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„Kneipen gehören zum Leben dazu“

Isolation Berlin im Interview „Kneipen gehören zum Leben dazu“

Isolation Berlin ist eine der aufregendsten Indie-Rock-Bands des Landes. Am Sonntag kommen sie nach Hannover. Im Interview hat uns Sänger Tobias Bamborschke verraten, wie aus SMS Songs entstehen – und warum er Techno nervig findet.

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„Ich habe mich als trauriger Mensch nicht akzeptiert gefühlt“, sagt Sänger Tobias Bamborschke (2. v. l.) über die schwerste Zeit seines Lebens. Zusammen mit Gitarrist Max Bauer (v. l.), Schlagzeuger Simeon Cöster und Bassist David Specht bildet er die gefeierte Band Isolation Berlin.

Quelle: Noel Richter

Hannover. Die Musiker der Band Isolation Berlin sind gerade mal Mitte 20 und haben sich schon in wenigen Wochen zu den Lieblingen der Indie-Szene geschrammelt. Im „Musikexpress“ war ihr Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ sogar Album des Monats: mit sechs von sechs Sternen. Beim Echo wurden sie für den Kritikerpreis nominiert. Ein Interview mit dem Sänger einer der aufregendsten Indie-Rock-Bands des Landes.

ZiSH: Tobias, ihr geht jetzt auf Clubtour durch Deutschland. Trotzdem: Du selbst scheinst nicht gerne in Clubs zu gehen. Dem Online-Magazin „Kaput Mag“ hast du in einem Interview gesagt, dass du Techno zum Kotzen findest. Was gefällt dir daran nicht?

Tobias: Ich weiß nicht, ob sich Leute auch zu Hause Techno anhören, aber ich nehme es eher als Mittel zum Tanzen wahr. Und ich tanze einfach nicht gerne zu Techno.

Verlosung

Am Sonntag, 3. April, spielen Isolation Berlin im Mephisto, Zur Bettfedernfabrik 3. Los geht’s um 20 Uhr, der Eintritt kostet 14 Euro. ZiSH verlost unter www.facebook.com/ZishHAZ dreimal zwei Karten.

In vielen Clubs kann man es heutzutage nicht mehr aushalten, wenn man mit elektronischer Musik nichts anfangen kann. Du bist jetzt 27, gehst du gar nicht auf Partys?

Sehr selten. Ich bin schon manchmal in Clubs gegangen, in denen elektronische Musik lief, aber ich fand es immer schrecklich. Das hat mich total runtergezogen. Diese Musik ist einfach so nervig, mich macht das nur nervös. Dazu kommt, dass sich die meisten Menschen in den Clubs gar nicht wahrnehmen. Das ist eher ein Abarbeiten und Ausschwitzen der Drogen, ein Drogen-Work-out quasi.

Tanzt du denn zu anderer Musik?

Früher gab es Indie-Rock-Clubs, die waren vor einigen Jahren ziemlich beliebt in Berlin. Da liefen dann zwischendurch auch Songs, die ich gut fand. Wenn mir ein Song gefällt, tanze ich schon gerne. Aber bei jedem zehnten Song auf die Tanzfläche zu gehen und dann wieder wegzurennen ist unbefriedigend.

Du bist also wenig niveauflexibel, was Musik angeht ...

Ja, zu Songs, die mir nicht gefallen, kann ich nicht tanzen.

Man sagt über euch, dass ihr in Kneipen zu Hause seid, davon handeln auch viele eurer Songs. Was magst du an Kneipen?

Kneipen gehören zum Leben einfach dazu. Die Kneipe ist ein Ort, wo man hingeht, wenn es einem schlecht geht.

Wieso?

Weil man sich da betrinkt. (lacht) Man will nicht allein sein, aber gleichzeitig auch nicht tanzen. In Kneipen muss man nicht reden, man kann sich einfach hinsetzen und ist nicht alleine zu Hause. Außerdem ist es dunkel – man kann sich gut verstecken in Kneipen.

Im schwermütigen „Schlachtensee“ singst du über eine alte Frau, die jeden Morgen die Kneipe hinter dir zuschließt. Magst du erzählen, wie der Song entstanden ist?

Es war einfach unheimlich schwer aufzustehen, und dann habe ich geschrieben: „Es ist so schwer aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß, wofür.“ Das war die Zeit, in der irgendwie alles in meinem Leben zusammengestürzt ist. Als ich mich dann noch von meiner Freundin getrennt habe, hatte ich nichts mehr, woran ich noch glauben konnte. Ich bin immer bis ewig im Bett geblieben und habe mich furchtbar schrecklich gefühlt. Als der Song entstanden ist, bin ich nachmittags aufgestanden und zum Schlachtensee gefahren, einem großen See im Südwesten Berlins. Meine Großeltern haben da lange gewohnt, deshalb ist das eine Kindheitserinnerung für mich. Ich fahre oft zu Orten, die ich aus der Kindheit kenne, weil es mir als Kind am besten ging. Da hatte ich noch Träume. Bei „Schlachtensee“ habe ich tatsächlich einfach aufgeschrieben, was ich erlebt habe.

Läuft das oft so?

Viele Songs entstehen auch aus SMS.

Du schreibst noch SMS?

