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„Für mich ist ‚Fifa‘ Arbeit“

Interview mit Benedikt Saltzer „Für mich ist ‚Fifa‘ Arbeit“

Benedikt Saltzer, alias „SaLzOr“, ist einer der besten „Fifa“-Spieler Deutschlands. Im Duell mit ZiSH-Autor Ansgar Nehls erzählt er, wie er mit E-Sport Geld verdient und warum seine Freunde keine Lust mehr haben, mit ihm „Fifa“ zu zocken.

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Konsolen- statt Zirkeltraining: Benedikt Saltzer ist professioneller „Fifa“-Spieler beim VfL Wolfsburg. Bei der 9. Langen Nacht der Berufe an der Dr. Buhmann Schule zeigt er, was ein Consolen-Profi für Tricks drauf hat.

Quelle: Eberstein

Im echten Leben steht Benedikt Saltzer als Stürmer für den FC 1907 Bensheim in der Verbandsliga Süd auf dem Platz. Weitaus professioneller ist der 24-jährige Student an der Konsole. Da trägt der Südhesse das Trikot des VfL Wolfsburg. Benedikt gehört zu Deutschlands besten „Fifa“-Spielern und zockt an der Konsole für die E-Sports-Mannschaft des Bundesligisten. Für „Fifa“-Tuniere war er schon in Las Vegas, New York, England und der Schweiz.

An diesem Abend ist der Profi zur 9. Langen Nacht der Berufe an die Dr. Buhmann Schule nach Hannover gekommen, wo ich gegen ihn antreten werde. Mir als Hobbyzocker schwant Böses, und ich hoffe, dass ich mit Real Madrid nicht völlig untergehe. Doch als Benedikt nicht etwa eine zweitklassige Mannschaften wie den FC St. Pauli oder Hannover 96 nimmt, sondern mit dem FC Barcelona spielen will, merke ich, dass er mich als Gegner ernst nimmt. Das schmeichelt mir. Hoffentlich blamiere ich mich nicht.

Anpfiff, Minute 1:  Ich habe Anstoß und halte den Ball in meinen Reihen. Sicher ist sicher. Denn solange ich den Ball habe, hat Benedikt keine Chance mich mit irren Tastenkombinationen und Tricks fertigzumachen. Mal schauen, wie lange das gut geht.

Benedikt, wie wird man E-Sportler?

Meine Kumpels hatten irgendwann keine Lust mehr gegen mich zu spielen, weil ich sowieso immer gewonnen habe. Sie haben mich dann auch auf die ESL (Electronic Sports League, d. Red.) gebracht. Das war eine Liga, in der man sich mit anderen Spielern messen konnte. Ich habe mich dann einfach mal angemeldet und war nach kurzer Zeit deutschlandweit unter den Top 20 und kurz danach unter den Top 10. Man hat sich Punkte erspielt, indem man gegen andere gespielt hat. Da gab es noch kein Preisgeld. Das war einfach nur zum Spaß. Aber es hat nicht lange gedauert, bis das erste E-Sports-Team gefragt hat, ob ich nicht für sie bei den Deutschen Meisterschaften spielen wolle. Ein halbes Jahr später bin ich dann mit meinem Team Deutscher Meister geworden.

Und vorher haben deine Kumpels ordentlich Frust geschoben, weil du sie immer geschlagen hast. Nichts ist ja schlimmer, als bei „Fifa“ gegen Freunde zu verlieren.

Meistens hieß es bei Treffen: „Wir spielen kein ‚Fifa‘, wenn du dabei bist.“ Auch jetzt, wenn mein Heimatverein einen Mannschaftsabend mit „Fifa“ macht, werde ich nicht eingeladen. Oder ich darf mitspielen, muss aber bei Turnieren, in denen man in Zweierteams spielt, immer zusammen mit dem Schlechtesten spielen. Ich habe früher ja auch mal verloren. Aber ich habe bei einer Niederlage nicht aufgehört wie meine Kumpels, sondern immer weitergespielt.

Und heute sind alle heiß darauf, den Profi zu schlagen?

Ja, es gibt jetzt schon viele, die sich mit mir messen wollen. Und häufig sind die Ergebnisse dann auch gar nicht so hoch. Da geht es dann nicht sechs, sieben zu null aus. Sondern 3:0, 4:0. Aber ein Gegentor kassiere ich trotzdem eigentlich relativ selten. Und ich verliere auch eher selten.

Dass die Niederlagen selten hoch ausfallen, macht mir Hoffnung. Denn nach 14 Minuten steht es bereits 1:0 für Benedikt. 24 Spiele sind schon in der „Fifa“-Reihe erschienen. In dieser Zeit ist das Video­spiel realer und detailreicher geworden. Was sich seit 1993 aber nicht verändert hat, ist, dass das Spiel vom Ehrgeiz lebt. Ob gegen den Computer, Kumpels oder fremde Spieler im Netz – bei Gegentoren wird geflucht, bei Niederlagen der Controller in die Ecke gefeuert.

Ich spiele „Fifa“, wenn ich abschalten will. Du musst jeden Tag trainieren. Hast du manchmal keine Lust?

Nein, es ist definitiv nicht immer geil. Es gibt immer mal Phasen, in denen das Spiel ausgelutscht ist. Man hat sehr lange daran gesessen, hat trainiert und dann in einigen Situationen vielleicht Pech gehabt. Ich sehe „Fifa“ aber mittlerweile gar nicht mehr so sehr als Spiel an. Für mich ist das auch Arbeit. Aber natürlich ist es Arbeit, die ich sehr, sehr, sehr gerne mache.

Wie viele Stunden trainierst du am Tag?

Wenn das Spiel gerade erschienen ist, (Der neue Teil, „Fifa 17“, erscheint am Donnerstag) werde ich locker sechs, sieben Stunden am Tag zocken. Später trainiere ich durchschnittlich drei bis vier Stunden am Tag. Aber es kommt immer darauf an, wann die wichtigen Turniere sind. Da muss man sich vorbereiten, qualifizieren, trainieren.

Du studierst nebenbei Sport und Physik auf Lehramt, spielst Fußball in der Verbandsliga, hast eine Freundin und spielst regelmäßig Turniere auf der ganzen Welt. Wo nimmst du die Zeit her?

Ich versuche immer alles so zu legen, dass ich kaum Spiele verpasse, an meinen Turnieren teilnehmen kann und natürlich auch in der Uni weiterkomme. Aber irgendwo muss man natürlich immer ein bisschen Abstriche machen. Ich hab auch schon mit meinen Eltern gesprochen, die natürlich wollen, dass ich weiter dranbleibe und nicht alles schleifen lasse. Die wollen auch, dass ich mein Studium fertig bekomme. Aber drei, vier Semester muss ich schon länger machen. Aber ich werde später noch lange genug arbeiten.

Du kannst also noch nicht von „Fifa“ leben?

Es ist ein sehr guter Nebenjob für mich. Man kann schon davon leben, wenn man viele Turniere gewinnt. Aber im Vergleich zu anderen Spielen wie „Dota“, „League of Legends“ oder „Counter Strike“ sind die Preisgelder bei „Fifa“ auch finanziell bei Weitem noch nicht so fortgeschritten. Aber das ändert sich gerade durch den Einstieg des VfL Wolfsburg und anderer Vereine.

Halbzeit: Zusammen mit dem VfL Wolfsburg, für den Benedikt spielt, hat auch Schalke 04 inzwischen ein „Fifa“-Team. Ich versuche mich im Spiel derweil irgendwie zu retten. Es steht schon 3:0 und ich habe nicht einmal aufs Tor geschossen.

Was meinst du, wie lange dauert es, bis es in Deutschland eine virtuelle Bundesliga gibt?

Ich kann mir vorstellen, dass in diesem Jahr noch ein, zwei Vereine nachziehen und in den kommenden Jahren auch noch ein paar. Aber bis alle Vereine dabei sind, wird es schon noch dauern. Aber eine virtuelle Bundesliga ist schon von Beginn an mein Traum.

Es steht mittlerweile 4:0. Benedikt spielt mich fast nach Belieben aus. Seine Verteidiger scheinen überall zu sein. Als ich es schließlich aus purer Verzweiflung mit einem Distanzschuss versuche, der haushoch über das Tor geht, fluche ich laut.

Hast du mit der „Fifa“-Entwicklerfirma EA eigentlich einen Vertrag oder kannst du nach der Veröffentlichung auch sagen, dass du das neue „Fifa“ richtig blöd findest?

Nö. Ich sage meine Meinung jedes Jahr, und ich sage auch immer was mir nicht so gut gefällt. Letztes Jahr waren zum Beispiel die Skills overpowered. Das bedeutet, dass in Situationen, in denen man mit seinen Spielern getrickst hat, Kollisionen entstanden sind, die man nicht beeinflussen konnte und in denen dann nur der Glücklichere hinterher am Ball war und eventuell ein Tor geschossen hat. Das hat mich schon gestört, aber das habe ich auch immer so gesagt.

Abpfiff: Am Ende gewinnt Benedikt 4:0. Ich freue mich, dass es bei einer milden Niederlage geblieben ist. Dass er wirklich 100 Prozent gegeben hat, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Warum ist E-Sport auch ein Sport?

Einerseits merke ich es selber körperlich. Wenn ich fünf, sechs Stunden lang ein Turnier spiele, habe ich Wassermangel, ich kann mich mit der Zeit schlechter konzentrieren und bin am Ende völlig platt. Andererseits wurden jetzt von der Kölner Sporthochschule Tests gemacht, die die Herzfrequenz und den Adrenalinausstoß messen. Die Werte sind gleichzusetzen mit einem Marathonläufer. Und, ja: Man betätigt sich vor allem im Kopf und mit den Händen. Aber was ist denn dann Schach oder Schießen? Das sind alles Sportarten.

Interview: Ansgar Nehls

Schalke 04 und der VfL sind Vorreiter

Unter E-Sport oder eSport versteht man das Spielen von Videospielen mit sportlichem Wettkampfcharakter. Profispieler und -teams treten dabei in Wettbewerben gegeneinander an. Zu den größten Disziplinen zählen die Strategiespiele „Dota 2“ und „League of Legends“.

Während Länder wie Südkorea E-Sport auch finaziell unterstützen, ist die Wertschätzung in Deutschland eher gering. So weigert sich der Deutsche Olympische Sportbund seit Jahren, E-Sport überhaupt als Sportart anzuerkennen. Trotzdem mischen immer mehr Fußballvereine wie Manchester City oder Sporting Lissabon mit eigenen Teams in der Szene mit.

Schalke 04 und der VfL Wolfsburg sind die einzigen Fußball-Bundesligisten, die auch in E-Sport investieren: Schalke kaufte 2015 das Profiteam Elements auf, das nun „League of Legends“ für den Club spielt. Daneben gibt es auch ein „Fifa“-Team, das aus drei Spielern besteht. „Der große Enthusiasmus und das Engagement der Community im E-Sport hat uns neben den bloßen Zahlen extrem beeindruckt“, teilt der Verein auf Anfrage mit. Schalke will seine E-Sport-Abteilung 2017 weiter ausbauen.

Weitere Bundesliga-Clubs könnten dem Beispiel folgen: Wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet, denken viele Erstligavereine über eigene E-Sport-Teams nach. Unter ihnen sind der FC Bayern München, Borussia Mönchengladbach, der Hamburger SV, Werder Bremen, der FC Ingolstadt, Bayer Leverkusen, der 1. FC Köln und Hertha BSC.

Joss Doebler

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