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„Anfänger sind oft zu egoistisch“

Wie schreibt man einen guten Poetry-Slam-Text? „Anfänger sind oft zu egoistisch“

Poetry-Slams sind ein Sprungbrett für talentierte Autoren. Um vor Publikum zu bestehen, braucht es aber mehr als Mut und 
gute Texte. Tobias Kunze, einer der besten Slammer der Stadt, erzählt, was einen guten Auftritt ausmacht.

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Nicht die Nerven verlieren: Beim Schreiben guter Poetry-Slam-Texte braucht man Fleiß und Geduld.

Quelle: Jeschke

Tobias, beim Poetry-Slam werden geschriebene Texte auf der Bühne vorgetragen. Am Ende entscheidet das Publikum über den Gewinner. Was ist wichtiger: Text oder Performance?
Das hält sich eigentlich die Waage. Aber gerade für Anfänger ist der Inhalt wichtiger, denn da hat das Publikum Verständnis, wenn man noch etwas stottert oder unsicher ist. Wenn man einen Text mit Tiefgang hat, kann der Inhalt trotzdem beeindruckend sein.

Ist es leichter, lustige oder traurige Texte zu schreiben?
Das kommt auf den Charakter an. Meiner Meinung nach ist Lachen die einfachste aller zu erzeugenden Emotionen. Witze gehen immer. Wenn das Publikum aber nachdenklich oder traurig gestimmt werden soll, ist Authentizität wichtig. Gleichzeitig dürfen die Zuschauer aber nicht emotional erpresst werden. Wenn jemand seinen Vortrag anfängt mit „Meine Mutter ist gestorben und ihr widme ich den Text-...“, aber der Text wirklich nicht gut ist, traut sich die Jury trotzdem nicht, objektiv zu werten. Auch, weil sie dann als kalt dastehen würde.

Welche Tipps hast du für das Schreiben von Texten?
In meinen Kursen empfehle ich immer ein Kritzelblatt. Darauf alle Begriffe, Redewendungen, Metaphern und Stichwörter zum Thema schreiben, als Brain-
 storming. Und sie danach in eine stringente Reihenfolge mit rotem Faden bringen.

Welche Fehler sollte man vermeiden?
Da gibt es drei typische Anfängerfehler: Der erste ist, dass man zu egoistisch ist und nur Banalitäten aus dem eigenen Leben erzählt. Das Publikum bekommt den Eindruck, dass man die Welt um sich herum nicht wahrnimmt. Der zweite Fehler ist, dass Situationskomik oft nicht richtig rübergebracht werden kann. Das merkt man erst auf der Bühne. Und der dritte Fehler ist eine übertrieben gekünstelte Betonung, weil es lyrisch oder künstlerisch klingen soll.

Also ist Authentizität das Wichtigste?
Ja, man muss entweder echt sein oder eine gute Bühnenidentität haben, wie etwa Lisa Eckhart aus Österreich. Sie trägt stets ein supermodisches Kostüm und tritt auf wie eine Kunstfigur. Kostüme sind beim Poetry-Slam nicht erlaubt, es sei denn, man läuft immer so rum – und das ist bei ihr der Fall.

Was macht einen Auftritt gut?
Das sind viele Faktoren. Man sollte seinen Text gut kennen und er sollte zur eigenen Sprechgeschwindigkeit passen.

Lieber auswendig oder mit Textblatt?
Da gibt es tatsächlich keine eindeutige Präferenz. Auswendig wirkt professioneller, aber sogar der ehemalige deutsche Meister Patrick Salmen liest seine Texte konsequent ab. Ich auch. Aber wenn man nicht ablesen muss, hat man mehr Möglichkeiten, mit dem Publikum zu agieren.

Was kann man sich bei anderen Slammern abgucken?
Die Cleverness sollte man sich abschauen, aber einen eigenen Stil entwickeln: nicht die nächste Kopie von Jan Philipp Zymny oder Theresa Hahl werden. Man sollte überlegen, was man selbst mitteilen will – und wie? Gereimt oder erzählt?

Du hast nicht nur geslammt, sondern nebenbei auch gerappt. Hat dir das bei den Slams geholfen?
Die Bühnenerfahrung, also Texte vor Publikum vortragen, war dadurch schon einmal da. Beides sind Performance-Varianten. Mir hat das Slammen dann aber auch umgekehrt beim Rap geholfen.

