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Warum es schwer ist, an der Uni Freunde zu finden

Freundschaft Warum es schwer ist, an der Uni Freunde zu finden

An der Uni neue Freunde zu finden ist trotz Hunderter neuer Gesichter im ersten Semester nicht leicht. 
Warum es so schwer ist, zwischen Uni-Alltag und Campus echte Freundschaft zu schließen, weiß ZiSH-Autorin Jorid Engler.

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Neue Stadt, neues Leben, neue Leute: Wie soll man an der Uni Freunde finden, wenn alle am Wochenende nach Hause fahren oder immer noch mit den Schulfreunden abhängen?

Quelle: Kutter

Unsere besten Freunde können wir an einer Hand abzählen, sagt der britische Evolutionspsychologe Robin Dunbar. Er hat herausgefunden, dass ein Mensch etwa 150 stabile soziale Kontakte hat. Aber unsere Zeit und unsere Gefühle reichen eben nur für fünf Menschen aus, zu denen wir eine besonders intensive Beziehung haben. Diesen wichtigen Menschen können wir uns anvertrauen, wir leihen ihnen gerne ein offenes Ohr für ihre Probleme und Sorgen. Wenn ich meine besten Freunde zähle, komme ich allerdings nur auf drei, die wie ich in Göttingen wohnen.

Das liegt allerdings nicht nur an mir, sondern auch am Uni-Alltag. Es zeigte sich schon zu Beginn des Studiums. Nach dem Abitur dachte ich, der Kontakt zu meinen Schulfreunden aus meinem Heimatort in Schleswig-Holstein würde für immer halten. Ein Irrtum, wie sich herausstellte: Wir alle waren zu beschäftigt, ein eigenes Leben an verschiedenen Orten anzufangen. Seitdem kühlen alte Freundschaften durch die zu große Distanz ab, dafür werden neue Bekanntschaften zu echten Freunden.

Als Erstsemester ging die Cliquenbildung in der Einführungsphase derart schnell voran, dass man Angst haben konnte, den Rest des Studiums alleine in der Mensa zu sitzen. Diese Sorge blieb mir zum Glück erspart, denn meine beiden WG-Mitbewohner, Thore und Paddy, waren mit mir nach unserem Abi nach Göttingen gezogen. Mit den beiden hatte ich zwei gute Freunde um mich – das reichte völlig. Wir lernten zusammen kochen und gingen an den Wochenenden auf Wanderungen. Doch nach dem Bachelor veränderte sich die Situation: Thore ging zum Studieren in den brasilianischen Regenwald, da man dort viel besser an Ökosystemen forschen kann als im Göttinger Stadtwald, Paddy wollte Biochemie in Darmstadt studieren. Ich blieb allein zurück. Als zwei neue Mitbewohner kamen, waren die Zimmer zwar belegt, aber ich vermisste bald das vertraute Gefühl, mit echten Freunden zusammenzuwohnen. Statt uns zu dritt aufs Sofa zu quetschen, saß jeder auf seinem eigenen Stuhl.

Im Studium gibt es viele solcher Umbrüche, die einen zwingen, sich neu zu orientieren. Ob Studienbeginn, Bachelorabschluss oder die Semesterferien: Die Kommilitonen aus dem letzten Semester sieht man häufig nicht wieder. Zu Schulzeiten war das noch anders. Gut aufgehoben in der Klasse und im Sportverein konnten sich Beziehungen langsam entwickeln und verfestigen.

Echte Freundschaften an der Uni zu schließen ist schwerer, als man denkt. Es reicht auch nicht, von 25 000 jungen Menschen umgeben zu sein, um sich nicht allein zu fühlen. Die Nachbarin aus der Vorlesung oder die beste Mensabegleitung sind zunächst recht oberflächliche Bekanntschaften. Mir ist es schon passiert, dass ich mich nach einem Seminar noch zwei Stunden angeregt unterhalten habe. Bei der nächsten Begegnung auf dem Campus hat es dann aber gerade so eben noch für ein kurzes Zunicken gereicht. Andere nette Menschen trifft man alle paar Wochen zufällig und erneuert seine Absichtserklärungen, sich demnächst unbedingt mal treffen zu wollen. Nur fehlt dann letztlich die Zeit und die Lust bei einem oder sogar beiden.

Es ist ernüchternd: Interessante Menschen haben häufig schon gute Freunde. Aber mit der Fünf-Finger-Regel ist leicht zu erklären, warum diese Leute kein Bedürfnis nach neuen Bekanntschaften haben. Vor allem die einheimischen Studenten bewegen sich von ihrem alten Freundeskreis nicht weg. Das ist nicht nur bequem, es ist auch vertrauter.

Viele Menschen zu kennen ist in der Uni kein Problem. Man redet mit allen und geht offen und freundlich miteinander um. Auf die 150 stabilen sozialen Kontakte, wie der Anthropologe Dunbar sie nennt, kommt man schon in einem Semester locker. Nur die magische Fünf, auf die es – laut Theorie – ankommt, die bekommt man gar nicht so leicht voll.

Jorid Engler

So lernst du neue Leute an der Uni kennen

  • Ersti-Woche: Zum Studienbeginn treffen Hunderte fremde Menschen aufeinander – von denen keiner alleine in die neue Lebensphase gehen will. So bilden sich schon nach den ersten Info-Veranstaltungen Cliquen. Wenn du nett und offen auf deine Kommilitonen zugehst, findest du schnell Partner, um Stundenpläne zu erstellen und in die Mensa zu gehen. 

  • WG-Partys : Um deine neuen Kommilitonen auch abseits des Campus kennenzulernen, solltest du zu Beginn des Semesters keine Party auslassen. Denn mit wem du wirklich auf einer Wellenlänge bist, erfährst du besser bei einem Bier als auf der Bank im Hörsaal. Wenn du in deiner Wohnung oder WG die Möglichkeit hast, deine Mitstudis einzuladen, veranstalte selbst Partys. Deine Kommilitonen werden es nicht vergessen.

  • Uni-Sport: Kalorien verlieren und Freunde finden kannst du beim Uni-Sport. An der Leibniz-Universität werden jedes Semester etliche Sportarten angeboten. Egal ob Klassiker wie Fußball und Fitness oder eher ausgefallene Kurse wie Fechten und Ultimate Frisbee. Eine Kursübersicht und die Anmeldung gibt es auf www.hochschulsport-hannover.de.

  • Nebenjob: An der Uni gibt es zahlreiche Hiwi-Jobs, bei denen du mit Kommilitonen an Projekten arbeitest oder Lernmaterial organisierst. Außerdem hilft ein solcher Job häufig dabei, einen guten Draht zu Professoren und Dozenten aufzubauen. Und ganz nebenbei füllt er die Urlaubskasse auf. 

  • Verschiedene Facebook-Gruppen: Wer zu schüchtern ist, um an der Uni Leute anzusprechen, findet vielleicht bei Facebook Gleichgesinnte. Die Gruppe „Neu in Hannover“ hat Tausende Mitglieder, die ständig Aktionen oder einen netten Abend planen. Auch für Hobbys gibt es etliche Gruppen, wie zum Beispiel „Pokémon Go Hannover“. Auch der AStA, Fachschaftsgruppen und Studiengänge sind vernetzt. 

  • Wahlfach: Schlüsselkompetenzen zu erwerben hört sich vielleicht nach Lebenslaufoptimierung an. Aber es geht hier nicht nur um Creditpoints, sondern darum, mal eine Sprache zu lernen oder eine Web-
 seite gestalten zu können. Dabei kommt man mit Menschen aus anderen Studiengängen in Kontakt, denen man am Campus sonst nicht über den Weg läuft.

  • Fachschaftspartys: Zu Beginn des Semesters veranstalten die meisten Fachschaften Partys. Viele davon gibt es zum Beispiel im Béi Chéz Heinz in Linden-Nord. So lernst du nicht nur Kommilitonen kennen, sondern auch die hannoversche Clubszene.

Überschätzte 
Freundschaft

Wie viele Menschen sind unsere wahren Freunde? Laut einer Studie von Forschern des Massachusetts Institute of Technology und der Universität Tel Aviv aus dem Mai sind es wohl weit weniger, als man denkt – oder hofft. Demnach sind Menschen schlecht darin, die Beziehung zu anderen einzuschätzen. Das führt dazu, dass nur knapp die Hälfte der Menschen, die man zu seinen Freunden zählt, die Freundschaft erwidert.

Das Forscherteam hatte 84 Studenten aufgefordert, ihre Kommilitonen zu bewerten. Null Punkte stehen für „Ich kenne diese Person nicht“, die Höchstzahl, fünf Punkte, bedeutet eine Einordnung in den engsten Freundeskreis. Anschließend sollten die Studis prognostizieren, wie ihre Kommilitonen sie wohl einschätzen. 94 Prozent erwarteten, dass sie eine ähnliche Bewertung bekommen würden.

Das Ergebnis sah anders aus: Nur 53 Prozent der Freundschaften wurden erwidert. Die schlechte Fähigkeit zur Selbsteinschätzung begründen die Forscher mit der menschlichen Psyche. Die Vorstellung, dass Freundschaften vom Gegenüber nicht erwidert werden, stelle das Selbstbild infrage. Deswegen lassen Menschen in ihren Köpfen die Ansicht gar nicht zu, dass Freundschaften nicht auf Gegenseitigkeit beruhen könnten.

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