Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Was bedeutet Paris für Kriegsshooter?

"Call of Duty" und Paris - Darf man das jetzt noch? Was bedeutet Paris für Kriegsshooter?

Im neuen „Call of Duty“ schlüpft man auch in die Rolle von Terroristen und sorgt mit Maschinengewehr und Granaten für Panik. Klar ist es ein Spiel: Aber darf man das nach den Anschlägen von Paris noch guten Gewissens machen?

Voriger Artikel
Zehn Dinge, die ich an Hannover liebe
Nächster Artikel
Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Das Morden an der Konsole ist – wie hier beim „Call of Duty“-Ableger „Black Ops 3“ – ein befremdliches Gefühl, wenn der Terror vor der eigenen Haustür angekommen ist.

Quelle: Activision

Hannover. In fünf Minuten bin ich schon zehn Tode gestorben. Trotzdem renne ich wieder los, in den Neuen Hauptbahnhof in Zürich. Denn da sind die Black Ops, die CIA-Soldaten, die mich – den Terroristen – tot sehen wollen. Am Gleis explodieren Granaten, es fallen Schüsse. Auch ich schieße um mich, verstecke mich hinter einem Mülleimer, um nachzuladen. Dann renne ich in die Eingangshalle. Ich weiß, dass ich sterben werde – verstecken kann ich mich nicht mehr. Vielleicht kann ich wenigstens noch ein paar andere mit in den Tod zu reißen.

Das alles passiert natürlich nicht wirklich. Es ist nur ein Spiel. „Black Ops 3“ ist der 14. Teil der Kriegsshooterreihe „Call of Duty“. Davon gibt es viele, wie „Battlefield“, „Counter Strike“ und „Star Wars: Battlefront“. Doch die Serie „Call of Duty“ von Spieleschmiede Activision Blizzard ist mit insgesamt mehr als 175 Millionen verkauften Exemplaren die erfolgreichste. Als das Spiel Anfang November erschien, erzielte es allein in den ersten drei Tagen einen Umsatz von 550 Millionen US-Dollar.

Nur eine Woche später stürzen Terroristen Paris ins Chaos. Sie schießen in der Innenstadt um sich und machen ein Rockkonzert zum Schauplatz eines skrupellosen Blutbads. Selbstmordattentäter sprengen sich vor einem Fußballstadion in die Luft. 130 Menschen sterben, 352 werden verletzt, 97 davon schwer.

Für mich ist es zunächst ein befremdliches Gefühl, nach dem IS-Terror wieder den Controller in die Hand zu nehmen und einen Shooter zu spielen. Zeitungen und Fernsehen zeigen immer noch die Bilder aus der schrecklichen Nacht in Frankreich. Fünf Tage später kommt uns die Angst auch in Hannover für eine Nacht erschreckend nah. Währenddessen jage ich auf dem Fernseher in meinem Wohnzimmer Menschen, erschieße sie, töte ganze Wellen von Gegnern. Natürlich ist das makaber.

Es ist unvermeidlich, sich dabei die Frage zu stellen, ob das noch moralisch vertretbar ist. Wenn die Angst vor dem Terrorismus so nah ist, darf man ihn da noch als Hilfsmittel für den Plot eines Videospiels verwenden? Ist es da nicht geschmacklos, Krieg und das damit verbundene Töten als ein actionreiches Abenteuer in atemberaubender Grafik darzustellen? Es sind alte Fragen. Sie wurden schon so oft gestellt, dass man sie als Gamer kaum noch hören mag. Das frustrierende an diesen Diskussionen ist, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem von Menschen außerhalb der Community geführt werden. Diejenigen, die täglich spielen, kommen dabei kaum zu Wort.

Wirre Kampagne, starker Mehrspielermodus

Black Ops 3“ ist das bislang umfangreichste „Call of Duty“-Spiel. Neben der Einzelspieler-Kampagne gibt es einen Modus für zwei Spieler, einen Zombiemodus mit eigener Film-Noir-Geschichte und den Mehrspielermodus.

Die Hauptstory der Kampagne ist wirr. Halb Singapur wurde durch einen Anschlag verwüstet und wird von einem Verbrecherkartell/Terrorkommando beherrscht. Als Spieler wird man von der CIA undercover dorthin geschickt – und ballert permanent wie wild um sich. Das wirkt, als hätten sich die Entwickler übernommen. Die Details gehen – mal wieder – zwischen Explosionen und den Macho-Sprüchen der Protagonisten verloren. Immerhin: Die Grafik ist überragend.

Dagegen ist der Mehrspielermodus ein voller Erfolg. Neun neue Charaktere haben eigene Waffen (wie einen Flammenwerfer) und Spezialfähigkeiten. Dank Schubsprüngen finden Gefechte – wie sich im Vorgänger „Advanced Warfare“ andeutete – nicht nur am Boden, sondern auch in der Luft statt. Das macht das Spiel vielseitig, aber auch schwerer zu meistern.

