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Wie wir uns von Apps den Alltag diktieren lassen

Pro und Contra Wie wir uns von Apps den Alltag diktieren lassen

Mit verschiedensten Smartphone-Apps versuchen wir unseren Alltag zu meistern. Aber ist es gut, wenn wir uns vorschreiben lassen wie wir leben? Zwei ZiSH-Autoren streiten sich: Wie viel Kontrolle sollten wir abgeben?

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Praktischer Privatsekretär oder Drill-Sergeant? Unser Smartphone weiß oft besser als wir selbst, wann der nächste Termin ansteht.

Quelle: Rachel Crowe/Unsplash

Pro: Warum Apps so nützlich sind

Mein Handy weckt mich um 8 Uhr. Die Wetter-App rät mir dazu, einen Schirm einzupacken, und mein digitaler Terminkalender erinnert mich an das Abendessen mit meiner Freundin. Das alles erfahre ich durch den morgendlichen Blick auf mein Smartphone.

Anstatt tausend Klebezettel in der Wohnung zu verteilen, übernimmt mein Handy die Planung meines Alltags wie ein kleiner, rechteckiger Privatsekretär, der ganz bescheiden in meiner Hosentasche Platz nimmt.

Bis zu meinem 18. Geburtstag habe ich mich strikt geweigert, mir ein Smartphone zuzulegen. Als ich es schließlich eher erzwungen als gewollt geschenkt bekam, verstand ich: Ich werde nicht automatisch zu einem Smartphone-Zombie, der durchgehend „Candy Crush“ spielt und dabei gegen die nächste Laterne rennt, weil er den Blick nicht vom Gerät lassen kann.

Sicherlich will ich nicht behaupten, das Smartphone macht mich zu einem fehlerfreien Menschen, der dank eines riesigen Arsenals an Apps jeder Situation gewappnet ist. Aber ich scheitere immerhin nicht mehr an den kleinen Alltagsmomenten, die mich manchmal hilflos wirken ließen.

Wie schnell muss ich rennen, um noch den letzten Zug zu erwischen? Wie finde ich zur nächstgelegenen Fastfoodkette? Wie heißt noch gleich die Dozentin? Google, die Bahn-App und besonders Google Maps sind meine kleinen Alltagsoptimierer und helfen mir, mein Potenzial besser auszuschöpfen. So erhalte ich auch endlich keine verärgerten Anrufe mehr, ob ich das gemeinsame Abendessen vergessen habe. Danke dafür an mein Smartphone – du kleiner, rechteckiger Privatsekretär!

Apps machen den Alltag sehr viel einfacher, meint ZiSH-Autorin Nina Hoffmann.

Contra: Es geht auch ohne Daueralarm

Was hast du zu Abend gegessen?“ Die Frage könnte von meiner Mutter kommen, gerade ist aber Yazio die Fragende. Ich habe die Ernährungs- und Fitness-App aus Neugierde auf meinem Smart-phone installiert.  Mich interessiert, was ich so über den Tag eigentlich esse. Schon nach einem Tag nervt sie mich mit ihrem nervigen „Bing“-Alarmton. Ich trage „Tiramisu“ in das Kalorientagebuch ein. Mist, der Balance-Balken oben im Bild wird rot: Zehn Kalorien über dem Soll. Obwohl der Nachtisch sehr lecker war, fühle ich mich schlecht. Vielleicht sollte ich wirklich weniger Süßes essen.

Fitness- und Ernährungsapps wie Yazio oder Runtastic spielen mit meinem schlechten Gewissen. Wie ein penetranter Fitnesscoach gibt Yazio digitale Anweisungen –  „Gehe heute 10 000 Schritte, um dein Fitnessziel zu erreichen“. Dabei ärgert mich vor allem meine eigene Unmündigkeit. Denn ich reagiere auf diese Meldungen, ohne darüber nachzudenken. Anstatt einfach den Alarm auszuschalten oder die Fenster ungelesen zu schließen, lese ich brav genau die Mitteilungen oder ärgere mich, wenn ich das Kalorien-Tagesziel nicht erreicht habe.

Um Niederlagen wie diese gegen den Smartphone-Drill-Sergeant zu vermeiden, deinstalliere ich die meisten Apps wieder. Facebook und meinen E-Mail-Account öffne ich nur über den Browser und habe neben Whats-app keine Apps, über die ich dauerhaft erreichbar bin.

So kann ich mich viel besser auf mein analog stattfindendes Leben konzentrieren. Und es schadet meinem mit Input zugedröhnten Gehirn auch nicht, sich mal selber Gedanken zu machen, anstatt sie „appzugeben“.

Will sich von Apps nicht manipulieren lassen: ZiSH-Autorin Jacqueline Niewolik.

Experten-Interview: „Man darf sich nicht zu oft stören lassen“

Online verfügbar zu sein ist inzwischen ein Normalzustand. Informationen können überall und jederzeit abgerufen werden. Was halten Sie davon, dass man dank Smartphones weniger wissen muss?

Ich würde sagen, dass es ziemlich praktisch ist. Man trägt sein Lexikon immer bei sich – und ich glaube nicht, dass das zum Untergang des Abendlandes führen wird. Allerdings ist es wichtig, zu lernen, wie man mit dem Wissen umgeht, das einem zur Verfügung steht, und wo man es abrufen kann. Es ist sehr relevant, dass Jugendliche wissen, welchen Informationen man trauen kann.

Haben Sie den Eindruck, dass junge Menschen Wissen richtig filtern können?

Früher war alles klarer: Man hat den Tageszeitungen der Eltern vertraut. Inzwischen gibt es mehr Angebote, Stichwort Fake-News: Es gibt eben auch Infos, die nicht glaubwürdig sind. Es ist schwieriger geworden, sich in diesem Informationsdschungel zu bewegen. Das bedeutet, dass Medienkompetenz explizit geschult werden sollte – in der Schule und von den Eltern. Die sollten gemeinsam mit den Kindern surfen und Interesse zeigen: Wo surft ihr? Und wie sucht ihr nach Infos?

Dr. Dorothée Hefner (37) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover und ist auf Medienkompetenz spezialisiert.

Man hat den Eindruck, dass Apps Auswirkungen auf bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten haben: Sinkt die Verbindlichkeit, wenn man bei einer Facebook-Veranstaltung zusagt, aber nicht teilnimmt? Oder verändert sich durch die ständige Erreichbarkeit die Art, wie wir kommunizieren?

Ich kann mir schon vorstellen, dass die Verbindlichkeit gesunken ist. Der Vorteil ist auf der anderen Seite mehr Flexibilität. Dass die Kommunikation oberflächlicher wird, glaube ich nicht, denn Face-to-Face-Unterhaltungen wirken zunächst auch häufig oberflächlich. In Alltagsgesprächen – sowohl von Angesicht zu Angesicht als auch digital – steckt allerdings viel Subtext drin. Ein einfaches ,Na, was geht?’ bedeutet: Ich interessiere mich für dich. Die Kommunikation ist aber sicherlich fragmentierter geworden. Sprachnachrichten sind etwas ganz anderes als ein Dialog.

Viele Sport- und Ernährungsapps zielen auf Selbstoptimierung ab. Um uns zu verbessern, holen wir uns digitale Hilfe. Ist das problematisch?

Ich sehe das erst einmal eher unkritisch. Man lässt sich helfen, um das, was man trainieren will, besser durchführen zu können. Für die Alltagsbewältigung ist das gut. Ich sehe das größere Problem darin, dass solche Apps den sozialen Vergleich fördern können, wenn man sich mit anderen vernetzt und die App zum Beispiel mit Facebook verknüpft. Es gibt Personen, die für so einen Vergleich anfällig sind. Und wenn man sich immer „nach oben“ vergleicht, also mit Besseren, und sich selbst im negativen Licht sieht, kann das auch depressive Gedankenspiralen verstärken.

Wie sieht eine gesunde Balance zwischen App-Gebrauch und Eigenständigkeit aus?

Sich von Apps helfen zu lassen ist erst einmal unproblematisch. Das Wichtigste ist, dass man sich nicht durch die App-Vielzahl in konstanter Kommunikation mit ihnen befindet. Wenn ich eine Benachrichtigung bekomme, verleitet das häufig dazu, alle anderen Apps gleich auch zu checken. Da sollte man sich Eigenständigkeit bewahren und sich nicht zu oft stören lassen. Durch die große Summe an Apps scheint mir die Autonomie auf jeden Fall stärker gefährdet als von einer einzelnen. Es ist schon wichtig, weiterhin auch am Offline-Leben teilzunehmen und sich nicht ständig von Apps diktieren zu lassen, was man gerade tun soll.

Interview: Manuel Behrens

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