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Grenzgänge auf der großen Bühne

Theater-Festvial "Jugend spielt für Jugend" Grenzgänge auf der großen Bühne

Seine Freunde anschreien oder den Hitlergruß zeigen – als Schauspieler muss man manchmal an die Grenze gehen. 
Warum sich das lohnt, zeigen acht Schulgruppen ab Montag beim „Jugend spielt für Jugend“-Festival. Ein Probenbesuch.

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Keine leichte Rolle: In "Napola" spielen die Nachwuchstalente die Schüler eines nationalsozialistischen Internats.

Quelle: Machado Rios/Staatstheater

Hannover. „Sieg heil!“, brüllen die Jugendlichen. Sie stehen schnurgerade, starren aggressiv ins Nichts und strecken ihren rechten Arm zum Hitlergruß aus. Eine gespenstische Szene. Das spüren die Darsteller am meisten. Einige grinsen verlegen. Es gibt sicher leichtere Aufgaben, als Nazis zu spielen. Die Schüler des Gehrdener Matthias-Claudius-Gymnasiums haben sich ihr trotzdem gestellt – schließlich geht es im Stück um Verführung und Widerstand, auch heute noch wichtige Themen. In der Schulaula proben sie das Theaterstück „Napola“. Darin wird, angelehnt an den gleichnamigen Film, die Geschichte des 17-jährigen Friedrich erzählt. Weil der ziemlich gut boxt, wird er im Jahr 1942 in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, kurz Napola, aufgenommen. Von den Möglichkeiten, die ihm die Institution bietet, ist er begeistert. Doch Friedrich merkt bald, dass im nationalsozialistischen Weltbild kein Platz für Schwache ist – und er beginnt, die unmenschliche Ideologie zu hinterfragen.

„Napola“ ist eine von acht Produktionen, die ab Montag beim 38. Theaterfestival „Jugend spielt für Jugend“ in Hannover gezeigt werden. Das Besondere: Auf der Bühne stehen keine ausgebildeten Schauspieler, sondern Schüler. Für viele von ihnen sind es die ersten Schauspielerfahrungen. Weil es nicht so einfach ist, glaubhaft in eine andere Rolle schlüpfen, gibt es Coaches vom Jungen Schauspiel. Die Profi-Schauspieler und Regisseure entwickeln zusammen mit den Schülern die Stücke. Oft geht es darin um das Erwachsenwerden und Selbstfindung.

Auch bei „Napola“ tauchen diese Themen auf. Denn im Laufe des Stücks lernt Protagonist Friedrich den sensiblen Albrecht kennen – und macht sich dessen pazifistische Denkweise zu eigen. Jan Niclas Lietzow spielt diesen Friedrich. Am liebsten mag der 17-jährige Wennigser die Boxszenen. Der Schüler boxt seit vier Jahren selbst und findet, dass er auch so ein Dickschädel wie Friedrich ist.

Schüler von acht Schulen der Region erarbeiten gemeinsam mit Coaches Theaterstücke für das "Jugend spielt für Jugend"-Festival im Juni.

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Schon bei den Schulproben sitzen viele Zuschauer in der Aula. Zwei Darstellendes-Spiel-Kurse mit insgesamt 45 Schülern sind an dem Stück beteiligt. Während ein paar davon auf der Bühne im Scheinwerferlicht spielen, lungert der Rest auf Stühlen herum. Sich da zu konzentrieren ist nicht so leicht. Immer wieder müssen Szenen wiederholt werden, weil die Schüler nicht ernst genug spielen. Ein bisschen spielt sicherlich die Verlegenheit mit. „,Heil Hitler’ zu sagen und sich mit der Rolle richtig zu identifizieren, ist schwer“, sagt Jasmin Siebert. Sie spielt ein Mädchen aus dem Bund deutscher Mädel. Auf der Bühne wirkt sie noch unsicher. „Das ist eben nichts Alltägliches. Aber das Projekt hilft mir, das Sprechen vor vielen Leuten zu lernen“, sagt die 17-Jährige. „Das ist ein bisschen wie ein Referat. Je öfter man es vorträgt, desto sicherer wird man“, ergänzt Mitschülerin Lea Hagedorn. Das Spielen helfe der 16-Jährigen, die Vergangenheit besser zu verstehen.

