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Wie Fernbeziehungen überleben können

Nähe per Smartphone Wie Fernbeziehungen überleben können

Liebesbotschaften bei Whatsapp, Netflix-Synchronschauen und reihenweise Selfies: Wenn der Partner weit entfernt lebt, wird emotionale Nähe zum Muss. ZiSH-Autor Joss Doebler erzählt, wie er 739,38 Kilometer Distanz überbrückt.

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Der Handyakku ist sein schlimmster Feind: „Wer eine Fernbeziehung beginnt, beginnt auch eine Beziehung mit seinem Handy“, sagt ZiSH-Autor Joss Doebler.

Quelle: Villegas

Katy Perrys Songs sind nicht alle schlecht: Liebe geht durch die Ohren. Zumindest war es so bei Jes und mir. Anfang des Jahres ist meine Schwester Clara nach Reading in England gezogen, um dort zu arbeiten. Als ich sie im August für eine halbe Woche besuchte, lernte ich auch ihre neue Freundin kennen, mit der sie bald sogar zusammenziehen würde: eine dunkelblonde Britin namens Jes. In den wenigen Tagen kamen wir zunehmend ins Gespräch und vertieften das nach meinem Besuch via Facebook-Chat – anfangs vor allem durch Musik-Tipps. Stilecht empfahl ich ihr also das Folk-Noir-Projekt The Horrible Crowes. Die Live-Version von „Teenage Dream“ wurde unser Lieblingssong – eine Coverversion eines Songs von Pop-Sternchen Katy Perry, wie sich später herausstellte. Ups.

Mein Handyakku und schlechter Empfang sind meine schlimmsten Feinde: Wer eine Fernbeziehung beginnt, beginnt auch eine Beziehung mit seinem Handy. Vom „Guten Morgen“ nach dem Aufstehen bis zum „Schlaf schön“ in der Nacht wird der Alltag in vielen kleinen Nachrichten und Bildern geteilt. Whatsapp ist nicht länger nur ein nützliches Werkzeug für Absprachen im Freundeskreis. Es wird zu einer Säule der Beziehung. Das kann mitunter auch angsteinflößend sein – etwa, wenn einer von uns ohne Ladegerät auf der Arbeit sitzt und der Akkubalken unter 20 Prozent rutscht.

Diese Apps helfen gegen die Distanz

Unter dem Artikel: ZiSH empfiehlt fünf Smartphone-Tools für Fernbeziehungen.

Man kann auch zusammen auf dem Sofa sitzen und Netflix schauen, wenn man Hunderte Kilometer voneinander entfernt ist: Wenn es an  geografischer Nähe mangelt, wird man kreativ, um die emotionale Nähe zu verstärken. Whatsapp-Nachrichten und -Anrufe sind nur der Anfang. Was der andere isst, welchen Pulli er trägt, was er für neue Socken gekauft hat – das alles wird spannend, weil es alltägliche Nähe erzeugt. Die Anzahl der Selfies, die ich mache, seit ich Jes kennengelernt habe, ist explodiert – und nun im dreistelligen Bereich. An öden Tagen setzen wir uns zusammen aufs Sofa und schauen Netflix – auch wenn unsere Wohnzimmer 739,38 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt sind. Eine kurze Absprache, was geguckt wird, und ein Countdown im Whatsapp-Chat sorgen dafür, dass wir exakt denselben Inhalt auf dem Bildschirm haben.

Lebensziele können spießig sein – oder eine Erleichterung: Es gibt da dieses Haus am See. Wir wissen nicht, wo es genau steht oder wie es aussieht. Aber wir wissen, dass wir eines Tages  darin leben wollen. Während bei anderen Paaren die Kommunikation manchmal zu kurz kommt, ist sie bei uns  der Hauptbestandteil der Beziehung. Nach nur vier Monaten wissen wir, was der andere über das Heiraten, Kinder und die gemeinsame Zukunftsplanung denkt. Fernbeziehungen sind nichts für Menschen, die nicht wissen, ob sie es ernst meinen.
Es ist ein Privileg, die Person unterstützen zu können, die man liebt: Vor einem Monat kam ich mit schlimmen Bauchschmerzen ins Krankenhaus. Ich lag eine Woche im Krankenbett und verpasste meinen Flug nach England. Eine gute Freundin von mir kümmerte sich darum, dass ich genügend Kleidung dahatte. Ein anderes Mal hatte Jes einen Grippe-Anfall und wurde von einem Freund bekocht. Es ist für uns beide schwierig, in diesen Momenten nicht eifersüchtig zu sein. Nicht, weil es ein anderer Mensch ist, der sich um den Partner kümmert. Sondern weil man selbst nicht die Möglichkeit dazu hat.

Wer streiten will, muss auch kuscheln können – nur mit Worten: Streit ist in jeder Beziehung unumgänglich. Wichtig ist, dass man produktiv, ehrlich und respektvoll streitet und sich danach wieder verträgt. Doch wenn andere Paare sich in den Arm nehmen, um zu zeigen, dass man sich wieder lieb hat, sitzen wir Hunderte Kilometer voneinander entfernt. Es ist nicht leicht, nach einem Streit nur mit Worten wieder zu einem Status zurückzufinden, in dem sich beide der Zuneigung des anderen sicher sind. Das braucht Zeit und Übung. Und die bekommt man nur, wenn man sich auch weiterhin traut, sich zu streiten.