Wie das?
Poetry-Slam ist wie ein Sprechtraining. Ich habe gelernt, akzentuierter zu sprechen, und vor allem durch das Moderieren auch, wie man mit dem Publikum interagiert. Beim Slammen bin ich nicht an den laufenden Beat gefesselt, sondern kann spontan auf Zwischenrufe reagieren. Das Feedback beim Poetry-Slam ist auch nicht so einseitig. Beim Rap ist das Publikum zwar kritischer, aber auch oft einfach anti gegenüber fremden Leuten aus anderen Städten eingestellt – das ist beim Slam keinesfalls so.

Poetry-Slam ist ein junges Format. Warum ist das so? Warum sind die meisten Slammer unter 40?
Poetry-Slam ist ein Format zum Ausprobieren, und junge Leute wollen sich gerne ausprobieren. Ältere sind oft gefestigt und das zeigt sich auch in den Texten. Sie experimentieren weniger.

Tobias Kunze, 30 Jahre, ist zum Texteschreiben über seine Band Big Tune gekommen. Seit 15 Jahren slammt er, gibt Workshops und tritt als Teil der Lesebühne „Nachtbarden“ auf. Am Donnerstag kommt er mit seinem Solo-Programm „Der Schwung der Wucht“ in die Faust, Zur Bettfedernfabrik 3. Der Eintritt kostet 9 Euro, los geht es um 20 Uhr.

Interview: Theresa Kruse

Fleißig und erfolgreich

Ninia LaGrande hat viel zu tun: Sie moderiert die Fernsehshows „Ninias Fashion Mag“ und „Ninias Style der Woche“ auf RTL. Sie ist Bloggerin und schreibt auf ninialagrande.blogspot.de über Politik, Feminismus, Mode und skuril-lustige Alltagsgeschichten. 2013 wurde die Seite beim „Goldenen Blogger“ zum zweitbesten Tagebuchblog gekührt.

Gerade schreibt sie am Nachfolger ihres Erzählbandes „Und ganz, ganz viele Doofe!“. Im ersten Teil erzählt sie in 34 Kurzgeschichten vom vergeblichen Versuch mit gerade mal 1,40 Meter Körpergröße normal zu sein, von Frauenarztbesuchen und dem Großstadtleben. Mit Tobias Kunze gehört sie zu den Nachtbarden, der monatlichen Lesebühne im Theater am Küchengarten.

Eigentlich heißt die 33-Jährige Ninia Binias und kommt aus Braunschweig – angefangen hat sie mit Poetry-Slams. Trotz Job und den anderen Verpflichtungen denkt sie nicht daran, die Slams aufzugeben. 2015 hat LaGrande ihre Heimatstadt Braunschweig bei den deutschen Poetry-Slam-Meisterschaften vertreten. 2017 soll die Meisterschaft in Hannover stattfinden – bei der Organisation hilft die 33-Jährige gerade fleißig mit – als wenn sie sonst nicht genug zu tun hätte.

Manuel Behrens

Das Nachwuchstalent

Wer in Hannover nach dem besten jungen Slammer der Stadt fragt, bekommt fast immer die gleiche Antwort: Johannes Berger, 21 Jahre alt und Gewinner der deutschen U20-Meisterschaften 2014.
Dabei ist Berger selber – trotz seines Alters – fast schon etabliert in Hannovers Slammer-Szene. Zusammen mit Patrick „Stoffl“ Büttner veranstaltet der Hip-Hop-Liebhaber den U20-Slam „Spam“ und den Jazz’n Poetry im Kulturzentrum Faust.

Seinen enorm wortgewandten, oft sehr schnell vorgetragenen Texten merkt man Bergers Liebe zum Hip-Hop an. Denn neben seinen Slam-Texten schreibt Berger auch für seine Rap-Crew Natürlich Blond.
Angefangen hat der Student der Jazz-bratsche mit Poetry-Slams erst vor wenigen Jahren, nachdem er bei einem Schulworkshop auf den Geschmack kam. Mit 17 wurde er in seiner Heimatstadt München prompt bayerischer U20-Vizemeister.

Mittlerweile gibt der in Istanbul geborene Berger selber Workshops, tritt in ganz Deutschland, in Österreich und der Schweiz auf und war 2014 mit dem Goethe-Institut auf Tour durch China und Taiwan.

ZiSH

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