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Wieso Philipp mit 22 Jahren Bürgermeister sein will

Ehrenamt in Altwarmbüchen Wieso Philipp mit 22 Jahren Bürgermeister sein will

Philipp Neessen ist Ortsbürgermeister von Altwarmbüchen – der jüngste in ganz Niedersachsen. Parteisitzungen statt Partys: Für ihn hat sich in den vergangenen Monaten viel verändert.

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„Ein Mann sagte mir, dass er sich einen Bürgermeister eigentlich mit Zylinder und großem Bauch vorstellt“, sagt Philipp Neessen.

Quelle: Franson

Das Smartphone vibriert. Philipp Neessen hat eine neue Facebook-Nachricht bekommen. „Ich habe da mal ’ne Frage: Können wir in Altwarmbüchen eine Graffitiwand aufstellen?“, fragt der 24-jährige Ferdinand Bartels. Er fragt nicht etwa einen Kumpel oder auch einen Sozialarbeiter. Nein, diese Nachricht geht an den ehrenamtlichen Ortsbürgermeister von Altwarmbüchen. Der ist gerade einmal 22 Jahre alt.

Zylinder, Bart und großer Bauch

Philipp Neessen ist Niedersachsens jüngster Bürgermeister. Im November hatte sich der SPD-Kandidat gegen den knapp 50 Jahre älteren CDU-Konkurrenten durchgesetzt. Seitdem ist der gelernte Außenhandelskaufmann neben der Arbeit bei dem Achsenvermessungs-Gerätehersteller Haweka für rund 11 000 Altwarmbüchener zuständig. Gerade am Anfang war der damals 21-jährige neue Ortschef für einige Altwarmbüchener noch ungewohnt, musste sich erst beweisen. „Ein Mann sagte mir mal, dass er sich einen Bürgermeister eigentlich mit Zylinder, langem Bart und großem Bauch vorstellt“, sagt Philipp. Er nimmt das locker: „Ich habe ihm dann gesagt, dass ich am Bauch bereits arbeite.“

Angst, nicht ernst genommen zu werden

In den vergangenen zehn Monaten hat sich Philipp langsam an das neue Amt gewöhnt. „Ich bin jetzt nicht mehr so aufgeregt, wenn ich eine Sitzung leite oder eine Rede halten muss“, sagt er. Anfangs hatte er noch befürchtet, dass ihn ältere Politiker nicht ernst nehmen. „Überraschenderweise wurde meine Meinung aber immer respektiert – parteiübergreifend“, sagt er. „Ich kann jetzt sagen: Ich bereue die Entscheidung nicht.“

Dabei hat sich in Philipps Leben vieles verändert. Während seine Freunde auf Partys gehen, besucht er nun öfter mal ein Jubiläumsfest des Sportvereins oder die nächste Ortsratssitzung. 20 Stunden die Woche gehen für das Ehrenamt drauf – zusätzlich zur Vollzeitstelle. „Zum Glück machen Freunde und Familie das mit“, sagt Philipp, der noch bei seinen Eltern wohnt. Damit er alles unter einen Hut kriegt, ist sein Tag eng getaktet: 6.30 Uhr aufstehen, mit den Hunden Lina und Mali Gassi gehen, 8 bis 17 Uhr Arbeiten, noch mal Gassi gehen und schnell Abendessen, es folgen Fraktionssitzung, Bürgersprechstunde oder die Jahreshauptversammlung eines Vereins.

Mit 16 bei der SPD

Mit 16 Jahren ist Philipp in die SPD eingetreten. „Ich habe gemerkt: Wenn man wirklich etwas ändern will, muss man in die vorderen Positionen“, sagt er. Das Ziel war klar: Bürgermeister werden.
Wenige Tage nach seiner Wahl im November musste Philipp eine Rede beim Volkstrauertag halten. „Davor hatte ich schon Angst. Hätte ich einen Fehler gemacht, hätten alle gesagt: ,Wen haben wir denn da gewählt?’“, sagt er. Referate kannte er zwar aus der Schule, aber Reden halten? Philipp googlete nach Themen und Formulierungen, aber ihm gefiel nichts. Letztendlich thematisierte er die Flüchtlingsdebatte. Seine Oma musste nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien fliehen, er selbst ist Vorsitzender des Helfernetzwerkes Isernhagen, das Flüchtlinge unterstützt – so wurde die Rede sehr persönlich.

Wie sich das Leben als Bürgermeister verändert

Überall erkannt werden
„Ich werde auf dem Marktplatz andauernd angesprochen“, sagt Philipp. Auch beim Feiern in Hannover wurde er schon hin und wieder erkannt.
Mehr Essen
„Man fängt an, viel mehr zu essen.“ Überall stehe etwas rum. Bei Ehrungen und Geburtstagen gibt es Unmengen an Kuchen.
Kontakt zu Älteren
„Ich hatte schon immer mehr Kontakt mit älteren Menschen, jetzt ist es aber noch mehr geworden. Ich lerne wirklich extrem viel von ihnen.“
Weniger Zeit
„Langweilig wird es nicht, man hat immer einen vollen Tag.“ Freunde und Familien stehen dabei öfter auch mal hinten an.
Mehr Feste
„Ich besuche als Ortsbürgermeister 90. Geburtstage oder eiserne Hochzeiten. Das sind schöne Erlebnisse.“
Anderes Bewusstsein
„Ich sehe einige Sachen im Ort anders als vorher – wenn zum Beispiel eine Grünfläche nicht vernünftig gemacht wurde.“ Vielen Bürgern sei es wichtig, dass es im Ort ordentlich aussehe.
Extrem viele Mails
„Ich kann stündlich in mein Postfach schauen. Danach ist schon wieder voll.“

Philipp zeigt sich nicht nur sehr offen, er erfährt im Gegenzug auch viel über die Leute vor Ort – und er interessiert sich dafür. Während viele 22-Jährige eher wenig von Nachbarn oder älteren Menschen wissen wollen, hört sich Philipp gern die Probleme der anderen an. „Ich hätte vorher nicht erwartet, dass mir so viele Menschen ihre Geschichte erzählen“, sagt er.

Bürgerkontakt per Facebook

Dass sich aber auch viele, gerade junge Menschen von der Politik abwenden, weiß Philipp. Er ist überzeugt, dass das daran liegt, dass dort hauptsächlich ältere Menschen Entscheidungen treffen. „Ich bekomme viele Facebook-Nachrichten. Die Hürde, einen jungen Bürgermeister formlos über Facebook anzuschreiben, ist für viele Jugendliche einfach kleiner“, sagt Philipp. Das zeigt auch die Nachricht von Ferdinand Bartels, der im Ort legal sprayen will – und Philipp deswegen vor einiger Zeit um Hilfe bat. Mittlerweile ist das Thema in den politischen Gremien angekommen, umgesetzt ist es allerdings noch nicht. Ferdinand freut sich trotzdem, dass Philipp ihm überhaupt zuhört. „Die älteren Politiker haben das immer direkt abgelehnt“, sagt er. Auch andere Themen der Jugendlichen beschäftigen Philipp: Er streitet für eine Badeinsel im Altwarmbüchener See. Das Dorffest gestaltete er anders als seine Vorgänger – mit Autoscooter und Kinderkarussell für die Jüngeren.

Wenn Philipp dann mal abends noch eine Serie bei Netflix schaut, kann er selten so richtig abschalten. „Ich gehe noch mal alles durch, beantworte oft Mails, wenn ich schon im Bett liege“, sagt er. Oder eben Facebook-Nachrichten.

Von Sascha Priesemann

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