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Der Hass meiner „Freunde“

Hetzkommentare bei Facebook Der Hass meiner „Freunde“

Was tun, wenn die Facebook-Freunde rassistische Hasskommentare posten? Sie ignorieren, entfernen oder mit ihnen diskutieren? Die Antwort darauf ist schwer, meint ZiSH-Autor Manuel Behrens. Eine Geschichte über Hass, der ihn wütend gemacht hat.     

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Hasskommentare tauchen überall im Netz auf. Doch stammen sie von den eigenen Facebook-Freunden, löst das oft ein besonders beklemmendes Gefühl aus.

Quelle: Foto: Kutter, Collage: ZiSH

Vor ein paar Wochen war ich in meinem Heimatdorf. Ich stand gerade an der Supermarktkasse, als ich durch die Regale hinweg eine alte Mitschülerin erkannte. Nennen wir sie Sabrina. Ich wurde sauer. Richtig sauer. Und das, obwohl wir seit der sechsten Klasse kein Wort mehr miteinander gewechselt haben.

Dank Facebook weiß ich jedoch eine ganze Menge über sie: Sie mag es, Fotos von ihrem selbst gekochten Essen zu knipsen. Das funktioniert oft nur leidlich – in den Stillleben ihrer Suppen spiegelt sich ihr Smartphone. Sie liebt das Reiten, hat aber auch ein großes Herz für andere Vierbeiner: Stets besorgt, teilt Sabrina Vermisstenanzeigen von Hunden und Katzen sowie Fahndungsaufrufe nach Tierquälern. So sehr sie sich um Haustiere kümmert, geht ihr zum Thema Flüchtlinge scheinbar sämtliches Mitgefühl ab: Ein paar Tage vor meinem Besuch im Heimatdorf hatte Sabrina ein Foto geteilt, auf dem das Gesicht von Angela Merkel (Photoshop-Level 3000 sei Dank) in eine Pornofilmszene gebastelt worden war. Zu sehen war die Bundeskanzlerin, wie sie von einem schwarzen Mann penetriert wurde. Auf ihrem Oberschenkel stand: „Flüchtlinge Willkommen“.

Fassungslos und aufgebracht saß ich vor meinem Bildschirm und hatte einen Strudel Fragen im Kopf: Warum teilt Sabrina ein solch widerwärtiges, rassistisches und stumpfsinniges Bild? Wie lange hat sie wohl grübelnd vor dem Rechner gesessen und überlegt, ob sie das Bild teilen soll? Hat sie überhaupt nachgedacht? Wem galt ihr Hass? Merkel? Flüchtlingen? Beiden? Und: Was soll ich jetzt tun?

Die Asylanten bekommen all unser Geld. Schon klar.

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Berlinerin Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung, einer zivilgesellschaftlichen Initiative, und Chefredakteurin von „Netz gegen Nazis“, das Tipps gegen Rechtsextremismus im Internet gibt. „Wir sollten rechtsextreme Statements nicht unwidersprochen lassen“, sagt sie. Auch ich war kurz davor, Sabrina wegen ihres Posts eine Nachricht zu schreiben. Sachlich hätte ich dabei ganz sicher nicht bleiben können, zu wütend war ich in dem Moment – obwohl es die wohl befriedigendste Option gewesen wäre, um Dampf abzulassen. Das wäre laut Rafael aber der falsche Weg gewesen: „Man sollte stets ruhig bleiben und deeskalierend wirken. Nazis und Rassisten wollen nicht diskutieren. Sie wollen ihre Argumente durchsetzen.“

Natürlich war Sabrinas Foto nicht der erste rassistische Beitrag, der mir im Internet begegnet war. Wer sich durch die Kommentarspalten von Nachrichtenseiten oder durch Foren liest, bekommt den Eindruck, dass es inzwischen kein Thema und keinen Anlass mehr gibt, die nicht gegen Flüchtlinge gedreht werden. Wer sich einmal die regionalen Facebook-Seiten von Pegida, Plattformen mit abstrusen Namen wie „Heimat und Tradition Chemnitz“ oder der „Stollberger Patrioten“ anschauen mag – hier kann man sich gratis gruseln: Es wird der Aufstand gegen Merkel gefordert und Überfremdung angeprangert, die mit dubiosen Statistiken belegt werden soll. Oder mit rührseligen Meme-Bildern, auf denen ein kleiner Junge (blond, blaue Augen) zu sehen ist, der seine Mami fragt, warum seine Familie so schrecklich arm sei. Antwort der Mutter: Weil die Asylanten das ganze Geld bekämen. Schon klar.

Wie viel Energie und Zeit ist einem die Einmischung wert? 

Ich fühle mich hilflos gegen diese gigantische Masse aus Hasskommentaren, die mir überall begegnet. Meinen Freunden geht es genauso, auch in ihrer Timeline flackern regelmäßig Hasskommentare ihrer Facebook-Freunde auf. Wären es enge Freunde, würde man mit ihnen darüber reden. Wären es Mitschüler, Kollegen oder Kommilitonen, die einem oft im echten Leben begegnen, könnte man sie ignorieren. Aber wie sollen wir mit den Tausenden unbekannten Nutzern oder alten Bekannten umgehen, mit denen man persönlich nichts zu tun hat?

Wie viel Energie und Zeit ist einem die Einmischung wert? Eine Antwort, damit vernünftig umzugehen, hat keiner von uns.
Geneigt bin ich eigentlich permanent, solche Beiträge bei Facebook zu melden. Doch dann denke ich: Was bringt das schon – bei den Millionen Hass-Posts, die im Netz kursieren. Meine Aktion wird den braunen Sumpf garantiert nicht austrocknen. Doch genau dieses Denken sei falsch und spiegele das Verhalten der Mehrheit der Facebook-Nutzer wider, meint Rafael. Der Großteil lese mit, verurteile die Hasskommentare auch insgeheim – doch etwas dagegen tun? „Nutzer, die Hasskommentare teilen, bekommen ohne Widerstand den Eindruck, dass sie ihre Inhalte einfach verbreiten können“, sagt die Journalistin.

Das Meldeverfahren bei Facebook ist absurd

Das wollen natürlich weder ich noch meine Freunde. Trotzdem war Sabrinas Post der erste, den ich jemals bei Facebook gemeldet habe. Das Meldeverfahren ist absurd und zeigt, wie dringend das Unternehmen einen Teil zur Lösung des Hate-Speech-Problems selbst beitragen muss: Am Ende des Meldevorgangs muss ich mich für einen Grund entscheiden, warum das Bild nicht in das soziale Netzwerk gehört. Weil es geschmacklos ist? Weil es Pornographie enthält? Nicht meinen Werten entspricht oder Gewalt zeigt? Alle vier Möglichkeiten hätten zugetroffen. Da Facebook bekanntlich sehr streng mit Nacktbildern umgeht, entschied ich mich, das Bild als Pornographie einzustufen. Schließlich waren auf dem Bild Fake-Merkels Brüste – inklusive Nippel – zu sehen. Ich schickte die Beschwerde ab. Am nächsten Tag war das Bild verschwunden. Befriedigend war der Vorgang nicht und ich fühlte mich feige, weil ich es nicht fertiggebracht hatte, sie persönlich anzuschreiben.

Damals, im Supermarkt, hatte ich die Chance, die Unterhaltung nachzuholen. Doch Sabrina war auf einmal weg. Meine Wut auch – denn ich war erleichtert, mich nicht mit ihr auseinandersetzen zu müssen.

Manuel Behrens     

Hate-Speech – und was man dagegen tun kann

Hate-Speech meint Kommentare, Posts und Einträge im Internet, die andere Personen oder Gruppen herabsetzten, beleidigen oder mobben. Auch Volksverhetzung gehört dazu. Aber was kann man gegen Hate-Speech tun und wie geht man mit Verfassern um?


Counter-Speech heißt ins Deutsche übersetzt Gegenrede und meint genau das: gegen Hasskommentare mit eigenen Argumenten vorgehen. 


