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Mitgehangen, mitgefangen

Verstörende Begegnungen bei Mitfahrgelegenheiten & Co. Mitgehangen, mitgefangen

Reisen per Mitfahrgelegenheit und Fernbus sind extrem beliebt. Doch stundenlang mit Fremden auf engem Raum auszuharren, kann schnell zum Horrortrip werden. ZiSH erzählt von grausigen Fahrten und No-Gos auf vier Rädern.

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Plötzlich Lehrer

Schräge Begegnungen: Bei manchen Mitfahrgelegenheiten möchte man dann doch lieber wieder aussteigen.

Quelle: Stefan Hoch

Hannover. Ich bin genervt. Mein Fernbus hatte technische Probleme, der Ersatzbus Verspätung und nun ist auch noch Stau. Mein Magen beginnt gewaltig zu knurren. Zu allem Überfluss pflanzt sich beim Zwischenstopp in Magdeburg auch noch ein Mann neben mich, obwohl der halbe Bus leer ist. Ich fluche leise. Meine neue Begleitung scheint das nicht zu stören: Bei jeder meiner kleinsten Bewegungen bekomme ich das Gefühl, er würde mich anstarren.

Als der Busfahrer endlich Berlin durchsagt, bricht mein Sitznachbar plötzlich sein Schweigen und haucht mir mit Mundgeruch entgegen: „Entschuldigen Sie. Bevor Sie jetzt aussteigen, hätte ich noch eine Frage. Darf ich ein Foto von ihnen machen?“ Verdutzt nehme ich die Kopfhörer aus den Ohren und sehe den Mann an, der vom Alter auch mein Vater sein könnte. „Ähm, nein, ungerne“, antworte ich verwirrt und rücke näher zum Fenster. „Oh, wie schade. Ich bin Hobbyfotograf und hätte gerne eine Erinnerung an diese Busfahrt mit Ihnen. Ich finde Sie nämlich sehr schön.“ „Äh, danke“, nuschle ich peinlich berührt. „Ich habe Sie beim Einsteigen gesehen und wusste, dass ich neben Ihnen sitzen will. Und dann haben Sie sich auch die Haare so schön zusammengebunden. Das fand ich sehr interessant. Man könnte sagen, ich habe einen kleinen Haar­fetisch.“ Ich warte darauf, dass er lacht, aber er redet unbeirrt weiter: „Eine Freundin von mir hat auch ganz tolle Haare. Manchmal zieht sie für mich Lederstiefel an – das ist nämlich mein anderer Fetisch.“ Der Bus hält an. Ich steige aus – so schnell es geht.

ZiSH

Wo die Liebe hinfährt

Neun Stunden Busfahrt liegen vor mir. Schon von der Vorstellung bekomme ich schlechte Laune. Eigentlich fahre ich lange Strecken lieber mit dem Zug. Aber für den reicht meine Kohle nicht. Die günstige Alternative von Hannover nach Erlangen ist der Fernbus. Beim Einsteigen fallen mir zwei junge Männer mit Blumensträußen auf. Ach ja – es ist Valentinstag. Ich setze mich auf eine freie Bank vor eine junge Frau mit langen, mittelblonden Haaren. Ein paar Minuten später steigt ein Mann zu. „Ist hier noch frei?“ Finster blicke ich auf. Glücklicherweise meint er nicht mich, sondern das Mädchen hinter mir. Ein gräßlich gesteltzer Small Talk über das Wetter beginnt. Der Bus fährt an und ich kann zum Glück einschlafen.

