Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
„Gut zu rappen reicht heute nicht mehr“

Interview mit Falk Schacht „Gut zu rappen reicht heute nicht mehr“

Falk Schacht ist eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Hip-Hop-Szene. In seiner alten Heimat Hannover startet er
nun eine neue Deutschrap-Partyreihe. Im ZiSH-Interview spricht er über die heutige Rapgeneration und Eminems Starallüren.

Voriger Artikel
Was du übers Studium wissen musst
Nächster Artikel
Was Uni-Mitarbeiter über Studenten denken

Hip-Hop Künstler Falk Schacht startet in Hannover eine Deutschrap-Partyreihe.

Quelle: Handout

Falk, du hast bei Viva die Sendung „Supreme“ moderiert, schreibst Kolumnen für Magazine wie die Hip-Hop-Zeitschrift „Juice“ und bist eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Rap-Szene. Dabei hast du mal erzählt, dass du in deiner Schulzeit in Hannover auf der IGS Roderbruch nur Dreien und Vieren in Deutsch hattest. Wie wird man trotzdem einer der bekanntesten Rap-Journalisten Deutschlands?
Einfach machen. Ich hab nie studiert, sondern immer alles ausprobiert. Und ich habe die kleinen journalistischen Möglichkeiten genutzt, die einem in den Neunzigern geboten wurden. Damals gab es einen Hannover-Regionalteil von der Popkultur-Zeitschrift „Intro“. Da stand, dass man sich einfach melden soll, wenn man schreiben will. Also habe ich das gemacht und so angefangen zu arbeiten. Aber die ersten acht Jahre habe ich dafür kein Geld bekommen, sondern aus Leidenschaft geschrieben. Und ich glaube, wenn man etwas aus Leidenschaft macht, dann klappt das auch. Das ist eigentlich die ganze Geschichte: Mach das, was du liebst.

Falk Schachts Rap-Favoriten

Eine Spotify-Liste mit Falk Schachts Lieblings-Rap-Songs findet Ihr hier. 

Du hattest Ende der Neunzigerjahre auch eine Hip-Hop-Sendung bei Radio Flora ...
Wir haben dort damals sämtlichen Quatsch gemacht und waren nicht politisch korrekt. Wir haben angeeckt, aber bei uns haben die hannoverschen Kids zugehört. Und obwohl die nicht alles verstanden haben, was wir da machten, hat Flora uns einfach machen lassen. Ich glaube, das war ganz wichtig, dass sie uns diesen Raum geboten haben. Heute bist du dank des Internets nicht mehr auf so ein Bürgerradio angewiesen. Aber ich möchte nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn es diese Möglichkeiten nicht gegeben hätte.
Was glaubst du denn, was aus dir geworden wäre?
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wäre ich Hartz-IV-Empfänger geworden (lacht). Oder ich würde immer noch wie vor 18 Jahren im HAZ-Abonnenten-Service jobben und versuchen, die Ehefrauen von Oberstudienräten zu beruhigen, wenn ihre Zeitung mal nicht gekommen ist.

Das war damals in den späten Neunzigern, der sogenannten „Goldenen Ära“ des deutschen Rap. Was hat sich seither in der Szene verändert?
Ich finde, so viel hat sich nicht geändert. Die Leute, die das Bild der Szene heute prägen, sind immer noch zwischen 20 und 30 Jahren alt. In den Neunzigern haben Jugendliche aus der Mittelschicht die Grundlagenforschung betrieben, wie man deutsche Sprache textlich einsetzen kann. Das ist das Fundament, auf dem heutige Rapper aufbauen und dann etwas völlig Neues daraus machen.

Das ist Falk Schacht

Falk Schacht (42) ist einer der größten Kenner des deutschen Hip-Hops. Er rappt nicht nur, sondern arbeitet auch als Moderator und Musikjournalist. Schacht kommt aus Hannover. Hier besuchte er die IGS Roderbruch. Ende der Neunzigerjahre begann er, seine eigene Hip-Hop-Sendung „Da Flava“ beim damaligen hannoverschen Bürgerradio Flora zu moderieren. So wurde er schließlich von Viva entdeckt – ein klassischer Quereinstieg. Erst für die Sendung „Supreme“, später für „Mixery Raw Deluxe“ interviewte Falk Stars aus der Hip-Hop-Szene wie Bushido oder Crak. Außerdem schrieb er die Kolumne „Das letzte Wort“ für die Hip-Hop-Zeitschrift „Juice“, heute schreibt er etwa für bento.de.

Was bedeutet das dann für die heutige Generation der Rapper?
Heute geht es vielmehr darum, was ich erzähle und nicht so sehr, wie ich es erzähle. Früher wurde bewundert, wer technisch gut rappen konnte. Der Inhalt war fast eher zweitrangig. Heute dreht sich das. Das heißt, es gibt 14-Jährige, die können schon so gut rappen wie Samy Deluxe in den Neunzigern. Deswegen ist es viel wichtiger, was und nicht wie einer rappt. Und deswegen entwickeln sich auch diese starken Figuren, die für sich stehen.