Lea trägt einen dunklen, wadenlangen Ledermantel und schwere Stiefel. Sie spielt den Schulleiter der Napola, „so einen Vollblutnazi“. Am Anfang fiel es ihr sehr schwer, so steif zu stehen – und dabei den Hitlergruß zu zeigen. „Das Schlimme ist, dass man sich daran gewöhnt“, sagt Lea. Ein mulmiges Gefühl habe sie trotzdem noch dabei.„Es wäre schließlich schlecht, wenn sich ein Hitlergruß gut anfühlen würde.“

„Beim Theaterspielen geht es viel darum, sich etwas zu trauen“, sagt Anne-Stine Peters. Die Regisseurin, die zuletzt „Tschick“ fürs Schauspielhaus inszeniert hat, ist regelmäßig bei den Proben in Gehrden dabei. Sie hat auch bei der Rollenfindung und der Dramaturgie geholfen. „Ich schaue, ob der rote Faden passt.“

Bei dem Stück „Making of“ des freien Schauspiel-Ensembles Oscar Weildas hat er offensichtlich nicht gepasst: Vor knapp zwei Wochen hat die Gruppe ihr Stück noch einmal komplett geändert. „Die Grundidee ist geblieben, es geht immer noch um ein Vorsprechen bei der Schauspielschule“, erklärt Shirin Lilly Eissa.

Ihr Stück hat das Gewinner-Ensemble vom vergangenen Jahr komplett selbst entwickelt – und zwar während des freien Spielens in den Proben. Alle haben sehr früh ihre ersten Schauspielerfahrungen gesammelt. „Ich war früher sehr schüchtern“, sagt Shirin. Heute hat die 18-Jährige kein Problem mehr damit, auf der Bühne bei einem Streit auch mal lauter zu werden. Ihr Ensemble freut sich auf die anderen Gruppen – und hofft, dass es in diesem Jahr weniger Konkurrenzdenken gibt.

2015 gab es nämlich bei „Jugend spielt für Jugend“ ein Preisgeld in Höhe von insgesamt 5500 Euro. In diesem Jahr bekommen die besten Gruppen stattdessen Sachpreise, die von Enercity gesponsert werden. Darunter ist zum Beispiel ein professionelles Fotoshooting und ein Schauspiel-Coaching – Workshops also, die beim Theatermachen helfen.

Ebenso gesellschaftskritisch wie „Napola“ und so persönlich wie „Making of“ ist das Stück „Interdependenzen“ von zehn Schülern der Wilhelm-Raabe-Schule. Es geht um die Rebellion gegen eine gleichgeschaltete Gesellschaft. Auf der von Baustrahlern beleuchteten Bühne sitzt Martha. Sie trägt ein graues T-Shirt, ihre Haare sind hochgebunden. Martha versucht, ein nicht Aufnahmegerät einzuschalten. Das klappt nicht – soll es laut Skript ja auch nicht. „Kann mich da draußen irgendjemand hören?“, schreit die 16-Jährige verzweifelt.

Ihre Lehrerin Lydia Wieczorek nickt zustimmend – hat aber noch einen Verbesserungsvorschlag. „Die Bewegungen müssen das Wort begleiten“, sagt sie und lässt ihre Hand nach unten gleiten. Im Stück geht es um eine gleichgeschaltete Welt, in der niemand mehr einen freien Willen hat. Am meisten gefällt Martha, dass sie sich auf der Bühne ganz anders benehmen darf. Dadurch sei sie selbstständiger geworden: „Man lernt, sich Dinge zuzutrauen.“

Von Clara Hellner,
 Theresa Kruse und Sarah Franke

Das ist „Jugend spielt für Jugend“

Acht Schulheatergruppen sind vom 6. bis zum 10. Juni beim Theaterfestival „Jugend spielt für Jugend“ am Ballhof zu sehen: darunter sind Schüler von Wilhelm-Raabe-Schule, St.-Ursula-Schule, Ernst-Reuter-Schule Pattensen, Georg-Büchner-Gymnasium Seelze, Otto-Hahn-Gymnasium Springe, Hölty-Gymnasium Wunstorf und Matthias-Claudius-Gymnasium Gehrden. Den Auftakt macht Montag ab 18.30 Uhr „Making of“ vom Oscar Weildas Ensemble (Ballhof 1). Die Schüler, deren Ideen von einer Jury ausgewählt wurden, zeigen bei der 38. Auflage, die von Sponsor Enercity ermöglicht wurde, was sie während der Proben mit Schauspielprofis erarbeitet haben. Nach den Aufführungen kann über die Stücke diskutiert werden. Am letzten Festivaltag vergibt die Jury Förderpreise. Zu den Juroren gehören unter anderem Florian Fiedler, Leiter des Jungen Schauspiels, und die Schauspielerin Nicole Mercedes Müller („Tatort“, „Tschick“). Für alle Vorstellungen gibt es noch Karten.

Zum Abschluss des Festivals wird am Freitag, 10. Juni, ab 20 Uhr bei „Komm Tanzen“ auf dem Ballhofplatz in der Altstadt groß gefeiert: Neben der Classic-Rockband The Who Cares aus Hannover und den Highschool-Punkrockern von Donkey Show (ebenfalls aus Hannover) spielt auch die Berliner Electro-Swing-Band Dirty Honkers bei der Open-Air-Show. Die Berliner vereinen groovende Clubsounds mit locker leichtem Swing. Der Eintritt ist frei.

man

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