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Rebellion zu Fuß

Der Sneaker-Kult Rebellion zu Fuß

Für Kurt Cobain waren sie ein Stück Rebellion, für Oma sind sie einfach nur Turnschuhe – Sneaker. Seit Hundert Jahren bedeuten sie jugendliche Freiheit. Wir haben mit Besitzern von Sneaker-Shops über einen Trend gesprochen, der immer geht.

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Soule-Chefs Alexander (v.l.) und Mirko mit Mitarbeiter Niklas verkaufen Schuhe – und Fritz-Cola.

Quelle: Surrey

Hannover. Schwebende Skateboards und fliegende Autos wurden in dieser Woche wohl kaum irgendwo gesichtet. Als Steven Spielberg in den Achtzigerjahren den zweiten Teil der Filmreihe „Zurück in die Zukunft“ produzierte, hatte er eine ausgefallene Vorstellung von unserer heutigen Zeit. Denn als Protagonist Marty McFly in das Jahr 2015 reist, findet er die verrücktesten Spielerein. Es scheint eine vollkommen andere Welt zu sein, in der nichts ist, wie es war. Nur eines ist gleich geblieben: Nike Air Max sind immer noch Kult.

Im Film zieht sich McFly ein Modell der besagten Kult-Sneaker an, die sich daraufhin von selbst an seinem Fuß festschnüren. In der Realität gab Hersteller Nike pünktlich zu McFlys fiktiver Ankunft in 2015 bekannt: Die Schuhe aus dem Film werden ab 2016 in den Handel kommen – inklusive Selbstschnür-Mechanismus.

Was wirkt wie viel Aufregung um etwas Alltägliches, zeigt tatsächlich einen jahrzehntelangen Kult. Seit den ersten Sneakern vor knapp hundert Jahren ist um den Sportschuh ein regelrechter Mythos entstanden. So sang auch zu McFlys Zeiten die legendäre Hip-Hop-Band Run DMC in ihrem Song „My Adidas“ eine regelrechte Liebeserklärung an ihre Adidas-Schuhe. Der Song trug in den Achtzigern maßgeblich zur Repopularisierung der bequemen Treter bei. Die Band selbst trug ihre Schuhe ohne Schnürsenkel – und spielte damit auf eine Sicherheitsvorkehrung in US-Gefängnissen an.

Zu den prominentesten und ältesten Vertretern gehören die klassischen Chucks der Marke Converse, die ursprünglich als Basketballschuhe gedacht waren. Der Schuh war simpel: farbiger Leinenstoff umrahmt von weißem Sohlengummi, dazu weiße Schnürsenkel. Er endete an den Füßen von Schauspieler James Dean und Grunge-Ikone Kurt Cobain und wurde mit der Zeit zum Rebellionssymbol, von dem mittlerweile über eine Milliarde Paare verkauft wurden.

Doch während die lässigen „Chucks“ nicht ausgelatscht genug sein können, sehen Adidas- und Nike-Enthusiasten in der Regel ihre Treter am liebsten so sauber wie möglich. Sie sind eben auch Sammelobjekte. Und obwohl Sneaker alles andere als günstig sind, sind sie allgegenwärtig. Selbst Dozenten tragen die gemütlichen Treter und in Studentenclubs kann man damit die ganze Nacht durchtanzen – ohne schmerzende Füße. Als sich Joschka Fischer 1985 in weißen Nikes vereidigen ließ, folgte darauf ein großer Aufschrei. Heute schickt Karl Lagerfeld seine Models mit Sneakern besohlt auf den Laufsteg. Die Rebellion der Sneaker ist vorbei. Aber der Kult noch lange nicht.

Kira von der Brelie

„Wir wollen uns nicht verstellen“

Für außergewöhnliche Sneaker nach Berlin oder Hamburg zu fahren, darauf hatten Mirko Eikermann und Alexander Kaboill keine Lust mehr. Seit März stehen die beiden, bei ihren Kunden als Miro und Alex bekannt, in ihrem eigenen Laden Soule auf dem Engelbosteler Damm hinter der Kasse. „Für die Schule musste ich mich motivieren, aber die Arbeit im Laden macht einfach nur Spaß“, sagt der 19-jährige Miro.

