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Selbstversuch: Eine Woche ohne Smartphone

ZiSH testes den Handy-Verzicht Selbstversuch: Eine Woche ohne Smartphone

Durchschnittlich alle 18 Minuten nehmen wir unser Smartphone in die Hand. Viel zu oft, findet ZiSH-Autorin Lea Stratmann. Eine Woche hat sie auf ihr Handy verzichtet - und dabei gelernt, dass man ohne Whatsapp und Co. schnell den Anschluss verliert.

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Die Bilanz nach einer Woche Smartphone-Fasten: 355 Nachrichten, sieben Follower auf Instagram, fünf auf Twitter und 42 Snaps.

Quelle: von Ditfurth

Durchschnittlich vier Stunden und 25 Minuten widme ich meinem Smartphone täglich. Alle 15 Minuten schalte ich mein Display an, 63-mal am Tag, 441-mal in der Woche. Das fand die App „Moment“ heraus, die mein Nutzungsverhalten über zwei Monate analysierte. Eigentlich paradox, dass gerade eine App mir zeigt, wie sehr ich am realen Leben vorbeiswipe. Doch damit ist jetzt Schluss. Ich will wissen, ob digitales und analoges Leben überhaupt noch voneinander trennbar sind. Eine Woche teste ich deshalb, wie es ist, ohne Smartphone auszukommen – keine Whatsapp-Nachricht mehr lesen, kein Foto auf Instagram posten und keine lustige Momentaufnahme bei Snapchat verschicken.

Ich bin 17 Jahre alt und besitze seit meinem 13. Lebensjahr ein Smartphone. Damit bin ich ein echter Digital Native. So nennen Forscher die, die mit Smartphones und sozialen Medien aufwachsen. Nur etwa 5 Prozent der 14- bis 29-jährigen Deutschen haben laut dem Statistikportal Statista, zumindest zeitweise, kein Smartphone. Meiner Generation wird häufig von Älteren vorgeworfen, ohne die digitale Welt nicht mehr lebensfähig zu sein. Wir stünden überfordert vor Busfahrplänen und könnten keine einzige Postkarte anständig frankieren. Das führt dazu, dass ich mich ständig dafür rechtfertigen muss, wenn ich mal auf mein Smartphone schaue. Und das bin ich leid.

Dennoch: Immer offline zu sein  ist schwieriger als gedacht. Schon mein erster analoger Schulweg im Bus fühlt sich komisch an, und der dauert gerade einmal 30 Minuten. Aus den Kopfhörern neben mir ertönt uralte Chartmusik, die ich schon schrecklich fand, als sie noch neu war. Dumm gelaufen: Ich habe keinen MP3-Player, sondern ein Abo der Musikstreaming-App Spotify – aber kein Smartphone, mit dem ich es nutzen könnte. Meine eigene Musik kann ich also nicht hören.
Noch schlimmer finde ich: Jeder um mich herum scheint daueronline zu sein. Alle, die ich beobachte, checken Facebook, twittern und verschicken eben schnell ein paar Whatsapp-Nachrichten, während sie auf die Bahn warten, mit mir zusammen die Pause verbringen oder eigentlich arbeiten sollten. Alle 18 Minuten nehmen die Deutschen ihr Smartphone in die Hand, fand der Buchautor und Informatikprofessor Alexander Markowitz in statistischen Analysen heraus (mehr dazu im Kasten). Ich fühle mich abgeschottet von meinen dauertickernden Mitmenschen, stehe mit leeren Händen daneben und weiß nichts mit mir anzufangen.

Das hilft beim Smartphone-Fasten

„Moment“ (iOS) und „Menthal“ (Android) sind Smartphone-Apps, mit denen User Nutzungsdauer und -verhalten in ihrem Alltag überprüfen können. Die Entwickler wollten damit exzessiven Medienkonsum stoppen. Und das kommt an: „Menthal“ hat fast eine halbe Million Downloads.

Für 3,99 Euro bietet „Moment“ ein Pro-Feature an: Das Entwöhnungsprogramm soll seinen Usern innerhalb von zwei Wochen jeden Smartphone-Reflex austreiben.

In dem Buch „Digitaler Burn-out“ geht Autor Alexander Markowitz wichtigen Fragen auf den Grund: Wohin wird uns der Konsum sozialer Netzwerke und digitaler Medien führen? Wie steht es um die Gesundheit der Generation Smartphone?

Der Informatikprofessor präsentiert die Ergebnisse seiner Studie „Menthal Balance“ und wirft einen kritischen Blick auf unsere Generation. Seine Frage: „Beherrschst du dein Smartphone? Oder beherrscht dein Smartphone dich?“ Dazu gibt es Tipps für den Konsum – und seine Einschränkung auf ein gesundes Maß.