Warum das wichtig ist? „Wenn Nazis ihren Hass als Lifestyle pflegen können, ohne auf Gegenwehr zu stoßen, gewinnen sie Selbstvertrauen“, sagt Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung. Außerdem führe Hate-Speech zu einer Normalisierung von rassistischen, antisemitischen und antidemokratischen Meinungen.


Was jeder einzelne gegen Hate-Speech im Netz tun kann? Rafael rät:

1. Rechtsextreme Seiten, Nutzer und Kommentare melden.

2. Opfer von Herabsetzungen in Diskussionen unterstützen.

3. Widerspruch einlegen, wenn im eigenen Umfeld rechtsextreme Sachen gepostet werden.


Aber wie verhält man sich in Diskussionen richtig?

1. Es ist selten sinnvoll, dem Gegenüber mit Hass oder Spott zu begegnen. Besser: ruhig bleiben und den anderen ernst nehmen. Zumindest erst mal.

2. Lücken und Fehler in der Argumentation aufdecken: Wenn falsche Fakten genannt werden, sollte man diese richtigstellen und die Nutzer darauf hinweisen.

3. Außerdem: Aufdecken, wenn das Gegenüber versucht, vom Thema abzulenken oder unsachlich argumentiert.

Martin Wiens     

"Im Netz fällt es leichter, eine emotionale Geschichte zu liken"

Interview mit dem Blogger Martin Fuchs (36), der sich mit Hate Speech im Internet beschäftigt. 

Herr Fuchs, funktionieren Emotionen wie Hass und Wut im Internet überhaupt?

Netzwerke leben von Emotionen, erfolgreiche Postings brauchen eine emotionale Note. Rationale Inhalte funktionieren meist nur im Zusammenhang mit einer emotionalen Aufbereitung. Sie müssen die User ansprechen. Negative Gefühle wie Wut oder Empörung funktionieren – wie man aktuell sieht – dabei sehr gut. Wenn man sich die Seiten, die mit Pegida zusammengehören anschaut, fällt auf, dass es dort selten um positive Emotionen geht. Wichtiger sind das Draufhauen, Schlechtmachen und Sichempören.

Memes mit rassistischem Inhalt werden oft einfach nur geteilt. Inwiefern ist das Teilen solcher Inhalte denn tatsächlich ein Ausdruck von Hass und Wut?

Auch Memes strahlen oft eine Emotionalität aus. Das ist natürlich etwas anderes, als wenn ich jemandem gegenüberstehe und ihn anschreie. Sie funktionieren aber nicht weniger schlecht. Gerade im Netz fällt es leichter, eine emotionale Geschichte zu liken oder zu teilen. Im realen Leben würde man sich das vorher oft noch mal überlegen.Die Memes haben eine emotionale Ansprache. Zum Beispiel ein Foto von einem Kind mit blauem Auge. Da schreibt man rüber: „Die Ausländer sind schuld.“ Das ist schon sehr emotional. Kinder gehen immer gut – und dann auch noch Gewalt gegen Kinder ...

Wie wichtig sind die sozialen Netzwerke für rechte Gruppierungen?

Seit Pegida existiert, vertrete ich die These, dass die Bewegung ohne Facebook so nicht existieren würde. Ihr Erfolg basiert sehr stark auf Facebook. Die Pegida hatte wahrscheinlich noch keine Strategie, als sie losgelegt haben – aber in der Gründungsgruppe hat man schnell gemerkt, dass die Themen auf Facebook gut ankommen. Sie haben begriffen, dass Facebook eine hervorragende Basis ist, um groß zu werden und schnell große Reichweiten deutschlandweit zu erreichen, ganz ohne klassische Medien. Für Rechte allgemein sind soziale Netzwerke ein wichtiges Informations- und Organisationstool.

 Gibt es Zusammenhänge zwischen Hasskommentaren und Übergriffen mit rechtem Hintergrund?