„Black Ops 3“ gibt es für PS 4, Xbox One und PC.

jos

Terroristen gehören zu den beliebtesten Feindbildern in Egoshootern, so auch in „Black Ops 3“. Für die Spielemacher sind sie denkbar unkompliziert: Sie sind das menschgewordene Böse. Als Spieler darf man sich über ihren Tod freuen, ohne dabei Scham empfinden zu müssen. Ich muss nicht darüber nachdenken, was ich ihnen antue.

Dafür lässt mir das Spiel ohnehin nicht die nötige Zeit. In kurzen Filmsequenzen wird mir im Story-Modus der wirre Plot erzählt. Es ist wie in einem Actionfilm mit Silvester Stallone: Massen von Gegnern müssen getötet werden. Ständig explodiert irgendwas. Das ist anfangs aufregend, fängt aber nach einer halben Stunde an, monoton zu werden.

Also wechsle ich zu dem eigentlichen Herzstück der Reihe: dem Mehrspielermodus. Die Story hat hier kaum eine Bedeutung. Stattdessen trete ich mit anderen Spielern in Teams gegeneinander an. Die einen spielen die Terroristen, die anderen die Geheimsoldaten. Einen Unterschied macht es nicht, auf welcher Seite man steht. Schauplätze sind der Neue Hauptbahnhof in Zürich oder eine von einem Terroranschlag verwüstete Version von Singapur. Erstaunlich schnell vergesse ich, dass hier virtuelles Töten an öffentlichen Plätzen simuliert wird.

Ich sehe das sportlich – will besser, schneller, stärker sein als meine Mitstreiter. Um das zu erreichen, trickse ich meine Gegner aus, schleiche mich von hinten an – um sie umzulegen. In anderen Momenten renne ich wie lebensmüde in den Kugelhagel rein, das Gewehr im Anschlag. Am Ende hat sich die Mühe gelohnt: Auf dem Siegertreppchen werden die drei besten Spieler der Runde vorgestellt. Ich stehe in der Mitte. Alle sehen: Ich habe am meisten Menschen getötet.

Töten ist bei „Call of Duty“ ganz normal. Damit dieses Gefühl auch beim Spieler ankommt, hat sich Activision Blizzard vor der Veröffentlichung von „Black Ops 3“ ordentlich was einfallen lassen: Energydrink-Dosen wurden mit einem Soldaten geschmückt, der lässig zwei Pistolen in den Händen hält. Fast-Food-Ketten boten ein spezielles Menü an, bei dessen Kauf man Waffen-Upgrades für das Spiel gewinnen konnte. Unzählige Hollywood-Stars wie „Margos Spuren“-Star Cara Delevingne oder Ron Perlman (aus „Sons of Anarchy“) spielten in Trailern mit oder tauchten als Darsteller im Spiel auf. Das alles vermittelt den Eindruck, dass Krieg etwas Cooles ist.

Dann kam Paris. Die Attacken in der französischen Hauptstadt haben uns den Terror vor die Haustür gebracht. In unseren Wohnzimmern tobt er dabei schon seit Jahren. Auch nach den Anschlägen vom 13. November bleiben die Fragen dieselben, sie haben nur eine neue Aktualität bekommen: Dürfen Spiele wie „Black Ops 3“ den Krieg als etwas Positives darstellen? Ist es okay, Terrorismus als Hilfsmittel für einen actiongeladenen Plot zu benutzen? Die politischen Zusammenhänge und Hintergründe, aus denen Terrorismus entsteht, gibt es in dieser Welt nicht. Sie würden die Unterhaltung stören. Aber: Dasselbe könnte man auch Actionfilmen vorwerfen.

Seit ich 13 Jahre alt bin, schieße ich virtuell auf Menschen – das sind mittlerweile mehr als zwölf Jahre. Dennoch lehne ich Gewalt im echten Leben ab. Ich bin Pazifist, habe noch nie eine Prügelei angefangen – und vor allem bin ich kein Ausnahmefall. Auch ich bin fassungslos, wenn ich an die Grausamkeiten denke, die sich in Paris zugetragen haben. Denn am Ende sind die farbigen Pixel auf meinem Fernseher eben nur farbige Pixel auf meinem Fernseher – und echte Menschenleben bleiben echte Menschenleben.

Von Joss Doebler

Terrorattacke als PR-Gag

Auch die Marketingabteilung von „Call of Duty“ spielte mit dem Terror und sprengte die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Am 29. September änderten die Macher den Look ihres offiziellen Twitter-Accounts zu einer Newsseite um: Sie benannten ihn in „Current Events Agg.“ um, änderten das Profilbild und den Header. Dann meldeten sie eine Explosion in Singapur.

Fast drei Millionen Twitter-Follower hatten plötzlich diese Meldung in ihrer Timel­ine, der Account war kaum von einer seriösen News-Seite zu unterscheiden. Alle paar Minuten folgten neue Tweets, der vermeintliche Anschlag wurde aufgebauscht. So meldete die Fake-Seite wenig später, dass in Singapur der Notstand ausgerufen sei.

Erst fünf Stunden nach dem ersten Tweet lösten die „Call of Duty“-Macher auf, dass alles nur ein PR-Gag war. Es folgte ein Shit­storm. Die Kritik war so heftig, dass sich der Produzent des Spiels, Jason Blundell, später für die Aktion entschuldigte. Zu Recht.

 maw

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr