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Ungewöhnliche Nebenjobs

Sie sind jung und brauchen das Geld


Hundefutterrezepte übersetzen, Achterbahn bremsen oder als Aktmodell posen: Es muss nicht immer Nachhilfe sein. 
ZiSH-Autoren zeigen kreative Wege, um neben Schule und Studium Geld zu verdienen.
 Ausziehen und aushalten: Als Aktmodell braucht man Mut und Muße, hat dafür aber auch viel Zeit zum Nachdenken.

Ausziehen und aushalten: Als Aktmodell braucht man Mut und Muße, hat dafür aber auch viel Zeit zum Nachdenken.

© Wallenwein

Mit ohne: Das Aktmodell
Vierzig Augenpaare sind auf mich gerichtet. Ich stehe auf einem Podest. Nackt. Im Raum herrscht konzentrierte Stille. Mein Puls rast. Sitzen meine Haare richtig? Bei meinem ersten Einsatz als Aktmodell für Modedesignstudenten der Fachhochschule Hannover bin ich furchtbar nervös – trotz intensiver Körperpflege. Selbst meine Fingernägel habe ich gefeilt. Eine Freundin hatte mir den Job verschafft. Meine Anspannung löst sich jedoch schnell, denn die Studenten arbeiten professionell und sind nett. Kein Kichern, kein Tuscheln, nur Zeichnen.

Auch beim Verein Kopflos auf dem Faust-Gelände fühle ich mich wohl, selbst wenn die Aktzeichner – von Schülern bis Senioren – nur drei Meter von mir entfernt an ihren Tischen sitzen. In der 15-minütigen Pause während der insgesamt zweistündigen Arbeitszeit wickle ich mir ein Handtuch um, schaue mir die Zeichnungen an und rede häufig mit den Kursteilnehmern. Inzwischen ist das Nacktsein für mich normal, das Posen Routine. Manchmal überlege ich mir, was ich zum Abendessen einkaufe oder wolang ich mit meinem Hund Gassi gehe. Ich darf mir aber auch eigene Posen ausdenken. Am schwierigsten sind Stützpositionen, weil sich irgendwann das Blut staut. Richtig gemütlich sind Posen im Liegen, da bekomme ich sogar ein Kissen. Meist muss ich jedoch Körperdrehungen im Stehen halten. Jede Pose dauert 15 bis 20 Minuten. Dafür bekomme ich am Ende 25 Euro bar ausgezahlt. Die Termine kann ich mir flexibel aussuchen, meist stehe ich zweimal im Monat Modell. Durch den Job hat sich meine Körperhaltung und mein Ausdruck verbessert. Wofür andere teure Ballettstunden nehmen, bekomme ich Geld.

Anonym, aufgezeichnet von Vanessa Geruschkat/ZiSH

Mit Mikrofon und Mütze zum Auslandsjahr: Die Achterbahnchefin
Es ist viel zu eng und viel zu stickig in meinem kleinen Häuschen. Ich sitze vor bunten Knöpfen und einem Mikrofon. Die Sonne strahlt durch die Glasfront in mein Gesicht. In der brütenden Hitze schwitze ich unter meinem viel zu großen, quietschgelben „Potts Freizeitpark“- T-Shirt und der gleichfarbigen Kappe. Die Eintönigkeit meiner Arbeit nervt. Meine Gedanken schweifen ab – ganz weit weg. Nach Neuseeland, denn dorthin möchte ich nach meinem Abitur für ein Jahr reisen. Und dafür brauche ich Geld.

Das Vorbeirauschen der Achterbahn „Potts Blitz“ reißt mich aus einem wunderschönen Tagtraum. Schnell haue ich auf den roten Knopf neben dem Mikrofon und bringe die Wagen zum Stillstand. Leider etwas zu spät: Die Passagiere stehen mitten auf dem nächsten Hügel. Eltern und Kinder schauen mich verdutzt an. Panisch hole ich einen Techniker, der sie wieder herunterlässt. Zum Glück nehmen es alle mit Humor.

Drei lange Monate arbeitete ich als Fahrgeschäftsbetreuerin in dem kleinen, idyllischen Vergnügungspark bei Minden. Während sich Familien amüsierten, saß ich täglich acht Stunden in dem Kabuff neben der Berg-und-Tal-Bahn und sorgte für einen reibungslosen Ablauf. Den Job hatte ich über das Arbeitsamt gefunden, sechs Euro bekam ich pro Stunde. Auch wenn ich über Achterbahn, Freifallturm und Entchenkarussell herrschen durfte, war die Arbeit manchmal deprimierend langweilig. Da half auch mein überschaubares Ansagenrepertoire nichts: „Festhalten, jetzt geht’s eine Runde rückwärts!“ war schon eine der spannenderen Sätze. Die Masse kreischte trotzdem. Und ich kreischte, als der Flieger endlich abhob. Der Gedanke an Sonne, Strand und Kiwis versüßte mir so manch lahme Schicht. Dafür nahm ich selbst die zwei Stunden Fahrtweg in Kauf.

Lena Reckewerth, aufgezeichnet von Leonie Reckewerth

Mit Helium glücklich machen: Der Luftballonverkäufer
Es ist kalt. Meine Hand umklammert 130 Luftballons. Ein Junge kommt mit seinen Großeltern auf mich zu. Seine Augen leuchten. Opa ist spendabel und kauft den größten Ballon. Das Kind ist glücklich, sein Wochenende ist gerettet, und ich bin um einen Luftballon ärmer.