Es gibt Fälle, wo das naheliegt. Gruppen wie „Nein zum Heim in ..." in Deutschland oder Pegida, zetteln mit ihren Postings ganz aktiv Gewalt an. Daraus entstehen Vorfälle, wie in Clausnitz, wo 100 Menschen vor einem Flüchtlingsheim stehen und gegen einen Bus spucken und Flüchtlinge anschreien. Wissenschaftlich lässt sich das allerdings noch nicht messen, da es schwierig ist, was so eine Meinung oder Mobilisierung genau ausgemacht hat oder hätte. Das ist bei Wahlplakaten oder Reden aber auch so. Ich sehe aber einen direkten Zusammenhang und eine Radikalisierung. Durch Hate-Speech fällt die erste Barriere und man ist bereit, mehr zu wagen und zu sagen: „Es geht nicht mehr ohne Offline-Gewalt." Das ist die Phase, in der wir uns jetzt befinden.

Glauben Sie, dass sich durch die Facebook-Taskforce, die in Deutschland eingeführt werden soll, um Hasskommentare in den Griff zu kriegen, etwas ändern wird?

Per se begrüße ich es sehr, dass Facebook endlich anfängt, etwas zu tun. Und auch die Politik hat das begriffen. Das ist allerdings nur ein Puzzlestein. Doch noch ist es nicht so weit, dass zum Beispiel auch die Justiz in der Breite begreift, das Online-Mobbing und Internethass genauso schlimm sind wie Hass im realen Leben. Aber es liegt auch an den Nutzern, selbst einzugreifen und kompetent damit umzugehen, zum Beispiel mit Counterspeech. Um Hate-Speech erfolgreich zu begegnen, erfordert es verschiedene Bausteine, die eine Gesellschaft einsetzen muss – nur eine Taskforce allein reicht nicht.

Kann man bestimmte Altersgruppen festmachen, die besonders für Hasskommentare verantwortlich ist?

Es gibt eine Studie aus Kanada, laut der die Hauptgruppe, von der Hate-Speech ausgeht, 70-jährige weiße Männer sind. Die haben Zeit, sind möglicherweise frustriert und nicht besonders medienkompetent. Sie wissen nicht, welche Folgen es hat, wenn sie irgendwelchen Kram ins Internet schreiben. An deutschen Studien zeigt sich allerdings, dass Hate-Speech durch die ganze Gesellschaft geht. Das ist nicht wirklich von Alter, Religion, Herkunft oder Bildungsniveau abhängig, sondern eher vom Charakter und der Kompetenz der Nutzer.

Interview: Manuel Behrens

Seiten gegen Hass im Netz

Nicht nur bei Facebook ist es möglich, Hasskommentare zu melden. Online-Wachen der Polizeidienststellen machen es möglich, im Internet Anzeige zu erstatten. Hier zum Beispiel: onlinewache.polizei.niedersachsen.de.
Wie geht man mit Rassisten um? Auf netz-gegen-nazis.de gibt es zahlreiche Tipps und Informationen über Diskussionsgrundlagen, um gängigen rassistischen Argumenten entgegenzutreten. Die Seite mimikama.at überprüft Meldungen und Statistiken, die von Rechten benutzt werden, um gegen Flüchtlinge zu hetzen. Falschmeldungen werden als solche kenntlich gemacht.

Auf der sogenannten Hoaxmap werden die Meldungen der Region, in der sich ein Zwischenfall ereignet haben soll, zugeordnet. Auch die HAZ prüft immer wieder Gerüchte aus den sozialen Netzwerken – bisher hat sich aber meistens herausgestellt, dass die Meldungen über vermeintliche Übergriffe nicht stimmten.

Dem Internet-Hass kann man auch mit Humor entgegentreten. Die Facebook-Seite „Hooligans Gegen Satzbau“ untersucht Hass-Posts auf Rechtschreib-, Zeichen und Satzbaufehler – und korrigiert den Verfasser. Cat-Content gegen Rechts gibt’s auf der Facebookseite  „Katzen gegen Glatzen“. 

Manuel Behrens

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