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„Ich dachte nie: Jetzt werd ich mal Rebell“

Tiemo Hauer im Interview „Ich dachte nie: Jetzt werd ich mal Rebell“

Seinen Plattenvertrag beim Majorlabel Universal kündigte der Deutschpop-Sänger Tiemo Hauer zu Beginn seiner Karriere – und veröffentlichte nun sein viertes selbstproduziertes Album „Vernunft, Vernunft.“. Im ZiSH-Interview erzählt er, warum es sehr vernünftig ist, seinen eigenen Weg zu gehen.

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Sanfter Rebell: Deutschpopper Tiemo Hauer kommt am 15. März nach Hannover.

Quelle: Handout

Tiemo, dein neues Album heißt "Vernunft, Vernunft.". Wie vernünftig bist du denn?

Ich bin oft im Zwiespalt zwischen vernünftig sein müssen und nicht so vernünftig sein dürfen. Wenn es um mein Label Green Elephant Records geht, muss ich vernünftig sein. Da habe ich ja auch Verantwortung für andere Bands. Aber als Künstler muss ich was erleben, das mich inspiriert und worüber ich schreiben kann.

Deine Songtexte klingen so, als würdest du es negativ finden, vernünftig zu sein.

Vernünftig sein kann auch gut sein. Aber nicht immer. Für mich ist die Definition von vernünftig, den sicheren Weg zu gehen und kein Risiko einzugehen.

Den sicheren Weg hast du nicht gewählt. Du hast deinen Plattenvertrag mit Universal noch vor der Veröffentlichung von deinem ersten Album gekündigt und produzierst lieber selbst. Wieso ist dir Freiheit so wichtig?

Ich glaube, das liegt daran, dass ich nach der Schule direkt mit der Musik angefangen habe – obwohl alle gesagt haben, dass ich das nicht machen soll, weil das verrückt sei. Dann habe ich gemerkt, wie glücklich mich das Musikerdasein macht und dass es funktioniert.

Warst du schon immer so ein Freigeist?

Ich war als Kind eher der Querkopf. Ich habe immer schon gern meine Meinung gesagt, schon in der Schule. Ich hatte aber nie eine krasse Erfahrung, nach der ich dachte, jetzt werde ich mal Rebell.

Warum ist es wichtig, zu rebellieren?

Wenn es keiner tun würde, hätten irgendwann die Falschen das Sagen. Das kann man auf das komplette Leben übertragen sehen – zwischenmenschlich, aber auch politisch. Man sollte nicht immer nur zuhören und mitlaufen, sondern auch mal nachdenken, was gerade passiert. Und sagen, wenn einem etwas nicht gefällt.

Wie war es denn dann für dich, dich in der Schule an viele Regeln halten zu müssen?

Ich habe die Schule nicht gehasst. Es gibt ja auch Momente in der Schule, wo man wirklich was lernen kann, auch für das Leben. Es gab aber auch genug Sachen, mit denen ich gar nichts anfangen, und auch genug Zwänge, die ich nicht nachvollziehen konnte. Zum Beispiel, wenn ich ein Thema für eine Klausur lernen musste und wusste, dass ich das nie wieder in meinem Leben brauchen werde. Und andere Dinge, die wichtiger gewesen wären, hat man nicht gelernt. Das habe ich damals wie heute nicht verstanden.

Tiemo Hauer live

Am Dienstag, 15. März, spielt Tiemo Hauer um 20 Uhr im Capitol, Schwarzer Bär 2. Die Karten gibt's für 23,60 Euro unter tickets.haz.de und in allen HAZ-Ticketshops.

Was hast du während deiner Zeit als Musiker gelernt?

Die lehrreichste Erfahrung war für mich, dass die anderen nicht immer recht haben müssen. Viele haben zu mir gesagt: Mach das lieber nicht mit der Musik. Such dir einen gescheiten Job. Inzwischen weiß ich, dass diese Menschen nicht immer richtig liegen. Sondern dass es auch so laufen kann, dass man mit den Dingen, die einen wirklich glücklich machen, Erfolg haben kann.

So leben, wie andere es gern sehen würden, ist also nichts für dich. Dass unsere Generation höchstens gegen kleine Alltagsprobleme rebelliert, kritisierst du im Song „Funktionieren“. Warum ist es schlimm, zu funktionieren?

Das ist fast das Gleiche wie mit der Vernunft. In manchen Momenten ist das nicht schlimm. Wenn man aber überhaupt nicht mehr schaut, was man selbst will und was einen glücklich macht, dann kann das nicht gut sein.

Manchmal muss man aber doch Dinge tun, die nicht vollkommen zum eigenen Lebenskonzept passen, um erfolgreich zu sein. Oder?

Da bin ich relativ stringent. Sachen, die ich nicht cool finde oder mit denen ich mich nicht identifizieren kann, die mache ich nicht. Natürlich wäre es anmaßend zu sagen, ich mache immer nur, was mir Spaß macht. Man muss auch oft funktionieren im Kleinen. Ich muss oft funktionieren, wenn ich überhaupt keinen Bock darauf habe. Aber man muss sich bewusst machen, ob das Verhältnis stimmt. Da sollte die Seite des Funktionierens und des Vernünftigseins nicht die Überhand gewinnen.

Und was machst du mal, wenn du frei hast und nicht funktionieren musst?

Meistens verbringe ich die Zeit mit meinen Freunden und meiner Familie. Einfach mit Leuten, die ich gerne habe. Denn meine Hobbys sind schon komplett in meiner Arbeit verwurstet. Außerdem fahre ich zum Beispiel unglaublich gerne, aber viel zu selten, ins Allgäu: in ein kleines Dorf, wo man mehr oder weniger abgeschnitten ist von der Welt und alles ein bisschen anders aussieht.

Da geht es wahrscheinlich weniger hektisch zu – inmitten der Allgäuer Berge, die seit Jahrzehnten die Ruhe eines Postkartenidylls ausstrahlen. Auf deinem neuen Album singst du: Ich bin ein Freund der Nostalgie“. Du bist jetzt 26 Jahre alt. Was stört dich an der heutigen Zeit?

Das ist ein bisschen mit einem Augenzwinkern zu sehen. Ich mag auch die moderne Entwicklung. Den Song meine ich eher so, dass man die schönen Sachen, die inzwischen nostalgisch sind, nicht vergessen sollte. Also zum Beispiel, wie in dem Song besungen: Fotoalben. Mich hat die Vorstellung schockiert, dass ich später den Rechner auspacke und zu meinen Kindern, die ich dann habe, sage: „Schaut mal, hier sind die Fotos von unserem Urlaub, als ihr klein wart.“ Alte Sachen, die gut sind, wie Fotoalben, sollte man behalten.

Füllst du denn selbst Fotoalben?

Tatsächlich habe ich viele Fotos ausgedruckt, aber kein Album. Ich selbst hänge alles Mögliche auf. Da sehen die Wände immer sehr chaotisch aus. Aber das ist schöner, als die Bilder nur als Bildschirmschoner zu verwenden. 

Interview: Sarah Franke

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