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Stressfaktor Schule

jugend protestiert Stressfaktor Schule

Zu viel, zu voll, zu stressig: miese Stimmung an deutschen Schulen 
und Unis. Heute wollen Schüler gemeinsam mit Studierenden in 
Hannovers Innenstadt gegen die Bildungspolitik 
demonstrieren. 
ZiSH zeigt, warum. Ein Blick in hannoversche 
Klassenzimmer.

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Der Schreibtisch ist voll, die Zeit ist knapp: Viele Jugendliche sind vom Schulalltag überfordert.

Quelle: Nico Herzog

Rieke sitzt vor einem bunten Bücherhaufen. Es sind viele Bücher, die meisten noch ungelesen. Im Hintergrund summt der Computer. An den Wänden hängen viele kleine, gelbe Klebezettel mit den wichtigsten Terminen der nächsten Woche und Informationen, die Rieke nicht vergessen darf.

Wie für viele aus dem sogenannten Doppeljahrgang ist auch für Rieke der Stress groß, die Zeit knapp. Zusammen mit dem derzeitigen zwölften Jahrgang wird die Elftklässlerin im Frühjahr 2011 das Abitur machen. Was die anderen in 13 Jahren lernen, muss ihr Jahrgang in zwölf Jahren schaffen – aber beide müssen bei den Abiturprüfungen dieselben Aufgaben lösen. Durch diesen Systemwechsel verlassen 2011 zwei Jahrgänge gleichzeitig die Oberstufen. Das frustriert. Für Freunde und Hobbys hat Rieke meist nur am Wochenende Zeit. Der Spaß am Lernen ist ihr schon lange vergangen. Alles für ein Ziel: ein gutes Abitur, einen guten Berufseinstieg. Doch der Druck von vielen Seiten macht Rieke Angst.

Dieser Leistungsdruck ist nur ein Problem, über das Schüler nicht nur auf der heutigen Bildungsdemo klagen: starre Lehrpläne, volle Klassen durch zu wenig Lehrer, schlecht ausgestattete Schulen, fehlende Ruhe- und Essensbereiche in vorschnell eingerichteten Ganztagsschulen, fehlende Wahlfreiheit und Mitbestimmung. Fragt man Schüler, hat fast jeder etwas zu berichten. Und nur bei den wenigsten klingen die Vorwürfe nach Ausreden. Diese Einschätzung wird auch in Lehrerzimmern geteilt.

„Alle reden immer von Bildung, aber die Politik vergisst das Handeln“, sagt eine Lehrerin aus Hannover frustriert. Unter den schlechten Bedingungen leiden besonders Oberstufenschüler. Einer von ihnen ist Burkhard. Er wollte eigentlich Erdkunde als ein Prüfungsfach wählen. „Aber da Lehrer fehlten, wurde ich in einen Geschichtskurs gelost“, sagt der 16-Jährige, der die 12. Klasse eines Gymnasiums besucht.

Lehrermangel bemerken auch die 26 Schüler, die dicht gedrängt im Leistungskurs Geschichte eines Gymnasiums nördlich von Hannover sitzen. Es ist stickig im Raum. Der Vortrag über die Französische Revolution wird von Stimmengewirr und quietschender Kreide auf der alten, verstaubten Tafel unterbrochen. Marie hat Mühe, sich zu konzentrieren. Immer öfter fühlt sie sich ausgelaugt. Die 17-Jährige hat Angst, dass das bis zum Abitur noch schlimmer wird. Und von älteren Bekannten weiß sie, dass es an der Uni nicht besser wird. Denn nicht jeder kann nach einem Bachelor- auch den höherwertigen Masterabschluss machen.

Auch dem 19-jährigen Pablo, der sich an einer IGS in Hannover auf das Zentralabitur vorbereitet, macht der Leistungsdruck zu schaffen. Pablo sitzt an seinem Schreibtisch über einer Tasse Kaffee und einem Berg Hausaufgaben. Heute muss er fünf Texte zum Thema „Deutsch als Sprache der Wissenschaft“ lesen und 15 Aufgaben dazu erledigen. Später steht noch eine Textanalyse an. Zu viele Aufgaben für einen einzigen Nachmittag, findet er. Pablos Kurs konnte das Lernpensum des vergangenen Halbjahres nicht bewältigen. Er und seine Mitschüler holten im Moment nur Versäumtes nach. „Vielleicht sind wir nur zu langsam“, überlegt er mit besorgtem Blick auf seinen Kalender. Viel Zeit bleibt nicht mehr bis zum Abitur im April. „Vielleicht ist es aber auch einfach zu viel Stoff“, sagt Pablo. Wenn auch in Gesamtschulen die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzt wird, wird die Überforderung zunehmen.

Um in der Schule mitzukommen, musste Melanie in der 10. Klasse ein Hobby aufgeben: Sie entschied sich gegen Tennis, stellte nach drei Jahren Training den Schläger in die Ecke. Die 16-Jährige geht heute in die 11. Klasse. Stressig ist es auch ohne Tennis. „Man kommt nach Hause, lernt, geht ins Bett“, sagt Melanie. So sähen die meisten Tage bei ihr aus. Anderen gehe es aber noch schlechter damit. Eine Freundin habe vor lauter Stress stark abgenommen. „Das ist schon extrem.“

Die 16-jährige Lena kommt eigentlich gut im verkürzten Doppeljahrgang zurecht. Dennoch nimmt sie, wie viele ihrer Freundinnen, Nachhilfe in Mathe. Ihre Note ist nicht schlecht. Aber Lena hat Angst, dass ihre Abiturnote nicht gut genug ist. Denn die doppelte Anzahl der Abiturienten in ihrem Jahrgang bedeutet viel schlechtere Chancen auf einen Studienplatz. „Einige meiner Freunde haben kein Geld für Nachhilfestunden, denen geht es mit dem gestiegenen Lernpensum noch schlechter“, sagt Lena. Einen Tag zu Hause zu bleiben, nur weil sie einmal Kopfschmerzen habe, könne sie sich nicht mehr erlauben. „Um nachzuholen, was ich da verpasse, müsste ich gleich noch einen Tag freinehmen“, sagt sie. Eine Gleichung, die nicht aufgehen kann.

Trotz dieser Probleme seien viele Schüler noch überraschend unpolitisch, sagt Werner Dietrich, der am Georg-Büchner-Gymnasium in Seelze Englisch und Politik unterrichtet. „In meinen Politikkursen hat gestern niemand die Bildungsdemo angesprochen.“ Vor der Großdemo im Sommer fragten sie, ob sie null Punkte bekämen, wenn sie hingingen. „Es herrscht eine allgemeine Ängstlichkeit vor Repressionen“, sagt Dietrich. Natürlich kollidiere hier das Recht auf freie Meinungsäußerung mit der Schulpflicht. „Aber nachts um drei oder in den Sommerferien zu demonstrieren, bringt eben nichts. Dann muss man zur Not auch mal null Punkte kassieren.“ Er wünscht sich mehr politisches Selbstbewusstsein. „Ich wehre mich dagegen, meine Schüler in ihren Rechten einzuschränken. Das Grundgesetz gilt für uns alle – auch für Schüler“, sagt Dietrich.

Ebenso deutlich äußert sich Sabine Eckelmann, Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der Goetheschule. „Eine sinnvolle Bildungspolitik muss spätestens in der Grundschule ansetzen. Wir brauchen neue Finanzierungskonzepte, um eine bessere unterrichtliche Versorgung unserer Schüler und eine deutlich verbesserte Ausstattung unserer Schulen zu gewährleisten“, sagt sie.

Genau das fordert auch Rieke. Seit der fünften Klasse engagiert sie sich in der Schülervertretung, inzwischen ist sie auch Schulsprecherin. Bei der Demo im Juni protestierte sie mit mehr als 5000 Menschen in Hannovers Innenstadt. Allein 200 ihrer Mitschüler gingen mit auf die Straße. Heute kann Rieke erst nachmittags dazustoßen, weil eine Klausur ansteht. „Ich finde es wichtig, sein Mitspracherecht zu nutzen“, sagt sie. „Rummeckern allein reicht eben nicht.“

Mitarbeit: Jonas Klüter, Marie-Céline 
 Gräber, Melanie Kindler, Friederike Vogel, Malte Mühle, Nicole Wehr, Gerd Schild.

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