Geduld macht glücklich: Natürlich fluchen wir manchmal. Darüber, dass Reading nicht mit einer kurzen Bahnfahrt von Hannover aus erreichbar ist und über die Zeit, die zwischen unseren Besuchen so langsam dahinfließt. Aber sich darüber aufzuregen, löst nichts und macht unglücklich. Wer akzeptiert, dass er geduldig sein muss, kann das wertschätzen, was er hat: jene Woche pro Monat, die wir beieinander sein können – und die emotionale Nähe in der Zeit dazwischen.

Joss Doebler

Smartphone-Tools für Fernbeziehungen

Wem es nicht reicht, synchron Netflix zu schauen, der kann sich Rabbit einrichten. Die App gibt es für iOS und auch als Web-App auf dem Computer. Rabbit simuliert einen gemeinsamen virtuellen Bildschirm, auf dem ein Browser geöffnet ist.

Einer der Zuschauer besitzt die virtuelle Fernbedienung und kann das Fenster wie auf seinem eigenen Computer bedienen und beliebige Webseiten aufrufen, um etwa gemeinsam Videos zu gucken, Online-Shopping zu betreiben oder einen Ausflug zu buchen. Zusätzlich zur Videoübertragung hat jeder Stream einen eigenen Chat-Raum. Das Prinzip funktioniert auch mit mehr als zwei Personen. Leider sind einige Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime bislang für die Nutzung gesperrt.

 jos

Kuscheln

Einfach den anderen in den Arm nehmen –  das geht bei einer Fernbeziehung nicht. Die App Avocado kann dabei virtuell aushelfen. Einmal das Handy ans Herz halten, und schon bekommt der Partner eine Nachricht. Und auch Küssen ist möglich: Ein Schmatzer auf das Foto des anderen und schon ist ein virtueller Kuss auf dem Weg zu ihm.

Klingt kitschig, zaubert dem Partner aber sicher ein Lächeln ins Gesicht. Neben diesen virtuellen Zärtlichkeiten gibt es in der App auch einen privaten Chat. Dort können Nachrichten geschrieben und Fotos verschickt werden. Außerdem kann man kleine Bilder für den Partner malen, und ein gemeinsamer Kalender hilft bei der oft schwierigen Terminabsprache – und verhindert vergessene Verabredungen.

abe

Digitaler Händedruck

Der Daumen liegt auf dem Touchscreen des Handys. Plötzlich leuchtet es rot auf und vibriert: Der Partner hat mit seinem Daumenabdruck den eigenen getroffen. Der sogenannte Thumbkiss ist eine der Besonderheiten der App Couple . Er funktioniert wie das Aneinanderlegen der Hände an der Fensterscheibe – nur per Touchscreen.

Für kurze Zeit fühlt sich das digitale Händchenhalten mit den Daumen näher an als das Chatten via Messenger. Das geht bei Couple auch: Nachrichten, Fotos, Videos und Sprachnachrichten können wie bei Whats­app versendet werden. Außerdem gibt es einen gemeinsamen Kalender für Verabredungen. Das alles hilft zwar bei Langeweile – aber nicht bei Sehnsucht und Herzschmerz.

kas/zish

Mal mir was

Passwort“, „Shampoo“, „Schnalle“ – wie soll man das denn bitte schön malen? Paare, die gerne unterwegs etwas miteinander spielen und sich die Zeit vertreiben möchten, können sich Draw Something installieren. Bei der App bekommt der Spieler drei Begriffe vorgeschlagen, von denen er einen mit dem Finger auf seinem Display malen muss.

Dafür stehen ihm mehrere Farben und Pinselgrößen zur Verfügung. Der zweite Spieler bekommt nicht nur die Zeichnung geschickt, sondern kann sich anschauen, wie das Bild nach und nach entstanden ist. Errät er das Wort, kann er den zweiten Zug machen und seinerseits ein Bild zeichnen. Das Spiel erlaubt es auch, zu jeder Runde kleine Kommentare mitzuschicken.

jos

Immer nah dran

Aus dem Mund fließt ein Regenbogen und das Gesicht verwandelt sich in ein bunt schimmerndes Chamäleon: Bei Snapchat dreht sich alles um Fotos und Videos, die mit witzigen Filtern, bunten Stickern und kurzen Kommentaren verziert werden. Sie können an einzelne Freunde geschickt oder in der eigenen Story gepostet werden – und sind maximal zehn Sekunden sichtbar. Danach zerstören sie sich selbst.

Snapchat fühlt sich privater an als Instagram, Facebook und Co. Denn hier werden Bilder nicht sorgfältig ausgesucht und mit hübschen Filtern geglättet. Vielmehr wird der Alltag in mehreren Bildern und Videos pro Tag festgehalten und verschickt, so dass es sich anfühlt, als sei man hautnah dabei – und nicht einer von 300 Followern.

saz

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