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Die Dates meiner Oma

Drei Generationen erzählen von ihren ersten Flirts Die Dates meiner Oma

Ein Wisch und zack! Ein Match! Auf Tinder ist es heute einfach wie nie, jemanden kennenzulernen. Aber wie war das eigentlich bei unseren Eltern und Großeltern? Drei Geschichten von verbotenen Treffen im Dorflokal und einer Bob-Dylan-Liebe. 

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Quelle: Collage

Liebesbotschaft per Mixtape

Atomkraft, nein Danke“, „Jesus liebt dich“ oder „Mach kaputt, was dich kaputt macht“ – wer sich im März 1980 seine Weltanschauung nicht auf die Jeansjacke heftete, fiel auf. Unter den vielen Jugendlichen, die sich samt Statement-Buttons auf ein Konzert drängeln, ist Andreas (Name geändert) einer der wenigen ohne den Meinungsschmuck. Das fiel auch meiner Mutter auf.

Bis zum ersten Gespräch vergehen dennoch Wochen. Kein Wunder: Sie sind jung, er 17 Jahre, sie gerade einmal 15 Jahre alt.
Aber dann diskutieren sie stundenlang. Über Gott, die Welt  und  Bob Dylan. Während die Klassenkameraden meiner Mutter Abba vergöttern, ist der US-Folk-Rocker das Idol der beiden. Meiner Mutter ist klar: Mit Andreas hat sie ihren Seelenverwandten gefunden.

Eine Woche später sucht sie ihn auf dem Flohmarkt am Leineufer, wo er jeden Sonnabend Platten aus seiner Sammlung verkauft. Sie trifft aber nur seinen Kumpel und gibt ihm die Bob-Dylan-Kassette, ein Geschenk für Andreas, mit. Ein paar Tage später schickt Andreas ihr ein Päckchen mit Brief und Mixtape: Er möchte sie am nächsten Sonnabend auf dem Flohmarkt treffen. Fünf lange Wochen liegen zwischen dem ersten Blickkontakt und der ersten Einladung zum Date.
Jeden Sonnabend treffen sich die beiden nun, immer um 15 Uhr unterm Turm am Leineufer. Nach drei Malen küssen sie sich zum ersten Mal und sagen „Ich hab dich lieb“ zueinander. Damals war das ein sicheres Zeichen dafür, dass man nun ein Paar ist. Das hieß aber nicht, dass das nun auch jeder wissen soll. Die Beziehung ist ihnen zu kostbar, um sie mit anderen zu teilen.

Als meine Mutter auf Klassenfahrt an die Ostsee fährt, entdeckt sie dort eine Telefonzelle mit kaputtem Münzzähler. Fünf Tage können die beiden kostenlos und unbemerkt telefonieren.

Zusammengeblieben sind Andreas und meine Mutter nicht. Schon nach vier Monaten war Schluss. Das war untypisch – selbst für ihre Generation. Die meisten heirateten damals. Das versprach aber auch damals nicht das ewige Glück: Während 1970, als unsere Eltern noch Kinder waren, die Scheidungsquote bei nur 10 Prozent lag, wurden 1990 schon rund 30 Prozent der Ehen geschieden. Bob Dylan würde dazu vielleicht sagen: „The Times They Are A-Changing“ – die Zeiten ändern sich. Bob Dylan aber liebt meine Mutter immer noch.

kat

Bloß nicht festlegen

Eine meiner Bekanntschaften habe ich auf Instagram kennengelernt.  Er war einer meiner ersten Follower. Und nachdem wir einige Zeit gegenseitig unsere Bilder geliket hatten, schrieb er mich an. Das war erst mal nichts Neues für mich. Ein „Hey“, etwas Smalltalk und dann Funkstille – so lief das meist.

Doch bei dem Jungen von Instagram war das anders. Auch nach den üblichen Floskeln schrieben wir weiter. Obwohl wir uns nur von unsern Selfies kannten, erzählten wir uns via Textmessage auch von persönlichen Dingen wie schlechten Erfahrungen mit dem Ex-Partner und kaputten Freundschaften.  

Bald reichte uns das Hin- und Hergeschreibe nicht mehr: In den Sommerferien fuhr ich zu ihm nach Hamburg – unser erstes Treffen. Mein Herz klopfte vor Aufregung die ganze Fahrt. Ich freute mich aber wahnsinnig, endlich die Person aus meiner Instagram-Timeline persönlich kennenzulernen.

Unser Treffen verlief sehr vertraut. Es war, als ob ich ihn schon ewig kennen würde. Ohne Ziel zogen wir durch die Stadt, probierten abgespacete Klamotten wie Fellmäntel, pinke Federboas und weite, bunte Hosen mit blumigen Mustern an. Anschließend gingen wir in einem asiatischen Imbiss Nudeln essen.

Es war lustig mit ihm, aber „Date“ würde ich unser Treffen nicht nennen. Schließlich hatten wir nichts geplant, sondern einfach nur ein lockeres Treffen vereinbart. Und so läuft es fast immer. Den meisten fehlt der Mut, nach einem klassischen Date zu fragen. Niemand will sich festlegen. Früher hat man sich ewig getroffen, bis man sich endlich geküsst hat und zusammen war. Heute hat man ewig was miteinander, bis man endlich zusammen ist.

Statt das Mädchen in ein Restaurant einzuladen, bezahlt der Junge die Rechnung für den Java Chip Chocolate bei Starbucks. Mit den Plastikbechern schlendert man dann durch die Stadt. Alles ist so unverbindlich.

 
Viele verstecken sich hinter ihrem Online-Profil und den Likes. Datingapps wie Tinder oder Lovoo finde ich total oberflächlich. Wenn einem das Match nicht sofort zusagt, wird schnell für Ersatz gesorgt. Da ist es mir lieber, wenn sich einer traut, mich auf der Straße anzusprechen.

Ich fuhr noch oft zu meiner Instagram-Bekannschaft nach Hamburg, und wir verbrachten immer eine schöne Zeit zusammen. Eine Beziehung wurde so jedoch nicht draus.

Medea Sieben

Heimlich bis zur Hochzeit

Hilfe, der ist aber groß, dachte meine Oma Helga, als sie meinen Opa zum ersten Mal sah. Das war im Jahr 1958. Helga war 16 Jahre alt und schuftete als Magd auf einem Bauernhof. Als sie alleine in der Küche stand, kam der große Mann herein. Helga hatte Angst.

Doch der Mann war ganz freundlich, suchte die Hofbesitzer. Er stellte sich als Heinrich vor, ein Freund der Familie und Sohn von anderen Bauern aus dem Dorf. Die beiden verstanden sich auf Anhieb gut. Seitdem kam er immer öfter – aus mal mehr, mal weniger plausiblen Gründen. Dates konnte man ihre Treffen aber nicht nennen. Heinrich war oft bei Helga auf dem Feld, half ihr bei der Ernte. Einmal waren sie im Stall, als sonst niemand zu Hause war. Sie kümmerten sich um eine Kuh, die ein Kälbchen zur Welt brachte. Bei der gemeinsamen Arbeit verliebten sich die beiden schnell ineinander.

Doch ganz so reibungslos ging es nicht weiter: Heinrichs Eltern gefiel nicht, dass Helga eine arme Magd war. Also hielt das junge Paar seine Beziehung geheim. Drei Jahre lang trafen sie sich heimlich: Sie spazierten durch die Felder oder tanzten mit Freunden im Dorflokal. Dabei mussten sie aber immer aufpassen, dass Heinrichs Schwester nichts mitbekam. Treffen im Freien waren sicherer – aber im Winter zu kalt.

An ihrem dritten Jahrestag verlobten Heinrich und Helga sich. Das war in den Sechzigerjahren ganz normal. Nur 4 Prozent der deutschen Männer und 2 Prozent der Frauen hielten damals die Ehe laut dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ für überholt. Schließlich gaben Heinrichs Eltern doch nach. Er sollte ihren Hof übernehmen – und das wollte er nur mit Helga gemeinsam. Die beiden heirateten ein halbes Jahr später, als sie 19 war und er 23. Was aus heutiger Sicht ungewöhnlich früh klingt, war damals üblich: Zu dieser Zeit waren zwei Drittel der 20- bis 29-Jährigen Frauen und fast die Hälfte der gleichaltrigen Männer verheiratet.

Ein paar Monate nach der Hochzeit kam ihre erste Tochter zur Welt. Es folgten vier weitere Kinder, die genauso wie Hof, Felder und Tiere versorgt werden mussten. Als die Kinder erwachsen waren, verkauften Helga und Heinrich die Tiere und die meisten Felder. Nun hatten sie auch wieder mehr Zeit für einander. Sie fuhren gemeinsam in den Ski-Urlaub ins bayrische Örtchen Ruhpolding. Auch nutzten sie die neue Freizeit. Zum Spazieren- und Tanzengehen. Und das ganz ohne Heimlichtuerei.

Johanna Stein

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