Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Was wir geworden wären ...

Generation Y Was wir geworden wären ...

Schule – Ausbildung – Job. So einfach läuft es schon lange nicht mehr. Nach dem Abi kann man ins Ausland gehen, Praktika machen, studieren und vieles mehr.ZiSH-Autoren berichten vom Frust und Segen ihrer unerschöpflichen Möglichkeiten. Und überlegen sich, was sie zur Jugendzeit ihrer Eltern wohl gemacht hätten.

Voriger Artikel
Per Anhalter bis an den Bosporus
Nächster Artikel
Zeit zu spielen!

Die Berufswahl hat man sich vor dem Abi wohl leichter vorgestellt.

Eine Ausbildung allein reicht nicht

Ich komme aus einer Akademiker-Familie. Meine Eltern haben beide studiert. Dass ich ebenfalls studieren werde, stand also nie zur Debatte. Das wäre vermutlich auch schon vor 50 Jahren so gewesen. Doch die Wahl fiel mir schwer. Also entschied ich mich, erst mal eine Ausbildung zu machen: als Medienkaufmann Digital und Print. Früher klang die Berufsbezeichnung zwar weniger modern, dafür aber verständlicher: Verlagskaufmann. Hätte ich die Ausbildung vor 50 Jahren begonnen, in der Zeit, als meine Eltern anfingen zu studieren, wäre dies eine durchaus legitime Berufswahl gewesen. Damals, vor dem Akademisierungswahn, war eine Ausbildung nach der Schule noch angesehener als heute. Zu der Zeit wäre ich wohl auch für verrückt erklärt worden, dass ich das Übernahmeangebot meines Verlags nicht annahm.

Vor zwei Jahren hingegen, als ich meine Ausbildung abschloss, wollte ich mich noch nicht festlegen und lieber noch mal studieren. Das fanden auch meine Freunde gut – die immer verhalten bis skeptisch reagiert hatten, wenn ich erzählt habe, dass ich nicht studiere. So hangele ich mich jetzt neben dem Studium von Praktikum zu Praktikum. Und bin wieder weit entfernt von einer Festanstellung. Das mag zwar nicht der einfachste Weg sein, aber zumindest einer, der nie langweilig wird.

Tim Ende

Erster Schritt Richtung 
Fünfzigerjahre

Ich hasse Entscheidungen. Ich weiß nicht, ob ich morgens lieber Müsli oder Brot essen soll oder ob ich Urlaub in Schweden oder Kroatien machen will. Mein Problem ist: Mich interessiert zu viel. Dieser Irgendwas-mit-Medien-Studiengang mit integriertem Auslandssemester – super! Aber hey, kommt da nicht mein Interesse für Politik und Geschichte zu kurz? Es ist ein Hin und Her seit meinem Abi vor zwei Jahren. Ich habe versucht, durch Auslandsaufenthalte und Praktika herauszufinden, was ich will. Fehlanzeige: Ich war noch verwirrter.

Vor 50 Jahren hätte ich es einfacher gehabt. Da musste man nur zwischen drei Fernsehsendern und einem Stromanbieter wählen. Mich kostet das Durchforsten diverser Online-Vergleichsportale Stunden. In den Ferien wäre ich damals einfach an die Ostsee gefahren. Heute weiß ich vor lauter Lonely-Planet-Geheimtipps nicht, wo ich hin will. Am kroatischen Strand klicke ich mich durch Urlaubsbilder meiner Kommilitonen. Oh, Thailand, 
da wollte ich immer schon hin. Island, wie cool. Durch die vielen Möglichkeiten habe ich Angst, etwas zu verpassen oder mich falsch zu entscheiden. Also entscheide ich mich gar nicht oder ständig um. Studienabbruch, Umzug, Trennung. Im nächsten Urlaub werde ich einfach Facebook deaktivieren und Postkarten schreiben. Ein erster Schritt in Richtung Fünfzigerjahre.

Nora Tschepe-Wiesinger

Politik statt Metzgerei

Metzger! Das wäre wohl mein Beruf, wäre ich vor 50 Jahren aufgewachsen. Ich hätte den kleinen Betrieb meines Großvaters in Hemmoor im Landkreis Cuxhaven übernommen und tagein, tagaus Schweinehälften zerkleinert. Zum Glück ist dieses Szenario nicht eingetreten, denn ich habe zwei linke Hände und Handwerkern hat mir nie Spaß gemacht. Mein Opa hat den Job geliebt. Aber er hatte auch keine Wahl. Nach dem Krieg war es oberste Priorität, das eigene Einkommen zu sichern. Ich hingegen durfte in Frieden aufwachsen und musste als Jugendlicher nicht den ganzen Tag arbeiten. Nach dem Abitur war ich fast zwei Jahre im Ausland, bin vom Dorf in die Stadt Hannover gezogen und habe angefangen, Politikwissenschaft zu studieren.

