Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Zusammen ist man weniger allein

Zusammenziehen Zusammen ist man weniger allein

Küche putzen, Wäsche waschen, Gefühle verletzen: Wenn Paare in ihre erste gemeinsame Wohnung ziehen, stellt der Alltag die Beziehung auf die Probe. Zwei ZiSH-Autoren erzählen, warum sie mit dem Partner zusammengezogen sind – oder eben nicht.

Voriger Artikel
Dinge, die wir von Klassentreffen lernen
Nächster Artikel
„Anfänger sind oft zu egoistisch“

Die unaufgeregte Realität: abends zusammen mit dem Partner auf dem Sofa sitzen und Fernsehen gucken.

Quelle: fotolia

Pro: Lass die Jogginghose an

Der Öko-Käse ist fast doppelt so teuer wie der Normale“, sagt mein Freund, als wir vor der Kühltheke stehen. Ich seufze. Kaum ein Einkauf kommt ohne eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Bioprodukten aus. Dann lege ich den Gouda zurück. Wie wichtig ist denn schon Käse?

Mein Freund und ich sind vor eineinhalb Jahren zusammengezogen. Es hatte sich so ergeben. Wir hatten keine Lust mehr, jeden Tag aus der Region zur Uni zu pendeln und wollten abends auch mal weggehen können, ohne auf die letzte Bahn warten zu müssen. Schnell zeigte sich: Es war eine gute Idee.

Aber seit wir zusammen wohnen, streiten wir uns, wenn wir gemeinsam einkaufen. Kein heftiger, beziehungszerstörender Streit, aber Streit. Mein Freund möchte billig, ich lieber bio. Er mag den einen Kaffee, ich den anderen. Das kann anstrengend sein. Aber man lernt auch eine Menge dabei: Dass Streiten nichts Schlimmes ist. Dass man sich Konflikten stellen muss. Dass man sie manchmal auch einfach weglachen kann.

Als jeder noch sein eigenes Zuhause hatte, war das natürlich einfacher. Kaffee, Cornflakes, Eis – welche Marke im Einkaufswagen des Partners landet, ist egal, wenn in der eigenen Wohnung die Lieblingssorte wartet. Wenn aber die Rechnung am Monatsende geteilt wird, stellt man andere Ansprüche. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Am Anfang eine Herausforderung.

Damit dabei keine faulen Kompromisse gemacht werden, sind Diskussionen notwendig. Wann ist es wichtig, hochwertige Lebensmittel zu kaufen? Wann nicht? Das klingt banal, aber genau um solche Kleinigkeiten geht es. Woher soll man sonst auch wissen, ob die Beziehung den Alltag übersteht? Klar, sie verliert dadurch Stück für Stück ihre verklärte Romantik. Sie wird pragmatischer. Einem Streit kann man auf 60 Quadratmetern schlecht aus dem Weg gehen. Man setzt sich plötzlich wesentlich intensiver mit dem Partner auseinander.

Filmabende und gemeinsames Essen sind mittlerweile nichts Besonderes mehr. Und bevor man zu zweit in einer Kneipe etwas trinken geht, bleibt man lieber zu Hause – da gibt es schließlich auch was zu trinken. Das mag langweilig klingen, aber manchmal sind die Momente die schönsten, bei denen man die Jogginghose anlassen kann. Das Zusammenziehen macht vieles ruhiger, aber eben auch verlässlicher.

Zwar ist es mittlerweile nicht mehr so aufregend, nebeneinander einzuschlafen und aufzuwachen – dafür kann ich mich darauf verlassen, nachts nie alleine zu sein. Meine Klamotten habe ich immer in Reichweite und muss nicht durch die Stadt laufen, weil ich meinen dicken Pulli vergessen habe. Meinen Kaffee kriege ich morgens oft an den Schreibtisch gebracht. Und zu einem gemütlichen Frühstück müssen wir uns nicht erst umständlich verabreden. Wir stehen einfach auf.

Wenn man zusammenwohnt, ist man fast nie alleine. Das ist meistens schön. Und wenn nicht, lernt man zumindest Lösungen zu finden: Wir können beide am besten lernen, wenn wir zu Hause sind. Da ist es wichtig, dass man sich zurückziehen kann. In unserer Drei-Zimmer-Wohnung ist das kein Problem.

Das Schöne ist: Mit jeder Diskussion lernt man den Partner, diesen Menschen, den man ohnehin so sehr liebt, noch ein wenig besser kennen – mit all seinen Bedürfnissen und liebenswürdigen Macken. Man einigt sich auf eine Kaffee-, Cornflakes- oder Käsesorte. Die ist dann weder bio noch billig – aber dafür ist sie unsere Sorte. Darauf können wir uns verlassen.

ZiSH

Kontra: Die Angst vor Netflix

Ich möchte nicht, dass meine Freundin schnell zum Pinkeln ins Badezimmer kommt, während ich gerade unter der Dusche stehe. Das klingt vielleicht ein bisschen spießig. Und vermutlich würde ich davon ohnehin nicht viel mitbekommen. Trotzdem: Es gibt Situationen, in denen ich lieber allein bin. Ich brauche Raum für mich, und wenn es nur das Badezimmer ist.

