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Goodbye Deutschland!

Aussteiger in Thailand Goodbye Deutschland!

Einfach ins Ausland abhauen: Davon träumen viele junge Deutsche. Wir haben den niedersächsischen 23-jährigen Aussteiger 
David besucht, der seit zwei Jahren in einer Bambushütte in Thailand lebt – aber auf seinen Laptop nicht verzichten mag.

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„Ich war ein sehr wütender und unzufriedener Teenager, obwohl mir eigentlich nichts gefehlt hat“: Aussteiger David (23) aus Uslar ist in Thailand glücklich geworden.

Quelle: Seitz

Es ist 6 Uhr morgens. David ist von allein aufgewacht. In einer halben Stunde will er aufstehen – wie immer bei Sonnenaufgang. Zu Schulzeiten hätte sich der 23-Jährige nun stöhnend im weichen Bett umgedreht, um die letzten Minuten auszukosten. Heute trennt ihn nur eine dünne Matratze von den harten Bambusstangen, aus denen er den Fußboden seiner Hütte gebaut hat. Über seinem Schlafplatz hängt ein Moskitonetz. Von seiner Matratze aus kann er die bunten Vögel in den Bäumen und die quakenden Frösche am Bachlauf beobachten – es gibt keine Wände, sondern nur ein Dach aus Palmenblättern.

Vor zwei Jahren hat David sein Kinderzimmer im niedersächsischen Uslar gegen eine Bambushütte in Thailand getauscht. „Ich war ein sehr wütender und unzufriedener Teenager, obwohl mir eigentlich nichts gefehlt hat“, erzählt er. Nach seinem Abitur arbeitete David bei einer Zeitarbeitsfirma in München. Doch nach einem Dreivierteljahr hatte er genug von der ermüdenden Arbeit und dem Zwang, seinen Vorgesetzten alles recht machen zu müssen. Es machte ihn wütend – genauso wie Regeln, deren Sinn er nicht verstand. Leute, die andere Meinungen als er hatten. Und alles, was ihn in seiner Freiheit beschnitt.

Wie lebt man als Aussteiger auf einer thailandischen Farm? Unsere Autorin Sarah hat David besucht - hier gibt es die besten Fotos.

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David hatte das Gefühl, nicht mehr nach Deutschland zu passen. Über die Plattform Worldwide Opportunities on Organic Farms, auf der sich freiwillige Helfer für eine Mitarbeit auf Öko-Höfen in aller Welt bewerben können, fand er schließlich die Farm Numthang in Thailand. Dort, so las er, sollten langfristig genug Lebensmittel angebaut werden, um alle ihre Bewohner zu versorgen. Dabei wollte David für zehn Monate helfen. Die Auszeit wollte er nutzen, um den Kopf freizubekommen. Er wollte über ein Studium nachdenken und endlich spüren, wie es ist, etwas mit eigenen Händen zu schaffen.

„Je einfacher ich lebe, desto glücklicher bin ich“

Gerade auf der Farm angekommen, musste er auch schon mitanpacken. Auf dem Gelände sollte eine zweite Hütte aus Tonziegeln gebaut werden. Bäume mussten aufgezogen und drei Stunden pro Tag in sengender Sonne bewässert werden. Für diese Art von Arbeit konnte sich David begeistern. Er konnte die Früchte seiner Arbeit ernten – im wahrsten Sinne des Wortes. Und das jeden Tag. Deswegen beschloss er, in Numthang, das an eine Hippiekommune erinnert, zu bleiben. Die Freiheit, die er im Farmleben gefunden hat, ist für David das, was er schon immer suchte: „Je einfacher ich lebe, desto glücklicher bin ich“, sagt er.

Diese Art von Glück scheint vielen Menschen momentan in Deutschland zu fehlen. Bei einer OECD-Studie, die mit dem sogenannten Better-Life-Index die Zufriedenheit der Einwohner verschiedener Länder misst, belegt Deutschland nur Platz 17 von 36. Einige wollen vielleicht eine radikale Veränderung – und haben doch nicht den Mut dazu. Ein Jahr Australien ist okay, aber danach bitte wieder in die eigene Komfortzone zurück. Die wenigsten ziehen es so durch wie David.

Der klettert gerade die Leiter zu seinem Haus hinunter und springt in den kleinen Bach, der sich durch die Farm schlängelt. Danach klaubt er sich seine Secondhand-Shorts von der Wäscheleine und macht sich barfuß auf den Weg zum Gemeinschaftshaus, um ein paar Bananen zu frühstücken. „Wir haben hier 50 bis 60 verschiedene Sorten“, sagt er stolz, seine Augen blitzen. Zu Schulzeiten war er blass und dürr, heute ist seine Haut sonnengegerbt und von selbst gestochenen Tattoos verziert. Sein Blick ist wach und voller Energie.

„Irgendwie muss man seine Mitmenschen erreichen, um von unserer Idee zu erzählen und zu überzeugen“

Die etwa 4500 Quadratmeter große Farm Numthang hat der Thailänder Tee gegründet. Früher arbeitete er als Programmierer in Bangkok, doch irgendwann wurde ihm das hektische und beengte Großstadtleben zu viel. Nun kommen regelmäßig Freiwillige aus aller Welt, um auf Tees Farm gegen Kost und Unterkunft zu helfen. So wie damals auch David. Viele der Freiwilligen bewundern Davids Lebensstil, kehren nach vier Wochen aber selbst wieder in ihr altes Leben zurück. Was auf den ersten Blick paradiesisch wirkt, ist hart erarbeitet. Auch David muss viel körperliche Arbeit verrichten: Seine Haut ist von der Mangoernte mit zahlreichen Brandmalen durch Verätzungen gezeichnet, das Abschlagen der Bananenstauden in den Baumspitzen ist extrem gefährlich. Doch all das macht er lieber, als unter einem nörgelnden Chef zu arbeiten.

Primitivismus nennt er seinen Lebensstil: Man lebt so einfach wie möglich, um der Natur keinen Schaden zuzufügen. David lebt ihn konsequent: Er wohnt in einer selbst gebauten Bambushütte und ernährt sich von den Farmfrüchten. Aus seinem alten Leben besitzt er nur noch seinen Laptop. Damit informiert er sich über das Tagesgeschehen in der Welt, skypt mit seinen Eltern oder teilt auf Face­book mit missionarischem Eifer dramatische Artikel über die Folgen der Umweltverschmutzung. Das passt nicht so ganz zum Aussteiger-Leben. „Irgendwie muss man seine Mitmenschen erreichen, um von unserer Idee zu erzählen und zu überzeugen“, erklärt er.

Am Nachmittag will David noch im Obstgarten eines Bekannten arbeiten. Wie ein Abenteurer aus dem Bilderbuch schlägt er sich mit einer Machete durch den dichten Wald und deutet immer wieder auf Pflanzen mit fremden Namen und erklärt, wofür sie gut sind. Dieses Wissen bekommt er von alten Menschen aus der Umgebung. „Die wissen so unglaublich viel über ihre Natur! Ich versuche, alles aufzusaugen“, erzählt er. Nur mit einem Tuch, das er sich um die Beine schlingt, klettert er einen acht Meter hohen Stamm hoch, um Betelnüsse zu ernten. Bevor er sich auf den Rückweg macht, dreht er sich noch eine Zigarette aus selbst angebautem Tabak und einem Palmenblatt. Keine drei Jahre ist es her, dass er hektisch seine Kippenstummel über den Schulhof schnippte. Jetzt, hier, mitten im Wald, raucht er genüsslich. Denn inzwischen hat er seinen Platz in der Welt gefunden.

Sarah Seitz

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