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Von Models und Missen

Missverständnis Von Models und Missen

Ab Dienstag suchen Eva Padberg und Karolina Kurkova „Das perfekte Model“. Tausende junge Frauen lassen dann wieder Bauch, 
Beine und Po bewerten. Doch warum wollen so viele eigentlich Missen und Models werden?

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Suchen ab Dienstag „Das perfekte Model“: Eva Padberg und Karolina Kurkova.

Quelle: dpa

Hannover. Links, rechts, links, rechts, links, rechts. Und dann wieder von vorne. Die Augen geradeaus, die Haltung steif, die Haare akkurat frisiert. Nüchtern betrachtet ist das Laufen über den Catwalk ungefähr so spannend wie ein Kasernenhofübungsmarsch bei der Bundeswehr. Und dennoch bewerben sich Tausende junger Frauen bei unzähligen Miss-Wahlen und bei den TV-Castingsshows von Eva Padberg und Heidi Klum.

Anissa Bothe, 22, ist eine von ihnen. Sie wurde Zweite bei der Wahl zur Miss Niedersachsen. Ein undankbarer Platz, denn damit hat sie den Einzug in die Wahl zur Miss Germany knapp verpasst. Ihr Preisgeld: Gutscheine im Gesamtwert von 25 Euro für die Ernst-August-Galerie. Im Sommer will die gelernte Kosmetikerin eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau machen. „Ich hoffe aber, dass noch ein paar Anfragen kommen“, sagt Anissa, doch es klingt etwas ernüchtert. Im Dezember darf Anissa dann aber wieder auf den Laufsteg: Als Vize-Miss Niedersachsen ist sie automatisch für die Wahl zur Miss Ashampoo qualifiziert – Titel gebender Sponsor ist ein Software-Unternehmen. Die Siegerin dieser Wahl darf um den Titel Miss Germany 2013 kämpfen. Eine letzte Chance für Anissa, doch noch eine echte Miss zu werden und damit vielleicht ins Rampenlicht zu treten und die Modelkarriere zu starten.

Louisa von Minckwitz, Chefin der Agentur Louisa Models, hat eine feste Meinung zu Miss-Wahlen: „Die bringen gar nichts. Da wird man dann „Miss Thüringen“ und eröffnet irgendwelche Geschäfte. Mit einer Modelkarriere hat das nichts zu tun.“

Und tatsächlich haftet dem Miss-Wahl-Geschäft etwas Unseriöses an. Es gibt unzählige Wettbewerbe, allein bis 2000 gab es zum Beispiel drei verschiedene Miss-Germany-Wahlen, von verschiedenen Veranstaltern. Und jedes Bundesland sucht inzwischen eine Miss. In der Jury sitzen oft hauptsächlich C-Promis wie Marc Terenzi und Ingo Lenßen oder Branchenfremdlinge wie Rainer Calmund. Wie gut können die das Potenzial von Mädchen beurteilen?

Ursprünglich von Thomas Gottschalk in seiner Late-Night-Show zum "Model '92" gecastet, ist Heidi Klum heute eines der weltweit erfolgreichsten Models.

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Vielen Teilnehmerinnen von Miss-Wahlen ist sicher bewusst, dass dies wahrscheinlich nicht der Beginn der großen Modelkarriere ist. Einige wollen schlicht ins Rampenlicht. Bekannt werden, ins Fernsehen, Moderatorin, irgendwas mit Medien.

„Ich will mich selbst nach vorne bringen“, sagt Anissa. „Man muss es wirklich wollen“, sagt sie. Ein gutes Beispiel sei Almondy Rose, der amtierende Mister Germany. Der tritt jetzt bald bei „TV Total“ auf.

Manou Volkmer wollte mehr als Stefan Raabs fahrende Couch. Sie wollte sich gleich mit den Schönsten der ganzen Erde messen, falls man den Titel der Wahl zur Miss Earth denn ernst nimmt. Die 22-Jährige trat im November bei der Wahl auf den Philippinen an. Dieser Schönheitswettbewerb will besonders nachhaltig sein und für den Umweltschutz eintreten. Und in der Realität? „Wir haben Bäume gepflanzt, wo die Löcher schon vorgebuddelt waren. Ein Helfer hat alles gemacht“, sagt Manou. Das war dann das ökologische Engagement der Miss-Anwärterinnen. Der menschliche Umgang dieser scheinbar so auf Freundlichkeit bedachten Wahl war dann auch eher schockierend für Manou: „Es wurde sehr viel gelästert – über falsche Brüste und zu kleine Teilnehmerinnen.“

Manou fand das alles falsch. Den nur vorgeschobenen Einsatz für den Regenwald und den Rest der Erde. Die vielen operierten Körperteile, die sie in der Umkleidekabine sah. Die falschen Wimpern und die falschen Haare. „Ich dachte, es geht hier um Natur, und die waren mehr Plastik als sonst was“, sagt Manou. Vielleicht ist auch ein bisschen Frust über ihr frühes Ausscheiden dabei, wenn sie sagt: „Ein Mädchen hatte 130 Kilo Gepäck dabei! Da wusste ich gleich, dass ich da niemals mithalten kann.“ Manou hat den Titel Miss Earth zwar nicht geholt, modelt heute aber hauptberuflich, wie sie sagt.

Den Titel, den sich viele wünschen, hat Kim-Valerie Voigt aus Garbsen schon gewonnen. Die 22-Jährige war 2008 Miss Germany.

Es fing alles mit einem unerlaubten Besuch in der Disko an: „Mit 17 wurde ich angesprochen, ob ich nicht bei der Wahl zur Miss Hannover mitmachen will.“ Es gäbe 500 Euro Preisgeld. „Das hat mich schon gelockt“, sagt Kim. Das Jahr als Miss Germany war dann schon sehr besonders für Kim. „Ich durfte kostenlos einen Mercedes fahren und bekam für das Jahr ein Apartment in Dubai gestellt, in dem ich kostenlos Urlaub machen durfte“, sagt sie. Außerdem ist sie nach Las Vegas und Sri Lanka gereist, habe in tollen Hotels gewohnt. Ihre Aufgabe: Deutschland bei Events repräsentieren. Aber die Zeit als Miss Germany hatte nicht nur positive Seiten. Kim hat gemerkt, dass Modeln als Hauptberuf nichts für sie ist: „Das Business ist sehr schnelllebig“, sagt sie. Heute macht Kim ein duales Studium zur Diplom-Eventmanagerin im Peppermint Pavilion von Mousse T. Auch die angehende Immobilienkauffrau Anissa will sich nicht auf Laufstegkarriere und Miss-Wahlen verlassen: „Ohne zweites Standbein würde ich das nicht machen.“

Und was ist dann der richtige Weg in die Modellaufbahn? Agenturchefin Minckwitz rät, sich an eine seriöse Agentur wenden, die Mitglied im Dachverband Velma ist. „An die Agentur schickt man am besten Bilder, die die Person ganz natürlich zeigen, ohne Make-up. Das können etwa Urlaubsbilder sein.“

Castingshows seien da keine Alternative, sagt von Minckwitz. Eva Padbergs Sendung kenne sie noch nicht. Aber: „Aus Heidi Klums Sendung ist noch keine richtige Modelkarriere entstanden.“ Jana Beller, die ja bei „GNTM“ gewonnen hat, sei deswegen auch zu ihrer Agentur gewechselt. „Sie wollte eine nachhaltige Karriere als Model, nicht als ,Topmodel‘ umhergereicht werden“, sagt von Minckwitz. Anissa will bekannt werden, am liebsten Moderatorin. Vielleicht ist sie ja eine Ausnahme wie vor ihr Verona Feldbusch, die nach Miss Germany TV-Sternchen wurde. Aber ansonsten sind Immobilien ja auch eine gute Anlage.  

Andrea Hasenfuss

  

„Aussehen ist nicht alles“
Interview mit Dr. Katrin Döveling, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden

Frau Döveling, warum machen so viele Menschen bei Castingshows mit?
Jeder Mensch braucht Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Man möchte sich aus der Masse hervorheben, etwas Besonderes sein. Dies wissen Medienmacher, und dies wird dem Publikum auch vermittelt: Nutze deine Chance, nutze sie medial!

Und warum schauen sich so viele Leute Castingshows an?
Die Shows geben dem Zuschauer die Möglichkeit, aktiv am medialen Geschehen beteiligt zu sein und dabei Freud und Leid anderer auf dem Weg zum vermeintlichen „Ruhm“ live mitzuerleben. Früher wurden Stars vor allem durch Filme und Musik bekannt, heute gibt es eine medial gecastete Demokratisierung von Ruhm: Wir leben in einer Castinggesellschaft.

Ein TV-Sender sucht jetzt sogar nach dem „perfekten“ Model. Sind die Leute der Perfektion nicht langsam überdrüssig?
Menschen haben immer schon nach Perfektion gestrebt, nur wird dieses Streben nun medialisiert. Die Mediengesellschaft setzt auf Formate, die Schönheit und das Makellose betonen. Das zeigen schon die Showtitel: „Supertalent“, „Superstar“, „Topmodel“. Aber das gilt nicht nur für Castingshows: Auch in Serien wie „Grey’s Anatomy“ sehen die Ärzte nach 20-Stunden-Schichten immer noch perfekt aus.

Und die Zuschauer wollen dann sein wie ihre Stars im TV?
Soziale Vergleichsprozesse sind menschlich normal, werden aber medial gefördert. Der Trend, andere zu bewerten und sich zu vergleichen, setzt sich auch in anderen Bereichen wie bei Facebook durch, wo Bilder und Posts bewertet werden.

Sind denn solche unerreichbaren Vorbilder nicht gefährlich?
Das mediale Schönheitsideal kann vor allem für Jugendliche unangenehm und belastend werden, wenn sie merken: So toll kann ich nie aussehen. Eltern sollten da Medienkompetenz vermitteln, denn so toll muss man auch nicht aussehen. Aussehen ist schließlich nicht alles.

Interview: Andrea Hasenfuss

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Die Topmodels Eva Padberg (l) und Karolina Kurkova 2011 in München bei einer Modenschau.

Was die Klum kann, kann die Kurkova mit der Padberg schon lange, sagt sich Vox. Der Kölner Privatsender will mit der neuen Reihe "Das perfekte Topmodel" ein Gegenmodell zur ProSieben-Castingshow "Germany's next Topmodel" mit Heidi Klum auf den Markt schicken.

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