Ein solcher Lebenslauf wäre vor 50 Jahren für jemanden wie mich, der aus nicht akademischen Kreisen kommt, schwierig gewesen. Ich habe die vielen Möglichkeiten nie als bedrückend empfunden, sondern als befreiend. Ich bin glücklich als Single, denn heiraten und Kinder bekommen, kann ich später. Viel Geld zu verdienen, ist mir nicht wichtig, solange mein zukünftiger Beruf mich erfüllt. Vielleicht werde ich eines Tages Journalist, und selbst wenn das nicht klappen sollte, werde ich mit großer Zuversicht meinen Weg gehen.

Tim Fritsche

Druck durch viele Möglichkeiten

Eigentlich habe ich mit Entscheidungen kein Problem. Im Supermarkt greife ich direkt zum billigeren Joghurt und am Wochenende höre ich auf mein Bauchgefühl, wenn ich mich zwischen Sofa oder Party entscheiden muss. Doch einen Schwachpunkt habe ich. Und der wird mir jeden Sonntag unter die Nase gerieben, wenn meine Oma fragt, was ich denn werden wolle. Ich weiß es nicht. Immer noch nicht. „Wirste Lehrerin, da bekommste ’ne ordentliche Rente“, ist ihr Tipp. So einfach will ich mich aber nicht zwischen Lehramt, Journalismus oder der Verlagsbranche entscheiden.

Ich will sichergehen, dass ich den perfekten Beruf finde. Doch die Masse der Auswahlmöglichkeiten setzt mich unter Druck. Woher soll ich wissen, was für mich das Richtige ist? Meine Mutter sagt, unsere Generation sei verwöhnt. Wir könnten alles sein, was wir wollen – und beschweren uns dennoch. Hätte ich zu Zeiten ihrer Jugend gelebt, hätte ich mich nicht mit schwierigen Entscheidungen herumschlagen müssen. Ich hätte erst eine Ausbildung gemacht, dann Geld verdient. Studieren käme für mich, die aus einer Arbeiterfamilie kommt, überhaupt nicht infrage. Als ich mich nach dem Abitur entscheiden musste, sagte meine Mutter, ich solle das mit mir alleine ausmachen. Und für meinen Weg allein verantwortlich sein. Diese Chance hätte ich vor 40 Jahren noch nicht gehabt.

Sarah Seitz

Die Generation will sich nicht festlegen

Klaus Hurrelmann ist Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin

Professor Hurrelmann, was unterscheidet die sogenannte Generation Y von ihren Eltern?
Die heute 15-30 Jährigen haben viele politische und wirtschaftliche Krisen erlebt, die sie gelehrt haben, dass man in einer Gesellschaft aufwächst, die einen nicht unbedingt braucht. Da hatten es die Vorgängergenerationen einfacher. Für die war es im Vergleich ein Spaziergang in das Berufsleben einzutreten.

Fällt es uns deswegen schwer, Entscheidungen zu treffen und sich festzulegen?
Wenn man keine Garantie auf einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz hat, wie es noch bei den Eltern der Fall war, dann kann das in der Tat zu einem Entscheidungsaufschub führen. Dies ist ein Kennzeichen einer Generation, die sich nicht festlegen möchte. Auch weil sie gelernt hat, dass es von Vorteil ist, lieber noch eine Ausbildungskomponente hinzuzufügen. So endet man wenigstens nicht in einer Sackgasse.

Hätte man es als Kind einer Arbeiter-Familie vor 50 Jahren also leichter gehabt sich zu entscheiden?
Die Wahrscheinlichkeit, dass man in den Beruf der Eltern getrieben würde, wäre sehr viel höher gewesen. Das hat Sicherheiten geboten, die es heute nicht mehr gibt. Allerdings können diejenigen, die heutzutage mit der fehlenden Sicherheit flexibel umgehen können, wesentlich mehr aus sich machen als noch vor 50 Jahren

Wollen wir heutzutage die Erfahrung des Scheiterns vermeiden?
Die Deutschen sind tatsächlich sehr sicherheitsorientiert, obwohl es uns ziemlich gut geht. Dennoch haben viele immer noch den Eindruck, dass man eine stromlinienförmige Karriere hinlegen muss, sonst gilt man schnell als gescheitert. Das wollen auch die jungen Leute vermeiden, und sind deswegen lieber vorsichtig und dehnen bestimmte Lebensabschnitte aus, um nicht auf dem Trockenen zu sitzen.

Ist diese Taktik denn zielführend?
Bisher, muss man sagen, ist sie aufgegangen. Denn wenn man sieht, wo die ersten Leute aus dieser Generation heute stehen, dann kann man erkennen, dass sie sogar in den ersten Branchen direkten Einfluss ausüben. Das ist die Stärke der Generation Y, dass sie sich nach Berufseintritt als überaus motiviert und kreativ erweist. Ihre vorsichtige, taktierende Haltung geht auf. Deswegen kann man sagen: Lasst sie endlich in den Beruf rein.

Interview: Tim Ende

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr