Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Mama an der Uni

Studium mit Kind Mama an der Uni

Viele Freiheiten und Unabhängigkeit - das ist für viele das Beste am Uni-Leben. Doch wie ist es, mit Kind zu studieren? Wir haben zwei junge Mütter begleitet, denen das erstaunlich gut gelingt.

Voriger Artikel
Grenzgänge auf der großen Bühne
Nächster Artikel
So sehen junge Flüchtlinge Hannover

Morgendliches Ritual: Bevor sich Franziska Macha (27) an ihre Masterarbeit setzen kann, muss Sohn Nico (3) nach dem Frühstück erst einmal in die Krippe.

Quelle: Schaarschmidt

Es ist morgens, kurz vor halb 9, als Studentin Franziska zur Uni geht. Manch anderer Studi würde sich um diese Uhrzeit noch mal die Bettdecke über den Kopf ziehen, für Franziska ist Ausschlafen eine Seltenheit Die 27-Jährige ist schon seit einigen Stunden auf Beinen. Nicht, weil sie so lange im Bad braucht, sondern weil sie einen kleinen Sohn hat. Der dreijährige Nico hat mit ihr gefrühstückt, und Franziska hat ihm seinen kleinen, grünen Rucksack zusammengepackt. Für Nico geht es in die Krippe, für Franziska in die Uni-Bibliothek. Schließlich muss die Masterarbeit über Rechnungslegung in Wirtschaftswissenschaften fertig werden.

Etwa 7 Prozent der hannoverschen Studenten haben ein Kind – und damit deutlich mehr, als im Bundesschnitt: Dort sind es 5 Prozent, also ungefähr 110 000 Studenten. Es ist kein einfacher Spagat für junge Mütter und Väter, sich nicht nur um Credit Points zu kümmern, sondern auch noch um ein Kind. Das hat auch Franziska schnell gemerkt. Als sie vor drei Jahren schwanger wurde, war sie gerade im vierten Semester. Nico kam allerdings nicht überraschend oder gar ungewollt. Sie und ihr Freund Erik haben sich den Zeitpunkt bewusst ausgesucht. „Wir dachten: Jetzt sind wir noch flexibel“, erzählt die 27-Jährige.

Auch Medizinstudentin Judith Bokies hat sich bewusst für das Studieren mit Kind entschieden. Die 28-jährige überbrückte die Wartezeit bis zum Studienbeginn mit einer Ausbildung zur Radiologieassistentin und lernte in dieser Zeit Dietmar kennen und lieben. Mit dem Kinderkriegen zu warten, bis sie einen festen Job haben, wollten beide nicht: Sohn Johann war ein halbes Jahr auf der Welt, als Judith ihren ersten Uni-Tag hatte. Das typische Studentenleben mit vielen Partys kennt Judith nicht, auch ein Auslandssemester kommt für sie zurzeit nicht infrage. Dennoch bereut sie ihre Entscheidung, trotz Kind zu studieren, nicht. „Man ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich und muss keinem Arbeitgeber gegenüber ein schlechtes Gewissen haben, wenn man ausfällt“, sagt sie.

Franziska hatte schon vier Semester Studentenleben hinter sich, als Nico dann kurz vor einer Prüfungsphase zur Welt kam. Während ihre Kommilitonen für die Uni büffelten, lernte Franziska nebenbei auch noch das Stillen und Windelwechseln. Ein Urlaubssemester hat die WiWi-Studentin weder zur Geburt von Nico noch zu einem späteren Zeitpunkt beantragt. „Die Prüfungen musste ich natürlich trotzdem machen“, erinnert sie sich.

Studis mit Kind sind im Schnitt 31 Jahre alt

Wer im Studium ein Kind bekommt, ist deutlich älter als seine Kommilitonen – das hat das Deutsche Studentenwerks in einer Studie festgestellt. Fast acht Jahre trennen studierende Eltern von den im Schnitt 23,4 Jahre alten kinderlosen Studenten. Für ein Kind während des Studiums entscheiden sich nur etwa 5 Prozent, in Hannover sind es 2 Prozent mehr. 50 Prozent der jungen Mütter und Väter sind verheiratet, 32 Prozent leben in einer festen Beziehung. Eine Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt außerdem: Wer während des Studiums ein Kind bekommt, kann sich im Schnitt 28 Stunden pro Woche der Uni widmen – und damit nur sechs weniger als ohne Kind (34 Stunden). Für Betreuungsunterstützung sorgen Studentenwerke: Insgesamt 218 Kindertagesstätten halten 8700 Plätze für Studierende mit Kind vor.

