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Voller Körpereinsatz

Sledge-Eishockey in Hannover Voller Körpereinsatz

Dominik Rautenberg kam mit verkürzten 
Unterschenkeln zur Welt. Im Alltag ist 
der 22-Jährige auf seine Prothesen 
angewiesen. Doch 
auf dem Eis ist er in seinem Element. 
Beim Sledge-Eishockey will er Siege – und kein Mitleid.

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Siege statt Mitleid: Dominik beim Training.

Quelle: Simon Peters

Langenhagen. Ein kraftvoller Abstoß, eine elegante Körpertäuschung vor dem Torwart, ein präziser Schuss mit rechts, und schon hat der Puck sein Ziel gefunden – das kleine Eishockey-Tor. Dominik Rautenberg lächelt zufrieden und gleitet entspannt über das Eis.

Dominik wurde ohne Füße und mit verkürzten Unterschenkeln geboren. Trotzdem kurvt der 22-jährige Softwareentwickler als Stürmer der Ice Lions Langenhagen über die Eisfläche. Dominik spielt Sledge-Eishockey. Bei der dem Eishockey nahen Sportart sitzen die Spieler auf einem kleinen Schlitten, geben sich mit kleinen Schlägern Schwung und versuchen mit diesen auch, den Puck ins gegnerische Tor zu manövrieren. Und so ist es bei diesem Sport auch egal, dass Dominik verkürzte Unterschenkel hat. „Viel wichtiger sind Spaß, Ausdauer, Schnelligkeit und Geschicklichkeit“, sagt er. Und kräftige Oberarme: Denn nur wer mit den zwei kurzen Schlägern, an deren Enden Spikes sitzen, flink genug über das Eis gleitet, entwischt dem Gegner.

Auf dem Eis sind alle gleich

Mit den Ice Lions spielt Dominik in der Deutschen Sledge-Eishockey Liga. Dort spielen alle sieben Vereine Deutschlands den nationalen Meistertitel unter sich aus. Denn die Sportart wird in Deutschland erst seit 1996 gespielt. Zehn Meistertitel haben die Ice Lions schon gewonnen. Dominik selbst ist seit mehr als drei Jahren mit dabei, und er möchte in dieser Saison ein weiteres Mal Meister werden. Wer beim Sledge-Eishockey zuschaut, vergisst bald, dass hier nicht das gewöhnliche Eishockey gespielt wird. Der Puck saust von Schläger zu Schläger, Eiskristalle wirbeln in der Luft, Spieler krachen beim Kampf um den Puck gegeneinander oder in die Bande. Doch wenn das Spiel beendet ist, die Spieler vom Feld kommen, wird deutlich, dass etwas anders ist.

Mit wenigen Handgriffen legt Dominik vor dem Training seine Beinprothesen ab. Sie bleiben für die nächsten zwei Stunden in der Umkleide. Zum Schutz wickelt er sich noch ein wenig Tape um die Knieschoner, damit diese besser halten. Er zieht sein Trikot an und läuft auf den Knien los. Dominik trägt seinen Schlitten Richtung Eisfläche und stellt ihn auf dem Gummiboden davor ab. Mit etwas Schwung liftet er sich in die Sitzschale, und zurrt dann die schwarzen Gurte um seine Oberschenkel fest, damit er bei einem rasanten Manöver nicht herausfällt.

Integration auf Kufen

Der jüngste Spieler im Team ist gerade erst neun Jahre alt, die ältesten Ice Lions sind über fünfzig. Sledge-Eishockey ist ein integrativer Sport – nicht nur wegen des breiten Altersspektrums. Auch nicht behinderte Menschen dürfen auf nationaler Ebene mitspielen. Und so stehen nicht vor jedem Schrank künstliche Beine. Einen Vorteil haben Menschen mit „normalen“ Beinen nicht. Im Gegenteil: „Je kürzer die Beine, desto wendiger ist der Schlitten“, sagt Dominik. Er selbst hat eher zufällig von dem Sport gehört, den in Deutschland gerade einmal 400 Aktive betreiben. Auf der Suche nach einem Ausgleich zu seinem Bürojob hat Dominik einfach mal mitgemacht. „Anfänglich habe ich mehr mit der Brust auf dem Eis gelegen, als dass ich geradeaus gefahren bin“, erinnert er sich. Doch wenn er heute, drei Jahre nach den ersten Gleitversuchen, mit seinen Teamkollegen über das Eis flitzt, wirken seine Bewegungen elegant. „Auf dem Eis sind wir in unserem Element“, sagt Dominik. Dazu gehört auch voller Körpereinsatz, Rangeln und Schubsen – wie beim Eishockey. Nur wenn es zu ruppig wird, wird ein Foul gepfiffen, etwa bei einem Schlag gegen den Kopf oder den Nacken.

