Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Schau dich schlau

Youtube an der Uni Schau dich schlau

Auf Youtube kann man nicht nur Katzenvideos anschauen oder Musik hören. Die Plattform ist auch an vielen Unis angekommen. 
Nicht immer sind die Videos der Profs so witzig wie die von jungen Hobby-Nachhilfelehrern. ZiSH zeigt Kanäle, die einen Klick lohnen.

Voriger Artikel
Kochkunst im Blitzlicht
Nächster Artikel
Rebellion zu Fuß

Werther und Lotte: Mit Playmobil stellt Michael Sommer Weltliteratur nach.

Quelle: Screenshot (5)

Warum eigentlich in die Vorlesung gehen, wenn man sich das Wissen auch online aneignen kann? Zu Hause vor dem Laptop zu sitzen, Youtube zu öffnen und sich dort die Vorlesung anzugucken – das ist kein Zukunftsszenario mehr, sondern Alltag an einigen Unis. Die neuen Möglichkeiten durch Videoplattformen nutzt auch ein Anglistik-Professor der Uni Marburg, Jürgen Handke – und wurde dafür vom Stifterverband für Deutsche Wissenschaft und der Hochschulrektorenkonferenz mit dem „Ars legendi-Preis für exzellente Hochschullehre 2015“ ausgezeichnet.

Er gilt als einer der Vorreiter der digitalen Lehre, weil er keine klassischen Vorlesungen mehr hält, sondern sich seine Studenten zu Hause mit Lehrvideos vorbereiten. In der Uni diskutieren sie dann darüber, vertiefen die Aufgaben und machen Übungen. Die Präsenzphase an der Uni geht nicht verloren, wie es viele Dozenten fürchten. Und Handkes Youtube-Kanal „Virtual Linguistics Campus“ hat bereits 21 000 Abonnenten, zwei Millionen Mal wurden die Videos angeklickt. Für Lernvideos gar nicht schlecht. Im Vergleich: Deutschlands führender Youtuber Gronkh hat 3,8 Millionen Abonennten.

Von Handke kann die Leibniz-Uni Hannover sich noch etwas abschauen. „Viele Unis und Dozenten sind noch sehr konservativ und wollen ihre Vorlesungen lieber klassisch halten“, sagt Janine Noack, die dieses Semester am Zentrum für Schlüsselkompetenzen der Uni Hannover ein Seminar zum Thema „Blogs, Twitter & Co. für Studium, Wissenschaft und Karriere“ gibt. Ihrer Meinung nach sollten Dozenten sich mit sozialen Medien auseinandersetzen, um studentennah lehren zu können. „Es gehen viele didaktische Möglichkeiten verloren, wenn Dozenten das nicht machen“, findet sie. So könnte durch Youtube-Videos und Lernplattformen – unter anderem durch liken, kommentieren und diskutieren – eine größere Interaktion erreicht werden.

Lernvideos auf Youtube, wie die Mathevideos von DorFuchs oder die Politiknachhilfe von MrWissen2go, machen ihrer Meinung nach vor allem in der Schule oder den ersten Semestern in Studiengängen wie Mathe oder BWL Sinn. „Wenn man Fächer studiert, in denen man viele Hausarbeiten schreibt, bringen sie weniger“, so Noacks Meinung. Als Alternative zu klassischen Vorlesungen hingegen findet sie Videos gut: „Eineinhalbstündige Vorlesungen sind einfach kein gutes Konzept“, sagt sie. Bei Video-Vorlesungen könne man auch mal pausieren oder Passagen mehrmals ansehen.

Auch an der Leibniz-Uni, Hannovers größter Hochschule, gibt es Dozenten, die Vorlesungen auf Youtube stellen – aber eher als Zusatz zur klassischen Vorlesung. So wurde beispielsweise „Die Geschichte der Philosophie“ von Professor Doktor Torsten Wilholt über 31  000-mal aufgerufen. Und bereits vor vier Jahren zeigten Wissenschaftler jede Woche ein Experiment in einem Video, erst nur auf der Seite der Uni, dann auch auf ­Youtube. Außerdem gibt es mittlerweile Dozenten, die Youtube für sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses) nutzen: Onlinekurse, die frei zugänglich sind.

Die Generation der sogenannten Digital Natives hat die Unis erreicht. Noack ist sich sicher: „Studierende würden digitale Angebote gut annehmen.“ Sie fände es toll, wenn Studierenden beispielsweise dabei geholfen würde, aus Hausarbeiten einen Online-Artikel zu publizieren. Oder wenn Dozenten und Studierende mal auf Augenhöhe Kontakt hielten – zum Beispiel über Twitter.

Hannah Scheiwe

Der Playmobil-Werther

"Faust“, „Buddenbrooks“ und „Die Leiden des jungen Werther“ – die Zeit, um solche Wälzer zu lesen, hat doch heute keiner mehr, findet Michael Sommer. Und handelt die Leiden des jungen Werther von Schriftsteller Goethe mal eben schnell in zehn Minuten auf seinem Youtube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“ ab.

Mit Playmobil-Figuren stellt der Theaterdramaturg alte und neue Werke nach. Seit Januar diesen Jahres lädt er jede Woche ein Video hoch – und hilft damit nicht nur Schülern beim Deutsch-Abi, sondern sorgt auch für viele Lacher. „Der ist so langweilig, dass er noch nicht mal Löckchen hat“, beschreibt Sommer beispielsweise den Verlobten von Lotte, Albert, in „Die Leiden des jungen Werther“ – und stellt die kleine, lockenlose Playmobil-Figur ins Bild. Statt Werther in schwulstigem Deutsch philosophieren zu lassen, sagt der bei Sommer einfach: „Albert ist angekommen und ich werde gehen. Ist ja klar, bin ja erwachsen, da muss man sich mal zusammenreißen.“ Am Ende kann Werther sich aber auch in Sommers Video nicht zusammenreißen und erschießt sich mit einer Pistole – mit ganz dramatischem Playmobil-Lächeln auf den Lippen.

Hannah Scheiwe

Gerappte Formeln

Multipliziere ich jetzt alle Teile einzeln aus, kommt da auch schon fast die erste Formel raus“, rappt Johann ­Beurich ganz unaufgeregt in die Kamera – neben ihm listen sich Klammern und Buchstaben ins Quadrat gesetzt auf. Hilfe, mag sich da so mancher denken. Aber Johann, der auf seinem Youtube-Kanal „DorFuchs“ Binomische Formeln und den Satz des Pythagoras in kurzen Songs und Raps erklärt, scheint gut anzukommen. So wurde sein Video zu den Binomischen Formeln bereits über eine Million Mal angesehen, etwa 75 000 Abonennten hat sein Kanal.

Der Mathestudent hat es sich als Ziel gesetzt, seine Leidenschaft an andere weiterzugeben und Schülern und Studenten zu helfen, die sich mit Mathe schwertun. Dafür hat er von der Mathematiker-Vereinigung schon den Preis „Mathemacher des Monats“ gewonnen. Dass das Ganze manchmal auch ganz schön freakig ist – beispielsweise wenn DorFuchs mit einem Fußball dribbelt und im Takt dazu die 200 Nachkommastellen von Pi aufzählt –, stört nicht. So schafft er es nicht nur, Mathe-Verzweifelten die p-q-Formel näherzubringen, sondern bringt einen mit Mathevideos auch zum Lachen. Das kann auch nicht jeder.

Hannah Scheiwe

Blutgefäße leicht gelernt

Medizin studieren bedeutet viel Arbeit. Bleibt da noch Zeit für Hobbys? Ella, 21, beweist, dass das geht: Sie studiert seit zwei Jahren Medizin in Essen und singt leidenschaftlich gern. Um Lernpflicht und Spaß zu verbinden, lädt die quirlige Studentin auf ihrem Youtube-Kanal „Med­­­Freak“ Videos rund um ihr Medizinstudium hoch. Und weil sie findet, dass es am einfachsten ist, mithilfe von Merksprüchen und Eselsbrücken auswendig zu lernen, erklärt sie singend zur Melodie des Songs „Call Me Maybe“ von Carly Rae Jepsen den Aufbau der menschlichen Lunge oder beschreibt den Verlauf von Blutgefäßen im Takt von „I Want It That Way“ von den Backstreet Boys.

Am beliebtesten bei Ellas über 700 Abonennten sind allerdings nicht ihre Fachvideos, sondern die Videos, in denen sie, immer perfekt gestylt, Fragen wie „Wie komme ich an einen Medizinstudienplatz?“ und „Welche Bücher brauche ich für das erste Semester?“ beantwortet. Oder klärt, ob man neben dem Medizinstudium eigentlich auch noch Zeit für Hobbys, eine Beziehung oder gar Schlaf hat. Die Antwort in Ellas Fall ist ja: Neben dem Blog und ihrem Studium organisiert sie im Moment ihre Hochzeit.

Jacqueline Niewolik

Wissen to go

Was Lehrer manchmal ein Jahr lang versuchen zu vermitteln, erklärt Youtuber Mirko Drotschmann auf seinem Kanal „MrWissen2go“ meist in zehn bis 20 Minuten. Erster Weltkrieg, abgehandelt. Zweiter Weltkrieg, ebenso. Dritter Weltkrieg – ach nein, den gabs ja noch gar nicht. Dafür gibt es dann Mirkos Faktencheck zur Frage „Droht der Dritte Weltkrieg?“.

Der Journalist hat den Anspruch, Schülern Nachhilfe in Geschichte und Politik zu geben und sie auch über die Flüchtlingspolitik oder den Konflikt zwischen Türken und Kurden auf dem Laufenden zu halten. Zweimal die Woche postet er ein Video auf seinem Kanal, eins davon ist jeweils ein Wochenrückblick. Quasi die „Tagesschau“ in unter zehn Minuten, für Schüler.

Dass er damit Erfolg hat, zeigen die Statistiken: Etwa 250 000 Abonnenten hat MrWissen2go, über 17 Millionen Mal wurden seine Videos angesehen, in denen er auch gern mal seine Meinung zum Schulsystem, dem Bahnstreik oder der Sterbehilfe kundtut. Auch wenn Mirko dabei manchmal ein bisschen klugscheißerisch wirkt, als Online-Lehrer einen Tag vor der schwierigen Politik- oder Geschichtsklausur macht er doch einen guten Job.

Hannah Scheiwe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr