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ZiSH-Autoren testen unbeliebte Ausbildungsberufe

Leerstellen ZiSH-Autoren testen unbeliebte Ausbildungsberufe

Blutige Fleischerschürzen, unverschämte Kunden und nächtliche Arbeitszeiten – abschreckende Vorstellungen für Ausbildungsplatzsuchende. Viele
 Lehrstellen im Lebensmittelhandel oder in Hotels bleiben frei. Zu Recht? ZiSH-Autoren haben einen Tag lang unbeliebte Ausbildungsberufe getestet.

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Nichts für Vegetarier: Marina beim Wurst-Wiegen.

Quelle: von Ditfurth

Kommt in die Tüte: Eva verpackt Brötchen.

Ein Beruf für Langschläfer ist das hier nicht. Während der Sahlkamp noch im Morgengrauen schlummert, liegt die Bäckerei Künne an einer Straßenecke wie eine kleine Insel aus Licht. Der Duft nach frischem Gebäck ist schon lange vor den Kunden da. Pünktlich um sechs Uhr öffnet der Laden, und ich beginne mein Praktikum auf der anderen Seite der Theke. Zu dieser Zeit wurde das Gebäck bereits in großen Plastikkörben aus dem Hauptgeschäft geliefert oder vor Ort im über 200°C heißen Ofen gebacken, geschnitten, belegt und im Verkaufsraum arrangiert.

Beim Verkauf wird nichts dem Zufall überlassen. Sorgfältig schneidet Azubi Lisa Maria Przybyta (Bild) Zwetschenkuchen und arrangiert ihn auf einem tiefschwarzen Blech, die schönste Seite zum Kunden. Die Backbleche sind grau, aber, so lerne ich, von grauen Blechen wird zögerlicher gekauft. Bevor die ersten Kunden für ihren Frühstückskaffee eintrudeln, erzählt mir Lisa, warum die Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin so unbeliebt ist: „Vielen werden der Stress oder das frühe Aufstehen zu viel.“ Am Wochenende, wenn andere nach durchtanzten Nächten ausschlafen, ist für Lisa Hauptarbeitszeit. Sie ist im ersten Lehrjahr und will bleiben. Auch ihr Vater ist Bäcker, die Mutter ebenfalls Verkäuferin bei Künne. Außerdem kann sie auch die guten Seiten ihres Berufes aufzählen, wie die Anerkennung von Chef und Kunden, die gute Arbeitsatmosphäre im Team und die Qualifikation eines Fachverkäufers mit dreijähriger Ausbildung. Als Erstes lernen die Azubis die Computerkasse kennen. Lisa gibt mir eine Schnelleinweisung. Bei ihr sieht es flink und einfach aus, aber als ich mein Frühstücksbrötchen eintippe, dauern das Suchen nach dem richtigen Touchscreen-Feld und das Kramen nach Wechselgeld gefühlte Ewigkeiten.

Im Laufe des Vormittags füllt sich der Laden. Bei einer Schlange von sechs Kunden fühle ich schon den Stresspegel ansteigen. Lisa lacht da nur. Eine Bäckerei ist heutzutage auch Café, Schnellimbiss und Partyservice. Die Verkäuferinnen sind Gesicht und Aushängeschild der Bäckerei. Dazu gehören Offenheit, Kontaktfreudigkeit und Geduld. Immer freundlich zu bleiben und die Kunden nie Müdigkeit oder schlechte Laune spüren zu lassen stelle ich mir nicht leicht vor. Doch schon ein Vormittag reicht, um mitzubekommen, warum Lisa ihre Arbeit trotzdem mag: Sie scherzt mit ihren Stammkunden, die ihr auch mal einen Schokoriegel mitbringen, und hat das tägliche Brötchen für einen älteren Mann schon verpackt und abgetippt, bevor der auch nur an die Theke getreten ist. Dazu der Duft von Kaffee und einem Blech „Kleine Wölkchen“ mit Hagelzucker im Ofen. Ein kleines Mädchen will zum Dank für ihr Gratis-Schokobrötchen partout jeder von uns die Hand geben. Spätestens da fühle ich mich auch gar nicht mehr so müde.

Eva Dumann

Es muss glänzen: Friedrich probiert sich im Polieren.

Die Lüftung brummt, hinter mir klirrt es. Ich stehe in der Küche des Andor Hotel Plaza in der Oststadt und soll Besteck polieren. Eine Stunde lang immer wieder die gleichen Handgriffe: Gabel in Essigwasser tunken, abtrocknen, weglegen. Nicht sehr spannend – aber das gehört zu den Aufgaben eines Auszubildenden zum Hotelfachmann. Doch das ist zum Glück nur eine von vielen Aufgaben, die ich bei meinem Tagespraktikum ausprobieren darf. Als Nächstes helfe ich im Speisesaal Geschirr abzuräumen und die Tische für das Mittagessen neu einzudecken. Das frisch polierte Besteck aufreihen, auf dem Teller die gefaltete Serviette drapieren: Im Hotel geht es immer um die schöne Atmosphäre. Neue Gäste begrüße ich freundlich, später frage ich, ob es ihnen geschmeckt hat und sie noch weitere Wünsche haben. Der persönliche Kontakt mit den Leuten macht deutlich mehr Spaß als Gabeln abzutrocknen.

Meine nächste Station ist das sogenannte Housekeeping, also die Zimmer sauber zu machen und aufzuräumen. Gemeinsam mit einer Angestellten der Housekeeping-Firma ziehe ich mit einem kraftvollen Ruck das Bett vor. Mit wenigen gekonnten Handgriffen zieht meine Kollegin für einen Tag die Laken glatt. Von nebenan höre ich Wasser auf eine Duschwand prasseln. In Rekordzeit bringt ihre Kollegin dort das Badezimmer auf Hochglanz. Auch Sauberkeit gehört zum Wohlfühlfaktor eines Hotels.

Meine Füße fangen an weh zu tun, und die Beine werden schwer. Meine dritte Station ist die Rezeption. Am Computer lerne ich Buchungen zu archivieren. Über verschiedene Internetportale gehen Buchungen ein, deren Daten ich in ein Computerprogramm übertragen muss. Schnell habe ich den Dreh raus und kann verschiedene Daten an den richtigen Stellen eingeben. Danach stehe ich neben der Auszubildenden Anna-Mae Tappert (Bild). Freundlich nimmt sie Anrufe entgegen, gleichzeitig sucht sie im Computer freie Zimmer und rechnet im Kopf den Preis für den angefragten Zeitraum aus.

Der Beruf scheint mir ziemlich stressig zu sein. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Anna-Mae. „Aber man muss den Beruf mit viel Leidenschaft ausüben.“ Ein Hotelpraktikum hat ihr so viel Spaß gemacht, dass sie sich für die Ausbildung zur Hotelfachfrau entschied.

Aus meinen Tagesstationen Restaurant und Service, Housekeeping und Rezeption besteht auch die knapp dreijährige Ausbildung. Danach arbeiten die meisten Hotelfachfrauen und -männer allerdings an der Rezeption, denn für das Housekeeping werden oft externe, günstigere Firmen beschäftigt, und im Restaurant sind Restaurantfachleute häufig besser qualifiziert.

Die Aufgabenfülle des Berufs hat mich positiv überrascht, und ich habe gelernt: Es geht nicht nur um Besteck polieren, sondern vor allem um freundlichen Kontakt zu den Gästen.

Friedrich von Schmettow

Es geht um die Wurst: Marina kann zupacken.

Der Geruch von Fleisch ist unaufdringlich. Er weht mir nicht entgegen, wenn ich meinen Platz hinter der Theke des Wurst-Basars im Leine-Center in Laatzen einnehme, aber er schleicht sich an und setzt sich in meiner Nase und meiner Schürze fest. Aber es riecht nicht so penetrant wie befürchtet, fast angenehm, und die sorgsam sortierten Würste sehen zwischen den Nackensteaks und Fleischsalaten sogar ziemlich lecker aus.