Dominik hat keine Angst vor Körperkontakt: „Es ist ein kleiner Triumph, den Gegner einzuholen, ihn umzuhauen und den Puck zu klauen“, sagt er – aber alles muss fair bleiben. Gut gepolstert mit dicken Handschuhen und Schonern bleibt es meist bei kleinen Blessuren. Gleich in seinem zweiten Spiel ist Dominik aber in die Bande geknallt. Ein Gegenspieler hatte ihn gecheckt. „Das war schmerzhaft“, sagt Dominik. Der Schlüsselbeinbruch hielt ihn aber nur ein paar Wochen vom Eis fern.

Im Alltag will sich Dominik nicht einschränken lassen. Er hat einen „normalen“ Freundeskreis, wie er sagt, geht gerne ins Kino. „Ich habe mich mit der Behinderung arrangiert“, sagt er.

„Das ist kein behinderter Sport“

In der Mannschaft weiß jeder über den anderen Bescheid. Doch die Spieler reden selten über ihre Behinderung. Nicht etwa, weil es ein Tabu wäre. Die Behinderung ist einfach so normal, dass man nicht ständig darüber redet. „Ein Brillenträger klagt auch nicht den ganzen Tag über seine schlechten Augen“, sagt Dominik. Was die Spieler auf keinen Fall wollen, ist Mitleid. Sledge-Eishockey ist eine Sportart mit hohem Anspruch. „Sie ist zwar ein Behindertensport, aber kein behinderter Sport“, sagt Dominiks ehemaliger Teamkollege Rolf Rabe.

Dominiks Schlitten ziert eine Deutschlandflagge. Abgeblättert ist sie und von Kratzern durchzogen. Dominik hat den Schlitten samt Flagge von seinem Trainer Gerd Bleidorn geliehen bekommen. Immerhin kostet ein Schlitten mindestens 450 Euro. Der heute 53-jährige Bleidorn war Nationalspieler, hat an den Paralympics 2006 teilgenommen. Dominik wurde auch schon ins Nationalteam eingeladen. Er hat abgelehnt. Denn ein Einsatz bedeutet, viel Freizeit zu opfern und öfter zu trainieren. „Aber vielleicht spiele ich irgendwann auch mal für Deutschland“, sagt Dominik. Momentan möchte er einfach besser werden. „Ein bisschen mehr Spielübersicht hätte ich gerne, so wie die alten Hasen“, sagt er. Die Ice Lions stehen momentan auf Platz eins der Liga. Es sieht also gut aus im Kampf um den elften Meistertitel. Dominik freut sich aber auch über kleine Erfolge: „Es ist toll, wenn ich den Torwart austrickse oder wir als Team einfach sauberes Sledge-Eishockey spielen.“ In seinem ersten Spiel war Dominik gleich an einem Tor beteiligt – sein erster Assist. Die schwarze Hartgummischeibe liegt heute in seinem Zimmer. Mit einem silberfarbenen Stift hat Dominik das Datum des Spiels draufgeschrieben. 2014 werden im russischen Sotschi die nächsten Winter-Paralympics ausgetragen. Ein bisschen Zeit hat Dominik also noch.

Anne Wecking/ZiSH

 

So funktioniert Sledge-Eishockey

Sledge-Eishockey wurde in den sechziger Jahren in einer schwedischen Heilanstalt erfunden, in der sich eine Gruppe von Eishockey-Spielern trotz Behinderung wieder aufs Eis begeben wollte. Regeln, Spielfeld, Spielverlauf und Kleidung entsprechen weitestgehend denen des Eishockeys – mit Ausnahme des Namen gebenden Schlitten („Sledge“) und den beiden Stöcken, die sowohl zum Anschub genutzt werden als auch den Puck bewegen. Sledge-Eishockey blieb lange unbeachtet. Doch seit 1994 ist es eine Disziplin bei den Paralympischen Spielen. Mittlerweile gibt es Nationalteams in 13 Ländern. In Deutschland wird die Sportart seit 1996 praktiziert, die erste deutsche Mannschaft wurde von der Rollstuhlgemeinschaft Hannover gegründet. Wer mehr über den Sport erfahren oder sogar selbst aktiv werden möchte, kann sich unter www.ice-lions-langenhagen.de über den zehnmaligen deutschen Meister informieren. Der Verein freut sich über neue Mitspieler – egal, ob mit oder ohne Behinderung.

Joss Doebler

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