Seit den Sommerferien arbeite ich als Luftballonverkäufer für die Magic Loons Company. Das Angebot zum 400-Euro-Ferienjob fand ich in der Zeitung. Zu Beginn war ich auf Festen unterwegs, einmal sogar in Hamburg. Höhepunkt des Tages war die Popband Queensberry. Fans standen sich vor dem Konzert die Beine in den Bauch – ich konnte mit den Sängerinnen hinter der Bühne Kaffee trinken. Dank der Ballons gehörte ich ja zum Team.

Die Sommerferien sind lange vorbei, Luftballonverkäufer bin ich immer noch. Nicht mehr auf Festen, sondern jedes Wochenende in der Georgstraße. Dort mache ich quengelnde Kinder glücklich. Am meisten freut mich, wenn Großeltern ihre Enkel verwöhnen. Die erzählen mir auch gerne mal ihre Lebensgeschichte. Und stellen Fragen: Wie viele Luftballons man wohl bräuchte, um abzuheben, und ob ich schon mal weggeflogen sei. Inzwischen bin ich kreativ und antworte: „Ich bin gerade erst gelandet.“

Roman Verkovod, aufgezeichnet von Friederike Vogel

Mit blauem Plüsch Kinder belustigen: Das Maskottchen
Ich falle auf, denn ich bin riesig. Und blau. Mein Schwanz ist eine Glühbirne, meine Nase ein Wasserhahn. Statt Haaren habe ich einen Wasserhahngriff auf dem Kopf. So richtig wohl fühle ich mich nicht in meiner zweiten Haut.

Auf wackligen Beinen gehe ich durch die Eingangshalle der Wirtschaftsschau „Robby“ in Mariensee bei Neustadt. Alle starren mich an, Kinder zeigen mit dem Finger auf mich und lachen. Am liebsten würde ich im Erdboden versinken, doch mit meinen Zweimeterfünfzig bin ich nicht zu übersehen. Langsam wage ich mich nach vorne und schubse dabei fast eine Frau um. Es ist nicht einfach, sich in einer Menge zu bewegen, wenn man nur geradeaus gucken kann und solche Ausmaße hat. Trotz guter Tarnung färbt sich mein Gesicht rot vor Scham. Glücklicherweise kann das niemand sehen.

Als „Sunny Blue“ besitze ich eine gewisse Narrenfreiheit: Eigentlich kann ich machen, was ich will. Aber leicht fällt mir das bei meinem ersten Auftritt nicht. Den Job als Maskottchen der Stadtwerke Neustadt hat mir mein Cousin verschafft. Er arbeitet in einer Werbeagentur. Die einzige Voraussetzung war meine Größe.

So stehe ich mit meinem übergroßen Hinterteil etwas verloren in der Masse. Ich verteile Prospekte und belustige Kinder. Dabei haben die das gar nicht verdient. Manche versuchen mich umzuwerfen und ziehen an meinem Schwanz. Andere erdrücken mich mit ihrer Liebe zu blauem Plüsch. Sechs Stunden unter diesem schweren Kostüm sind anstrengend und schweißtreibend. Trotzdem mache ich den Job gerne. Bei zehn Euro pro Stunde kann ich mich auch nicht beklagen. Und unerkannt Leute auf den Arm zu nehmen entschädigt mich auch für die Kinderattacken.

Maik Nothbaum, aufgezeichnet von Rebecca Gerigk

Mit Hundepizza zum Führerschein: Die Rezeptübersetzerin
Zuerst musste ich lachen, als die Mutter meiner Nachhilfeschülerin mir ihr ungewöhnliches Jobangebot machte. Sie liebt Hunde. Und sie liebt es, ihren eigenen und die Vierbeiner der Nachbarn mit Leckerlis zu verwöhnen – selbst gebacken. Bei ihrer Internetrecherche hatte sie nur englischsprachige Rezepte gefunden. Darum brauchte sie meine Hilfe: Ich sollte die Backanweisungen ins Deutsche übersetzen. Irgendwie absurd, aber natürlich freute ich mich über die leichte Möglichkeit, Geld zu verdienen. Mein Englisch ist dank Leistungskurs zwar ganz gut, doch manche Zutaten musste ich trotzdem nachschlagen. Anfangs dauerte selbst die Übersetzung der Zutatenliste eine Viertelstunde. Doch je mehr ich übersetzte, desto schneller wurde ich und desto größer mein Wortschatz. Inzwischen kenne ich allein acht verschiedene Rezepte für Hunde-Blaubeermuffins. Ob die kleinen Küchlein so gut schmecken, wie sie klingen, will ich gar nicht wissen. Beim Übersetzen der Rezepte „Knochengoldgrube mit Rinderleber“ oder „romantisches Truthahndinner für zwei“ wurde mir schon ein bisschen mulmig. Da klingen Hundepizza oder Hundefrüchtebecher schon viel besser. In einem halben Jahr übersetzte ich rund 400 Rezepte und finanzierte mir damit zur Hälfte meinen Führerschein.

Charlotte Carnehl, aufgezeichnet von Caroline Moesta/ZiSH

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  • Nicht für jede Rubber Duck – 14.03.10
    Für den Job als Aktmodell ist nun mal nicht jede geeignet. Die anderen geben halt weiter Nachhilfe
    - und werden später Lehrerin.
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