Kira von der Brelie

Bestanden hat sie die mit Unterstützung ihrer Freunde: Die brachten ihr Unterlagen aus den Vorlesungen vorbei, wenn Franziska mit Nico zuhause bleiben musste. Auch ihre Lerngruppe hatte Verständnis, die Kommillitonen verlegten die Treffen kurzerhand zu ihr in die Wohnung. „Die hatten auch ihren Spaß mit Nico“, sagt Franziska lachend. Auch ihr Freund Erik hat sie entlastet, indem er während der Prüfungsphase mit seinem Sohn Nico Ausflüge machte oder sogar mehrere Tage wegfuhr. Auch als Franziska später Hausarbeiten schreiben musste, ließen sie die beiden meist alleine, damit sie sich besser konzentrieren konnte. „Das war die schrecklichste Zeit“, sagt Franziska. Hausarbeiten zu schreiben war immer sehr anstrengend.“

Trotz Kind weiter zu studieren, dass können und wollen aber längst nicht alle jungen Eltern: 78 Prozent nehmen eine Auszeit, wie die Studie „Studieren mit Kind“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt.
Seit Nico in der Krippe ist, hat Franziska den Kopf frei, um sich aufs Studium zu konzentrieren, zumindest ein paar Stunden lang. Auf seine „Erdenkinder“-Gruppe freut sich der Dreijährige sichtlich: Auf dem Weg in die Krippe grüßt er fröhlich Bauarbeiter und springt mit Anlauf in jede Pfütze die er auf dem Weg findet.

Doch obwohl sowohl die Leibniz-Universität als auch die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) eigene Kindergärten und Krippen haben, bekommt nicht jedes Kind von Studenten dort einen Platz. Auch Judith hatte sich direkt nach der Geburt von Johann bei mehreren MHH-Krippen beworben, aber auch nach Ablauf der Elternzeit von einem Jahr gab es noch keine Zusage. Es dauerte dann nochmal vier Monate, bis sie einen Platz in einer privaten Krippe fand, vier Monate, in denen sie die Uni nicht regelmäßig besuchen und einige Prüfungen nicht ablegen konnte. Mittlerweile kommt es selten vor, dass sie in den Vorlesungen und Übungen fehlt. Wenn die Krippe mal geschlossen hat, kommt Johann einfach mit zur Vorlesung.

Seit Nico in die Krippe geht, hat auch Franziska wieder mehr Zeit für Vorlesungen – und für sich selbst. Während andere sich nach einem langen Uni-Tag abends erstmal aufs Sofa legen oder ihren Hobbys nachgehen, kommt das für Franziska nicht infrage. „Ich hab immer gerne gezeichnet, aber finde dafür kaum noch Zeit“, erzählt sie. Statt Hobbys hat sie Nico – und der bereitet ihr viel größere Freude als das Zeichnen. Seit sie wieder Vorlesungen besuchen kann, fühlt sie sich wie eine richtige Studentin – und freut sich auf Abwechslung in der Uni.„Mein Zeitmanagement hat sich echt verbessert, seit Nico auf der Welt ist“, sagt sie. Sie wirkt ziemlich routiniert – und erstaunlich locker. Bald müssen Franziska und Erik ihre Aufgabenverteilung aber wieder ganz neu regeln: Denn Franziska schließt in diesem Semester ihr Studium ab und steigt dann in den Beruf ein. Darauf freut sie sich: „Es ist aufregend, mal was Anderes zu machen und ein bisschen die Mutterrolle abzugeben“. Fürs Erste muss sie aber die Masterarbeit fertig schreiben. Langweilig wird ihr dabei sicherlich nicht: Für die nötige Abwechslung wird Nico schon sorgen.

Jacqueline Niewolik und Mareke Heyken

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr