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Dinge, die ich an Hannover hasse

Kampfansage Dinge, die ich an Hannover hasse

Als sie am Kröpcke in einen Haufen Pferdeäpfel latschte, war für ZiSH-Autorin Saskia Ratzmann klar: Hannover ist das größte Dorf der Welt. Zum Studieren zog sie von Hamburg an die Leine – und findet Hannover viel zu nett.

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ZiSH-Autorin Saskia nerven die vielen Rolltreppen im Kröpcke-U-Bahnhof, die Abkürzung „Aegi“ und dass sich immer alle an der Kröpcke-Uhr treffen wollen.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Ich vermisse den Hafen, die Graffiti-Bilder und den Kiez. Vor zwei Monaten zog ich zum Studieren aus meiner geliebten Heimatstadt Hamburg nach Hannover. Inzwischen habe ich mich gut eingelebt. Doch an ein paar Eigenarten werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Verloren am Kröpcke

Auch wenn ich manches merkwürdig finde, hält mich nichts davon ab, die Stadt zu entdecken – bis auf die Türen der Straßenbahn, die hier viel schneller als in Hamburg schließen. In letzter Sekunde ziehe ich mein Bein in den Wagen und schaue in die belustigten Gesichter meiner Mitfahrer. Ich bin auf dem Rückweg in mein Wohnheim am Bischofs­holer Damm, das aussieht wie ein Betonklotz. Wenn Auswärtige Hannover als grau und trostlos bezeichnen, haben sie wohl nebenan gelebt. Cafés und Bars, die mir gefallen, sind am anderen Ende der Stadt. Besonderes nah dafür: das Kinderkrankenhaus – na super. Unschöner kann ein Stadtteil kaum sein.

Das System der öffentlichen Verkehrsmittel nervt mich wahnsinnig. In der U-Bahn-Station Kröpcke verlaufe ich mich andauernd. Mit ihren vielen Rolltreppen, Ebenen und Ausgängen erinnert mich die Station an den verzweigten Kaninchenbau aus „Alice im Wunderland“. Wie orientierungslos Alice sich gefühlt haben muss, als sie in den Bau gefallen ist, kann ich mittlerweile gut verstehen.

Ich versteh' nur Bahnhof

Es scheint für Hannoveraner auch nicht nachvollziehbar zu sein, dass Neulinge eine Abkürzung wie „Aegi“ nicht verstehen. Ich fühle mich wie eine Touristin auf exotischer Städtereise – obwohl ich nur 150 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt bin. Mich wundert es außerdem, wie die Menschen hier überhaupt zusammenfinden, wenn sich ganz Hannover ausschließlich an der Kröpcke-Uhr und unterm Schwanz versammelt. Man könnte sich doch auch einfach mal, wie normale Menschen oder Hamburger es tun, vor einem Fast-Food-Laden oder einer Drogerie treffen.

Doch meine neuen Freunde aus der Hochschule bleiben dabei: Für unsere Kiosktour auf der Limmerstraße treffen wir uns unterm Schwanz. Als ich von dem Treffpunkt das erste Mal gehört habe, kicherte ich wegen der obszönen Wortwahl. Dann fragte ich eine Schülerin am Bahnhof nach der Reiterstatue. Sofort antwortete sie: „Ach, unterm Schwanz?“ Das sagt hier wohl tatsächlich jeder. Ich frage mich, ob die Hannoveraner die Zweideutigkeit partout nicht verstehen – oder ob ich als Hamburgerin in allem etwas Doppeldeutiges sehe. Wie selbstverständlich lotste mich die Schülerin zum Treffpunkt. Die wortkargen Hamburger sind dagegen immer gestresst. Für mehr als „rechts“ oder „links“ reicht es da nicht.

Wie es sich für eine Hamburgerin gehört, bin auch ich stets in Eile – und latsche in einen Haufen Pferdeäpfel. Es stimmt also, was alle sagen: Hannover ist das größte Dorf der Welt. Die Polizei kennt bei Hundehaufen keine Gnade. Für Pferdeäpfel hingegen scheint sie Verständnis zu haben. Mir ist völlig egal, welcher Mist unter meinen Stiefeletten klebt: Scheiße bleibt Scheiße.

Feuerwerk – bei jedem Anlass

Meine Schuhe sind versaut, meine Laune auch. Betrunken, aber nicht betrunken genug, ziehe ich nach dem Limmern mit meinen Kommilitonen durch die Clubs. Mir war schon klar, dass Hannovers Nachtleben nicht mit dem Hamburger Kiez zu vergleichen ist. Ich bin froh darüber, dass hier nicht an jeder Straßenecke Prostituierte oder prollige Touristen stehen. Beim Feiern in den hannoverschen Clubs stelle ich aber fest: Die Läden am Bahnhof wie das Zaza oder die Baggi sind mir zu mainstream, denn Chartmusik mag ich nicht. Das Lux ist zu klein, die Faust überfüllt. Gute Partys sind für Hannoveraner wohl etwas anderes als für mich. Mir fehlt die Kneipe in meinem Viertel und mein Lieblingsgetränk „Mexikaner“, Tomatensaft gemixt mit Wodka oder Korn. Das gibt es in Hamburg an fast jeder Ecke. Genauso wie betrunkene Feierwütige an Hauswände gelehnt, ein paar wild knutschende oder fummelnde Pärchen und prügelnde Jungs auf der Tanzfläche.

Das Feuerwerk der Gefühle fehlt, dafür leuchtet in Hannover ständig der Himmel. Bunte Raketen sind ja wirklich hübsch anzusehen. Aber wenn sie bei jedem noch so belanglosen Schützenfest in den Himmel gefeuert werden, sind sie nichts Besonderes mehr.

Ich bin enttäuscht. Hier sind alle viel zu artig – und immer nett. Auch wenn ich mich zum x-ten Mal am Kröpcke verlaufe: Immer hilft mir jemand ohne Murren. Einerseits vermisse ich die schroffen Menschen in meiner Heimatstadt. Andererseits freue ich mich jetzt umso mehr, wenn mal ein Hamburger extra sein Smartphone aus der Tasche holt, um mir den Weg zu zeigen – nett und spießig wie ein Hannoveraner. Diese Stadt ist so liebenswert. Und dafür hasse ich sie ein klein wenig mehr.

Von Saskia Ratzmann

Der Text ist in Kooperation mit dem Studiengang Journalistik und Public Relations der Hochschule Hannover entstanden.

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