seiner Couch neben Alben vom Wu-Tang-Clan und Michael Jackson vermutlich auch noch eins von Punk-Veteran Iggy Pop. Daneben thront ein weiterer seiner Lieblinge: die „Marshall Mathers LP“ von Eminem. „Das war eine meiner ersten selbst gekauften Platten. Damals habe ich vor allem Hip-Hop gehört.“

Mittlerweile ist Felix’ Geschmack breit gefächert. Seine Sammlung umfasst etwa 500 Platten und füllt die Hälfte der Expedit-Regale seines gemütlichen WG-Zimmers. Singles befinden sich kaum darunter. Es sind fast ausschließlich ganze Alben. Gesamtkunstwerke eben.

Am liebsten hört er sie auf seinem schwarzen Ledersofa, während er sich das Booklet durchliest. Genauso entspannend ist für ihn das Shoppen im Plattenladen. „Da kann ich abschalten und mich durch die Kisten wühlen.“ Am liebsten tut er das in Hannover bei 
25music und Monster Records. „Wenn ich in den Laden gehe, nehme ich mir meistens vor, eine bestimmte Platte zu kaufen, und komme dann mit zwei anderen wieder raus.“

Neben seinem Studium ist Felix für die Sendung „Beatbrauhaus“ beim Campusradio Ernst FM verantwortlich. Dort führt er Interviews mit Musikern und legt Hip-Hop auf. Das allerdings digital – für Vinyl fehlt die nötige Technik.

Von Joss Doebler

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