Schrilles Gelächter weckt mich. Die beiden hinter mir verstehen sich scheinbar prächtig. Er: ein richtiger Witzbold. Sie: kriegt sich vor Lachen nicht mehr ein. Schlafen kann ich jetzt nicht mehr. Als selbst Musik hören langweilig wird, beginne ich die beiden zu belauschen. Sie reden übers Reisen. Sie war drei Monate in Indien, er in Australien. „Da will ich auch mal hin“, sagt sie. Er: „Können wir ja zusammen.“ Auf der Bank hinter mir bahnt sich eine Beziehung an! Ich krame ein Magazin hervor. Endlich erreicht der Bus Erlangen, da reden die beiden schon über Ex-Partner. Das geht ja flott. Es wundert mich nicht, dass sie schnell Nummern tauschen, als der Bus hält. „Na, das war doch ein netter Valentinstag“, sagt er. „Ja“, haucht sie. Ich nehme meinen Rucksack und gehe schnell weg.

Maike Brülls

Sekundenschlaf am Lenkrad

Inzwischen ist es fast 10 Uhr am Abend, ich starre erschöpft auf die Fahrbahnmarkierung. Nach dreistündigem Warten an einer Autobahnzufahrt sitzen meine Freundin und ich nun schon seit Stunden mit fünf weiteren Reisenden und einem Hund in einem VW-Bus. Die Fahrerin ist früh morgens in Brüssel gestartet. Unser Ziel: Nizza.

Von der Frontscheibe abgesehen sind alle Fenster mit dunklem Stoff verhangen – damit sie im Bus schlafen kann, erklärt die belgische Besitzerin. Schlafen sollte sie allerdings mal wieder, denn ständig fallen ihr die Augen zu. Verständlich, denn sie ist seit 16 Stunden unterwegs. Es ist stickig, vor allem wegen des muffigen Labradors auf der hinteren Bank. Alle sind genervt, keiner hat Lust auf Unterhaltung. Kurzentschlossen verabschieden sich zwei junge Belgierinnen, die nach 14 Stunden Fahrt keine Lust mehr haben, bei einem kurzen Stopp – irgendwo in den dunklen Alpen. Als wir auch den sabbernden Vierbeiner samt Herrchen zum Ziel gebracht haben, sind nur noch meine Freundin, die Fahrerin und ich übrig. Wie es sich gehört, setzen wir uns auf die Beifahrerbank. Erst jetzt bemerke ich, dass die Steuerfrau immer wieder einnickt und nach ein paar Sekunden aufschreckt.

Wir sind noch gut zehn Kilometer von unserem Ziel entfernt, beschließen aber, uns lieber aussetzen zu lassen. Wir sind heilfroh. Das Taxi, das uns zu unserer Unterkunft bringt, ist so teuer, dass wir auf die Mitfahrgelegenheit hätten verzichten können. Der Zug wäre insgesamt günstiger gewesen – und gemütlicher.

Leandra Kristin Morich

Nicht auf einer Wellenlänge

München, morgens um halb sieben. Ein strahlend-weißer, scheinbar fabrikneuer Sportwagen donnert auf den Parkplatz des Busbahnhofs. Ihm entsteigt eine strahlend-blonde, aufgebrezelte Mittzwanzigerin. Sie mustert erst mich und meinen Kumpel, dann unsere riesigen Reiserucksäcke. Ihr Blick verfinstert sich. Nach einer sterilen Begrüßung erklären wir ihr, dass wir gerade in 14 Stunden per Bus aus Kroatien gekommen und entsprechend müde sind. Das hätten wir eigentlich nicht sagen brauchen – unsere roten Augen zeigten das bereits überdeutlich. Da ihr Gepäck und das der anderen Mitfahrerin, einer stets über beide Backen grinsenden Mittvierzigerin, bereits den Kofferraum in Beschlag nimmt, müssen wir unsere schweren Rucksäcke auf den Schoß nehmen.