Seit einem knappen Jahr bin ich jetzt mit meiner Freundin zusammen, wir beide wohnen in Hannover – sie in der Nordstadt, ich in der Calenberger Neustadt. Und das soll auch so bleiben, zumindest fürs Erste.

Es ist wunderbar, zwei Zuhause zu haben. Wenn in einer von unseren WGs gerade Trubel ist, gehen wir eben in die andere. Wenn wir in der Glocksee waren, schlafen wir bei mir, weil meine Wohnung in der Nähe ist. Und: Wir müssen uns nicht sehen. Wir treffen uns nur, wenn wir uns auch wirklich sehen wollen. Das ist eigentlich immer. Aber ich mag das Gefühl, auch mal allein sein zu können, einen Rückzugsort zu haben.

In letzter Zeit sind mehrere Paare aus meinem Bekanntenkreis zusammengezogen. Die meisten von ihnen sind sehr glücklich. Trotzdem: So ganz ohne Stress ging das mit der ersten gemeinsamen Wohnung eigentlich nie. Die einen stritten sich über das Muster der Tapete im Schlafzimmer, die anderen darüber, wer jetzt den alten Kleiderschrank von Oma mitnehmen darf. Eine Freundin entdeckt an ihrem Freund immer mehr Eigenschaften ihres Vaters, seitdem sie zusammenwohnen. Irgendwann wird man diese Dinge eh rausfinden, sagt sie. Sie hat recht. Aber gerade genieße ich es, mich auf dem „Irgendwann“ auszuruhen.

Sicherlich, ein Grund, warum ich nicht mit meiner Freundin zusammenziehen möchte, ist Schiss: davor, dass dann alles anders, dass alles alltäglich wird und man sich nicht mehr so aufeinander freut, wenn man sich sieht.

Ich habe Angst davor, dass wir ein weiteres Langweiler-Pärchen werden; dass ich abends nach Hause komme, „Hallo Schatz“ rufe und mich erst mal laut darüber aufrege, wie schlimm es wieder bei der Arbeit war. So machen Erwachsene das, glaube ich.

Ich habe Angst vor Netflix. Zu viele Paare kenne ich, die nichts mehr mit Freunden unternehmen, weil sie dauernd „so kaputt sind“, was meistens gleichbedeutend ist mit: „Hier auf dem Sofa ist es doch so gemütlich und wir wollen die dritte Staffel von Sherlock schauen.“ Klar, zu Hause bleiben ist gerade in, aber ich will nicht in einer Beziehung leben, in der die intimste Berührung des Tages das versehentliche Streifen der Fetthände beim Griff in die Chipstüte ist.

Natürlich denke ich manchmal darüber nach, wie es wäre, nach Hause zu kommen und da jemanden zu haben, der auf einen wartet und der nicht Felix oder Maresch heißt und einen Bart hat. Wenn Zuhause mehr ist als ein 18-Quadratmeter-Zimmer zur Untermiete – sondern das Gefühl, angekommen zu sein, da zu sein, wo der Partner ist.

Irgendwann möchte ich dieses Gefühl kennenlernen. Bis dahin freue ich mich aber erst mal über die Freiheiten des getrennten Wohnens: Ich will spontan auf Konzerte gehen, auch wenn meine Freundin die Band doof findet. Ich will etwas mit meinen Kumpels unternehmen, ohne dass die Freundin dabei ist. Ich will nicht immer und bei allem Rücksicht nehmen müssen. Zu Hause auf dem Sofa bleiben und Serien mit meiner Freundin gucken kann ich doch immer noch, wenn ich alt bin. Mit 30 oder so.

ZiSH

Verkneif's dir!

Im Zusammenleben mit dem Partner gibt es viele emotionale Stolperfallen. Dabei muss es nicht immer gleich der ganz große Beziehungskrach sein. Oft reicht schon ein einziger Satz, um den anderen an die Decke zu bringen. Die fiesesten haben wir hier zusammengestellt:

  • „Toll! Endlich brauche ich nicht mehr selbst putzen.“

  • „Echt schon wieder zu Ikea? Kann ich dann im Restaurant warten?“

  • „Deine hässliche Hertha-BSC-Bettwäsche bleibt dann aber bei Mutti.“

  • „Wie, du willst deinen hässlichen, antiken Schrank mit in UNSERE Wohnung nehmen?“

  • „Ich habe dir die Rezepte von meiner Mama mitgebracht.“

  • „Wenn du mich liebst, streichst du das Wohnzimmer in Rosa!“

  • „Und hier machen wir dann unsere wöchentliche Pokerrunde.“

  • „Die Videospiele kommen dann erst mal in den Keller.“

  • „Mein Exfreund hatte aber einen schöneren Fernseher.“

  • „Ich pinkel im Stehen, ob du willst oder nicht!“

  • „Suchen wir eigentlich eine Wohnung mit oder ohne Kinderzimmer?“

  • „Ich häng hier mal das Bild von meinem Ex auf.“

  • „Damit das von Anfang an klar ist: Wenn wir uns trennen, behalte ich die Wohnung!“

jos/saf/ans

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr