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Wir müssen draußen bleiben!

Mangelware Masterplatz Wir müssen draußen bleiben!

Masterplätze sind in Deutschland Mangelware. Wer sein Studium 
abschließen möchte, braucht manchmal starke Nerven. 
ZiSH hat mit Studenten über ihr Master-Desaster 
gesprochen.

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Karen wollte nicht auf einen Master verzichten. Schließlich, so dachte sie, hat man damit viel bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nachdem die 27-Jährige ihren Bachelor in International Management im englischen Lincoln erhalten hatte, hätte sie ihren Master gern in Deutschland gemacht – in der Nähe ihrer Freunde, der Familie und dem Pferd. „Aber ich habe keine einzige Zusage aus Deutschland bekommen“, sagt die Hannoveranerin. Obwohl sie mit einer Abschlussnote von 2,3 die Mindestnote von 2,5 erfüllte.

So wie Karen geht es vielen Bachelor-Absolventen. Sie beklagen sich, dass ihnen der Zugang zum Masterstudium trotz guter Noten verwehrt bleibt. Die wenigen Plätze sind begehrt: An der Hochschule Hannover etwa bewarben sich im vergangenen Wintersemester 553 Studenten für den Master – doch nur 247 Plätze standen zur Verfügung. Besonders in den Studiengängen Maschinenbau-Entwicklung, Design und Medien oder Kommunikationsmanagement sei der Andrang groß: „Das Bewerberverhältnis ist hier mindestens eins zu drei“, sagt Burkhard Keese, Leiter der Studierendenverwaltung. An der Leibniz-Uni hat der Master Wirtschaftsingenieur die höchste Bewerberquote: „Hier kommen auf einen Studienplatz 9,35 Bewerbungen“, sagt Mechthild von Münchhausen. Dabei war es bei der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem gar nicht geplant, dass so viele den Master machen. „Der Bachelorabschluss ist vonseiten der Hochschulpolitik als berufsqualifizierender Studienabschluss vorgesehen“, sagt Thorsten Schumacher, Mitglied des Präsidiums der Hochschule Hannover.

Doch viele der rund 1,4 Millionen Bachelorstudenten trauen dem Abschluss nicht: Nach gerade einmal sechs Studiensemestern und einer Abschlussarbeit, die manchmal nur 30 Seiten Text umfassen muss, fühlen sie sich oft noch nicht bereit für den Arbeitsmarkt. Drei Viertel der Bachelor-Absolventen der Unis und etwa die Hälfte an den Fachhochschulen schließen deshalb noch ein Masterstudium an.

„Wir können aber nicht sagen, wie viele Masterplätze wirklich fehlen“, sagt Grunvald Herdin vom Centrum für Hochschulentwicklung. Doch immer mehr Studenten würden sich für ein Aufbaustudium entscheiden. Während es im Wintersemester 2009/10 noch knapp 110 000 Masterstudenten gab, waren es im vergangenen Wintersemester schon 320 000 – Tendenz steigend. „Darauf müssen die Hochschulen eingehen und mehr Studienplätze schaffen, sonst wird sich die Lage noch verschärfen“, sagt Herdin. Die Leibniz-Uni sieht noch keinen Grund, sich deswegen Sorgen zu machen: „Im Moment sind in nahezu allen zulassungsbeschränkten Masterstudiengängen genügend Kapazitäten vorhanden“, sagt von Münchhausen. Die Hochschule Hannover will in den kommenden Jahren das Angebot im Masterbereich ausbauen. „Das betrifft sowohl die Aufnahmezahlen in den etablierten Masterstudiengängen als auch die Einrichtung neuer Studiengänge“, sagt Schumacher.

Karen hat ihren Master in Personalmanagement im vergangenen Jahr abgeschlossen – in England. Mittlerweile ist sie zurück in Hannover und hat einen Job gefunden. „Ich glaube, ohne den höheren Abschluss hätte ich es schwerer gehabt. Die Unternehmen können es sich aussuchen, ob sie einen Bachelor oder Master nehmen.“ Genügend Bewerber gibt es nämlich auch auf dem Arbeitsmarkt.

 Von Isabell Rollenhagen

Burger braten statt Masterstudium

Mit ungläubigem Blick starrt der Filialleiter des Fast-Food-Restaurants den Jobsuchenden an. Der Lebenslauf seines Gegenübers verunsichert ihn. „Ich glaube, Sie passen hier nicht rein“, sagt er zu dem Bewerber im Maßanzug. Die Szene stammt aus dem Film „American Beauty“. Kevin Spacey spielt darin einen gestandener Manager, der seinen Job verliert und sich in einem Fast-Food-Restaurant bewirbt. Im Film hat diese Szene eine tragische Komik. Wenn Laura* aus Hannover daran denkt, bleibt ihr das Lachen im Halse stecken.

Drei Monate nachdem die 25-Jährige an der Hochschule Hannover ihren Bachelor in Public Relations gemacht hat, schlägt ihr das Jobcenter vor, dass sie doch in einer Burger-Kette anfangen könne. Von der Uni an den Grill? So hatte Laura sich das nicht vorgestellt. Eigentlich wollte sie weiterstudieren, wie die meisten ihrer Kommilitonen. „Fast der gesamte Jahrgang hat sich auf den Master Kommunikationsmanagement beworben“, sagt sie. Für die 35 Absolventen standen 14 Plätze zur Verfügung. Laura wurde nicht genommen. Nach drei Jahren Studium ist Laura, die eigentlich von der Küste stammt, erst richtig in Hannover angekommen. Gerade hat sie die erste eigene Wohnung bezogen. „Ich habe hier meine Freunde, und es ist nicht weit zu meiner Familie, das will ich nicht aufgeben“, sagt sie. Bevor es in den Job geht, möchte sie auch ein bisschen das Studentenleben genießen. Nach der Ablehnung in Hannover hat sie sich dennoch in anderen Städten beworben. Dabei musste sie feststellen, dass in Sachen Vereinheitlichung Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen. „Ich dachte, wo Bachelor draufsteht, ist auch Bachelor drin“, sagt Laura. Tatsächlich haben viele Universitäten besondere Zulassungsvoraussetzungen, für die ihre Creditpoints aus Hannover nicht ausreichen.

Nach sechs Monaten voll von Bewerbung und Ablehnung hat Laura alle Hoffnungen auf einen Studienplatz aufgegeben. Ob sie überhaupt noch weiterstudieren wird, ist unklar. „Vielleicht arbeite ich jetzt einfach und verzichte auf den Master“, sagt sie entnervt. Burgerbraten käme allerdings auf keinen Fall infrage. „Bei Bewerbungen werden sie fragen, was ich inzwischen fachlich gemacht habe“, sagt sie. Pommes verkaufen helfe ihr da nicht weiter. Der Kellnerjob, den sie zur Überbrückung in einem Café angenommen hat, um die Miete zu bezahlen, leider auch nicht. 
* Name von der Redaktion geändert

Von Mario Moers

Nummer 669, bitte!

Karo versucht, sich den Ort schönzureden, in dem sie die nächsten zwei Jahre verbringen wird: „Göttingen hat die bessere Uni und ist viel mehr Studentenstadt.“ Wie ein Mantra hat sich die Bachelorabsolventin diesen Satz eingetrichtert. Seit sechs Wochen weiß sie, dass sie keinen Masterplatz in Hamburg bekommen würde. Dabei wäre die 23-Jährige viel lieber in der Hansestadt geblieben. Karo ist zwar hier geboren, musste in ihrer Kindheit jedoch oft umziehen. „Das hat mich immer ein bisschen heimatlos gemacht“, sagt sie. Für ihr Psychologiestudium ist sie nach Hamburg zurückgekehrt – sie fühlte sich endlich zu Hause.

Doch weil im vergangenen Jahr viele Bachelorabsolventen leer ausgegangen sind, hatte Karo es schon befürchtet: Mit 1,8 reicht ihr Notendurchschnitt für das Masterstudium in Hamburg nicht: Der NC für Psychologie liegt bei 1,5. 180 Bachelorabsolventen eines Jahrgangs bewerben sich auf 120 Masterplätze – die Studenten aus anderen Städten, die nach Hamburg wollen, noch nicht mitgezählt. „Auf der Warteliste stand ich auf Platz 669“, sagt Karo.

Sie machte sich keine Hoffnungen, im Nachrückverfahren genommen zu werden und ist froh, überhaupt einen Masterplatz in Göttingen bekommen zu haben. Denn wie viele Psychologiestudenten möchte Karo nach dem Studium Psychotherapeutin werden, und für diese Ausbildung braucht man einen Masterabschluss.

Also gibt sie ihren Nebenjob als studentische Hilfskraft auf, kündigt die Wohnung und sucht sich eine Bleibe in der neuen Stadt. Am Tag der Schlüsselübergabe, es ist der 15. Oktober, flattert eine E-Mail ins Postfach: Im zweiten Nachrückverfahren wurde Karo in Hamburg angenommen. Sie ist wütend, weil ihr die Nachricht den Einstieg in Göttingen vermiest: „Sechs Wochen habe ich mich auf den Umzug vorbereitet, mich verabschiedet und nun das Dilemma, ob ich nicht doch bleiben soll.“

Am Ende entscheidet sich Laura gegen Hamburg. In Göttingen hat sie schnell nette Kommilitonen kennengelernt und weiß die kleineren Seminargruppen zu schätzen. Manchmal kocht der Unmut gegen die Planungspolitik der Universitäten hoch: „Es ist ziemlich bescheuert, Leute ein Grundstudium machen zu lassen, wenn man die Ausbildung nicht zu Ende bringen kann, wo und wie man möchte“, sagt sie.

Von Sirany Schümann

„Viele wollen einen Master“

Tanja Busse ist Studienberaterin bei der ZSB Hannover

Viele Bachelorabsolventen klagen darüber, ihren Master nicht machen zu können, weil es zu wenig Plätze gibt. Ist die Kritik der Studenten berechtigt?
Unserer Erfahrung nach liegt es meist nicht daran, dass es an Plätzen mangelt. Vielmehr haben Studierende, die keinen Masterplatz bekommen haben, häufig die Zugangsvoraussetzungen nicht erfüllt.

Was empfehlen Sie Studierenden, die nicht nahtlos weiterstudieren können?
Erst einmal sollte man sich fragen, warum man keinen Master-Platz bekommen hat hat. Wenn es an fehlenden Voraussetzungen gescheitert ist, hat eine erneute Bewerbung für denselben Studiengang wenig Sinn. Ansonsten ist es immer sinnvoll, sich an möglichst vielen Hochschulen zu bewerben. Eine höhere Flexibilität bezüglich des Studienortes erhöht die Chancen auf einen Studienplatz. Auch ein Auslandsstudium kann eine Alternative sein. Ein Praktikum kann eine gute Möglichkeit sein, die Wartezeit zu überbrücken. Oftmals ist es aber auch eine Frage der Finanzierung: Wer Wartezeiten in Kauf nimmt, verliert unter Umständen den Anspruch auf Bafög und Kindergeld. Einige Bachelorabsolventen jobben erst einmal oder entscheiden sich doch für den direkten Berufseinstieg.

Ist das immer die schlechteste Alternative?
Das ist immer vom späteren Berufsziel abhängig. Da wäre zunächst zu überlegen, ob der Master Pflicht ist, wie etwa im Lehramt. In vielen Bereichen bieten Unternehmen Bachelorabsolventen beispielsweise Traineestellen an, für die kein höherer Abschluss nötig ist. Viele Studierende wollen aber unbedingt einen Master machen, weil der Bachelor einen recht negativen Stand hat. Sie sehen ihn nicht als vollwertigen Studienabschluss an.

Interview: Isabell Rollenhagen



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