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Jugend erforscht

Jugenstudien Jugend erforscht

Brav, spießig und angepasst: Das Ergebnis der neuen Sinus-Studie unterstellt Jugendlichen, keine Lust auf Rebellion zu haben. Mal wieder. Die Erkenntnis ist nicht neu – und erst recht nicht schockierend. Sie nervt nur. Eine alternative Studienauswertung.

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Generation X, Y und Z: Was kommt als nächstes?

Quelle: Illustration: Stefan Hoch

Es gab eine Zeit, da war man Punk, Metaler oder Hip-Hopper. Es gab einen Dresscode, die passende Musik und vor allem: Rebellion. Als Teil einer Subkultur wollte man sich abgrenzen und anders – das heißt: besonders – sein. Heute ist man als Jugendlicher ein experimentalistischer Hedonist. Oder ein Konservativ-Bürgerlicher. Vor allem aber ist man angepasst. Ein Urteil, das natürlich nicht die Jugend selbst gefällt hat, sondern mal wieder eine Studie.

„Wie ticken Jugendliche 2016?“ ist die Überschrift der knapp 500 Seiten dicken Sinus-Studie. Ähnliches fragt sich auch die Shell-Jugendstudie, die alle vier Jahre veröffentlicht wird. Das Ergebnis will sich in den letzten Jahren einfach nicht ändern: Spießig, spießiger, am spießigsten – das wird der Jugend jedes Mal aufs Neue attestiert. Daraus ist ein regelrechter Generationen-Hype geworden: Generation Golf, Generation X, Generation Y und jetzt Generation Z.

„Es ist eine nicht-rebellische Generation, die als oberstes Ziel hat, in diese Gesellschaft hineinzukommen“, sagt Jugendforscher und Mitverfasser der Sinus-Studie Klaus Hurrelmann. Die Forscher haben 72 Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren in Interviews zu ihren Lebenseinstellungen und -umständen befragt, Haupt- und Realschüler wie Gymnasiasten. „Für die jungen Menschen ist es nicht schlimm, normal zu sein“, sagt Peter Martin Thomas, Mitautor der Studie.

Wirtschaftskrisen, Terroranschläge und eine zunehmend unsichere globalisierte Welt würden dafür sorgen, dass Jugendliche nicht mehr rebellieren. Man habe auch keine Lust auf Beziehungen von kurzer Dauer und wünsche sich Geborgenheit und Stabilität. In den meisten Artikeln zu der Studie wird das als etwas Negatives dargestellt. Warum, erklärt aber kaum jemand.

So brav wie heute seien die Jugendlichen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gewesen. Im Gegensatz zu heute ist damals die rebellische Generation der 68er aufgetaucht. Unsere Eltern haben aber keine gemeinsame Nazi-Vergangenheit, gegen die wir uns auflehnen müssen. „Es gibt keine kollektiven Erinnerungen oder Ereignisse, die eine solche Generation verbinden“, sagt Thomas. Ein starkes politisches Interesse ist laut Shell-Studie dennoch vorhanden, aber mit einer positiven Grundeinstellung zur Demokratie. Auch das kann man als spießig verschreien – oder sich einfach darüber freuen.

Die Elterngeneration ist der Jugend einfach zu ähnlich: Sie waren in den gleichen Clubs feiern und haben ähnliche Hobbys. Mama ist bei Whatsapp, der Onkel bei Facebook und Papa twittert. Alles nicht mehr ungewöhnlich.
Die Anpassung der Jugend ist gar nicht so überraschend. Immerhin leben wir in einer Gesellschaft mit enormem Leistungsdruck. Die Kids werden nach Schulschluss zur Nachhilfe, zum Klavierunterricht oder zum Sport geschickt. Auf den Abschluss folgt meist direkt die Ausbildung oder das Studium. „In unserer Gesellschaft wird Geradlinigkeit belohnt, nicht Kreativität“, sagt Thomas. Der Jugend wird also vorgeworfen, das zu lernen, was man ihr beibringt. Das wirkt, als suche man zwanghaft etwas, worüber man sich aufregen kann. Vielleicht ist es ja mittlerweile die Elterngeneration, die sich auf diese Weise von der Jugend abgrenzen will.

Dennoch scheinen sich die Forscher noch immer zu wundern, was eigentlich aus Jugendkulturen wie Hip-Hop, Punk oder Metal geworden ist und warum sich alle dem Mainstream anpassen. Die Antwort liegt auf der Hand: Die wenigsten Teenager sind nur Hip-Hopper, Punks oder Metaler – sondern suchen sich individuell zusammen, worauf sie Bock haben. Es ist kein Unding mehr, Slayer und K.I.Z in der gleichen Playlist laufen zu lassen. Sich einer einzigen Jugendkultur zu unterwerfen, wäre deutlich angepasster. Es ist nicht nötig, alles nach Herkunft, Ursprung oder Machart zu sortieren – ob nun die Kategorisierung in Jugendkulturen oder die Lebenswelten der Sinus-Studie. Das ist doch wirklich spießig.

Manuel Behrens und Joss Doebler

Jugendstudien im Vergleich

Die Erkenntnis, dass jüngere Generationen immer stärker auf vermeintlich spießige Werte setzen, ist nicht neu. In den vergangenen Jahren bestätigten unterschiedliche Studien, dass Sicherheit, Nachhaltigkeit und eine verantwortliche Lebensplanung wichtig für die Jugend werden. Aber auch die zunehmende Abhängigkeit von digitalen Medien wird immer wieder betont.


Partnerschaft und Familienplanung: Die befragten Jugendlichen der Sinus-Studie erwarten von einer Beziehung Vertrauen, gemeinsame Interessen, aber auch Freiräume. Stabile Beziehungs- und Familienverhältnisse will man bis Mitte 30 erreicht haben. Das bestätigen auch die Ergebnisse der Shell-Studie. Grundsätzlich gehe der Wunsch, eigene Kinder zu bekommen, zurück. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2015 gaben aber 76 Prozent der befragten 14- bis 25-Jährigen an, dass sie einmal Kinder haben wollen.


Digitale Medien: Laut der aktuellen Sinus-Studie ist das wichtigste Gerät das Smartphone, das für die Kommunikation im Freundeskreis unverzichtbar ist. Trotz sozialer Netzwerke und Whatsapp sind Jugendliche laut Shell-Studie tendenziell unmotivierter, soziale Kontakte zu pflegen. Den Jugendlichen sei die Oberflächlichkeit der Netzwerke bekannt. Die Einstellung zu sozialen Netzwerken ist eher kritisch: Nur 13 Prozent geben an, Facebook zu vertrauen. Das hat aber keinen Einfluss auf die Nutzungsdauer von etwa 18 Stunden pro Woche. Laut der JIM-Studie zum Medienumgang von Jugendlichen im Jahr 2015 besitzen 92 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen ein Smartphone, mit dem 95 Prozent der Nutzer täglich Nachrichten versenden und empfangen.

Wertvorstellungen: Aus Sicht der Jugendlichen in der Sinus-Studie ist der Umweltschutz eine der großen Herausforderungen für die Zukunft. Gleichzeitig gibt es nur wenig Vertrauen, dass sich die endgültige Zerstörung des Planeten noch aufhalten lässt. Die nationale Identität ist den meisten Jugendlichen nicht besonders wichtig. Das Thema Flucht und Asyl beschäftigt die Jugendlichen und polarisiert. Mehrheitlich ist man hier für die Aufnahme von Flüchtlingen – solange Deutschland die Kapazitäten dafür hat. Nennenswerte Ablehnung und Vorurteile gebe es lediglich in den bildungsfernen Schichten. Auch die Shell-Studie bescheinigt den Jugendlichen Gelassenheit bezüglich Immigration, trotz politischem Krisenbewusstsein und steigender Terrorangst. Parteipolitik führe bei den Jugendlichen allerdings eher zu Verdruss, während das allgemeine Politikinteresse steigt.

Joss Doebler und Kira von Brelie

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