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Der Campus lernt Jodeln

Messenger-App Jodel Der Campus lernt Jodeln

In der neuen Smartphone-App 
Jodel geht es darum, anonym lustige 
Sprüche zu posten, um bei anderen 
Nutzern zu punkten. Ist das alles ein 
großer Spaß oder 
verletzende Lästerei 
in Echtzeit?

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Warten aufs Echo: Bei Jodel kann jeder anonym mitmachen – je besser der Spruch, desto mehr Nutzer lesen ihn.

Quelle: Foto: Wallmüller

Hannover. Johannes ist 17 Jahre alt, Erstsemester und geht seinen Kommilitonen wahnsinnig auf die Nerven – weil er alle mit seinen blöden Fragen nervt. Zumindest alle, die die Gratis-App Jodel auf ihrem Smartphone haben. Johannes fragt, welche Farbe die Mappe für seine Arbeitsblätter haben soll, und er meldet sich ständig während der Vorlesung, um seine mündliche Note zu verbessern – obwohl es an der Uni keine mündlichen Zensuren gibt. Er ist der typische Schulstreber, der leider nicht verstanden hat, dass das an der Uni nicht mehr zieht.

Johannes gibt es bei Jodel nicht wirklich. Trotzdem schreiben viele, die einen naiven Spruch eines Erstsemesters in den Messenger tippen, seinen Namen unter das Zitat. Johannes ist zum Runninggag geworden – so wie die fiktive Helga, nach der auf Rock-Festivals im Sommer so laut gerufen wird. Nutzernamen, die den Urheber verraten, gibt es bei Jodel nicht. Die Mitglieder bleiben anonym – und genau das macht den Erfolg der App aus. „Bei Jodel musst du nicht darüber nachdenken, ob dich die Inhalte in zwei Jahren noch repräsentieren“, sagt Alessio Avellan Borgmeyer, Erfinder von Jodel. Das unterscheidet Jodel von anderen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Seit der 25-jährige Alessio Jodel vor rund einem Jahr veröffentlicht hat, wurde seine App über eine Million Mal heruntergeladen.

Den Namen Jodel hat Alessio zusammen mit seinem Vater ausgesucht: Ehe es Whatsapp, Handys oder gar Telefone gab, jodelten sich die Bergbauern von Alm zu Alm zu, um sich zu verständigen. Auch die App funktioniert über kurze Distanzen, Nachrichten kann jeder in einem Umkreis von zehn Kilometern sehen. Das kommt an. Egal ob Göttingen, Passau oder München: Jodel ist vor allem in Studentenstädten beliebt. Seit vor ein paar Wochen in der Uni Hannover Flyer mit dem Waschbär-Logo von Jodel lagen, ist der Hype auch hier angekommen.

Mittlerweile haben sich einige Studenten die App auf ihr Smartphone geladen: Statt in der Mathevorlesung – wie die meisten – mitzuschreiben, scrollt ein Studi 20 Minuten lang durch den Feed und schüttelt sich vor Lachen sowohl über die plumpen Sprüche mit Flachwitzen als auch über die spitz formulierten Alltagsanekdoten mit Wiedererkennungswert. Bei Jodel muss man nicht darüber nachdenken, was andere von einem halten. Man schreibt, was einem durch den Kopf geht. „Schade, dass man Bier nicht mit Käse überbacken kann“, jodelt jemand. Nicht sehr geistreich, aber es reicht für ein bisschen Kopfkino in der schnöden Vorlesung. Und ist unterhaltsamer, als die retuschierten Urlaubsbilder und Fotos vom Mittagessen seiner Facebook-Freunde durchzuscrollen.

Die Themen hannoverscher Jodler sind meist trivial: Sie lieben Bier, hassen Montage, haben ganz viel Sex – oder gar keinen. Zumindest wenn man glaubt, was sie in die App schreiben. Einerseits würde wohl niemand seinen Freunden bei Facebook mitteilen, dass er sich jetzt einen runterholt. Andererseits verleitet die Anonymität aber auch dazu, Geschichten zu erfinden. Merkt ja keiner, wenn man lügt – oder Phrasen von Internet-Memes oder Tweets benutzt, die noch nicht jeder kennt.