Wen meinst du damit?
Zum Beispiel Haftbefehl, Casper oder Marteria. Das sind ganz eigene Figuren, die für sich stehen. Das kann man nicht erlernen. Ich kann lernen, wie ich rappe, aber ich kann nicht lernen, wie Haftbefehl zu sein. Das kann nur er.

Heißt das dann, dass das Niveau heute höher ist als früher, wenn Freundeskreis, Dendemann und Samy Deluxe früher erst die Basis legen mussten, auf der heute aufgebaut wird?
Es gibt heute sehr viele Leute, die wirklich gut rappen können. In dem Sinn: ja. Deswegen ist das, was man an Musik so zugeschickt bekommt, auch relativ langweilig. Es ist schwieriger, hervorzustechen. Früher, als ein Samy oder Dendemann mit seinem Doppelreim aufkam, ist allen die Kinnlade runtergefallen. Es ist heute zwar immer noch gut, wenn jemand Doubletime rappen kann. Aber gut zu rappen allein reicht nicht mehr.

Warum hat es Hannover eigentlich nie zu einer Hip-Hop-Hauptstadt geschafft, wie das Stuttgart in den Neunzigern war?
Eigentlich haben es ja nur Stuttgart, Heidelberg, Hamburg und Berlin überhaupt geschafft, zu wichtigen Städten der Szene zu werden. Im Grunde kommt heute aus jeder Stadt mindestens ein guter Rapper. Die Hip-Hop-Hauptstadt gibt es eigentlich gar nicht mehr. Aber das ist auch eine ganz gesunde Entwicklung, finde ich. Denn Hip-Hop-Hauptstadt konnte man auch nur dann werden, wenn mehr als ein Act aus dieser Stadt kam. Aus Hamburg kam dann die Mongo Clikke (u.a. Ferris MC, Samy Deluxe, Absolute Beginner, Eins Zwo, Anm. d. Red.) und aus Stuttgart kamen Freundeskreis und die Massiven Töne. Drei, vier Gruppen oder Acts haben dann schon gereicht, um eine Stadt groß zu machen.

Wen hast du denn heute aus Hannover auf dem Schirm?
Im Augenblick gibt es Sinan49, einen hannoverschen Gangstarapper, der, ich will jetzt nichts ausplaudern, eventuell mit einem Hamburger Label zusammenarbeitet. Dann sind die Alten wie Brisk Fingaz immer noch am Start und es gibt noch Dick und Doof. Die machen so eine Art Doubletime-Horrorcore-Rap. Das find ich ganz gut.

Du hast in deiner Karriere eigentlich alle Großen des Rap getroffen und interviewt. Wer hatte denn die wenigsten Allüren?
Die deutschen Rapper kennen mich ja meistens alle. Da hatte ich eigentlich nie Probleme. Bei den Amerikanischen war das aber immer eine ganz andere Baustelle. Sehr krass war 50 Cent. Es gibt die Geschichte, dass Eminem ihm angeblich gesagt hat, dass er zu weißen Journalisten nett sein muss, weil die ihn zerstören können. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Aber er ist auf jeden Fall der professionellste Rapper, den ich je getroffen habe. Und sehr charmant.

Und Eminem selbst?
Der ist meistens gelangweilt und distanziert. Aber einmal habe ich ihn gekriegt. Mich hat seine Crew D12 einmal mit einer nicht ganz jugendfreien Scherzfrage verarscht. Zwei Wochen später musste ich dann Eminem interviewen und habe ihm zum Schluss des Gesprächs die gleiche Frage gestellt. Er ist aufgesprungen, hat mir den Mittelfinger gezeigt und alle Umstehenden dachten, er würde mich jetzt gleich schlagen. Aber dann hat er sich wieder hingesetzt und gesagt, dass ich ihn erwischt habe. Das hat er ganz cool genommen.

Interview: Ansgar Nehls

Deutschrap-Party startet Sonntag im Lux

Zur ersten Deutschrap-Party Hannovers lädt Falk Schacht am Sonntag ins Lux ein. „Es war gar nicht so leicht, DJs zu finden, die Bock auf Deutschrap haben“, sagt der Musikjournalist mit dem phänomenal guten Gedächtnis für Samples. Viele Kollegen hätten Sorge, dass gerappte Songs mit deutschen Texten bei den Partygästen nicht ankämen. Bei „Verschiedene Dinge – Deutschrap #H-1“, wie die Premiere heißt, legt aber doch nicht nur Schacht selbst auf. Mit dabei sind auch Demir Cesar, der sonst bei der Hip-Hop-Reihe „Chrom“ auflegt, der hannoversche DJ Kidcut und – als Special Guest – DJ 5ter Ton von Massive Töne. Er wird von Stuttgart zum Lux „Cruisen“ – so heißt zumindest der bekannteste Song der Hip-Hop-Combo.
Die Deutschrap-Party beginnt am 15. Mai um 23 Uhr im Lux, Schwarzer Bär 2. Der Eintritt kostet 7 Euro.  

Sarah Franke

 

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus ZiSH

ZiSH ist die junge Redaktion der HAZ. Hier schreiben Studenten, Azubis und Schüler über das, was sie bewegt. Jeden Dienstag und Freitag gibt es eine neue ZiSH-Seite in der HAZ. Du willst auch mitmachen? Dann bewirb dich gerne! mehr