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Du wirst die Schule noch vermissen! Oder nicht?

Rückblick auf die Schulzeit Du wirst die Schule noch vermissen! Oder nicht?

Klassenfahrten, viele Freunde, lange Ferien: Die Schulzeit gilt im Rückblick oft als die schönste Zeit des Lebens. Aber zwischen Klassenarbeiten und Hausaufgaben fällt es schwer, das zu glauben. Zwei ZiSH-Autoren berichten.     

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Was einen in der Schulzeit noch genervt hat, ist später schnell vergessen.

Quelle: Schaarschmidt

Warum ich die Schule nicht vermissen werde: Raus aus dem Klassenzimmer

Natürlich hat niemand die Lektüre gelesen, über die wir heute sprechen wollten. Und das Geld für die Theatervorführung hat auch nur die Hälfte mit. Dann tritt noch jemand gegen meine Lehne. Ich bin jetzt fast so genervt wie meine Lehrerin, die gerade ihre komplette Stunde umplant.

Spätestens seit Beginn der Oberstufe ist die Schule für mich wie ein Gefängnis. Eine Strafe, die ich Tag für Tag hinter eisernen Klassenzimmertüren absitzen muss. Jede einzelne Stunde fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Dabei trennt mich nur ein knappes Jahr vom Abitur. Dann gehören Klassenbucheinträge und der lästige Matheunterricht endlich der Vergangenheit an. Dann kann ich studieren, was mich interessiert und eigene Entscheidungen treffen. Dann sitze ich neben Leuten, die sich genauso wie ich für das Fach interessieren.

In der Schule ist jede Klasse, jeder Kurs, zufällig zusammengewürfelt – trotz unterschiedlicher Stärken und Interessen sind wir dazu verdammt, miteinander auszuharren.
Um möglichen Konflikten aus dem Weg zu gehen, versuchte ich früher, mich mit allen gut zu stellen. Heute frage ich mich: Wozu? In wenigen Monaten werden alle ihren eigenen Weg gehen. Die Schulfreundschaften, die bleiben, kann ich an einer Hand abzählen. In der Uni glaube ich, keine zweckmäßigen Freundschaften mehr schließen zu müssen. Unliebsamen Kommilitonen kann ich in großen Vorlesungsräumen besser aus dem Weg gehen als im überfüllten Klassenzimmer.

Mit Freunden möchte ich nicht nur über belangloses Zeug sprechen, sondern auch über Politik diskutieren können. Das geht gerade weder mit meinen Schulfreunden noch im Unterricht – wenn niemand den Text liest, kann schließlich auch nicht diskutiert werden.

Während ich mich nach der studentischen Freiheit sehne, stecken einige meiner Freunde gerade mittendrin: Sie feiern Partys und haben eine eigene Wohnung. Manchmal fluchen sie über den liegen gebliebenen Abwasch – ich möchte mich auch endlich über die Geschirrtürme meiner Mitbewohner ärgern können! Das gehört mindestens genauso dazu, wie mit knappem Bafög zu haushalten.

Aber zugegeben: Der Gedanke, sich von einem geregelten Schulalltag und den elterlichen vier Wänden verabschieden zu müssen, ist etwas beängstigend. Trotzdem bin ich mir gerade sicher, dass ich nie wehmütig auf die schier endlose Zeit im Klassenzimmer zurückzuschauen werde.

Lea Stratmann     

Warum ich die Schule vermisse: Unerwartete Wehmut

Freitag, neunte Stunde, ich sitze im stickigen Klassenzimmer. Vor der Tafel meine Bio-Lehrerin, die sich bemüht, uns Fotosynthese-Formeln einzubläuen. Noch wenige Wochen bis zum Abitur. Ich bin so gestresst und ausgelaugt, dass ich das Gefühl habe, mein Leben bestünde nur noch aus der Schule.

Mein großer Bruder, der schon studiert, sagt in diesen Momenten mit einem überlegenen Grinsen zu mir: „Glaub mir, eines Tages wird dir die Schule fehlen. Eigentlich war es die beste Zeit überhaupt.“ Jedes Mal widerspreche ich ihm vehement. 
Nun bin ich seit einigen Monaten raus aus der Schule. Wie viele Abiturienten versuche auch ich seitdem, mich selbst zu finden. Für mich heißt das: ein Jahr voller Praktika. Ich will Lebenserfahrung sammeln und erwachsen werden.

Denn nach dem Abi fühle ich mich plötzlich wieder ganz schön klein. Das war wohl die erste bittere Erkenntnis, die sich bei mir einstellte: Auf einmal fehlt diese Sicherheit, die Routine. 13 Jahre lang wusste ich, was am nächsten Morgen ansteht. Und nun habe ich plötzlich die Macht, mit einer einzigen Entscheidung mein ganzes Leben umzukrempeln. Morgen könnte ich nach Timbuktu fahren, um dort Ziegen zu züchten und kein Geschichtsunterricht stünde mir im Weg. Irgendwie ist das cool. Komfortabler war es aber, als die schwierigste Entscheidung war, ob ich die Mathe-Hausaufgabe nun doch noch mache.

Und so erwische ich mich, nachdem ich in den ersten Monaten nach dem Abi natürlich nur gefeiert habe, bei ersten wehmütigen Gedanken. Obwohl ich mit vielen Klassenkameraden nichts zu tun hatte, wüsste ich gerne, was der Nerd aus der ersten Reihe jetzt treibt. Wird er wirklich Physiker? Ach, und hatte er nicht auf der einen Klassenfahrt mal sein Portemonnaie verloren? Das war eine Aufregung. 
Hach ja, Klassenfahrten. Jedes Jahr bin ich mindestens einmal mit der Schule ins Ausland gereist, gezahlt haben meine Eltern. So einfach und günstig reise ich nie wieder. Und in keinem Urlaub werde ich mich je wieder heimlich mit lauter jungen Leuten in einem Pub in Prag betrinken und zusammen „Because maybe you’re gonna be the one that saves me, and after all, you’re my wonderwall“ grölen.

Dieses Wir-Gefühl, das bei gemeinsamen Regelverstößen oder Lehrer-Lästerrunden entstand, vermisse ich. Wenn ich dann auch noch von studierenden Freunden höre, dass man in der Uni für jede Klausur so viel lernt wie für das gesamte Abitur, oder dass Kommilitonen nicht automatisch zu Freunden werden, muss ich zugeben: Große Brüder haben doch meistens recht.

Wentje Lübbing    

Das kommt nach der Schule nie wieder

  • Klassenfahrt: Gummibärchen, Steckdosenleiste und Juckpulver eingepackt, und ab geht’s auf Klassenfahrt – heißt es nach der Schule leider nie wieder. Stundenlange Busfahrten, die meistens mitten im Nirgendwo an der Küste oder im Harz enden, nerven. Genauso wie die ewigen Dramen um die Zimmeraufteilung. Das alles ist aber schnell vergessen, wenn das erste Stockbrot am Lagerfeuer gegessen wird und das erste Pärchen sich bei der obligatorischen Nachtwanderung gefunden hat. So viele Hormone auf einem Haufen wie während einer Klassenfahrt kommen nie wieder in einem Vierbettzimmer zusammen.
  • Blaue Briefe: Es war nie ganz klar, wovor die Angst größer war: Vielleicht die Klasse wiederholen zu müssen – oder ganz sicher eine Standpauke von den Eltern zu kassieren. Nach der Schule sind blaue Briefe nie wieder Thema. Allerdings wollen Mama und Papa jetzt über die überschrittene Regelstudienzeit diskutieren.
  • Ferien: „Und du hast jetzt schon wieder drei Monate frei?“ Diese Frage wird jedes Jahr mindestens einmal beim Sonntagsessen mit der Familie gestellt – und die Antwort lautet: Nein. Klar, drei Monate Semesterferien sind lang, aber auch vollgestopft mit Hausarbeiten, Klausuren und Praktika. In den Schulferien ist das anders: Jeden Tag mit den Freunden rumhängen, schwimmen gehen und die freie Zeit genießen. Da muss höchstens mal ein Buch für den Unterricht gelesen werden – und das geht ja auch am Strand. Zwölf Wochen Entspannung im Jahr: Das gibt es nur in der Schule.
  • Film gucken: Die Noten sind vergeben, die Schüler sehnen die Sommerferien herbei und auch die Lehrer können es nicht erwarten, die Schultasche in die Ecke zu schmeißen: Das ist die Zeit der Filmkassetten und uralten Videorekorder. Doch auch sie endet nach der Schule. In der Uni ist dagegen auch noch kurz vor der vorlesungsfreien Zeit büffeln angesagt: Denn die Prüfungen und Hausarbeiten stehen oft erst nach Vorlesungsende an.
  • Große Pause: Für viele Schüler ist die große Pause das Highlight des Schulalltags. Denn hier werden nicht nur Pokémonkarten getauscht oder das Pausenbrot verschlungen. Am festen Cliquen-Treffpunkt wird auch der neueste Klatsch ausgetauscht – oder schnell noch die Hausaufgabe der nächsten Stunde.
  • Tafeldienst: Das klebrige Puder haftet an den Händen und der muffige Geruch begleitet einen den restlichen Tag – das nimmt mit der Schule jedoch ein Ende, denn in der Uni müssen die Dozenten, wenn es überhaupt noch Tafeln gibt, selbst den nassen Schwamm in die Hand nehmen. Ihr Gefluche über das Gekritzel ihres Vorgängers im Hörsaal ist dabei wesentlich amüsanter, als den Schwamm selbst in der Hand zu halten.

Texte: Anna Beckmann, Katharina Kunert, Elena Everding, Johanna Kruse

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