Businessplan schreiben, Schuhfirmen durchtelefonieren und jobben für das Startkapital: Bis zur Eröffnung im März war einiges zu tun. „Man braucht auf jeden Fall viel Durchhaltevermögen“, sagt der 24-jährige Alex, der vorher seinen Bachelor in BWL gemacht hat. Ihre Eltern seien erst skeptisch gewesen, unterstützen die beiden aber mittlerweile, wo es geht. Bei „Anzugträgern“, wie Alex Banker bezeichnet, war mehr Überzeugungsarbeit nötig. Oft seien sie nicht ernst genommen worden. Vielleicht liegt das neben dem Alter auch daran, dass Alex stolz darauf ist, bis heute keinen Anzug zu besitzen. Sneaker trägt er zu jeder Gelegenheit, selbst bei einer Hochzeit. „Ich möchte mich nicht verstellen.“

Das merkt man auch beim Ladenkonzept. „Bei uns können sich die Leute auch einfach hinsetzen und chillen“, sagt Alex. Denn im Laden gibt es eine Sitzecke und einen Kühlschrank, der mit Fritz-Kola gefüllt ist.

„Neider gibt es immer“

„Andere sammeln Briefmarken, wir Sneaker“: Fussstolz-Besitzer Andrian Bonev.

Quelle: Surrey

Industrielampen hängen von der Decke und an der Wand stehen ganze Sneaker-Reihen so raffiniert aufgereiht, dass es aussieht, als schwebten sie. Tresen, Bänke und die andere Einrichtung haben die Inhaber selbst gebaut. „Das Bauen von Möbeln haben wir beim Machen gelernt“, sagt Andrian Bonev und lacht. Zusammen mit seinem Partner David Moledo Pais hat er im Juni das Geschäft Fussstolz auf der Limmerstraße eröffnet.
Den Sneaker-Laden haben die beiden von ihren Ersparnissen bezahlt. „Als Gründer ist es wichtig, risikofreudig zu sein“, sagt Andrian. Dabei rieten ihnen alle ab, einen Sneaker-Laden in Hannover zu eröffnen.

Hannoveraner seien Neuem gegenüber angeblich erst mal negativ eingestellt. So haben Unbekannte „Niemand braucht eure lächerlichen Schuhe – wir haben andere Sorgen“ an die Ladenfassade geschmiert. David und Andrian nehmen das gelassen: „Neider gibt es immer.“

Mit ihrem Laden haben die beiden ihr Hobby zum Beruf gemacht. „Andere sammeln Briefmarken. Wir sammeln Sneaker“, sagt Andrian.

Auf Reisen entdeckten die beiden in Deutschland unbekannte Marken und brachten sie mit zurück. Das gefällt nicht immer allen: „Unsere Freundinnen haben schon gar keinen Bock mehr darauf, wenn wir im Urlaub zuallererst alle Sneaker-Geschäfte vor Ort abklappern.“

„Old School ist in“

Duzt alle seine Kunden: Air-Run-Mitarbeiter Fahrshad.

Quelle: Surrey

Wenn es im Air Run in der Nikki-de-Saint-Phalle-Promenade so richtig voll ist, fühlt sich Manuel Pietrusky am wohlsten. Der 32-Jährige hatte seinen ersten eigenen Shop schon vor elf Jahren – damals noch in Linden-Mitte. Tauschen möchte er nicht mehr, das Gewusel in der Innenstadt ist sein Ding. „Wir sind das Licht in der Passarelle“, sagt er selbstbewusst und lässt sich nicht von den großen Kaufhäusern und Franchise-Shops einschüchtern, die ebenfalls Sneaker verkaufen. 780 Paare gibt es auf gerade mal 80 Quadratmetern im Air Run.

Kunden werden stets geduzt: „Das ist wichtig, um ein persönlicheres Verhältnis aufzubauen“, sagt Manuels Mitarbeiter Fahrshad. Noch wichtiger sei es, bei Trends auf dem Laufenden zu bleiben. „Old-School-Sneaker sind seit ein paar Jahren wieder in“, sagt Manuel.

Im Internet recherchiert er Trends. Die sozialen Netzwerke verraten ihm, welche Modelle er gerade auf Lager haben sollte. „Sneaker sind für viele eine Sucht. Gute Schuhe werden immer gebraucht – und gut aussehen sollen sie auch“, sagt Manuel.

Dass ein Paar meist über 100 Euro koste, sei durch die Qualität angebracht. Derzeit überlegt er zu expandieren. Das Geschäft läuft. Sneaker und ihre Käufer gibt es dafür schließlich genug.

Mitarbeit: Julian Geipel, Lennart Giesler, Kim Haney, Sina Ruddigkeit, Jana Schweitzer, Marco Sliwinski, Pauline Volker, Marco Maashöfer, Ina Janek, Lorenz Brudniok, Philipp Gruschinski, Laura Nixtatis, Tim Zöllick.

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