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Ein Jahr Freiheit

Work and Travel Ein Jahr Freiheit

Nach dem Abi nach Australien gehen, das klingt nach grenzenloser 
 Freiheit. Aber gute Jobs sind dort rar – weil es so viele Backpacker gibt. 
Warum sich der Trip dennoch lohnt, berichtet ZiSH-Autorin Clara Hellner.

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Mit einem schrottigen Toyota erkundete Clara Australien.

Quelle: Hellner

Fünf Uhr morgens in der australischen Pampa: Unser alter Toyota wird langsamer und langsamer. Schließlich bleibt er ganz liegen. Als wir aus dem Auto steigen, ist es zappenduster. Wir frieren. Australische Nächte sind kalt. Aus der Motorhaube dampft irgendetwas. Und es stinkt. Zwei Stunden füllen wir planlos und verzweifelt Kühlwasser und Öl nach. Nur einen Monat zuvor hatte ich mir noch eingebildet, ich müsste keine Ahnung von Autos haben, wenn ich durch Australien reise. Es war nicht die einzige Illusion, die sich „Down Under“ als falsch rausstellte.

Ein halbes Jahr nach dem Abitur war ich zusammen mit drei Freunden von zu Hause in Australien gelandet. Wir wollten einfach erst mal raus aus Deutschland: was von der Welt sehen, ehe es ins Studentenleben geht.
Australien, da denken die meisten wohl an Kängurus, Koalas, endloses Outback, Traumstrände und entspannte Surfer. Mir waren andere Dinge wichtiger. Ich mochte die Vorstellung, alle paar Tage woanders zu sein und ständig neue Leute zu treffen. Eine Art von Freiheit, wie man sie zu Hause nicht hat. Doch diese Freiheit schwindet mit dem Geld auf der Kreditkarte. Dafür verstärkt sich täglich das mulmige Gefühl, irgendwann ohne Geld dazustehen. Anfangs gingen wir die Jobsuche noch entspannt an. Vielleicht zu entspannt.

Denn jedes Jahr kommen mehr als 200 000 arbeitswillige Backpacker nach Australien. Wenn nicht gerade die Erntesaison ansteht, ist es nicht leicht, überhaupt einen lohnenden Job zu finden. Nach drei Wochen Jobsuche und unzähligen Bewerbungsmails landeten meine Freunde und ich auf einer Zwiebelfarm. Um uns herum nur endlose Öde und ein paar Rinder. Für zehn Stunden Zwiebeln ausbuddeln in praller Sonne bekamen wir magere 15 Euro am Tag. Damit konnten wir nicht einmal den Campingplatz bezahlen, auf dem wir uns den Rest der Zeit mit den anderen Farmarbeitern langweilten. Es war der erste und letzte Tag, den wir auf der Farm ackerten.

Außerdem war es einer der letzten Abende, den wir als Gruppe verbrachten. In unserem ersten Monat löste sich unser Plan, Australien komplett zusammen zu erleben, nach und nach auf: Der Eine wollte nach Sydney – und fand dort sofort Arbeit. Zwei von uns entschieden sich, weiter nach Jobs auf Farmen zu suchen. Ich hatte erst einmal genug von der Ostküste, an der es nur so von klischeehaften Party-Backpackern, Pseudo-Hippies und kommerzialisierten Touri-Orten wimmelt. Mit dem Flugzeug reiste ich auf die Insel Tasmanien im Süden Australiens. Der Toyota blieb bei meinen beiden Freunden auf der Farm.

"Ich wurde immer besser darin, die Dinge selbst zu organisieren"

Als ich kurz nach unserer Trennung einen Job auf einem tasmanischen Fischerboot fand, wusste ich schnell, dass es die richtige Entscheidung war, alleine loszugehen – auch wenn es ungewohnt war. Die drei Wochen auf dem Fischerboot hätten nicht weiter weg sein können vom Leben zwischen Farmen und den immergleichen Hostels. Geld bekam ich zwar keins, dafür gab es für unsere Bootsbesatzung jeden Tag einsame Inseln, Sonnenuntergänge und morgens Delfine am Bug. Wir waren abgeschnitten von der Außenwelt, aber gerade deshalb war die Zeit auf dem Boot einmalig.

Kurz vor Weihnachten ging es trotzdem zurück aufs Festland. Ohne meine Freunde war ich dazu gezwungen, fremde Menschen kennenzulernen. Im Hostel freundete ich mich schnell mit Backpackern aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden an. Mit denen saß ich auch Heiligabend am improvisierten Weihnachtsbaum zusammen: einem Ventilator mit Lametta dran.
Solche Erlebnisse gaben mir Selbstbewusstsein und Gelassenheit: Ich wurde immer besser darin, die Dinge selbst zu organisieren. Und das wurde für mich zu einer der wichtigsten Erfahrungen meiner Reise: Auch, wenn es mal richtig blöd läuft – irgendeine Lösung ergibt sich immer. Selbst das schrottige Auto und die Plackerei auf der Zwiebelfarm wurden so zu Geschichten, aus denen ich gelernt habe.

Nach Weihnachten traf ich mich wieder mit meiner alten Reisetruppe, dieses Mal auf einer Blaubeerfarm. Jeder hatte seine eigenen Geschichten erlebt, neue Leute kennengelernt und Australien auf seine eigene Art gesehen. Alle waren zufrieden. Das machte es schöner und vor allem entspannter, mal wieder zusammen unterwegs zu sein. Auch wenn man nicht immer nur gute Erfahrungen macht: Unterwegs lernt man, mit Schwierigkeiten umzugehen.

Auf keinen Fall hätte ich meinen etwas chaotischen Trip gegen eine geplante Tour tauschen wollen. Denn am Ende sind es die positiven Erlebnisse, die in Erinnerung bleiben, nicht die wenigen negativen. Es lohnt sich, sich zu trauen, ohne Plan loszuziehen und sich auch mal treiben zu lassen. Wer dafür noch ein Auto braucht: Unser klappriger Toyota steht immer noch in der Nähe von Sydney rum. Für wenig Geld ist er zu haben.

Clara Hellner

Tops und Flops: Das musst du in Australien gemacht haben - oder auch nicht.

Tops

Schwimmen am Wasserfall
Australien ist voll von Wasserfällen, die man als Pool benutzen kann – solange kein Schild davor warnt, dass dort Krokodile leben.

Festival mitnehmen
Australische Festivals sind fast noch besser als deutsche. Das Wetter ist perfekt und man bekommt ein Stück vom echten Australien mit. Gerade um Melbourne und Sydney gibt es viele lohnenswerte Elektro-Festivals wie das „Strawberry Fields“. Die sind zwar etwas teurer, es lohnt sich aber.

Zelten in den 
Nationalparks
Vielleicht bekommt man nicht den besten Schlaf, wenn man in den Nationalparks zeltet. Ständig wacht man vom Meeresrauschen und der harten Isomatte auf. Belohnt wird man aber reichlich: mit Frühstück am Strand und dem Gefühl, richtig gespart zu haben.

Flops

Jede Tour 
mitmachen
Geführte Touren kann man in Australien überall buchen. Manchmal lohnt sich das, auf die Dauer ist es aber viel zu teuer. Und langweilig. Mit einem Road Trip auf eigene Faust kann keine Bustour mithalten.

Mit einer Organisation losziehen
Wenn man in Australien landet, muss man sich erst mal um Konto, Steuernummer und Handykarte kümmern. Von allen möglichen Problemen sind das aber die kleinsten – dafür braucht man keine Work-and-Travel-Organisation. Und auch bei der Jobsuche ist das Internet mindestens genauso hilfreich.

In den Städten bleiben
Australische Städte sind nicht viel anders als europäische. Es lohnt sich also mehr, seine Zeit zwischen Regenwald, Outback und Küste aufzuteilen.

Clara Hellner

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