Ja, ich habe kein Smartphone und schreibe deshalb viel SMS. Daraus entstehen immer wieder Songs. „Der Garten meiner Seele“ ist aus einer SMS an eine Freundin entstanden. Oft ist das nur eine Zeile, an der ich dann weiterschreibe. Bei „In manchen Nächten“, der ersten Single vom Album, und „Ich wünschte, ich könnte“ lief es auch so.

Isolation Berlin: Musik machen gegen Depressionen

Nach Abbruch seiner Schauspielausbildung 2010 bewegte sich Sänger Tobias Bamborschke nah am Abgrund. Parallel zur Trennung von seiner Freundin kappte er alle weiteren sozialen Kontakte. Allein in der Großstadt, ziel- und planlos, schlitterte er direkt in die Depression.

Eine gemeinsame Freundin stellte Tobias Gitarrist Max vor. Die beiden machen seitdem gemeinsam Musik, gründeten 2012 schließlich Isolation Berlin. Schleichend ging es wieder bergauf.

Die düsteren Gedanken sind aber immer noch präsent wie ein großer Brandfleck im Bandbewusstsein. Im Februar veröffentlichte die Band gleich zwei Alben: „Berliner Schule/Prototyp“ mit ihren alten Songs und das Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“. Trostlosigkeit durchströmt die meisten Songs, die mal hysterisch-laut („Wahn“), dann nach einer Menge Trübsal klingen („Schlachtensee“). Der Sound bleibt reduziert auf bockige Gitarren und einen voranschreitenden Bass. Dazu scheppert kalt das Schlagzeug, stellenweise dudelt auch mal eine Orgel.

So entfalten die pathetischen Texte ihre Wirkung – intensiv und theatralisch. Tobias singt sie mit voller Ernsthaftigkeit und ein bisschen Trotz. Das Ergebnis ist der schönstmögliche Komposthaufen: roh, dampfend und ackernd. Altes wird zersetzt, neue Energie freigesetzt. Ihre Livesets basteln sich Isolation Berlin oft spontan selbst zusammen, je nach aktueller Stimmung.

ley

Ist denn ein Smartphone geplant?

Nein, ich habe mir gerade ein neues Handy gekauft, weil bei meinem alten der Akku kaputt war: so ein Opa-Handy mit fetten Tasten und einem Notrufknopf. Das sind fast die einzigen, die man noch kriegt, wenn man kein Smartphone will.

Damals, nachdem du dich von deiner Freundin getrennt hattest, hast du dich isoliert, von allen zurückgezogen. Wieso?

Ich bin superdepressiv und es ist einfach schwer für Menschen, mit jemandem umzugehen, der so unglaublich negativ ist; der alles scheiße findet und nur rummeckert. So war das bei mir, mich hat kein Mensch ertragen. Also habe ich mich von allen hintergangen gefühlt. Ich hatte das Gefühl, keiner fängt mich auf. Ein anderes Problem war, dass viele Leute mir vorgeworfen haben, dass ich so bin, wie ich bin. Das hat mich total deprimiert. Ich habe mich als traurigen Menschen nicht akzeptiert gefühlt.

Wie liefen deine Tage ab?

Erst mal habe ich lange geschlafen, bis 4 oder 5 Uhr nachmittags, irgendwann bin ich dann aufgestanden und rumgefahren wie so ein Depp. Ich habe die ganze Zeit geschwitzt und gezittert, weil es mir so dreckig ging. Manchmal habe ich es geschafft, vor 5 Uhr das Haus zu verlassen, manchmal erst um 9 Uhr. Dann habe ich mich in irgendeine Kneipe gesetzt, bis ich morgens rausgeworfen wurde, wenn die geschlossen haben.

Konntest du zu der Zeit produktiv sein und Lieder schreiben, oder warst du zu antriebslos dafür?

In solchen Phasen konnte ich gar nichts schreiben. Das ging nur, wenn es mir ein bisschen besser ging: also nicht total beschissen, sondern ganz okay. „Alles grau“ zum Beispiel war einer der ersten Songs, die ich geschrieben habe, und das war wirklich ein Kampf. Bis ich es mal geschafft habe, mich ans Klavier zu setzen und drei Sätze aufzuschreiben, brauchte das viel Überwindung.

Wie kann es sein, dass man in der größten Stadt Deutschlands wohnt und sich trotzdem einsam fühlt?

Ich glaube, man kann sich überall einsam fühlen. Die Masse an Menschen macht einen fertig, weil man sich so klein fühlt. Ein anderes Problem ist, dass es keinen Sehnsuchtsort gibt, wenn man an einem Sehnsuchtsort lebt. Wenn man in Berlin aufwächst, kommen alle her und sagen, es ist total geil, und man selbst sitzt in der Stadt und fühlt sich unglücklich.

Helfen gegen die Einsamkeit Leute, die man mag und die gut für einen sind?

Ich habe ja Leute, momentan ist meine Band mein ganzer Freundeskreis. Ich fühle mich nicht einsam. Dieses Einsamkeitsgefühl kommt auch gar nicht daraus, dass man niemanden hat, der da ist, sondern niemanden, der einen hundertprozentig versteht. Wenn es einem so schlecht geht, kann einem keiner helfen, es kann keiner in mich reingehen und meine Seele bei der Hand fassen.

Interview: Martin Wiens

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