Dirk von der Wall macht beim Wurst-Basar seine Ausbildung zum Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk mit Schwerpunkt Fleischerei. Er hat sich beworben, weil es ihn interessiert, wie die Wurst auf seinem Frühstücksbrötchen eigentlich hergestellt wird. Ihm gefällt der Kontakt mit den Kunden und die Ware im Tresen ansprechend zu präsentieren. Nach seiner Ausbildung zum Fleischer lernt er jetzt den Verkauf der Lebensmittel. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es am Anfang ist, die vielen Wurstsorten auseinanderzuhalten und zu wissen, welche nun mit Kräutern ist und welche ohne. Ich stehe hinter der Waage und lerne, dass jede Ware eine dreistellige Codierung hat, die in die Kasse eingegeben werden muss. Um sich die wichtigsten 500 Nummern zu merken, braucht ein Azubi etwa sechs Wochen. Die Zeit habe ich bei meinem Tagespraktikum nicht. Also tippe ich die Zahlenkombination der Bockwurst – 311 – sehr langsam ein, auch wenn die Verkäuferin neben mir die Nummer vorsagt. Dieser Beruf wird unterschätzt, denke ich mir, denn man wird auch körperlich gefordert, wenn man sechs Stunden am Stück stehen muss. Schon nach zwei Stunden tut mein Rücken weh, und die Wade zwickt. Fasziniert sehe ich zu, wie Filialleiter Andreas Sievers einen Schweinerücken schwungvoll mit einem Beil zu Koteletts zerhackt. Die Präzision beeindruckt mich, aber der Anblick geht unter die Haut.

Wie man diese Koteletts dann richtig zubereitet, lernen die Azubis in der Berufsschule, genau wie die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln. Den Umgang mit den Kunden lernt man aber nur im Arbeitsalltag. Wer allzu schüchtern ist, kann auch nichts verkaufen.

Von den 40 Lehrstellen des Wurst-Basars sind bisher nur 20 besetzt, auch wenn sich doppelt so viele darum bewerben. Doch viele entsprechen nicht den Mindestanforderungen: Einen guten Hauptschulabschluss und Interesse an Ernährung sollten die Bewerber mitbringen. Ein Vegetarier habe sich noch nie beworben, sagt der Ausbildungsbeauftragte Alexander Hornschu (Bild). Bei den Fleischbergen in der Theke vor mir wundert mich das nicht. Als Fachverkäufer muss man den Kunden erklären können, wie es schmeckt, was sie kaufen, und es muss eine gewisse Begeisterung dafür geben. Wen dann auch der Fleischgeruch, der meinen Tag begleitet hat, nicht stört, kann sich noch bis Ende Oktober um eine der 20 freien Lehrstellen bewerben.

Marina Uelsmann

Wo kann ich mich bewerben?

Wer einen Ausbildungsplatz sucht, hat oft viel Konkurrenz. Zwischen Oktober 2010 und Juli 2011 wurden der Bundesagentur für Arbeit rund 460  000 Ausbildungsstellen und rund 500 000 Bewerber gemeldet. Am häufigsten nachgefragt sind Ausbildungen zu Einzelhandelskaufleuten, Bürokaufleuten und Verkäufern.

Trotzdem bleiben jedes Jahr Ausbildungsstellen frei. „Besonders in Berufen der Lebensmittelverarbeitung und in der Baubranche haben die Unternehmen es schwer, ihre Stellen zu besetzen“, sagt Rainer Keßler, Sprecher der Agentur für Arbeit Hannover. „Also Berufe, wo man sich die Finger dreckig macht oder schwer körperlich arbeiten muss.“ Auch im Bereich Gästebetreuung, also für Ausbildungsplätze in Hotels und Restaurants, gibt es zu wenige Bewerbungen.

Bei der Agentur für Arbeit Hannover waren im Juli 2011 noch rund 2300 unversorgte Bewerber gemeldet, gleichzeitig gab es rund 1600 unbesetzte Ausbildungsstellen. „Diese Zahlen bleiben aber nicht so dramatisch“, sagt Keßler. „Die Bewerbungsverfahren laufen noch.“ Insgesamt blieben in den letzten Jahren in Hannover jährlich etwa 300 Stellen frei und etwa 300 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz.
Keßler appelliert an die Suchenden, sich möglichst schnell für eine Stelle zu entscheiden, den anderen Betrieben abzusagen und der Arbeitsagentur Bescheid zu geben, damit die Plätze schnell verteilt werden können.

Auch für den Ausbildungsstart 2011 gibt es noch freie Stellen. Interessierte können sich bei der Agentur für Arbeit in der Brühlstraße 4 melden. Im Internet bietet die Bundesagentur für Arbeit unter www.jobboerse.arbeitsagentur.de eine Suchmaschine nach Ausbildungsplätzen. Viele Infos rund um Ausbildungen und Alternativen zu den begehrtesten Berufen gibt es unter berufenet.arbeitsagentur.de. Auch über die Handwerkskammer Hannover kann man unter lehrstellenboerse.hwk-hannover.de nach freien Lehrstellen suchen, ebenso über die Industrie- und Handelskammer unter lehrstellenboerse.hannover.ihk.de.

Mareike Zoege

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