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Was ich auf der Waldorfschule gelernt habe

Erfahrungsbericht Was ich auf der Waldorfschule gelernt habe

Seinen Namen tanzen und Bäume umarmen – die Klischees über Waldorfschulen sind zahlreich. ZiSH-Autor Tim Klein erzählt, was er dort wirklich gelernt hat.

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Mach’s dir selbst: Tim hat an der Waldorfschule Anpacken gelernt – und kann seine Familie Selbstgemachtes schenken.

Quelle: Kutter

Gerade hat mein letztes Jahr an der Freien Waldorfschule in Hannover-Bothfeld begonnen, dann habe ich hoffentlich mein Abi in der Tasche. Viele Schüler von Regelschulen können sich wenig darunter vorstellen, wie es dort zugeht. Dabei habe ich in den letzten Jahren einige Dinge gelernt, die an anderen Schulen häufig wohl eher unter den Tisch fallen.

Auf einem Bauernhof leben

Auf meiner Schule ist es Pflicht, in der achten Klasse ein Landwirtschaftspraktikum zu absolvieren. Mit zwei bis drei Mitschülern verbringt man ganze drei Wochen auf einem Bio-Bauernhof. Dort habe ich das erste Mal gelernt, was es heißt, so richtig anzupacken – inklusive Aufstehen um 5 Uhr. Dabei gehörte das Melken der 35 Kühe noch zu den angenehmen Aufgaben. Zwischen Stall ausmisten und Dächer reparieren war das Tierefüttern meine Lieblingsaufgabe. Trotz der vielen anstrengenden Tage denke ich gerne an diese Zeit zurück. Seitdem sehe ich das Essen auf meinem Teller mit anderen Augen: Ich habe schließlich selbst erlebt, was für ein Aufwand es ist, es dorthin zu bekommen.

In unbeliebten Jobs arbeiten

Im Laufe meiner bisher zwölfjährigen Waldorfschulzeit habe ich einige Praktika absolviert – vermutlich mehr als Schüler auf Regelschulen. In der siebten Klasse stand das Forstpraktikum auf dem Programm. Unsere ganze Klasse war für eine Woche im Harz und half den ansässigen Forstwirten bei der Arbeit im Wald. Darauf folgten das bereits erklärte Landwirtschaftspraktikum, das Vermessungspraktikum (zehn Tage) und das Sozialpraktikum (drei Wochen). Alles Jobs, in die es Schüler von normalen Schulen wohl weitaus seltener verschlägt.

Beim Vermessungspraktikum musste jeder Schüler eine genaue Landkarte anfertigen. Das war nervig, aber eine gute Übung in Geduld und Genauigkeit. Im Sozialpraktikum half ich in einem Verein, der sich um Flüchtlinge kümmert. Während andere Schüler ein Praktikum im Bücherladen der Tante gemacht haben, hatte ich das Gefühl, etwas fürs Leben zu lernen.

Ich kann Handwerk, und du?

Als Waldorfschüler hatte ich viel mehr handwerklichen Unterricht als Schüler an staatlichen Schulen. Schon in den ersten Klassen lernt man stricken und nähen – das ähnelt dem Textilunterricht an Regelschulen. Im Laufe der Zeit kommen an einer Waldorfschule immer komplexere Dinge hinzu: filzen, weben und sogar Bildhauerei. Im Werkunterricht haben wir dermaßen viel bauen und schnitzen können, dass mindestens die Hälfte meiner Familie zu Weihnachten mit selbst gebastelten Geschenken von mir versorgt war.

Natürlich: Meinen Namen tanzen

Die Frage, ob ich meinen Namen tanzen kann, wird mir fast immer gestellt. Tatsächlich kann ich es – allerdings lernen wir das nicht direkt in der Schule. Das Klischee kommt aus dem Fach Eurythmie. Dort lernt man auch, mit bestimmten Bewegungen der Arme und des Körpers, Töne und Buchstaben darzustellen. Der Lehrer gibt den Schülern aber nicht die Aufgabe, ihren Namen zu tanzen.

Das ist völlig freiwillig. Für jemanden, der das noch nie gesehen hat, mag das etwas seltsam wirken. Wenn man aber in der Oberstufe ist und zwischen den ganzen Büffelfächern ein bisschen Bewegung hat, ist das auch nicht schlecht.

Schauspielern lernen

Im sechsten, achten und zwölften Jahr probt man als Klasse ein Theaterstück und führt es der Schulgemeinschaft vor. Das gibt es an staatlichen Schulen zwar auch, jedoch sind unsere sogenannten Klassenspiele anders als jeder Darstellendes-Spiel-Kurs. In der Intensivprobezeit unseres letzten Klassenspiels „Corpus Delicti“ von Juli Zeh verbrachten wir ganze Schultage damit, das Bühnenbild zu bauen und alles bis zur Perfektion zu proben. Im Lehrplan ist diese Zeit einkalkuliert – so kommen die anderen Fächer nicht zu kurz. Der Aufwand lohnte sich: Immer wieder meinten Besucher, dass wir auch auf größeren Bühnen spielen könnten.