Genau das nervt Physikstudent Manuel. „Die Jodeler posten das nur, um viele Likes zu kriegen“, sagt der 19-Jährige. Mit seinem Kommilitonen Lennart sitzt er in der Uni an einem Tisch und löst Physikaufgaben. „Die ersten zwei bis drei Wochen habe ich auch viel gejodelt und 10 000 Karmapunkte gesammelt“, erzählt Lennart. Am Ende geht es auch bei Jodel darum, möglichst viele positive Bewertungen zu bekommen. Für die gibt es „Karma“. Die Beiträge mit den meisten Upvotes, wie die Likes bei Jodel heißen, werden in der Kategorie „Lauteste Jodel“ angezeigt. Und bekommen so noch mehr Aufmerksamkeit. Weil oft die gleichen Gags mit Karma belohnt werden, ist Lennart das Jodeln mittlerweile zu blöd. Er liest nur noch mit. Fiktives Karma bringe ihm nichts, meint der Student trocken.

Das sieht Jodel-Chef Alessio anders: „Karma braucht man, damit einen das Universum belohnt“, sagt er nicht ohne Pathos. „In der Anonymität haben alle die gleiche Chance, gehört zu werden.“ Doch die Anonymität verleitet auch dazu, sich über andere lustig zu machen. Wenn dem Professor etwas Peinliches passiert oder die Studenten die Klausur zu schwer fanden, steht das kurz darauf bei Jodel – als anonyme Lästerei in Echtzeit. „Wenn Studenten Beschwerden haben, würden wir es begrüßen, wenn sie das persönliche Gespräch suchen“, sagt Mechthild von Münchhausen, Pressesprecherin der Uni Hannover.
Die hannoverschen Jodel-Lästereien sind aber verglichen mit einem Fall an der Uni Göttingen harmlos: Dort kam es zur sexuellen Belästigung einer Dozentin. „Wer es schafft, die flachzulegen, bekommt den Bachelor geschenkt“, schrieb ein Nutzer. Die Uni stellte Anzeige gegen unbekannt. Mittlerweile wurde das Verfahren laut Uni-Pressesprecher Romas Bielke eingestellt. „Die Jodel-Betreiber haben die entsprechenden Nutzer blockiert“, sagt er. Auch wenn die Jodler untereinander anonym bleiben: Jeder hat eine ID. „Wir sind nicht der Wilde Westen. Hier darf man nicht alles machen“, sagt Jodel-Chef Alessio.

Außerdem kontrollieren sich die Nutzer gegenseitig: Damit ein Post nicht mehr zu sehen ist, muss er fünf negative Bewertungen haben oder den Moderatoren gemeldet werden. Von selbst verschwinden Jodel erst, wenn sie von aktuelleren Sprüchen verdrängt werden.

Beleidigungen liest man aber fast nie. Obwohl die Plattform anonym ist, sind die meisten Nutzer freundlich. Viele Jodel sind nicht besonders tiefgründig, aber witzig: „Habe mir gerade für den Winter eine zweite Schneeschaufel gekauft“, schreibt einer. „Ich paarschippe jetzt.“ Ein solcher Gag über die Datingplattform Parship ist in der Tat witzig – außer vielleicht für Erstsemester, die Johannes heißen.

Sarah Franke

Jodel gegen Yik Yak 
– alles nur geklaut?

Jodel wird häufig vorgeworfen, bloß eine Kopie der US-App Yik Yak zu sein. „Copy Cats“ heißen solche Nachahmungen in der Start-up-Szene. Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Apps offensichtlich. Bei beiden wird anonym geschrieben, beide sind lokalbasiert, es können also nur Leute in einem bestimmten Umkreis die Posts sehen. Alessio Avellan Borgmeyer, CEO von Jodel, bestreitet, Yik Yak kopiert zu haben. Schon seit August 2013 arbeitet er an anonymen Messenger-Apps, damals hieß sein Produkt tellM. Aus den Erfahrungen und Gesprächen mit Nutzern habe sich dann ganz natürlich Jodel entwickelt, sagte er dem Online-Magazin „Bento“.
Außerdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Apps: Yik Yak ist mit der Zeit immer mehr zu einer Mobbing-Plattform mit widerlichen Beschimpfungen verkommen. Die Macher von Jodel haben ihre Community bisher besser im Griff. Und sie arbeiten daran, dass es so bleibt. Hoffentlich erfolgreich.

Martin Wiens

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