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Wer klebt, der lebt: Tagebuch eines Gaffer-Tapes

Theaterleben Wer klebt, der lebt: Tagebuch eines Gaffer-Tapes

Wer klebt, der lebt: Gaffer-Tape bringt zusammen, was nicht zusammengehört. Und so ist das starke Band der vielleicht wichtigste Akteur im bunten Theaterleben. ZiSH druckt exklusiv Ausschnitte aus dem geheimen Tagebuch des kleinen Klebefreundes vom „Hart am Wind“-Theaterfestival.

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1:0 fürs Gaffer-Tape: Ich beim Krökeln im Aufenthaltsraum vom Ballhof 1.

Quelle: Zoege

Sonnabend, 20. Februar
Liebes Tagebuch, ich bin heiß wie Frittenfett auf dieses Festival. „Hart am Wind“ soll es da zugehen. Das erste Stück „Boys Don’t Cry“ kriegt Applaus, der bis in den Keller durchschallt. Und ich liege nur blöd im Regal rum. Ja, ja, und dann fliegt alles weg, und ich muss es zusammenhalten. Dafür ist dann der alte Gaffer wieder gut.
Nachtrag: Was für ein Abend! Im Aufenthaltsraum für die Schauspieler am Ballhof 1 ist der Kickertisch kaputt. Ein Minifußballer kann nicht mehr. Drei kleine schwarze Streifen von mir und es geht weiter rund. Von den vielen Umdrehungen wird mir ganz schwindelig. Und Tor!

Sonntag, 21. Februar
Laaaangweilig! Nichts ist zu tun. Ich denke zurück an das vergangene Jahr. Da hatte die Theatergruppe fensterzurstadt im Stück „Hannover Mon Amour: Lingenfelder“ eine Schauspielerin komplett mit mir eingewickelt. Das war schön. Und die Regisseurin Ruth Rutkowski hat mich sogar noch extra gelobt. Ich sei „eine der genialsten Erfindungen der Menschheit“. Hach, wie schön!

Die Sonne geht unter. Endlich Theater, ich kann mich zerreißen lassen. Bei „Welche Droge passt zu mir?“ im Klecks-Theater ist viel zu tun: Kabel befestigen, die Probezeitenzettel der Schauspieler an die Wand kleben und den Stoff am Altar auf der Bühne befestigen. Klingt anstrengend, ist für mich aber Routine. Als mich Regisseur Harald Schandry gerade wieder in Stücke reißt, muss ich an eine besondere Szene mit ihm zurückdenken: Vor einigen Jahren hatte er sich während eines Auftrittes seine Hand aufgerissen. Das hat geblutet wie verrückt. Eine Schweinerei war das. Trotzdem, die Show musste weitergehen. So beförderte Harald mich vom einfachen Gaffer-Tape zum professionellen Verband, aus dem kein Tropfen Blut kam. Die Zuschauer haben nichts gemerkt. Ich war so stolz. Im Krankenhaus gab es sogar noch ein dickes Lob von der Ärztin. „Da haben sie ja genau den richtigen Verband gewählt“, sagte sie. Die Wunde musste mit vier Stichen genäht werden.

Montag, 22. Februar
Ich bin im Ballhof 1, bei „Ich, Peer Gynt“. Ich klebe auf der Bühne, als Markierung. Die Schauspieler können so sehen, wo sie stehen müssen. Besser: WO sie stehen müssten. Denn zum Glück trampeln sie nicht die ganze Zeit auf mir rum, und ich kann viel von dem Stück nach Henrik Ibsen sehen. Der Peer will nämlich den anderen zeigen, dass mehr in ihm steckt als alle denken. So wie ich. Peer, mein Held!

Dienstag, 23. Februar
Ich sehe Rot. Flauschig weich spüre ich den glänzenden Vorhangstoff an mir kleben. Wie oft das alte Textil wohl schon auf- und zugezogen wurde? Jedenfalls dokumentiert das ein oder andere Loch die langjährigen Dienste. Und diese paar Löcher halte ich nun von der Rückseite zu. Ganz schön hoch und wackelig hier. Mir ist ein bisschen schwindelig. Und das nicht mal wegen der jungen Leute von „Doing it“, die da unten auf der Bühne der Theaterwerkstatt pausenlos ihre pubertären Sexphantasien rauslassen.

Mittwoch, 24. Februar
Das geht ja gut los. Schon mittags richtig viel Action im Ballhof 1: „Kinder testen Schule“. Die Schauspieler hampeln rum und werfen Schulmöbel durch die Gegend. Das beobachte ich vom Bühnenrand. Aber jetzt kommt mein Einsatz: Die drei Darsteller stellen Tische zu einer Halfpipe für Skater zusammen. Einer von ihnen zieht sich Rollschuhe an, der will doch wohl nicht …? Doch safety first: Schnell wickelt er mich um die Tischverbindungen, damit die beim Sprung ins Halbrund auch halten. Puuh, geschafft. Noch mal gut gegangen.

Hmm! Ach Tagebuch, wenn du das riechen könntest. Echtes Baumharz. Golden, klebrig, duftend – nach Wald, Natur und Freiheit. Die harzenden Holzbretter gehören zum Bühnenbild von „Jinx.Verhext“. Sie bilden ein flaches Podest, das die verzweifelte, verhexte Jinx und ihre Mutter als Wohnzimmer benutzen. Da stört das Harz, das plötzlich aus dem Holz austritt. Ausgerechnet an dieser Stelle setzen die beiden sich während der Vorstellung ständig hin. Wäre schon peinlich, wenn sie mit dem Hintern dort festkleben. Na klar, da springe ich ein. Ich verschließe zuverlässig die sabbernden Bretter und genieße den Duft. Hier kriegen sie mich nicht mehr weg. Bis ich zum ersten Bernstein-Gaffer der Geschichte werde.

Ich weiß ja schon lange, dass die richtig coolen Techniker mich immer als liebstes Werkzeug am Gürtel hängen haben. Ich bin aber auch praktisch, so klebrig und reißfest, fast zauberhaft. Da bin ich bei „Jinx. Verhext“ ja genau richtig. Der Techniker führt mich hinter den Kulissen der Theaterwerkstatt herum. Und schon klebe ich oben am Scheinwerfer, damit der auch da hin strahlt, wo es richtig ist und die Darsteller ins rechte Licht rückt. Von hier Oben hab ich einen Spitzenblick. Nur ein bisschen warm ist es.

Donnerstag, 25. Februar
Ich strahle. Na ja, nicht ich persönlich. Beim Transport der Requisiten von „Adieu, Herr Muffin“ aus Hildesheim ins Hannoversche Klecks-Theater ist die Stehlampe abgebrochen. Kein Verzagen, Gaffer-Tape fragen! So einen Lampenständer umwickele ich doch im Bandumdrehen. Da können sich die Schauspieler ganz entspannt um ihr sterbendes Meerschweinchen Herr Muffin kümmern. Wo ich klebe, wird das Licht nicht erlischen.

Am Abend bin ich wieder auf dem Boden der Träumereien. Bei „Schneewitte“ markiere ich die Positionen für die Schauspieler. Das ist immer der beste Job – und der gefährlichste. Von hier unten kann ich alles unbemerkt beobachten, muss aber auch höllisch aufpassen, dass ich keinen Fußtritt abkriege.

Ah, da kommt ja auch schon Schneewittes Stiefmutter angerauscht. Was hat der Drachen wohl heute unter seinem roten Königinnenkleid an? Mist, ich kann nichts erkennen, sie steht zu weit weg.

Jetzt kommt Schneewitte auf die Bühne gerannt. Und da ist der König – Achtung! Puh, das war knapp, beinahe wäre er auf mich draufgetreten. Der könnte auch mal Fußdeo benutzen. Kommt wahrscheinlich von diesen zu engen Schuhen.