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Schon nach zwei Tagen verfluche ich allmählich mein analoges Leben. Dabei habe ich noch nicht einmal die Hälfte meines Versuches geschafft. Sicher haben meine Freunde längst Wochenendpläne geschmiedet, von denen ich nichts mitbekomme. Anstatt Absprachen persönlich zu treffen, läuft alles über Whatsapp. Ein Anruf zum Verabreden? Scheinbar unmöglich. Seit Ende der Telefonketten-Ära in der Mittelstufe habe ich keine einzige Festnetznummer mehr im Kopf. Ob jemand vielleicht versucht hat, mich zu erreichen? Ich erfahre es erst einmal nicht.

Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, in meiner eigenen kleinen Blase zu leben. Und dort ist es ganz schön einsam. Normalerweise erfahre ich über Facebook und Co. sofort, wenn etwas passiert – egal, ob in meinem Freundeskreis oder am anderen Ende der Welt. Diese Woche ist alles anders, und das ständige Gefühl, etwas zu verpassen, macht mich nervös.

Auf mein Smartphone zu schauen ist sonst Routine für mich. Auch am vierten Tag taste ich noch morgens im Halbschlaf als Erstes an der Bettkante entlang – ins Leere. Auf dem Bussteig greife ich automatisch in meine hintere Hosentasche. Meinen hartnäckigen Smartphone-Reflexen scheint egal zu sein, dass ich dort nicht fündig werde. Als ich irgendwo ein iPhone klingeln höre, will ich in meiner Tasche kramen. Die Macht der Gewohnheit trickst mich immer wieder aus.

Doch als sich mein Versuch langsam dem Ende neigt, finde ich mehr und mehr Gefallen daran, nicht ständig online zu sein. Das digitale Fasten hat nämlich auch Vorteile: Ich bin ausgeschlafener und habe das Gefühl, konzentrierter lernen zu können. Eine Studie der Wissenschaftszeitschrift „PLOS One“ bestätigt meine Wahrnehmung. Forscher fanden heraus, dass die Nutzung des Smartphones zu den gewohnten Schlafzeiten die Schlafqualität verschlechtert.

Mehr und mehr merke ich, dass es nicht in einer Katastrophe endet, wenn ich das Smartphone mal zu Hause lasse. Dass ich auf einem Seminar am Wochenende 7 Euro für die Bettwäsche bezahlen musste, weil ich die Infomail nicht gelesen habe, ist so zwar ärgerlich, aber kein Weltuntergang. Und wer wirklich etwas von mir will, der erreicht mich auch übers Festnetz.

Am siebten Tag möchte ich dann aber doch wissen, was ich verpasst habe. Die Vorfreude fühlt sich an wie bei einem Kind an Weihnachten, das mit Kribbeln im Bauch auf die Bescherung wartet. Das Resultat: 355 Nachrichten aus 26 Chats, sieben neue Follower auf Instagram, fünf auf Twitter, 42 Snaps aus 16 Chats. Nur eine verpasste Einladung zu einer Einweihungsparty ärgert mich, die Gruppenchats lese ich mir gar nicht erst durch.

Meine wiedergewonnene Erreichbarkeit nervt mich schon jetzt. In den ersten Tagen nach meinem Versuch habe ich jedoch das Gefühl, die sieben verpassten Tage wieder aufholen zu müssen. Und das, obwohl ich gar nichts Wichtiges verpasst habe. Trotzdem: Vier Stunden und zehn Minuten am Smartphone attestiert mir die App „Moment“ am ersten Tag, an dem ich zurück bin in der digitalen Welt.

 Lea Stratmann

Das sagt die Jim-Studie: Whatsapp ist am wichtigsten

Der Griff in die Hosentasche – um zu checken, ob das Smartphone am vertrauten Platz ist – ist heute so selbstverständlich wie das Abschließen der Wohnungstür. Während im Jahr 2011 nur 25 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren ein eigenes Smartphone besaßen, sind es heute 92 Prozent, berichtet die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs). Dieser befragt jährlich etwa 1200 Jugendliche in ganz Deutschland zum Umgang mit Medien und Informationen.

Wer am Handy hängt, schreibt vor allem regelmäßig Nachrichten (94 Prozent der Befragten), weshalb von den durchschnittlich 18 Apps, die ein Jugendlicher besitzt, Instant Messenger wie Whatsapp am wichtigsten sind. Erst auf Platz vier folgt die Ursprungsfunktion des Handys: das Telefonieren (64 Prozent). Dafür wird das Surfen im Internet auf dem Smartphone immer wichtiger.

Dennoch gaben in diesem Jahr 72 Prozent der Jugendlichen an, dass sie sich selbst handyfreie Zeiten einrichten, in denen das Gerät ausgeschaltet bleibt. 78 Prozent behaupten sogar, dass sie sich eine Woche ganz ohne ihr Handy vorstellen könnten. Auch Eltern haben kaum Probleme mit einer übermäßigen Handynutzung ihrer Sprösslinge: Nur ein Viertel der Jugendlichen bekommt zu Hause gelegentlich Ärger, wenn sie zu lange am Handy daddeln.

zish

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