Freunde fürs Leben finden

Anders als an staatlichen Schulen werden Waldorfschüler nicht nach der vierten Klasse auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen aufgeteilt. Klar, gute Freunde kann man trotzdem auch auf jeder anderen Schule finden. Doch dass man trotz unterschiedlicher schulischer Stärken fast die ganze Zeit zusammenbleibt, verbindet.

Selbstständig werden

Waldorfschüler müssen in der achten und zwölften Klasse eine Jahresarbeit abgeben. Dabei sucht man sich am Anfang des Schuljahres ein beliebiges Projekt aus. Man kann zum Beispiel eine Sportart oder ein Instrument erlernen. Über das Schuljahr arbeitet man kontinuierlich daran und stellt die Arbeit zum Ende des Schuljahres der Schulgemeinschaft vor. Zu jeder Jahresarbeit gehört auch ein schriftlicher Teil, der dokumentiert, was man das Jahr über gemacht hat. Diese Jahresarbeit spiegelt sich zwar nicht entscheidend im Zeugnis wider, doch wer am Ende mit leeren Händen dasteht, hinterlässt keinen guten Eindruck.

Referate ohne ablesen halten

Durch den Vortrag der Jahresarbeiten, aber auch durch viele aufwendige Referate lernen Waldorfschüler, überzeugend, selbstbewusst und vor allem frei zu reden. In Französisch müssen wir in der zwölften Klasse Referate halten, die mindestens eine Schulstunde gehen. Das ist sehr viel Arbeit, hilft aber auch sehr bei den mündlichen Prüfungen im Abitur.

Was ist anders an einer Waldorfschule?

Lernen, Arbeiten schreiben, Zeugnisse sammeln – das geht auf staatlichen Schulen so lange, bis man irgendwann einen Abschluss in der Tasche hat. An Waldorfschulen kommt man ums Büffeln zwar auch nicht herum, allerdings unterscheidet sich diese Schulform: Der Publizist Rudolf Steiner plädierte um 1920 für eine alternative Pädagogik.

Unter anderem ging er davon aus, dass die Seelenfähigkeit des Menschen in „Denken, Fühlen und Wollen“ aufgeteilt ist. Geist, Seele und Leib müssen demnach gleichberechtigt erzogen werden. So kommt es, dass neben Regelfächern, wie Deutsch, Mathe oder Englisch, auch Gartenbau, Kunstbetrachtung und handwerkliche Fächer auf dem Stundenplan stehen.

Der unterscheidete sich vom Ablauf an staatlichen Schulen: In Fächern wie Deutsch oder Mathe werden Themen über einen Zeitraum behandelt und verschwinden dann für eine Zeit vom Stundenplan. Später werden sie wieder aufgegriffen. Das nennt sich Epochenunterricht. Auch Regelschulen haben die Unterrichtsform mittlerweile für einige Fächer eingeführt, an Waldorfschulen ist sie jedoch zentral.

Zwar gibt es an Waldorfschulen auch Zeugnisse, die sind allerdings individuell auf Schüler zugeschnitten – was kann man und was nicht? Noch ein Unterschied: Das auch an Regelschulen umstrittene Sitzenbleiben ist an Waldorfschulen grundsätzlich nicht denkbar. Haupt- und Realschulabschlüsse sowie das Abi sind möglich.

Waldorfschulen werden als Ersatzschulen zu staatlichen Einrichtungen anerkannt und je nach Bundesland unterstützt. Die Eltern bezahlen den Beitrag zum Teil aus eigener Tasche: In der Waldorfschule am Maschsee liegt der monatliche Beitrag bei 285 Euro.

Geige, Bratsche, Cello

Schon von Schulbeginn an lernen wir, Blockflöte zu spielen. In der dritten Klasse muss man sich für Geige, Bratsche oder Cello entscheiden – nicht die einfachsten Zeitgenossen unter den Instrumenten. Aber es ist Pflicht, eines davon zu lernen. Zu merken, wie ich an einem Instrument besser wurde, hat mir Selbstvertrauen gegeben. Auch wenn es zu Beginn so klang, als würde ich eine Katze quälen.

Lehrer sind Unterstützer

Von der ersten bis zur achten Klasse haben wir eine Klassenlehrerin, die uns in den meisten Fächern unterrichtet. Nicht nur das: Sie hat Schülern geholfen, die drohten, auf der Strecke zu bleiben. So haben wir also nicht nur eine gute Lehrerin, sondern auch eine starke Bezugsperson.

Von Tim Klein

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