Der Small Talk macht schnell klar: Unterschiedlicher als wir und unsere Fahrerin können Menschen nicht sein. Sie redet vom anstehenden Oktoberfest mit der Münchener Schickeria. Wir hören am liebsten Punk und haben seit zwei Tagen nicht geschlafen. Entsprechend einseitig verläuft die Fahrt. In ihrem Mitfahrangebot hatte die Sportwagenbesitzerin großen Gesprächsbedarf angegeben. Daraus wird wohl nichts: Wir dösen. Die andere Mitfahrerin grinst – und bleibt ebenfalls stumm. Plötzlich bricht es aus der Fahrerin heraus: „Da hätte ich auch alleine fahren können!“ Die Mittvierzigerin fasst sich ein Herz und beginnt zu erzählen. Von Buddhismus. Vom heiligen Lotus. Von Schicksal und Karma. Die Fahrerin bleibt gereizt. Da hilft auch kein heiliger Lotus.

Manuel Behrens

Etikette auf der Piste

Benimmtipps für Mitfahrer von der Ektikette-Trainerin Lis Droste.

Pünktlich sein: Eigentlich ist es selbstverständlich, sich an verabredete Zeiten zu halten. Doch ob Stau oder verpennt – es kann sowohl beim Fahrer als auch beim Mitfahrer mal was dazwischenkommen. „Dann sollte man rechtzeitig Bescheid sagen, anrufen oder eine SMS schreiben“, rät Etikette-Trainerin Lis Droste aus Frankfurt am Main.

Anrede: Einfach so duzen? Besser nicht: „Es sind ja erst mal immer noch Fremde“, sagt sie. Klar, wenn nur Studenten miteinander reisen, ist das was anderes. Aber generell gilt: lieber erst mal Distanz wahren.

Gepäck: Wer sagt, dass er mit Handgepäck reist, sollte nicht mit zwei Koffern am Treffpunkt erscheinen. „Es ist nur fair, vorher eine realistische Angabe zu machen“, erklärt Droste.

Sitzplatz: Wer allein mit dem Fahrer reist, sollte sich auf den Beifahrersitz neben den Fahrer setzen. Wer lieber schlafen möchte oder keine Lust auf Gespräche hat, kann sich auch nach hinten setzen. „Doch auch das sollte man vorher kurz kommunizieren.“

Small Talk: Betretenes Schweigen ist immer unangenehm. Wer mit Fremden unterwegs ist, kann spannende Geschichten zu hören bekommen. Zu intim sollten die Fragen allerdings nicht werden. „Das Reiseziel ist ein guter Gesprächseinstieg.“ Laute Gespräche auf der Rückbank, die den Fahrer ablenken, sind tabu.

Musik: Praktisch ist, wenn Fahrer und Mitfahrer den gleichen Geschmack haben. Das ist aber nicht unbedingt immer der Fall. Deshalb sollten Mitreisende nur über Kopfhörer Musik hören. Der Fahrer hingegen beschallt ebenfalls nicht alle anderen einfach mit Speed-Metal. Er sollte vorher fragen, ob es in Ordnung ist, wenn er Musik anmacht, rät Droste.

Gerüche: Spaghetti aglio e olio schmecken vielen zwar super – gehören aber nicht kurz vor der großen Fahrt auf den Teller. Denn das Auto mit Knoblauch vollzustinken, geht gar nicht. Im Auto das vorgekochte, warme Essen auszubreiten ist ein No-Go. Wer kleckert, ist beim Fahrer unten durch. Bei Kleinigkeiten wie Schokolade sollte geteilt werden. „Das ist nur höflich“, sagt Droste. Wer die Nacht vorher wild gefeiert hat, sollte mindestens ein Kaugummi dabei haben. „Eine Alkoholfahne ist für die Mitfahrer unangenehm.“ Krasser sei es nur, ungefragt zu rauchen.

Schlafen: Als Mitfahrer ein Nickerchen zu machen sei kein Problem, meint Droste. Allerdings gehört es sich, dem Fahrer vorher Bescheid zu sagen. „Ich hab’ schon eine lange Reise hinter mir und bin müde“, wäre eine nette Variante. Nicht, dass sich der Fahrer wundert, warum man plötzlich und mitten im Gespräch wegnickt.

zish/dpa

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