Ach, ich liebe diesen Job! Was wäre das Leben ohne ein bisschen Nervenkitzel? Aber Moment mal, was trägt denn der Requisiteur da auf die Bühne? Einen riesigen Herd aus Weiden! Oh nein, er kommt direkt auf mich zu, der will dieses Monster doch wohl nicht auf mich draufstellen.Hey, stehen bleiben, ich bin auch noch hier ... Halt! Aaaarrgghh!

Freitag, 26. Februar
Ach Tagebuch, ich fühle mich gedemütigt und verlassen. Vorne im Saal bereitet das Team der Theaterwerkstatt Pilkentafel aus Flensburg sein Stück „Die schöne Stunde“ vor. Improvisationstheater. Dabei sollen die Zuschauer blaue und rote Murmeln durch Plastikröhren rollen lassen. Immer, wenn vorne etwas schön oder lustig war. Dafür werden die durchlöcherten Röhren in allen Stuhlreihen befestigt. Eine nette Idee. Aber ohne Gaffer? Sie haben extra anderes Klebeband besorgt. Das billige aus dem Schreibwarenladen. Das Team verschmäht mich, mich, der aus dem Baumarkt kam. Und das mit voller Absicht. Ich klebe so schrecklich, sagen sie. Ich sei nirgendwo wieder abzubekommen. Nun liege ich in einer dunklen Kiste in der Ecke und langweile mich. Macht doch eure Murmelspiele alleine!

Endlich ist die Stunde vorbei. Pah! Gaffer-Verächter. Jetzt bin ich in der Theaterwerkstatt bei „1... 2... 3... Blumenmusik!“ dabei. Singen darf ich allerdings nicht, ich spiele die Hauptrolle als Kabelumwickler. Keine Ahnung warum, aber diese Theatermenschen scheinen Spaß daran zu haben, mich ständig um irgendwelche lose Kabel zu wickeln. Na ja, ich muss ja nicht alles verstehen.

Die Vorstellung hat auch noch gar nicht angefangen, ich liege hier eng umschlungen mit diesem dicken schwarzen Wurm hinter der Bühne und langweile mich zu Tode. Gesprächig ist er nicht gerade, und außerdem stinkt er nach Plastik.

Ah, ich höre Stimmengewirr, gleich scheint’s endlich loszugehen. Aber hey, was soll das denn? Ich merke ein Ziehen im Rücken, irgendjemand reißt mich brutal von dem schwarzen Kabel ab und schmeißt mich auch noch in die nächste Ecke. Aua, das tut weh! Ich höre noch, wie jemand etwas flucht: „Zwei Minuten vorm Auftritt erwischt man nur die Kabel mit den Kleberesten.“
Erst muss ich stundenlang in dieser ungemütlichen Umarmung ausharren, dann werde ich einfach abgerissen und auch noch beschimpft! Eigenschaften hinterlassen nun mal Spuren, das gilt auch fürs Kleben. Ich kringel mich erst mal zusammen und schmolle hier in meiner Ecke.

Sonnabend, 27. Februar
Endspurt beim Festival. Im Ballhof 1 läuft „Wanted Hamlet“. Weiß gekleidete Männer schrammeln auf elektronischen Gitarren herum. Das soll Shakespeare sein? Da ist doch was faul im Staate Dänemark. Na ja, ich war jedenfalls auch dabei, liebes Tagebuch, aber dieses Mal hat mich keiner gesehen, so gut habe ich mich verklebt. Das Stück war toll, das Festival auch. Jetzt geht es weiter im Theateralltag. Auch wenn so ein Leben als Tape manchmal undankbar ist, ich mache das Beste daraus: Wer klebt, der lebt!

Das Material wurde der Jugend-Theaterredaktion zugespielt, die zum Festival „Hart am Wind“ von ZiSH und dem Schauspiel Hannover gebildet wurde. Mehr unter www.hartamwind-blog.de und www.haz.de/zish im Internet.

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