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Anziehen und Abgrenzen

Subkultur-Mode Anziehen und Abgrenzen

Ob Punk, Hip-Hop oder Gothic: Jede Subkultur hat ihre eigene Mode. Aber Nietengürtel und Bandshirts findet man heute schon bei den meisten großen Modeketten. Kann Kleidung da noch ein Statement sein? Ein Streifzug durch die Szenen.

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Quelle: Ditfurth, Kunert, Eberstein

Dass Kleider Leute machen, lernen viele junge Menschen nicht erst im Deutschunterricht, wenn sie das gleichnamige Buch von Gottfried Keller lesen müssen. Darin geht es um einen armen Schneider, der immer bestens angezogen ist und so, trotz leerer Geldbörse, mit Privilegien überhäuft wird.

Obwohl es Punks, Raver und Hip-Hopper erst 100 Jahre später gab, hat sich daran nicht viel geändert. Schließlich machen Shirts, Schuhe, Frisuren und Accessoires das Schubladendenken herrlich einfach. In etlichen Teenie- und Coming-of-Age-Filmen sind die´Typen im Metallica- oder Sex-Pistols-Shirt die aufmüpfigen Chaoten – sie hören schließlich nur Krach. Die komplett in Schwarz gekleideten und introvertierten Mauerblümchen müssen stets verträumt tun – das muss bei Emos und Gothics schließlich so sein. So weit das Klischee.

Egal, ob Punk, Hip-Hopper oder Metaller: Szenekleidung soll eine Abgrenzung zu den „Normalos“ sein und gleichzeitig eine Art Uniform für die Szene darstellen. Die entsprechenden Utensilien zu bekommen ist heute einfacher denn je: Modeketten verkaufen Shirts mit dem Porträt von Che Guevara – auf das kitschige Strasssteinchen geklebt sind. Direkt daneben gibt’s die Klamotten mit den Logos von Nirvana oder Iron Maiden für wenig Geld. Aber wie wichtig ist Szenekleidung überhaupt, wenn man sie von der Stange kaufen kann?

Manuel Behrens

Löcher und Nieten gehen immer

Mini-Röcke neben Leder-Kutten – wie vielseitig die Farbe Schwarz sein kann, sieht man bei Kick’s fashion auf der Lister Meile. Mitarbeiterin Antje Budzin ist seit ihrem 15. Lebensjahr selbst Anhängerin der Gothic-Szene. „Jeder Goth lebt diesen Stil etwas anders aus – mir reicht schon ein schwarzes Shirt, während andere mit viel Schmuck und Nieten auffallen wollen“, sagt die 28-Jährige. Auch wenn Nietengürtel und Leder-Rock nun auch bei H&M an der Stange hängen, „diese Klassiker sterben in der Gothic-Szene nie aus“, sagt sie. Während Antje im Alltag auf schlichte Mode setzt, darf es beim Ausgehen auch mal aufreizender sein. Gerade in der Gothic-Szene sind Korsetts sehr verbreitet. Dass extravagante Kleidungsstücke wie diese nicht in den großen Kaufhäusern zu finden sind, macht ihr nichts. „Gothic ist ein Lebensgefühl, da passen Mainstream-Shops nicht ins Bild. Wir werden selbst kreativ und gestalten unsere Klamotten nach unseren Vorstellungen“, sagt sie.Löcher und Nieten sind der Klassiker.

Katharina Kunert

Kiss, Kutten, Kleider

Den Überblick zwischen Hunderten von Band-Shirts, Gothic-Kluften und Lederschuhen zu behalten ist nicht einfach – denn das Mode-Rock-Center an der Kurt-Schumacher-Straße stattet alle aus, die harte Musik mögen. Mitarbeiterin Dagmar Lüers kennt sich aus. „Ganz stark ist der Rockabilly- und Steampunk-Trend im Kommen“, sagt sie. „Gerade im Sommer ist der Rockabilly-Stil beliebt, und es kommen auch ‚Normalos’ in den Laden.“ Manche Paare statten sich hier für ihre Hochzeit aus.

Doch auch Anhänger der sogenannten „Schwarzen Szene“ sind Stammgäste. Während vor zehn Jahren die mit Mustern verzierten Brokatmäntel und Leder-Röcke hauptsächlich von Erwachsenen getragen wurden, haben nun auch deren Kinder den düsteren Stil für sich entdeckt. „Wir müssen deshalb immer alle Größen bestellen“, sagt Dagmar. Dunkle Mode kann sehr schrill sein – Kunden mit seriösen Berufen gibt es aber auch: „Bei uns kaufen Ärzte und Anwälte, die im Ausgleich zum Alltag am Wochenende ausgefallene Szene-Mode tragen.“

Katharina Kunert

Punkrock selbst gemacht

We are all we have!“ dröhnt der wütende Punksong aus der Dockingstation. Zwei Hunde bellen, als könnten sie den Song nicht mehr hören. Der Berliner Punk „Löffel“ sitzt mit seinen Freunden am Kröpcke und sammelt Geld für die anstehende Heimfahrt nach Berlin.

„Als ich mit 15 Jahren die Punk-Szene für mich entdeckte, war mein Style pure Provokation“, sagt der 28-Jährige. „Heute ist es mir völlig egal, ob sich die Leute provoziert fühlen, das ist dann ihr Problem.“ „Löffel“ möchte mit seinen Klamotten nicht einfach einer Szene entsprechen, er trägt, was seine Überzeugungen und Interessen widerspiegelt. Basics, wie T-Shirts und Jeans-Westen, die er günstig bei Kaufhäusern kauft oder auch einfach findet, peppt er deshalb mit Aufnähern von seinen Lieblingsbands oder mit politischen Statements auf. Was für ihn niemals fehlen darf, sind vor allem die Nieten, die er ebenfalls selbst an seinen Kleidungsstücken anbringt. Seine Klamotten selbst zu gestalten ist für „Löffel“ ein Ausdruck von Individualität – do-it-yourself. „Punk sein, bedeutet Freiheit,“ sagt er.

Katharina Kunert

Räucherstäbchen statt Rebellion

Ob indische Pumphosen oder brasilianische Edelsteine – Hauptsache, bunt. Bei Sputnik auf der Limmerstraße gibt es alles, was das Hippie-Herz begehrt. Zwischen Weihrauch-Duft und entspannten Gitarrenklängen schlängeln sich junge Frauen durch die bunt gemischten Kleiderstangen. „Die neuen, auffälligen Trends werden zuerst von jungen Mädchen, den Trendsettern, getragen“, erzählt Mitarbeiterin Angelika Beutler (59).

Seit einigen Jahren fragen Kunden nach fair gehandelten Produkten. „Als wir angefangen haben, hat das noch keinen interessiert“, sagt Chef Erhard Rabe (59). Deshalb fährt er nun häufig selbst zu kleinen Firmen nach Thailand, Portugal und sogar Brasilien, um die Produkte und ihre Herstellung persönlich zu begutachten. Auch zu den Kunden pflegt das Sputnik-Team ein persönliches Verhältnis. Deshalb weiß Angelika: „Unsere Kunden sind keine Rebellen, sondern Individualisten.“ Besonders populär sind im Moment bunte Pumphosen und Turnbeutel. Ihre Prognose für Trends: „Der Mut in der breiten Masse wächst.“

Katharina Kunert

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